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Die Sowjetunion 1917-1953: Dokumente

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2. Kapitel: Der Umbruch der Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung Die »Flucht nach vorn« (1929-1932)

Hinweis: Die Seitenzahlen beziehen sich auf den Text vor der Seitenangabe.
Bereits im Juli und August 1929 beschloß die Parteiführung, die Produktionsvorgaben für einzelne Industriezweige beträchtlich anzuheben. Mit einemmal wurde das Ziel propagiert, den Fünfjahrplan in vier Jahren zu erfüllen. Sogar seine Optimalvariante galt als überholt (vgl. Dok. 139). Im Jahresplan- den »Kontrollziffern« - für das Wirtschaftsjahr 1929/1930 fielen die angepeilten Ergebnisse wesentlich höher aus, als sie der Fünfjahrplan vorgesehen hatte, verbunden mit einer weiteren Konzentration auf Schwerpunkte im Produktionsmittelbereich. Begeistert wurde von immer neuen Erfolgen berichtet. Das Land steigerte sich in einen Industrialisierungstaumel hinein.
Krzizanovkij begründete das Abweichen vom Fünfjahrplan damit, daß der »Elan« des Proletariats in Stadt und Land sowie die Vernichtung aller »Schädlingsnester« die Überwindung der Probleme und die Beschleunigung des Industriahsierungstem-pos ermöglichten (Dok. 125). Die Gewerkschaften, inzwischen auch von »Schädlingen« aus den Reihen der »rechten Abweichung« gereinigt, stellten sich voll hinter diese Linie und wandten ihre Aufmerksamkeit besonders der Auswahl von Arbeitern für die Beförderung zu (Dok. 126, 130). Immerhin schimmert durch, daß den Arbeitern ungeheuere Anstrengungen abverlangt wurden, obwohl ihre Lebensverhältnisse, namentlich ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln, sehr zu wünschen übrig ließen. Wie genau man die Gefahr, die davon für die Hebung der Arbeitsproduktivität, die Senkung der Selbstkosten und die Qualitätsverbesserung der Produktion ausging, erkannte, zeigt ein weiterer Aufruf (Dok. 128). Nur schleppend zeichnete die Bevölkerung die dritte Industrialisierungsanleihe - ein Hinweis auf die begrenzten finanziellen Möglichkeiten, vermutlich auch auf mangelndes Interesse (Dok. 127, dagegen 131).
In der Tat verlief die Entwicklung keineswegs so erfolgreich, wie sie offiziell dargestellt wurde. In der Industrieproduktion kam es zu erheblichen Störungen, weil man organisatorisch durch das angestrebte Tempo, den Wechsel der Planziele und die Eingliederung zahlreicher neuer Arbeitskräfte überfordert war. Auch die Veränderung des Produktionsrhythmusses

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konnte nicht verkraftet werden: Zu Siebenstundentag und Dreischichtensystem war im August 1929 noch die »ununterbrochene Arbeitswoche« getreten (vgl. Dok. 125). Auf je fünf Arbeitstage folgte ein Ruhetag, dabei legte man die Ruhetage der einzelnen Belegschaftsgruppen so unterschiedlich, daß der Produktionsapparat ständig in Gang gehalten werden konnte. In Wirklichkeit vergrößerten sich dadurch nur die Schwierigkeiten, zumal auch viele Arbeiter mit diesen Regelungen nicht zufrieden waren: Vor allem in Familien, wenn Schichten und Ruhetage der einzelnen Angehörigen verschieden lagen, so daß man sich kaum noch sah, kam es zu Mißstimmungen (vgl. Dok. 148, 177, 182).
Unbefriedigend gestaltete sich ebenfalls die Lage in der Landwirtschaft. Ernte und Viehzuchtproduktion blieben hinter den Zielen zurück1, Lebensmittel für die Städte konnten fast nur noch zwangsweise beschafft werden. Die Bauern, die keine wirtschaftlichen Perspektiven mehr sahen, traten seit Sommer 1929 massenhaft in Kolchosen ein. Hier hofften sie, wie versprochen, Traktoren, Inventar und Saatgut zu erhalten. Oft schlachteten sie vor Eintritt ihr Arbeitsvieh, weil sie glaubten, es sei in der Kolchose überflüssig (und wohl auch, weil sie es nicht kollektiv nutzen lassen wollten; vgl. Dok. 133, 136). Ermutigt von der Zentrale, und zugleich hinsichtlich klarer Anleitungen von ihr im Stich gelassen, forcierten die örtlichen Organe diesen Prozeß, ja übten Druck aus, um das beste Kollektivierungsergebnis vorweisen zu können. Die organisatorischen Voraussetzungen waren dafür aber ebensowenig gegeben wie die materiell-technischen: Weder gab es Vorstellungen über Arbeitspläne für Kollektive noch genügend Maschinen und Gerätschaften. Die neuen Kolchosen waren somit unfähig, die früheren individuellen Wirtschaften in der Produktionsleistung zu ersetzen, und darüber hinaus labile Einrichtungen, die rasch wieder zu zerfallen drohten. Auf dem Land herrschte - wie in vielen Betrieben - das Chaos.
Im Oktober 1929 wurden Ergebnisse einer Umfrage unter Arbeitern bekannt, die auf zusätzliche Probleme aufmerksam machten und zugleich die Reaktionen der staatlichen Politik mit erklären können. Ein Großteil der Arbeiter verfügte über verhältnismäßig geringe Produktionserfahrung, viele hatten noch enge Bindungen an das heimatliche Dorf, der Bildungsstand
1 Vgl. Tab. 13, zur maschinellen Ausstattung Tab. 20 im Anhang.

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war höchst unterschiedlich. Weiter organisierten sich gerade die älteren, erfahreneren Arbeiter prozentual am wenigsten in der Kommunistischen Partei, und es war auch keineswegs so, daß ihr die qualifizierteren Kräfte angehörten (Dok. 129). Im übrigen ließ das Ausbildungsniveau des Fachpersonals ebenfalls zu wünschen übrig - eine Tendenz, die sich in den folgenden Jahren verstärkte -, wobei die Parteimitglieder noch schlechter abschnitten. Diese Erscheinungen führten zu Störungen des Produktionsablaufs, starker Fluktuation und Schwierigkeiten, mit den Aufgaben des wirtschaftlichen Neuaufbaus, der Einführung moderner Technologie und den Folgen der raschen Umwälzung fertig zu werden2.
Aber noch mehr wird deutlich: Die Kompetenz der Parteimitglieder, diesen Prozeß zu leiten - auch gegenüber den nichtkommunistischen Fachleuten -, war nicht eben hoch. Die lokalen Organe reagierten nicht zuletzt deshalb hilflos oder unüberlegt-überstürzt auf die wirtschaftlichen Probleme, verwirrt durch den Zick-Zack-Kurs der Zentrale, ja zeitweise von ihr allein gelassen in der Hoffnung, vor Ort werde man schon wissen, was richtig sei. Das Land drohte außer Kontrolle zu geraten. Es gibt Äußerungen hoher Parteifunktionäre, die auf Furcht und Panikstimmung hindeuten. Man entschloß sich endlich, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, um dadurch die Entwicklung wieder in die Hand zu bekommen. Dazu mußte man allerdings immer stärker in die Details der Durchführung eingreifen, bis hinunter in den kleinsten Betrieb und in den entlegensten Ort. Da man dabei, wegen unzureichender Information und Unkenntnis der jeweiligen Gegebenheiten, notwendigerweise Fehler machte und auch die Rotationen im Staatsapparat durch die »Reinigung« Reibungsverluste mit sich brachten (vgl. Dok. 121, 123, 126, 130), entstand ein Kreislauf, der ständig neue Anordnungen erforderte und die Bürokratie ausweitete.
Verständlich wird auch die zunehmende Konzentration der Mittel auf einige Schwerpunktbereiche und Großprojekte. Das
29. Marburg 1981. Zur Qualifikation des Fachpersonals: Hans-Henning Schröder, Wirtschaftsleitung und Parteibürokratie in der sowjetischen Industrie, 1928-1932. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 29 (1981), S. 537 bis 568, hier besonders S. 545 und 560. Vgl. auch Tab. 17 im Anhang.

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»amerikanische Modell«3 fand jetzt uneingeschränkt Anklang:
Das Fließband und die Aufspaltung der Arbeitsvorgänge in einzelne, schnell erlernbare Tätigkeiten sollten das Quahfikations-problem lösen. In Großbetrieben könnten die neuen Arbeiter leichter kontrolliert und integriert werden, und dort würden auch die Selbstkosten wie erwünscht sinken. Diese Politik schien noch dadurch gerechtfertigt zu werden, daß die Pinan-zierungsmittel - aus Außenhandelsüberschüssen wie aus den internen Quellen selbst (vgl. Dok. 125 und 127) - spärlicher als erwartet flössen: dies legte eine Beschränkung auf besonders wichtige Objekte nahe. Die Folgen bestanden jedoch in vertieften Disproportionen innerhalb der Gesamtwirtschaft.
Die »Flucht nach vorn« wurde vor allem auf der Plenartagung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei im November 1929 öffentlich bekräftigt. Das CK bestätigte die Beschleunigung des Entwicklungstempos (Dok. 131), proklamierte die »durchgängige Kollektivierung« - obwohl die schwache technische Basis durchaus gesehen wurde - und verschärfte den Kampf gegen die Kulaken (Dok. 132). Anfang Januar 1930 erhöhte das CK noch einmal das Tempo und begründete die »Liquidierung des Kulakentums als Klasse« (Dok. 136)4. Das Artel, in dem die wichtigsten Produktionsmittel vergesellschaftet sind, eine private Nebenwirtschaft aber möglich ist, wurde zur Hauptform der Kollektivwirtschaft erklärt. Erst jetzt also entschied man sich für eine bestimmte organisatorische Form, die dann in einem rasch erarbeiteten, am 1.März 1930 veröffentlichten Muster-Statut verankert wurde (Dok. 136, 137, 138, 145). Offenbar wollte man den Bedürfnissen vieler Bauern, wenigstens ein Stück Land und etwas Vieh behalten zu können, entgegenkommen. Die radikalere Form der Kolchose, die Kommune, wurde zurückgedrängt. Völlig gab man Versuche auf, an der traditionellen Gemeindeverfassung (obscina) als Kern einer Kolchose oder an ältere Formen von Produktionsgenossenschaften anzuschließen. Diese Ansätze waren nicht zuletzt durch die Konkurrenz verschiedener Behörden zunichte gemacht worden, die Unsicherheit der zentralen Führung über den einzuschlagenden Weg war auch hier sichtbar geworden. Von einer wirklich geplanten Kollektivierung kann man keinesfalls sprechen.
3 Siehe Einleitung zum 1. Kapitel.
4 Vgl. S. 186-192 in Band 1 dieser Dokumentation.

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Das Voranpeitschen der Kollektivierung verstärkte das Gewaltsame an diesem Prozeß. Rücksichtslos griffen die von außen ins Dorf entsandten Beauftragten durch (Dok. 133). Die Kulaken, ökonomisch bereits ruiniert und seit 1927 vom Wahlrecht ausgeschlossen, durften den Kolchosen persönlich nicht beitreten, mußten ihre Felder und ihr Vermögen jedoch zur Verfügung stellen. Wer Widerstand leistete, so hieß es in einem Gesetz vom I.Februar 1930, war zu erschießen oder in ein Straflager zu bringen. Eine zweite Gruppe von Kulaken, die als Gegner der Sowjetmacht angesehen wurde, deportierte man in weit entfernte Gebiete, wo sie zum Arbeitseinsatz kommen sollte. Eine dritte Gruppe konnte einen Hof außerhalb der Kolchose bewirtschaften. Bei der Durchführung dieser Kampagne wurde die Einteilung in die drei Gruppen, ja überhaupt die Erfassung der Kulaken - eine keineswegs definitorisch klar abgegrenzte Gruppe (vgl. Dok. 109) - häufig außerordentlich willkürlich gehandhabt. Wer irgendwie auffiel oder denunziert wurde, entging der Enteignung und Verfolgung nicht. Massendeportationszüge rollten durch das Land. Während der Fahrt oder bei den oft extrem harten Arbeiten fanden zahlreiche ehemalige Bauern den Tod (vgl. Dok. 147, 155).
Auf diese Weise wurden in kurzer Zeit Struktur und Lebensverhältnisse im Dorf radikal umgewandelt. Der Anteil der kollektivierten bäuerlichen Haushalte stieg von 7,6 Prozent am I.Oktober 1929 auf 55 Prozent am I.März 19305. Aber sie waren organisatorisch nicht gefestigt, unzureichend ausgestattet6, in ihren Produktionsgrundlagen zerrüttet. Die Bauernschaft stand der neuen Ordnung überwiegend negativ gegenüber. Die Partei- und Staatsführung versuchte nun in einer erneuten Wende, den Bauern ein wenig entgegenzukommen und das Kollektivierungstempo zu verlangsamen. Stalin veröffentlichte Anfang März 1930 einen Artikel, in dem er feststellte, daß einige Genossen »vor Erfolgen von Schwindel befallen« worden seien. Er verurteilte jede Gewaltanwendung und schob alle Übergriffe auf untergeordnete Personen, obwohl die Zentrale die Entwicklung in den vergangenen Monaten nicht nur geduldet, sondern gefördert hatte und damit auch für vielleicht ungewollte Vorgänge im einzelnen verantwortlich war. Wenn Stalin meinte, einige hätten die Idee der Kollektivierung diskreditiert,
5 Vgl. Tab. 21 im Anhang.
6 Vgl. Tab. 20 im Anhang.

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Gewalt sei »dumm und reaktionär«, dann sprach er im Grunde sich selbst das Urteil (Dok. 138).
Die Bauern reagierten sofort: es begann ein Massenaustritt aus den Kolchosen. Bis zum 1.Juni 1930 ging der Anteil der kollektivierten Haushalte auf 23,6 Prozent zurück7. In manchen Dörfern kam es zu Meutereien gegen Kolchosleitung und Kommunisten, die teilweise gewaltsam niedergeschlagen werden mußten (Dok. 133). Die Kommunistische Partei unternahm einen neuen Anlauf, die Kollektivierung wieder voranzutreiben, dabei jedoch Fehler zu vermeiden und stabilere Einheiten zu schaffen (Dok. 145). Nachdem nun das Muster-Statut des Artels vorlag (Dok. 137), kümmerte man sich verstärkt um die innere Ordnung. Die Brigade wurde zur wichtigsten Organisationseinheit - ein Versuch, die industriebetriebliche Arbeitsverfassung auf die Kolchose zu übertragen (Dok. 152). Da sie sich allerdings bald für manche Tätigkeitsbereiche als zu groß erwies, ergänzte man sie durch eine Verordnung vom 27. 5. 1933 mit der Form der Arbeitsgruppe (zveno). Überhaupt rückte man etwas von der »Gigantomanie« der Anfangsphase ab (vgl. Dok. 145), als man schematisch geglaubt hatte, je größer der Kolchos sei, um so günstiger werde das Produktionsergebnis ausfallen: sozusagen das »amerikanische Modell« in der Landwirtschaft.
Die Brigade war auch zuständig für die Berechnung der bäuerlichen Entlohnung. Grundlage bildete das »Tagewerk« (trudoden'), eine Arbeitseinheit, die sich nach der durchschnittlichen Arbeitsleistung eines Bauern in dem jeweiligen Produktionsbereich unter Berücksichtigung seiner Qualifikation sowie der Kompliziertheit, Schwierigkeit und Wichtigkeit der Arbeit bestimmte. Je nach der Zahl der erreichten Tagewerke sollte den Bauern dann in Geld oder Naturalien ihr Anteil am Erlös aus dem Produktionsertrag ausgezahlt werden (vgl. Dok. 169, 170). Was sich den Anschein einer dem bäuerlichen Arbeitsverhalten angenäherten sozialistischen Leistungsbewertung gab, erwies sich in Wirklichkeit für die Bauern als äußerst nachteilig. Vom Gesamteinkommen des Kolchos mußten nämlich vorweg nicht nur dessen eigene übergreifende Bedürfnisse gedeckt, sondern auch dem Staat immer wieder neu festgesetzte Abgaben gezahlt werden. Einen garantierten Mindestlohn gab es nicht, so daß oft für die Bauern recht wenig übrig blieb. Wie leicht mit dieser
7 Vgl. Tab. 21 im Anhang.

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Regelung auch im Kolchos selbst Mißbrauch getrieben werden konnte, belegen die häufigen einschlägigen Verordnungen (vgl. Dok. 179, 191). Wo es möglich war, sollte Akkordarbeit eingesetzt werden (Dok. 152), auch dies parallel zur verstärkten Differenzierung des Entlohnungssystems in der Industrie, die man während der Laufzeit des ersten Fünfjahrplans in Gang zu bringen suchte. Für die Existenz vieler Bauern wurde unter all diesen Uniständen ihre private Nebenwirtschaft immer wichtiger.
Der Wunsch, über den Agrarsektor verfügen zu können und größten Nutzen aus ihm zu ziehen - wie er sich in der Arbeitsverfassung ausdrückt -, führte auch dazu, trotz der schlechten Erfahrungen von 1929/30 den Kollektivierungsprozeß immer wieder unter Druck und Gewalt voranzutreiben8. Ergebnis waren erneute Schwierigkeiten bis hin zu Verweigerung und Widerstandshandlungen auf bäuerlicher Seite. Der Staat mußte wesentlich mehr als erwartet investieren9, um den vollständigen Zusammenbruch der Landwirtschaft zu verhindern. Das Ziel, durch die Kollektivierung Mittel für die Industrialisierung zu erhalten, ja Störungen des Industrieaufbaus ein für allemal auszuschalten, wurde gänzlich verfehlt. Mehr noch: da die staatlichen Organe auch bei schlechten Ernten unter Einsatz aller Mittel das Getreidebe-schaffungsergebnis zu erhöhen suchten (Dok. 154)10, kam es 1932 zu einer Hungersnot auf dem Land, die Millionen Opfer forderte. Während sich die Sowjetregierung 1921 noch um internationale Hilfe bemüht hatte, verschwieg sie jetzt die Katastrophe. Ebenso wie die gesunkenen Hektarerträge landwirtschaftlicher Kulturen11 war die Hungersnot die Antwort auf Stalins Versprechen im November 1929, »daß unser Land in, sagen wir, drei Jahren zu einem der getreidereichsten Länder, wenn nicht zum getreidereichsten Land der Welt werden wird«. Ob er sich auch noch daran erinnerte, daß er im November 1928 gemeint hatte, man müsse die Sowjetmacht davonjagen, wenn sie die Landwirtschaft zerrütte (Dok. 118)?
Sicherlich gab es auch Fälle, in denen günstige Bedingungen für Kollektivwirtschaften entstanden, Bauern und Arbeiter sinnvoll zusammenarbeiteten, Stadt und Land sich
8 Vgl. die Zahlen in Tab. 21 im Anhang.
9 Vgl. zur maschinellen Ausstattung Tab. 20 im Anhang.
10 Vgl. die Angaben .bei Richard Lorenz, Sozialgeschichte der Sowjetunion. Bd. l, 1917-1945. Frankfurt a.M. 1976, S. 347.
11 Vgl. Tab. 14 im Anhang.

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näherkamen12, aber insgesamt wirkte sich die Durchführung der Kollektivierung verheerend aus. Keineswegs befriedigend gestaltete sich auch der Industrialisierungsprozeß selbst. Gerade die »qualitativen Kennziffern« des Fünfjahrplanes wurden am schlechtesten erfüllt: die Senkung der Herstellungskosten, die Steigerung der Arbeitsproduktivität, die Qualität der Güter (vgl. Dok. 146, 149)13. Dazu trug wesentlich bei, daß viele Betriebe die Planziele als erreicht ansahen, wenn sie die vorgegebenen Mengen erzeugt hatten — auch auf Kosten der Qualität, mit falschen Gewichten usw.; später hat man dies als »Tonnenideologie« bezeichnet. Mit der hohen Arbeitsproduktivität und vor allem den niedrigen Selbstkosten stand und fiel jedoch die Finanzierung des ehrgeizigen Programms aus internen Quellen14. An ihre Stelle traten zusätzliche Belastungen der Bevölkerung. Industrialisierungsanleihen, die vielfach nur unter Druck gezeichnet wurden (vgl. Dok. 127, 131), Mobilisierung von Sparkasseneinlagen, insbesondere aber eine gewaltige Inflation15, die das Realeinkommen der Bevölkerung drastisch minderte16, wurden zu zentralen Methoden, die erforderlichen Mittel zusammenzubekommen (Dok. 156, vgl. Dok. 147 zu Versuchen, das Ausmaß der ausgegebenen Geldmenge zu verschleiern). Viele Arbeiter reagierten auf diese Bedingungen mit Unlust, Fernbleiben von der Arbeit und häufigem Betriebswechsel (Dok. 146, 149, vgl. 180). Der Staat antwortete mit wachsenden Repressionen, so mit einer Beschränkung der Freizügigkeit und mit harten Strafen (vgl. Dok. 148); auch der Einfluß der Geheimpolizei (GPU) war zunehmend zu spüren (vgl. Dok. 147). Seine eigenen ursprünglichen Verordnungen - etwa zur Beteiligung der Arbeiter an der Planung (Dok. 143)17 -, die einen anderen
12 Zu verweisen ist auch auf die Verarbeitung der damaligen Vorgänge in der Belletristik, z.B. S. Tretjakow, Feld-Herren, M. Scholochow, Neuland unterm Pflug (Ernte am Don) oder W. Below, Vorabende, Vgl. auch verschiedene Reiseberichte, etwa Ludwig Renn, Rußlandfahrten. Berlin 1932, S. 33 ff.
13 Vgl. Tab. 19 im Anhang. Die Herstellungskosten sanken im gesamtindustriellen Durchschnitt zunächst weniger als geplant, 1931 und 1932 stiegen sie sogar erheblich, anstatt zu fallen. (Angaben in: S. V. Kul'cickij, Vnutrennie re-sursy socialisticeskoj industrializacii SSSR [1926-1937]. Kiev 1979, S. 146, 164.)
14 Gerade die Schwerindustrie erzielte zwischen 1931 und 1935 hohe Verluste (Kul'cickij, S. 147, 165, 177).
15 Angaben für 1927-1930 bei Kul'cickij, S. 132.
6 Vgl. Tab. 19 im Anhang.
17 In der sowjetischen Dokumentation, aus der die Quelle stammt, heißt es dazu (S. 476): »In der Periode des Personenkults Stalins wurde die Teilnahme der Werktätigen an der Planung stark beschränkt.«

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Weg zur Integration ermöglicht hätten, wurden zur Farce.
Allerdings störten nicht nur Verweigerungshandlungen der Arbeiter den Produktionsablauf. Die ständigen Neueinstellungen von - vielfach wenig qualifizierten - Arbeitskräften sorgten ebenso für Unruhe wie das mit »Säuberungen« verbundene System der Beförderung (vgl. Dok. 123, 126, 130, 142), das dann schließlich Ende 1930/Anfang 1931 auch abgeschafft wurde (Dok. 150). Des weiteren zeigte sich, daß die Hoffnung, die Produktion im Rahmen des »amerikanischen Modells« auch mit einer solchen Masse wenig qualifizierter Arbeiter gewährleisten zu können, unrealistisch gewesen war. Überall fehlten Facharbeiter, zumal die Organisation zur Anlernung der neuen Kräfte häufig versagte (vgl. Dok. 153). Widerstand gegen die Orientierung an »amerikanischen« Verfahrensweisen schimmerte im übrigen auch im Verhalten mancher alter Ingenieure und Techniker durch (vgl. Dok. 147)18.
Der erste Fünfjahrplan, Ende 1932 als in vier Jahren übererfüllt gefeiert, wurde letztlich durch die Art seiner Verwirklichung zu einem - zumindest teilweisen - Mißerfolg. Zwar konnten wichtige Projekte in Betrieb genommen werden, aber die sich vertiefenden Disproportionen zwischen einzelnen Wirtschaftszweigen brachten erhebliche Nachteile mit sich (Dok. 156, vgl. schon 149)19. Selbst bei den Großvorhaben, von denen die Verantwortlichen alles erwarteten, war dies spürbar (Dok. 147, 153). Damit sollen keineswegs die ungeheuren Leistungen geschmälert werden, die zahlreiche Arbeiter erbrachten. Sie waren stolz auf ihre Aufbauarbeit, auf »ihr« Werk (Dok. 153, vgl. 187). Dieser berechtigte Stolz ist wohl mit dafür verantwortlich, daß die härter werdende Arbeitsverfassung und die sich verschlechternden Lebensverhältnisse ertragen wurden. Zwar gelang es jetzt, nicht nur die offene Arbeitslosigkeit zu beseitigen, sondern auch das Problem der Verwahrlosten, die in den zwanziger Jahren das Bild der Städte geprägt und
18 Vgl. die Erzählung von B. Galin, Der Traum. Aus der Biographie W. I. Iwanows, in: Frühe sowjetische Prosa 1918-1941. Bd. 2, Berlin, Weimar 1978, S. 363-442, hier besonders S. 381-442. - Wie man versuchte, im Bildungswesen dem Qualifikationsproblem zu begegnen, kann aus Platzgründen nicht dokumentiert werden. Vgl. dazu die im Literaturverzeichnis zitierte Quellensammlung von Anweiler, Meyer.
19 Vgl. Tab. 19 sowie 13 und 15 im Anhang.

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regelrechte Banden gebildet hatten, allmählich durch verstärkte Bildungsanstrengungen und Eingliederung in Betriebe zu mildern (Dok. 141, 148)20.
Insgesamt mußten jedoch nicht allein die Bauern, sondern auch die Arbeiter und überhaupt die städtische Bevölkerung eine drastische Einbuße im Lebensniveau hinnehmen. Das Rationierungssystem über Karten funktionierte nicht zufriedenstellend, auch in den öffentlichen Speisehallen und Kantinen war meist keine gute Nahrung zu bekommen. Gesunkene Kaufkraft und unzureichendes Angebot führten darüber hinaus zu einer Verschlechterung bei der Ausstattung mit sonstigen Konsumgütern21. Die Wohnbedingungen waren äußerst drükkend, zumal die Masse der in die Industriezentren strömenden Arbeitskräfte trotz mancher Anstrengung nicht durch einen entsprechend raschen Wohnungsbau aufgefangen werden konnte (Dok. 147, 148, 151, 153).
Von »einholen und überholen« der kapitalistischen Länder -der zentralen Losung (vgl. Dok. 145) - konnte am Ende des ersten Planjahrfünfts keine Rede sein. Und trotz aller Leistungen und trotz allen Stolzes auf das Erreichte hatte sich die Welle des Enthusiasmus geglättet, die 1929/Anfang 1930 durch das Land geflutet war. Damals hatten viele die Entscheidung zur beschleunigten Industrialisierung und Kollektivierung als Erlösung empfunden, als lang erhoffte Klarheit über den weiteren Weg, als Durchbruch und Sprung nach vorn zum Sozialismus. Dies läßt sich an zahlreichen, keineswegs nur »von oben« gelenkten Initiativen, radikalen Programmen zur Veränderung von Schule und Ausbildung oder künstlerischen Experimenten ablesen. Ein interessantes Beispiel waren die Erörterungen über eine Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, dabei insbesondere zur Siedlungsform der Zukunft. Sabsovic schlug eine vollständige Urbanisierung des Landes vor, mit Kommune-Häusern, ohne Privateigentum, unter Aufhebung traditioneller Familien- und Erziehungsstrukturen (Dok. 134). Vor allem unter Jugendlichen stieß die Kommune als Versuch,
20 Vgl. den im Literaturverzeichnis zitierten Quellenband von Anweiler, Meyer sowie die Werke des sowjetischen Pädagogen A. S. Makarenko.
21 Statistische Angaben über die Produktion von Massenbedarfsgütern 1929 bis 1937 finden sich etwa in: Istorija socialisticeskoj ekonomiki SSSR. T. 4, Zaversenie socialisticeskogo preobrazovanija ekonomiki. Pobeda socializma v SSSR 1933-1937 gg. Moskau 1978, S. 127.

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neue Lebens- und Arbeitsformen zu erproben, auf Resonanz (Dok. 140). Die äußerste Gegenposition zu Sabsovic - hier nicht abgedruckt - vertraten namentlich M. Gmzburg und M. Ochitovic: Alle Städte und Dörfer sollten aufgelöst und die Wohneinheiten dezentral in einem fortlaufenden Park angelegt werden; entsprechend wären auch Betriebe, Dienstleistungen und Verwaltungen zu dezentralisieren. Eine Mittelstellung nahm N. Miljutin ein, dem es in zentralen Städten hauptsächlich um das Verhältnis von Wohn- und Industriezonen ging (Dok. 135). Davon konnten sich einige formale Elemente durchsetzen, während von dem damit verbundenen sozialen Inhalt, von einer »sozialistischen Stadt« - etwa in dem von ihm mitgeplanten Magnitogorsk - kaum etwas verwirklicht wurde (vgl. Dok. 175). Auch Kommune-Häuser blieben Einzelfälle (Dok. 148), »Agro-Städte« in der Regel im Stadium der Planung stecken (vgl. Dok. 166, auch 192). Im Mai 1930 verweigerte das CK der Kommunistischen Partei allzu radikalen Experimenten seine Zustimmung, auch wenn es einzelne Vorschläge zur Umgestaltung des Alltagslebens aufgriff (Dok. 144, vgl. auch 151). Damit verhinderte die Parteiführung zwar die weitere Erprobung von Utopien, die das Durcheinander der gesellschaftlichen Umwälzung weiter vertieft hätten. Sie nahm auf diese Weise aber auch dem Einsatz für den »Sprung nach vorn« viel von seinem Schwung und blockierte eine offenbar als störend empfundene Bewegung, die nachdrücklich für sozialistische Inhalte und nicht nur materiell-technische Kennziffern eintrat.
125. Die im Herbst 1929 vorgelegten Kontrollziffern für 1929/30 begründen die Beschleunigung des wirtschaftlichen Entwicklungstempos Aus dem Vorwort G. M. Krzizanovskijs
... Die Realisierung der vorliegenden Kontrollziffern markiert den Übergang zu jener Leistungsfähigkeit und jener Struktur unserer Wirtschaft, die für die gewaltige Beschleunigung der Erfüllung der gesamten Fünfjahrplanperspektive unseres Wirtschaftsaufbaus entscheidend sind. Es genügt der Hinweis, daß diese Kontrollziffern für das führende Kettenglied der Wirtschaft, die staatliche Großindustrie, ein Wachstum der Bruttoproduktion um 32 Prozent, eine Senkung der Selbstkosten um 11 Prozent, eine Steigerung der Arbeitsproduktivität um

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25 Prozent vorsehen, wobei für bestimmte Industriezweige, wie die Elektroindustrie und den Landmaschinenbau, eine Produktionssteigerung von 70 und mehr Prozent binnen eines Jahres vorgesehen ist! ...
Für den oberflächlichen Betrachter, der die Schattenseiten der Wirklichkeit sucht, scheint sich folgendes zu ergeben: Die Industrie hat im vergangenen Jahr ihre qualitativen Kennziffern nicht erfüllt: die Selbstkosten der Industrieproduktion sanken nicht um sieben Prozent, sondern nur um fünf Prozent, die Produktivität industrieller Arbeit stieg nicht um siebzehn Prozent, sondern nur um sechzehn Prozent, und schließlich wuchsen die Zahl des industriellen Proletariats und der Umfang seines Nominallohns im vergangenen Jahr um zwei Prozent mehr, als der Plan vorgesehen hatte.
Eine Überprüfung ergibt jedoch, daß das vergangene Jahr von Quartal zu Quartal ein Bild deutlicher positiver Veränderungen zeigt. Das Jahr hatte mit äußerst ungünstigen Umständen begonnen; es gab eine bedeutende Zerrüttung der Arbeitsverhältnisse und organisatorische Mängel. Seine erste Hälfte verlief unter dem Zeichen wachsender Versorgungsschwierigkeiten und eines jähen Durchbruchs der Preise für Waren des Konsumkorbs der Arbeiter. Aber dieses erste Jahr des Fünfjahresplans war gleichzeitig ein Jahr des größten Umschwungs hinsichtlich der Arbeitsenergie des Proletariats. Von Quartal zu Quartal wuchs die schöpferische Aktivität des Proletariats, und im Endergebnis wirkte sich dies deutlich als Korrektiv in allen der oben genannten Bereiche aus.
Das Proletariat übernahm mit Elan in einer Reihe von höchst wichtigen Industriezweigen Richtsätze für die Selbstkostensenkung, die jene Norm von sieben Prozent übertrafen, es steigerte deutlich die Produktivität der Arbeit, es begann den »Produktionsappell« (pereklicka) im ganzen Lande, es entfaltete die außerordentlich breite Kampagne des sozialistischen Wettbewerbs, es belebte die Produktionsberatungen, es unterstützte die Industrialisierungsanleihen, es mischte sich mit seinem Erfindergeist in den praktischen Kampf um die technische Rekonstruktion der Industrie ein und stützte mit seinen mächtigen Schultern die vielversprechende Initiative des Übergangs zur ununterbrochenen Produktionswoche ab. Im Endergebnis konnte die staatliche Großindustrie ihre Bruttoproduktion um 24 Prozent steigern, wohingegen im Plan 21 Prozent vorgesehen waren. Zum erstenmal verlor unsere Industrie ihre saisonmäßigen

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Schwankungen, und die hinlänglich bekannte Periode des Sommerurlaubs wurde diesmal von einem ganz ungewohnten Aufschwung industrieller Energie begleitet ...
Auf dem Gebiet der Organisation stellt sich den Beschäftigten der Industrie vor allem das Problem der technischen Kader. Im vergangenen Jahr wurden bei uns alle wichtigen geheimen Schädlingsnester der Industrie aufgedeckt. Die Selbstkritik, die Beförderung von Arbeitern auf Leitungspositionen (vydvizen-cestvo), der Kampf der Arbeiterjugend um eine wirksame Rolle der »Wachablösung« (smena) bei der gewaltigen Arbeit zur sozialistischen Umgestaltung der Industrie zeigten uns deutlich die Existenz zahlreicher Überreste des Bürokratismus und des Betriebsegoismus (cechovscina) in unserem industriellen Organismus. Der Boden ist gereinigt - nun muß die Arbeit beginnen! 500000 qualifizierte proletarische Kader sind weiterzuqua-lifizieren und auf neue, höhere Qualifikationsstufen zu heben;
die Klassen-Schleuse ist für Hunderttausende von neuen Beschäftigten zu öffnen, die in die Industrie einzubeziehen sind;
der Produktions- und Sozialanteil der erprobten proletarischen Garde in den Fabriken und Betrieben ist anzuheben; der Übergang von fast l Million industrieller Proletarier zum sieben-stündigen Arbeitstag und von zwei Dritteln ihrer Kader zur ununterbrochenen Produktionstätigkeit ist für einen machtvollen kulturellen Aufschwung auszunutzen; das Produktionspraktikum, das betriebliche Lehrlingswesen und die Kurse des Zentralinstituts für Arbeit sind in Hinblick auf ihre Bedeutung für einen dynamischen Aufschwung der Industrie-Energetik neu zu bewerten; das gesamte System der Ausbildung von Technikern und Ingenieuren der Industrie ist zu revolutionieren, wobei mit dem Fetischismus der Professorentalare und starrer Lehrbücher Schluß zu machen ist und dieses ganze System an das lebendige Feld industrieller Arbeit angekettet werden muß; das Arbeiter-Erfinderwesen ist aus der kastenmäßigen Vormundschaft herauszureißen; mit den besten ausländischen Erfahrungen und Mustern ist gleichzuziehen — dies ist die nächste Serie der bevorstehenden Arbeiten zur Organisation und Regelung der Industrie ...
Jeder aufmerksame Beobachter, der diese Kontrollziffern studiert, wird jedoch zu der Schlußfolgerung gelangen, daß sie - bei aller Schwierigkeit der oben erwähnten Aufgaben - gleichwohl vollständig realisierbar sind. Diese Überzeugung wird vor allem durch den Umstand bestärkt, daß zusammen mit der Entfaltung

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immer neuer Reserven seitens unserer hauptsächlichen aufbauenden Kraft, des Proletariats, eine gewaltige Welle schöpferischer Aktivität der arbeitenden Massen des Dorfes in Erscheinung tritt, die jener zur Hilfe entgegenkommt. Die gegen die rechten Opportunisten erkämpfte Orientierung auf den Aurbau eines sozialistischen Sektors im Dorf, die vom 15. Parteitag angenommen worden ist, hat sich in der Wirklichkeit glänzend bewährt. Noch niemals hat unser Dorf solch eine revolutionäre Erschütterung seiner gesamten Ökonomie durchlebt wie in der gegenwärtigen Zeit. Für die breitesten arbeitenden Schichten der Bauernschaft traten zum erstenmal alle Vorzüge der großen Maschinentechnik in der Landwirtschaft mit größter Klarheit in Erscheinung. Die stets wachsenden Kräfte des kollektiven Arbeitssektors überwinden deutlich die mit größten Anstrengungen verbundenen Bemühungen des Bau-ern-Individualisten, seinen materiellen Wohlstand auf eigene Faust zu sichern ...
Viadimir Il'ic* ging davon aus, daß, wenn es uns gelingen sollte, unsere Bauernschaft mit 100000 Traktoren zu versorgen, sie sich dann für die »Kommune« aussprechen würde. Im vergangenen Jahr gelang es uns, auf unsere Felder insgesamt 9 500 Traktoren zu werfen; die Zahl der arbeitenden Traktoren belief sich Ende 1928/29, umgerechnet auf 10-PS-Einheiten, rund gerechnet auf etwa 35 bis 40000 Stück; im kommenden Jahr wird sie sich fast verdoppeln ...
125. Die Gewerkschaften nehmen zu den Kontrollziffern der Industrie für 1929/30 Stellung Aus einer Resolution vom 7. September 1929
Nach Anhörung des Berichts des Vorsitzenden des Obersten Volkswirtschaftsrats der UdSSR (VSNCh), des Gen. V. V. Kuj-bysev, über die vorläufigen Ergebnisse des Wirtschaftsjahres 1928/29 in der Industrie und über die Perspektiven für das Jahr 1929/30 konstatiert die gemeinsame Sitzung des Präsidiums des Zentralrats der Gewerkschaften der UdSSR (VCSPS) und des Präsidiums des VSNCh der UdSSR mit Befriedigung, daß trotz aller Schwierigkeiten und ungeachtet der Kleingläubigkeit und der Schwankungen einiger Gruppen in den Gewerkschaften
* Ergänze: Lenin.

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und in der Partei die Aufgabe des Fünfjahrplans des volkswirtschaftlichen Aufbaus in dem Teil, der das Tempo der industriellen Entwicklung im verflossenen Jahr 1928/29, also im ersten Jahr des Fünfjahrplans, markiert, nicht nur vollständig erfüllt, sondern auch übertroffen werden wird ...
Die Gewerkschaften müssen gemeinsam mit den Wirtschaftsorganen entschiedene Maßnahmen zur Beseitigung der scharfen Disproportion zwischen dem Bedarf an qualifizierten Spezialisten und dem Zustand ihrer Ausbildung an den Technischen Hochschulen und Technika ergreifen.
Deshalb muß bedeutend mehr Aufmerksamkeit als bislang auf die Ausbildung neuer Kader von Ingenieuren und Technikern der Industrie, besonders aus den Reihen der Arbeiter- und Bauernjugend, konzentriert werden ... Gleichzeitig müssen die Gewerkschaften ihre Aufmerksamkeit auf die Beförderung (vydvizenie) der besten, erfahrensten und am besten vorbereiteten Arbeiter auf administrativ-technische Positionen konzentrieren. Die Auswahl und die Vorbereitung der zu befördernden Arbeiter müssen endlich einen zentralen Platz in der Arbeit der Gewerkschaften einnehmen ...
Die Verschärfung des Klassenkampfes und das Anwachsen des Widerstands der kapitalistischen Elemente, die über die kleinbürgerliche Spontaneität (stichija) auf den am wenigsten gefestigten Teil der Arbeiterklasse einwirken, erfordern eine maximale Disziplin und Standhaftigkeit seitens der fortgeschrittenen Teile des Proletariats. Dem Versuch, den sozialistischen Wettbewerb seitens dieses ungefestigten, politisch ungenügend geschulten und ökonomisch mit den kleinbürgerlichen Elementen der Stadt und des Dorfes verbundenen Teils der Arbeiterklasse zu untergraben, muß die größte Organisiertheit des fortgeschrittenen, bewußten Teils der Arbeiterklasse entgegengesetzt werden, denn diese Organisiertheit, Diszipliniertheit und Standhaftigkeit gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen für die Umerziehung der zurückgebliebenen Schichten der Arbeiterklasse.
Das Wachstum der Aktivität der Arbeiterklasse und das Wachstum und die Vertiefung des sozialistischen Wettbewerbs sind eine unerläßliche und zentrale Voraussetzung für die Erfüllung und Ubertreffung der Planvorgaben; ihrerseits haben sie eine weitere Entfaltung der gesunden proletarischen Selbstkritik zur Voraussetzung, deren Ziel die Beseitigung jeder Art von Fehlern und Mängeln in der Produktion ist. Der sozialistische

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Wettbewerb und der Produktionsenthusiasmus der werktätigen Massen müssen von einer allgemeinen Verbesserung der Produktionsprozesse und einer unbedingten Rationalisierung aller Seiten der produktions-technischen Tätigkeit des Betriebs begleitet sein. Die Rationalisierung der Produktion soll den sozialistischen Wettbewerb absichern, unterstützen und fördern, und dies ist nicht möglich ohne die breiteste Entfaltung der proletarischen Selbstkritik, die Intensivierung der Arbeit der Produktionsberatungen und Kontrollkommissionen im Betrieb und das aufmerksamste Verhalten allen sachlichen, praktischen Bemerkungen und Erfindungen gegenüber, die eine Verbesserung des Produktionslebens des Betriebs zum Ziel haben ...
Zugleich müssen die großen wirtschaftlichen Ziele, wie sie in den Kontrollziffern projektiert sind, in jedem Falle mit einer Erhöhung des kulturellen Lebensniveaus der Arbeiter und einer Verbesserung ihres materiellen Wohlstands einhergehen, so daß die Erfüllung des ausgearbeiteten und von der Regierung akzeptierten fünfjährigen Aufbauplans gesichert wird ...
Diese Erhöhung* soll durch ein Wachstum des Nominallohns um neun Prozent und durch eine Senkung des jahresdurchschnittlichen Budgetindex um vier bis fünf Prozent gegenüber den Durchschnittsnormen des Jahres 1928/29 erfolgen. Die Erhöhung des Arbeitslohnes soll auf der Grundlage einer Steigerung der Arbeitsproduktivität stattfinden, die für 1929/30 im Umfang von 23 bis 23,5 Prozent vorgesehen ist ...
Die Organisation einer kontinuierlichen und ausreichenden Versorgung der Arbeiter, die möglichst gerechte Verteilung von defizitären Waren und Lebensmitteln unter den Hauptgruppen der Arbeiterklasse, die maximale Ausweitung und Verbesserung der Beschaffung von Nahrungsmitteln durch die Genossenschaft, die stärkere Einbeziehung der Arbeiter in die genossenschaftliche Versorgung, die Verbesserung der Bedienung der Arbeiter (Beseitigung der Schlangen) müssen zu den wichtigsten Aufgaben der genossenschaftlichen, gewerkschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationen gehören. Stockungen in der Versorgung können sich verhängnisvoll auf das Wachstum der Arbeitsproduktivität und die Erfüllung der Kontrollziffern auswirken ...
* Ergänze: des Reallohnes um 14%.

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127. Die Werktätigen zeichnen die Dritte Industrialisierungsanleihe nur schleppend
Aus einem Zirkular des Zentralrates der Gewerkschaften der UdSSR (VCSPS) vom 26. September 1929 an alle Gewerkschaftsorganisationen
... Die beim VCSPS eintreffenden Informationen über den Verlauf der Zeichnung der Dritten Industrialisierungsanleihe zeigen, daß die Gewerkschaften in verschiedenen Regionen die Bedeutung der Unterbringung der Anleihe unter den Werktätigen nicht begreifen und zuweilen der Arbeit zur Verbreitung dieser Anleihe unter den Gewerkschaftsmitgliedern passiv gegenüberstehen. Besonders schwach ist die Arbeit der Gewerkschaften bei der Verbreitung der Dritten Industrialisierungsanleihe im Dorf.
Um die Verbreitung der Anleihe zu beschleunigen, fordert der VCSPS dringend dazu auf, folgende Maßnahmen durchzuführen:
1. Alle Maßnahmen der Gewerkschaftsorgane auf dem Gebiet der Aufklärungsarbeit wie auch der gesellschaftlichen und technischen Organisation der Verbreitung der Anleihe sind zu überprüfen.
2. Es ist eine hundertprozentige Erfassung aller Arbeitenden zu erreichen; es ist ein Wettbewerb zur Zeichnung der Anleihe unter den einzelnen Gruppen der Werktätigen zu organisieren.
... Zugleich schlägt der VCSPS vor, den Gewerkschaftsmitgliedern die Notwendigkeit zu erklären, die früheren Anleihen zu behalten, da vor dem Staat die Aufgaben des grandiosen Aufbaus stehen, für dessen Verwirklichung er längerfristig die Mittel benötigt, die er durch die Anleihen erhalten hat.
Es ist eine entschiedene Agitation für die Übergabe der erworbenen Obligationen an die Banken und Sparkassen zur Aufbewahrung durchzuführen, wobei darauf hinzuweisen ist, daß jeder Einleger in Notfällen das Recht hat, ein Darlehen auf die Obligation zu erhalten oder diese zurückzufordern.
Die Erfüllung der Aufgabe, die Dritte Industrialisierungsanleihe zu 100 Prozent zu placieren, sichert, zusammen mit der gesamten übrigen Arbeit der Gewerkschaften, die erfolgreiche Erfüllung des Fünfjahrplans des sozialistischen Aufbaus und stärkt die Macht unseres Landes.

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128. Das Lebensniveau der Arbeiterschaft läßt zu wünschen übrig
Anläßlich der bevorstehenden Kollektivvertrags-Kampa-gne wenden sich Zentralrat der Gewerkschaften und Oberster Volkswirtschaftsrat am 28. September 1929 an alle Gewerkschaftsorganisationen und Wirtschaftsorgane
... Die Planauflagen hinsichtlich der Arbeitsproduktivität sind nicht in vollem Umfang erfüllt worden. Unerfüllt blieb die Planvorgabe zur Senkung der Selbstkosten. Schwach wurde noch der sozialistische Wettbewerb entfaltet. Die Arbeitsdisziplin ist, trotz einer gewissen Verbesserung, in zahlreichen Betrieben immer noch unzureichend. Besonders beunruhigend ist die Verschlechterung der Qualität der Industrieproduktion, die in einzelnen Fällen die quantitativen Erfolge auf Null reduziert.
... Das Jahreswachstum des durchschnittlichen monatlichen Nominallohnes vergrößerte sich 1928/29 gegenüber 1927/28 nach vorläufigen Berechnungen um zehn Prozent, wohingegen im Plan sieben Prozent vorgesehen waren. Gleichzeitig mit der Erhöhung des Nominallohnes erfolgte eine Erhöhung auch des Reallohns (um zwei bis drei Prozent), obgleich diese hinter dem projektierten Wachstum zurückblieb ...
In der bevorstehenden Kollektivvertrags-Kampagne sollen Wirtschaftsorgane und Gewerkschaften den Fragen des Wachstums des Reallohns besondere Aufmerksamkeit widmen. Das projektierte Wachstum des Reallohns in Höhe von dreizehn bis vierzehn Prozent im Jahr 1929/30 im Durchschnitt der Industrie zu erreichen, muß zur wichtigsten Aufgabe der Arbeit der Gewerkschaften werden, die bis in die letzte Zeit hinein den Fragen der Versorgung der Arbeiter mit Nahrungsmitteln zu wenig Aufmerksamkeit zugewendet haben ...
Indem sie sich aktiv an allen Fragen der Lebensmittelversorgung beteiligen, müssen die Gewerkschaften (in erster Linie die zwischengewerkschaftlichen Organe) erreichen, daß von den Organen des Volkskommissariats für Handel und der Genossenschaft für die Rajons, Gebiete und Republiken Quartalsund Jahrespläne für die Arbeiterversorgung erarbeitet werden. Die Gewerkschaften sollen bei den durchzuführenden Beschaffungen von landwirtschaftlichen Produkten und Nahrungsmitteln umfassende Hilfe leisten. Sie sollen den Fragen der Normierung, der Erweiterung des Netzes der öffentlichen Speisung, des Kampfes gegen das Schlangestehen (durch eine Verbesserung

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der Arbeit des vergesellschafteten Handelssektors) u.a. maximale Aufmerksamkeit widmen. Zugleich müssen die Gewerkschaften zu Initiatoren bei der Organisation und Weiterentwicklung der staatlichen und genossenschaftlichen Organisationen für Produktion und Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Erzeugnissen werden (Aufbau von Fleisch-Sowchosen, Erweiterung der Fischwirtschaft, der Milch-Farmen, der Gemüse-Sowchosen, der Kolchosen usw.).
Es ist ein Arbeiter-Aktiv für die systematische Kontrolle über die Arbeit der Genossenschaft und die Organe des Volkskommissariats für Handel vor Ort zu organisieren ...
129. Die soziale Zusammensetzung der Arbeiterschaft wirft Probleme auf
Das Präsidium des Zentralrates der Gewerkschaften der UdSSR gibt am 15. Oktober 1929 vorläufige Ergebnisse einer Zählung bekannt
1. Die vorläufigen Ergebnisse der Zählung der Arbeiter dreier sehr wichtiger Industriezweige - Metall, Kohle und Textil - zeigten eine deutliche Differenzierung der Zusammensetzung des gegenwärtigen Fabrikproletariats wie auch eine Differenzierung des kulturellen und gesellschaftlich-politischen Niveaus der Arbeiter in den einzelnen Produktionszweigen und Regionen.
2. 50 Prozent der gegenwärtigen Arbeiter der wichtigsten Industriezweige kannten nicht die kapitalistische Fabrik.
40 Prozent der Arbeiter traten erstmalig in das industrielle Arbeitsleben mit Beginn der Wiederherstellungsperiode - nach 1922 - ein. Besonders groß ist diese Gruppe unter den Arbeitern der Hüttenindustrie der Ukraine (50 Prozent) und der Steinkohlenindustrie des Donbass* (56 Prozent).
3. Infolge des intensiven Wachstums der Zahl der Fabrikarbeiter im Verlauf der Wiederherstellungs- und zu Beginn der Rekonstruktionsperiode sind die jungen Altersgruppen im Proletariat zu einem beträchtlichen Umfang vertreten - 50 Prozent der Arbeiter sind jünger als 30 Jahre.
Als eine große Errungenschaft ist die drastische Verringerung des Prozentsatzes der Arbeiter zu werten, die in einem frühen
* Donbass heißt die Region des Donec-Beckens.

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Alter mit der Produktionsarbeit beginnen. Der spätere Eintritt in die Produktion ermöglicht einen besseren Schutz der Gesundheit der Arbeiter und ein höheres allgemeines Bildungsniveau.
4. Die Zählung ergab, daß sich in der Mehrheit der Regionen im Verlauf einer langen Periode die Zahl der Arbeiter systematisch verringert hat, deren Väter Bauern waren, wobei sich gleichzeitig die Zahl der Arbeiter vergrößert hat, die bereits in der zweiten und dritten Generation Arbeiter sind. Für die letzten Jahre ist ein Anwachsen der Zahl der Arbeiter zu beobachten, die Kinder von Angestellten sind. Jedoch setzten sich die Arbeiter in der Hüttenindustrie der Ukraine und besonders im Steinkohlenbergbau des Donbass in den vergangenen Jahren hauptsächlich aus Personen bäuerlicher Herkunft zusammen.
5. 25 Prozent der befragten Industriearbeiter sind mit der Landwirtschaft verbunden, wobei diese Gruppe der Arbeiter in einzelnen Betrieben mehr als 50 Prozent ausmacht. In der Regel ist die Verbindung zur Landwirtschaft unter den älteren Kadern der Arbeiter enger. Aber zugleich ist darauf hinzuweisen, daß in der Steinkohlenindustrie des Donbass und im Hüttenwesen der Ukraine der Anteil der Arbeiter mit Bindungen zur Landwirtschaft erheblich höher unter jenen Arbeitern ist, die später in die Produktion eingetreten sind. Intensität und Charakter der Landbindungen sind bei den einzelnen Gruppen der Arbeiter sehr unterschiedlich.
Zum Zeitpunkt der Zählung war die Mitarbeit der Arbeiter mit Landbindungen in den Kolchosen äußerst gering.
6. Trotz der Tatsache, daß die Hauptmasse der Arbeiter im Verlauf einer längeren Periode nicht ihren letzten Arbeitsplatz gewechselt hat, existieren in den sehr wichtigen Bereichen der Metallindustrie und des Steinkohlenbergbaus bedeutende Gruppen von Arbeitern - 35 bis 40 Prozent - mit einer sehr geringen Beschäftigungsdauer auf dem letzten Arbeitsplatz (weniger als zwei Jahre) ...
8. Jüngere Arbeiter zeichnen sich in den meisten Industriezweigen und Regionen durch positive Eigenschaften aus — eine stärkere gesellschaftlich-politische Aktivität, ein höheres kulturelles Niveau, eine weniger enge Verbindung zur Landwirtschaft.
Alle diese Kennziffern zeigen, daß diese Gruppe von Arbeitern unter den Erbauern des Sozialismus eine fortschrittliche Abteilung darstellen wird ...

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130. Arbeiter erhalten nach der »Reinigung« der Apparate Aufstiegsmöglichkeiten
Aus einem Zirkular des Zentralrates der Gewerkschaften an alle gewerkschaftlichen Zentralkomitees und Räte 6. November 1929
In der gegenwärtigen Etappe der Rekonstruktion der Volkswirtschaft stellt sich mit noch größerer Schärfe die Aufgabe einer entschiedenen Verbesserung der sozialen Zusammensetzung des Staatsapparats. Die Reinigung (cistka) des Staats-, Gewerkschafts-, Wirtschafts- und Genossenschaftsapparats zeigte die Existenz von Bürokratismus, Schlendrian, Schlamperei, die moralische Zersetzung einzelner Glieder des Staats-, Gewerkschafts- und Genossenschaftsapparats, den Verlust des Klassen-Gesichts dieser Glieder. Die Gewerkschaften müssen gerade jetzt zur Mobilisierung der besten, standhaftesten Teile der Arbeiterklasse zur »Eroberung« des Staatsapparats aufrufen. Ein jeder bewußte Proletarier muß sich klar darüber Rechenschaft ablegen, daß es seine Pflicht ist, mit allen Mitteln die von Partei und Gewerkschaften durchgeführte Arbeit zur durchgreifenden Proletarisierung (orabocenie) des staatlichen und genossenschaftlichen Apparats zu unterstützen.
Der VCSPS hat für die nächste Zeit vorgesehen, 10000 Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Produktion sowie 5 000 Gewerkschaftsfunktionäre (profrabotniki) in den Staats-, Wirtschaftsund Genossenschaftsapparat zu befördern.
Dies muß als ein erster Schritt zu einer grundlegenden Veränderung der Zusammensetzung des Staatsapparats verstanden werden. Diese Maßnahme soll einen Umschwung in der Arbeit der Gewerkschaftsorganisationen herbeiführen und den Grundstein für eine systematische und durchgreifende Erneuerung und Proletarisierung der Apparate der staatlichen, wirtschaftlichen, genossenschaftlichen und anderen Organisationen legen ...
Bei der Beförderung muß man sich von den folgenden Grundsätzen leiten lassen:
l. Für die Beförderung werden Arbeiter und Arbeiterinnen vorgesehen, die über ein mindestens zehnjähriges Produktionsalter verfügen, angestammte Proletarier (korennye proletarii) sind, die eine ausreichende Stählung in der Fabrik durchlaufen haben, gesellschaftlich aktive Arbeiter, die die Durchführung einer konsequenten Klassen-Linie garantieren können.

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2. Von den beförderten Arbeitern sollen etwa 50 Prozent Parteilose und nicht weniger als 25 Prozent Frauen sein ...
Alle Kandidaten, die zur Beförderung vorgesehen sind, müssen in Abstimmung mit den Organen, in die sie entsendet werden, Kurse für Beförderte durchlaufen ...
131. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei bestätigt die Kontrollziffern für 1929/30 Plenumssitzung 10. bis 17. November 1929
... Dieses unerhörte Tempo der Kollektivierung, das die optimistischsten Projektionen übertraf, zeugt davon, daß nach den armen Wirtschaften des Dorfes tatsächlich die Massen der mittleren Wirtschaften in die Bewegung eingetreten sind, die sich in der Praxis von den Vorzügen der kollektiven Formen der Landwirtschaft überzeugen.
Der entschiedene Umschwung der armen und mittleren Massen hin zu den Kolchosen, der ein unmittelbares Resultat der richtigen Politik der Arbeiterklasse und der Partei im Dorf, der Verstärkung der führenden Rolle der Arbeiterklasse in ihrem Bündnis mit der armen und mittleren Bauernschaft, des mächtigen Wachstums der sozialistischen Industrie und der Verstärkung der Produktions-Formen des Bündnisses (smycka) ist, beinhaltet eine neue historische Etappe in der Praxis des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande ...
In direktem Gegensatz zur Lage in den kapitalistischen Ländern war das vergangene Jahr durch eine weitere Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiterklasse charakterisiert: durch ein Anwachsen des Reallohns (obgleich es ein wenig hinter dem Plan zurückblieb), durch die Überführung von etwa 500000 Arbeitern auf den siebenstündigen Arbeitstag und durch ein weiteres Anwachsen der materiellen und kulturellen Versorgung der Arbeiterklasse (Wohnungsbau, Sozialversicherung u.a.).
Das Wachstum der Volkswirtschaft und ihres sozialistischen Sektors war begleitet und wurde in bedeutendem Umfang bedingt durch das Wachstum der schöpferischen Aktivität der breitesten Massen der Arbeiterklasse, die ihren Ausdruck im sozialistischen Wettbewerb fand, in der Entfaltung der Selbstkritik, in der Durchführung des Tags der Industrialisierung, in der breitesten Zeichnung der Industrialisierungsanleihe, die bedeutend

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über der Gesamtsumme der Auflage der Anleihe lag, usw. Auf der Grundlage einer weiteren Intensivierung der Verbindungen zu den breiten Massen der Werktätigen belebte sich die Arbeit aller Organisationen der Arbeiterklasse (Parteiorganisationen, Gewerkschaften, Sowjets), die ihre Arbeitsmethoden umbauen und in immer größerem Ausmaße das Gesicht der Produktion, den unmittelbaren wirtschaftlichen Aufgaben des sozialistischen Aufbaus zuwenden.
Die erreichten Erfolge auf dem Gebiet des sozialistischen Aulbaus sind unvermeidlich mit gewissen Schwierigkeiten, mit dem schärferen Widerstand der kapitalistischen Elemente verknüpft. Nach wie vor besteht eine der wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftspolitik der Partei in der Überwindung des außerordentlichen Zurückbleibens des Entwicklungstempos der Landwirtschaft, speziell und in erster Linie ihrer Getreide- und Viehzuchtsektoren. Die radikale Lösung dieser Aufgabe liegt auf dem Wege einer weiteren Forcierung der Prozesse der Kollektivierung und des Aufbaus von Sowchosen, auf dem Wege einer weiteren Verbesserung und Festigung der Kolchosen und Sowchosen selbst, schließlich auf dem Wege einer forcierten Entwicklung der Industrie, die der Schlüssel für die sozialistische Rekonstruktion der Landwirtschaft ist ...
Angesichts des stets wachsenden Dranges der breitesten Massen der armen und mittleren Wirtschaften zu kollektiven Formen des Ackerbaus besteht die Hauptschwierigkeit bei der Lösung dieser gewaltigen historischen Aufgabe im Zurückbleiben der Industriezweige, die die Landwirtschaft mit Produktionsmitteln versorgen (Landwirtschaftsmaschinen, Traktoren, Düngemittel), hinter dem realen Tempo der Kollektivierung und des Aufbaus von Sowchosen ...
132. Die Kollektivierung ist in eine neue Phase eingetreten
Aus einer Resolution des Zentralkomitee-Plenums vom 17. November 1929
... Wenn man eine Bilanz des Kolchos-Aufbaus zieht, muß man hervorheben: das schnelle Wachstum des Erfassens von Bauernwirtschaften durch Kolchosen; die Verwirklichung neuer organisatorischer Formen und Methoden der Kollektivierung, insbesondere durch das Experiment der Maschinen-Traktoren-Stationen;

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der Aufbau großer Kolchosen und die Stärkung ihrer Rolle; die Erfassung ganzer Siedlungen durch Kolchosen; der Übergang zur durchgängigen Kollektivierung von Rajons und Bezirken ...
Zugleich stellt dieses stürmische Wachstum der Kolchosbewegung der Partei eine Reihe neuer, komplizierter Aufgaben, offenbart neue Schwierigkeiten und Mängel des Kolchos-Aufbaus, von denen derzeit die wichtigsten sind: ein niedriges Niveau der technischen Basis der Kolchosen; eine mangelhafte Organisiertheit und niedrige Arbeitsproduktivität in den Kolchosen; ein fühlbarer Mangel an Kadern von Kollektivbauern und ein fast völliges Fehlen der notwendigen Spezialisten; eine Verunreinigung der sozialen Zusammensetzung in einem Teil der Kolchosen; eine mangelhafte Tauglichkeit der Führungsformen gemessen an der Bedeutung der Kolchosbewegung, außerdem ein Zurückbleiben hinter Tempo und Ausmaß dieser Bewegung und mitunter ein direkt unbefriedigendes Handeln der führenden Organe der Kolchosbewegung.
... Die breite Entfaltung der Kolchosbewegung verläuft unter den Umständen einer Verschärfung des Klassenkampfes im Dorf sowie einer Änderung ihrer Formen und Methoden. Gleichzeitig mit einer Verstärkung des direkten und offenen Kampfes der Kulakenschaft gegen die Kollektivierung, der bis zum direkten Terror geht (Morde, Brandstiftungen, schädliche Tätigkeit), greifen die Kulaken immer häufiger zu getarnten und heimlichen Formen des Kampfes und der Ausbeutung, dringen in die Kolchosen und sogar in die Leitungsorgane der Kolchosen ein, um sie von innen zu zersetzen und zu sprengen.
... Trotz der kapitulantenhaften »Theorien« über das »Hineinwachsen« des Kulaken in den Sozialismus, trotz der panischen Forderungen rechter Opportunisten, den »freien Umsatz« für kapitalistische Elemente zu entfesseln sowie das Tempo von Industrialisierung und Vergesellschaftung der Landwirtschaft zu senken, führt die Partei den Kurs auf einen entschiedenen Kampf gegen den Kulaken, auf ein Ausroden der Wurzeln des Kapitalismus in der Landwirtschaft, auf die schnellste Vereinigung der individuellen klein- und mittelbäuerlichen Wirtschaften in große Kollektivwirtschaften, auf die Vorbereitung der Bedingungen für eine Entwicklung des planmäßigen Produktenaustausches zwischen Stadt und Land durch und wird ihn weiter durchführen.
Die Ergebnisse des sich entfaltenden kollektiven Aufbaus of fenbaren

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gigantische Möglichkeiten für einen Aufschwung der Produktivkräfte der Landwirtschaft, die in den Bedingungen der Sowjetordnung stecken. Es beginnt eine neue historische Etappe der sozialistischen Unigestaltung der Landwirtschaft zur Festigung des Produktionsbündnisses des proletarischen Staates mit den wesentlichen klein- und mittelbäuerlichen Massen des Dorfes.
... Die Hauptschwierigkeit des Kolchosaufbaus besteht in der gegenwärtigen Periode in der Rückständigkeit der technischen Basis. Eine große, hochproduktive und tatsächlich sozialistische Produktion in der Landwirtschaft kann nur auf der Grundlage der modernen Maschinentechnik und Elektrifizierung errichtet werden. Deshalb hat die Schaffung der materielltechnischen Basis für die sozialistische Umgestaltung des Dorfes erstrangige Bedeutung.
Das CK-Plenum billigt den Beschluß des Politbüros über die Erweiterung des Planes zum Traktor- und Maschinenbau, über den unverzüglichen Beginn mit der Errichtung zweier neuer Traktorenwerke, die jeweils über eine Produktionskapazität von 50000 (Raupen-)Traktoren verfügen, mit der Errichtung zweier Betriebe für Kombinen*, mit der Erweiterung der Betriebe für komplizierte landwirtschaftliche Maschinen, der chemischen Industrie usw. Notwendig ist auch die Entfaltung des Baus von Elektrizitätswerken und Elektromaschinen für die Landwirtschaft und für die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte ...
133. Wie die Kollektivierung durchgeführt wurde Lew Kopelew erinnert sich, 1929/30
Im Herbst und Winter 1929/30 arbeitete ich auf der Eisenbahnstation Osnowa bei Charkow als Leiter und Lehrer der Abendschule für Halbanalphabeten, an der die Eisenbahndepot-Arbeiter und die Frauen aus der Kantine teilnahmen. Mein jüngster Schüler war ungefähr zehn Jahre älter als ich ...
Es war die Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft. Die »erste bolschewistische Aussaat« wurde vorbereitet. Wir zugereisten Agitatoren brachten Zeitungen und Broschüren in die Bauernhäuser; lasen Analphabeten daraus vor und erzählten
* Gemeint sind Mähdrescher.

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von der internationalen Lage, von dem unermeßlichen Wohlstand, den das neue Kolchosleben verheiße ...
Im Dorf Ochotschaja wurde der neugegründete Kolchos von dem 25jährigen »einäugigen Kommissar« Tscherednitschenko geleitet. Anstelle des rechten Auges hatte er eine wulstige, dunkelrote Narbe, die sich von der Stirn zur Wange hinzog ...
Er hatte früher in der Fabrik »Hammer und Sichel« als Brigadier der Modell-Schlosserei gearbeitet, wurde stets ins Parteikomitee und in die Komiteeleitung gewählt, war Mitglied des Partei-Stadtkomitees. Aber die Fabrik verließ er nicht... Als er ins Parteikomitee gerufen wurde und erfuhr, er solle aufs Land gehen, wehrte sich Tscherednitschenko anfangs: »Ich mag die Bauern nicht, diese Buchweizenstreuer. Ich hab' kein Vertrauen zu ihnen. Da denkt ja jeder nur an sich, an sein Häuschen weitab von allen anderen und an sein eigenes Geld und Gut. Ich verstehe von ihrer Mistwirtschaft überhaupt nichts, bin von Großvater und Urgroßvater her Proletarier. Kann auch ihre Sprache nicht richtig, obwohl ich einen ukrainischen Namen auf -enko habe.«
Ihm wurde erklärt, derartige Redensarten röchen nach Abweichung zum Trotzkismus, er dürfe sich nicht dem großen Vertrauen der Partei widersetzen. Es sei auch nicht einfach eine Ehrung. Als früherer Roter Reiter müsse er begreifen, daß das ein Kampfauftrag sei. Die Front sei jetzt auf dem Dorf, die Lage ungefähr so wie im Bürgerkrieg. Der Klassenfeind erhöbe sein Haupt und zeige seine Zähne ...
Vom ersten Tag an war Tscherednitschenko unumschränkter Diktator, eine Woche darauf hatte er die Kollektivierung komplett durchgeführt:
»Bei mir ist Entschlossenheit die Hauptsache. Und der Uber-raschungseffekt. Damit keiner erst Krach machen kann. Marsch in den Kolchos ohne Wenn und Aber. Die Pferde und Kühe haben wir in vier Höfen untergebracht. Drei von früheren Kulaken, einer vom Sowchos. ›Sow-‹, das heißt sowjetisch. Also, hilf auch auf sowjetisch mit. Pflüge, Sämaschinen, alles übrige -auch auf einen Haufen. Den Schmied habe ich zum Hauptmechaniker gemacht. Der Junge gehört zu uns, war bei den Partisanen. Brigadiere und Vorarbeiter - alle aus früheren Rotarmisten ausgesucht: die können Disziplin begreifen. Habe befohlen, streng auf die Pferdeburschen und die Frauen, die die Kühe versorgen, aufzupassen. Damit die dort ordentlich füttern und melken, und damit das Vieh auch in die Schwemme getrieben

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und geputzt wird. Alles wie es sich gehört. Ohne Verspätung, ohne Schwindel! Niemand darf an die Kühe und Pferde heran, die ihm früher selber gehört haben. Man muß den Kollektiven Bewußtsein anerziehen. Wenn alles Gemeinschaftseigentum ist, muß man sich den Privatbesitz abgewöhnen. Wir haben bloß noch nicht genug Platz, um die Schweine, Schafe, Gänse und Hühner gemeinsam zu halten. Das Kleinvieh ist noch wie früher bei uns einzeln. Aber dafür haben wir eine Buchhaltung aufgezogen - alles bis zum letzten Küken eingetragen. In anderen Dörfern haben sie mit dem Abschlachten angefangen. Wollen das Vieh lieber umbringen, damit der Kolchos es nicht kriegt. Feinde sind das. Knechtsseelen!«
Die Kirche in Ochotschaja diente für die Bewohner mehrerer Dörfer. Der Priester, ein junger Propst, fuhr oft im Landkreis herum, besuchte kranke Gemeindemitglieder und andere Amtsbrüder. Tscherednitschenko sprach zornig, aber mit Hochachtung von ihm:
»Ein pfiffiger Pope, ach, und wie pfiffig! Sehr klug sogar, kann man sagen. Ein richtiger Politiker, der Hundesohn. Hält eine Linie ein, daß man an ihn nicht heran kann. Predigt sogar für die Kolchose. Beweist, daß sie sozusagen dem Gebot des Evangeliums entsprechen. Damit es weder Reiche noch Arme geben soll und damit alle zusammen wie Brüder und Schwestern undsoweiter. Aber heimlich agitiert er, der Hund — in der Predigt, in Gesprächen und durch seine Kader. Er hat seine alten Weiber in militärischer Ordnung - da kann unsere Agitprop nur neidisch werden. Und seine Agitation ist ganz raffiniert: In die Kolchose sollten alle gehen, die ein bißchen reicher sind, sonst würden sie nach Sibirien geschickt. Aber die Dorfarmen, die Landarbeiter, brauchten nicht hin - sie würde die Regierung nicht anfassen. Sie seien so was wie sowjetische Adlige. Das ist vielleicht ein Lump! Was der sich da ausgedacht hat!«
... Eines Abends ging Tscherednitschenko mit einigen Aktivisten zu dem Priester. Sie drängten ins Haus, ohne sich die Schuhe abzustreifen und die Mützen abzunehmen, polterten direkt ins Eßzimmer. Der Hausherr trat ihnen ruhig, sogar freundlich entgegen.
»Treten Sie ein, meine unerwarteten, aber hochgeehrten Gäste. Setzen Sie sich bitte. Verschmähen Sie nicht ein Gläschen Tee mit Konfitüre.«
»Wir sind nicht hergekommen, um mit dir Tee zu süffeln.«
Tscherednitschenko klappte einen Zipfel seines Uniformmantels

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hoch, zog aus seiner Reithose eine Pistole und warf sie von der einen Hand zur anderen. »Weißt du, was das ist?«
Die Pfarrersfrau, die wie angewurzelt beim Samowar stand, stöhnte leise. Der Priester blieb ungerührt.
»In Waffen kenne ich mich nicht aus. Aber es ist scheinbar ein Browning.«
»Richtig geraten. Sieben Schuß drin. Und alle sieben kriegst du in deinen Wanst, wenn du nicht morgen noch vor Tag aus dem Dorf verschwindest. Ich hab' nur ein Auge, aber ich sehe weit. Also, verschwinde, daß es im ganzen Kreis nicht mehr nach dir stinkt!« ...
Am Morgen fuhr der Priester ab. Fast bis zum Bahnhof geleiteten ihn weinende Frauen.
Nach Stalins Artikel ›Schwindligwerden vor Erfolgen‹* begann man in den Nachbardörfern, die in Gemeineigentum übernommenen Kühe den Eigentümern zurückzugeben. Mancherorts traten ganze Familien wieder aus dem Kolchos aus - Moskau hatte es erlaubt! - und forderten ihre Pferde, ihre Pflüge, Eggen und das Saatgetreide zurück.
Tscherednitschenko erlaubte, die Kühe denen wiederzugeben, die es »sehr wollten«, und »noch kein richtiges Bewußtsein« besäßen. Aber nicht einmal den Gedanken an einen Austritt aus dem Kolchos ließ er zu.
»Übereilung? Ubertreibung? Übergriffe? Na, vielleicht kam so was mal vor. Dort, in Moskau, kann man das besser beurteilen. Sollen wir deswegen jetzt etwa auch das Erledigte rückgängig machen, vielleicht die Kulaken-Fettwänste wieder zurücktransportieren?«
In Ochotschaja begann nun auch eine »Meuterei«. Eine Schar von Frauen belagerte die Pferdeställe und Scheunen des Kolchos.
Der Vorsitzende des Dorfsowjets, der Sekretär der Parteizelle, die Kolchos-Brigadiere und Aktivisten verbarrikadierten sich in der Schule, wurden aber nicht angerührt. Ihre Frauen und Mütter konnten ihnen ungehindert zu essen bringen. Tscherednitschenko und zwei Bevollmächtigte des Kreis-Exekutivkomitees spannten einen leichten Wagen des Kolchos an und verließen das Dorf. Im zähen, mit tauendem Schnee vermischten Schlamm kamen sie schlecht voran. Ein paar Jungen
* Siehe Dok. 138.

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liefen mit Knüppeln hinter ihnen her. Tscherednitschenko schoß in die Luft. Die Jungen blieben stehen. Einer rief:
»Los, hau ab, einäugiger Teufel! Und komm nie wieder! Bandit, gottverdammter!«
In der Kreisverwaltung herrschte Panik. Eine Kavallerieeinheit des NKWD* mit auf Pferdewagen montierten MGs traf ein. Aus Ochotschaja rief der Bevollmächtigte der GPU** an.
»Ich spreche aus dem Dorfsowjet. Könnt ihr hören, was das für ein Krach ist? Sie suchen Listen. Haben alle Schränke zerschlagen. Und auf der Straße haben sie ein Feuer gemacht, verbrennen alle Papiere, die sie gefunden haben. Nein, mich rührt niemand an. Ich bin in Uniform und habe meine Mauser um. Sie sagen, sie seien nicht gegen die Sowjetmacht, nur gegen die schlechten Kommissare und Übertreiber. Ist Tscherednitschenko dort? Auf den haben sie eine Mordswut. Er sollte besser nicht herkommen. Die ganze Kolchos-Leitung sitzt in der Schule. Nein, niemandem ist etwas passiert. Ich übernachte auch dort. Aber ich gehe immer allein heraus. Die Dörfler achten mich. Jetzt haben sie einen Dorfältesten gewählt, einen alten Dorfarmen. Haben sogar eine alte Amtskette mit Adler gefunden. Die Krone haben sie allerdings mit Siegellack zugekleistert ...«
Drei Tage darauf traf in Ochotschaja eine halbe Hundertschaft berittener Miliz mit einem Maschinengewehr-Wagen ein. Der neugewählte Dorfälteste, der Lagerverwalter und noch einige Männer wurden verhaftet und fortgebracht.
Alle Kolchosbauern wurden auf dem Platz vor der Kirche zusammengerufen, um einen neuen Kolchosvorsitzenden zu wählen. Von Tscherednitschenko wurde nicht einmal mehr gesprochen. Das Kreiskomitee entsandte ihn in ein anderes Dorf.
134. Die Städte der Zukunft und die Organisation der sozialistischen Lebensweise Ein Entwurf L. M. Sabsovics, 1929/30
Zur Fragestellung
... Eine sehr große Mehrheit ... glaubt, daß wir allmählich die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessern müssen, indem wir die Häuser für die Arbeitenden mit dem größtmöglichen
* Vgl. Glossar in Band 1 der Dokumentation.
** Vgl. Glossar in Band 1 der Dokumentation

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Komfort ausstatten, den Arbeitern die Möglichkeit zur Nutzung von Gas, elektrischen Bügeleisen, kleinen Waschmaschinen etc. geben, d.h. jener Annehmlichkeiten, in deren Genuß in den bürgerlichen Ländern der vermögendere Teil der städtischen Bevölkerung, darunter auch ein Teil der Arbeiter, kommt. Dieser Weg hat bis in die jüngste Zeit keine größeren Zweifel hervorgerufen ...
Ein anderer Weg zeichnet sich in letzter Zeit ab: das ist der Weg einer wirklich radikalen sozialistischen Neugestaltung des Alltagslebens, der Weg einer vollkommenen Umgestaltung des Lebens auf der Grundlage der vollständigen Vergesellschaftung, der Befriedigung der Lebens- und Kulturbedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung, der Weg des Baus neuer sozialistischer Städte und der radikalen sozialistischen Neugestaltung der bestehenden Städte. Die Befürworter dieses Weges beharren darauf, daß wir vom Weg der allmählichen »sozialen Reformen« im Leben der Arbeiter abgehen müssen ...
Weitere Wege der Entwicklung unserer Industriestädte Schon in nächster Zukunft werden wir keine großen Städte mehr bauen müssen, die unweigerlich höchst ungesunde Bedingungen für das Leben und die Arbeit der werktätigen Bevölkerung hervorbringen. Das dichte Transportnetz, das wir im Verlauf der nächsten fünf bis acht Jahre werden schaffen müssen, wird es uns erlauben, die Industriebetriebe bedeutend freier über das gesamte Territorium der Union verteilt zu plazieren.
... wir werden den Zwang umgehen. Gigantenstädte zu bauen, und wir können Städte mit einer Bevölkerung von 50 bis 60000 Menschen errichten ...
Was für Häuser sollen wir in den sozialistischen Städten bauen? ... Die Wohnhäuser in der sozialistischen Stadt sollen so gebaut werden, daß sie den größtmöglichen Komfort für das kollektive Leben, die kollektive Arbeit und die kollektive Erholung der Werktätigen bieten ... In diesen Häusern soll es keine einzelnen Wohnungen mit Küchen, Vorratskammern etc. geben, ... weil die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der Werktätigen zur Gänze vergesellschaftet sein wird. Sie sollen auch keine Räumlichkeiten für ein isoliertes Leben jeder einzelnen Familie enthalten, denn die Familie in dem Sinne, wie sie heute existiert, wird restlos verschwinden ...

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Der Grundtyp des Wohnhauses ... soll ein großes, komfortables Kommune-Haus sein, oder ein Wohnkombinat (bestehend aus Häusern kleineren Ausmaßes) für 2 bis 3000 erwachsene Werktätige ...
Die Frage nach dem Zusammenleben von Eltern und Kindern an einem Ort kann nur ablehnend entschieden werden ...
In diesen Wohnhäusern soll jedem Werktätigen ein einzelnes Zimmer zur Verfügung gestellt werden ... Es soll keine Räume für das Zusammenleben von Mann und Frau geben.
... während wir diese Zimmer mit dem größtmöglichen Komfort auszustatten versuchen, müssen wir mit dem Platz extrem sparsam umgehen, um möglichst viel Fläche für die Räumlichkeiten abzweigen zu können, die für die kollektive Versorgung der Werktätigen bestimmt sind.
In den sozialistischen Städten wird es keinen Bedarf nach Privateigentum an Möbeln ... geben. Alle Räume sollen sich in der Möblierung entsprechen ...
Die Frage nach der Größe dieser Zimmer ist noch nicht entschieden. Es existieren verschiedene Projekte von fünf bis neun Quadratmetern.
Über die Planung der sozialistischen Städte ... Wie bereits oben gezeigt wurde, werden ein Wohnkombinat oder die großen Kommune-Häuser Platz bieten für 2-3000 Angehörige der erwachsenen Bevölkerung. In einer sozialistischen Stadt mit 60000 Einwohnern wird die Zahl der Erwachsenen (ab siebzehn Jahren) 40 bis 42000 betragen. Folglich wird die ganze Stadt aus fünfzehn bis zwanzig Wohnkombinaten und einer Reihe von großen öffentlichen Gebäuden, die von der gesamten Bevölkerung genutzt werden, bestehen. Solchermaßen wird es in der sozialistischen Stadt, in Abhängigkeit von der Etagenhöhe der Häuser, insgesamt 50 bis 100 große Gebäude geben. Außerdem werden jedem Wohnkombinat einige kleinere Gebäude für die Kinderhäuser (für das Säuglings- und Vorschulalter) angeschlossen sein. Im Umkreis der Wohnkombinate, in der Nähe der landwirtschaftlichen und manchmal auch der industriellen Betriebe, werden zweckmäßigerweise die Schulstädte (Schulwirtschaften, in denen die Schulkinder leben, erzogen werden und arbeiten) angelegt ...
Eine der wichtigsten Fragen betrifft die Nähe des Bereichs der Wohnkombinate zum Gebiet der Industriebetriebe. Solange der Produktionsprozeß in den Industriebetrieben mit dem Ausstoß

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von Rauch, Ruß, schädlichen Gasen etc. verbunden ist, wäre es richtiger, das Wohngebiet in genügend großer Entfernung vom Bereich der Industriebetriebe anzulegen und diese Gebiete durch bequeme und rasche Verkehrswege zu verbinden. In der ersten Zeit jedoch werden wir wahrscheinlich nicht selten von diesem Grundsatz abweichen müssen, da der Bau solcher Verkehrswege erhebliche Ausgaben erfordern und der Verkehrsbetrieb selbst zusätzliche Ausgaben verursachen wird. Deshalb werden wir in einer Reihe von Fällen die sozialistischen Städte in vergleichsweise geringer Entfernung von den Industriebetrieben anlegen müssen, damit die Werktätigen für den Gang von der Wohnstätte zur Fabrik oder zum Betrieb nicht mehr als 15 bis 25 Minuten benötigen ...
Bei der Planung der Verkehrsverbindungen zwischen Stadt (Bereich der Wohnkombinate) und Betrieben sollten wir solche unvollkommenen und offenkundig veralteten Verkehrsmittel wie die Straßenbahn meiden, wir sollten Autobus-Verbindungen, Triebwagen, elektrische Züge etc. planen ...
Sollte ein Wohngebiet in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern von einem Fluß angelegt werden, so muß dieses Gebiet durch eine genügend breite Grünzone mit dem Fluß verbunden werden.
Die öffentlichen Gebäude, die der gesamten Bevölkerung der sozialistischen Stadt zur Verfügung stehen, sollen im Zentralpark angelegt werden, nach Möglichkeit im Zentrum des Gebiets, in dem die Wohnkombinate liegen, damit die Verbindung zwischen den Wohnkombinaten und den zentralen Einrichtungen möglichst nah und bequem ist...
Die sozialistische Neugestaltung der bestehenden Städte ... Was machen wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit den bestehenden Städten? Wir fahren fort, in den alten Städten neue Fabriken und Betriebe zu bauen, wir erweitern die bestehenden Betriebe, vergrößern ununterbrochen die Bevölkerungszahl und sind in Verbindung damit gezwungen, das Bauwesen in den alten Städten in immer stärkerem Maße zu entfalten. Und je mehr wir unsere Städte erweitern, je mehr Mittel wir in diese Erweiterung investieren, um so schwieriger und problematisch er gestaltet sich die Möglichkeit ihres Umbaus auf sozialistischen Grundlagen ...
Was kommt dabei heraus? Wir überladen Moskau mit neuen Fabriken und Betrieben, wir schaffen eine immer größere »Anhäufung

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gigantischer Bevölkerungsmassen«, wir schaffen für diese Millionenbevölkerung völlig untragbare, schädliche und sinnlose Lebensbedingungen und schicken uns gleichzeitig an, eine Milliarde Rubel zu verschleudern, um der arbeitenden Bevölkerung Moskaus die Gelegenheit zu geben, sich von jenem Unsinn zu erholen, den wir selbst für sie hervorgebracht haben ...
[Die Beseitigung des Gegensatzes zwischen Stadt und Dorf] In diesem Zusammenhang kam ich bei meiner Hypothese eines Generalplanes (des Planes zum Aufbau des Sozialismus) zu der Schlußfolgerung, daß wir in fünfzehn Jahren die kleinbäuerlichen Formen der Landwirtschaft völlig aus der Welt geschafft haben können, daß wir sie gänzlich vergesellschaften können, indem wir die jetzigen zehn Millionen kleiner Bauernwirtschaften in großen vergesellschafteten Wirtschaften zusammenfassen können, in Wirtschaften vom Typ der zur Zeit entstehenden riesengroßen staatlichen Sowchosen, der landwirtschaftlichen Fabriken, auf der Grundlage höchstentwickelter Technik und Organisation landwirtschaftlicher Produktion.
Natürlich entsprechen die jetzigen Siedlungen und Dörfer überhaupt nicht dem neuen Organisationstyp der Landwirtschaft. Die Arbeiter dieser großen landwirtschaftlichen Fabriken werden hauptsächlich Arbeiter an Maschinen sein und sich in dieser Beziehung wenig von Industriearbeitern unterscheiden. Mit der »Idiotie« des Dorflebens muß man ein für allemal Schluß machen: Die landwirtschaftliche Maschine und die wissenschaftliche Organisation der landwirtschaftlichen Produktion werden das kulturelle Niveau des Landarbeiters zwangsläufig auf annähernd den Stand anheben, den der städtische Arbeiter in fünfzehn Jahren erreichen wird, und diesem hohen Niveau müssen auch völlig andere Lebensbedingungen entsprechen. Die individuelle Lebensweise und das individuelle Schicksal, die mit der kleinen individuellen Bauernwirtschaft zwangsläufig verbunden sind, werden jeglichen Boden unter sich verlieren. Die große landwirtschaftliche Fabrik, die ein Territorium von 50 bis 100000 Hektar oder vielleicht noch mehr Fläche umfaßt, erfordert eine enorme Konzentration des in ihr beschäftigten Arbeiterkollektivs.
Auf diese Weise müssen anstelle der jetzigen Dörfer mehr oder weniger große Siedlungen organisiert werden, in denen nicht nur die Wohngebäude konzentriert sind, sondern auch

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Lager, Garagen, Reparaturwerkstätten, Umspannstationen, Laboratorien, Fabriken zur Primärverarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe, Schulen, Krankenhäuser usw. ...
Dank dieses gegenläufigen Prozesses in der Stadt (Dezentralisierung der jetzigen städtischen Industrie- und Verwaltungszentren) und auf dem Dorf (Siedlungskonzentration auf der Basis landwirtschaftlicher Großproduktion und Kombinierung von landwirtschaftlicher und industrieller Produktion) werden die Unterschiede zwischen den Siedlungen städtischen und dorflichen Typs immer mehr verwischt werden. Anstelle der jetzigen übermäßig angewachsenen, zusammengedrängten und ungesunden Städte und anstelle der jetzigen völlig unzivihsierten und kulturlosen Siedlungen dörflichen Typs müssen wir Siedlungen irgendeines anderen Typs bauen, Siedlungen, die im höchsten Maße geeignet sind sowohl für den Typ wirtschaftlicher Organisation der sozialistischen Volkswiftschaft als auch für die größtmögliche Befriedigung der Bedürfnisse der Werktätigen bei günstigen kulturellen und gesundheitlichen Lebensbedingungen ...
[Die sozialistische Lebensweise in den zukünftigen Städten] Absolut herausragende Bedeutung und außergewöhnlichen Stellenwert werden die Einrichtungen und Gebäude für die kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung einnehrnen. Die gesellschaftliche Erziehung der Kinder und die vergesellschaftete Erfüllung grundlegender existentieller Bedürfnisse der Werktätigen, die die Frau von der »Hausarbeit« und der Sorge um die Kinder befreit; eine erhebliche Verkürzung des Arbeitstages, d.h. der Zeit, die für die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf gewandt wird (in der 3. Fünf jahresperiode nicht mehr als fünf Stunden, in der 4. Fünf jahresperiode wahrscheinlich vier oder sogar nur drei Stunden täglich oder statt dessen eine deutlich geringere Zahl der Monate im Jahr, die für gesellschaftlich notwendige Arbeit aufgewendet werden, d.h. eine drastische Verlängerung der jetzigen Urlaubsdauer, vielleicht auf vier bis sechs Monate im Jahr); Kürzungen im Bereich der Altersgruppen, die gesellschaftlich nützliche Arbeit leisten müssen (wahrscheinlich von 21 bis 49 Jahren), - all das gibt den Bürgern der sozialistischen Gesellschaft die Möglichkeit, bei weitem mehr Zeit der Erholung, der freien Beschäftigung rnit Wissenschaft und Kunst, der Sorge um die körperliche Entwicklung, d.h. allen Arten von Sport, verschiedenen Arten der Zerstreuung

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usw. zu widmen. Der Begriff »Beruf« wird nicht mehr das Hauptmerkmal sein, das den werktätigen Menschen kennzeichnet. Jeder körperlich arbeitende Mensch wird die überwiegende Zeit für sogenannte »nebensächliche« Beschäftigungen aufwenden können. Der eine wird sich vor allem mit der Wissenschaft, der andere mit Musik, der dritte mit einer Erfindung auf dem Gebiet seiner eigentlichen Arbeit oder eines anderen Zweiges, der vierte mit einer Skulptur, ein fünfter mit Sport usw. beschäftigen. Damit wird sich auch der Unterschied zwischen körperlich und geistig Arbeitenden ständig mehr verwischen ...
Wie soll die Erziehung der Kinder in der sozialistischen Stadt durchgeführt werden?
... Die Frage nach dem »natürlichen«, biologischen Band zwischen Eltern und Kindern, die Frage der »Mutterliebe«, danach, ob die Frau jeden Anreiz, Kinder zur Welt zu bringen, verlieren wird etc. - all diese Fragen werden in der Hauptsache nicht von Arbeitern und Arbeiterinnen, nicht von Bauern und Bäuerinnen vorgebracht, sondern von einem gewissen Teil unserer Intelligenz, die in starkem Maße mit kleinbürgerlichen, »typisch intellektuellen« Vorurteilen durchtränkt ist. Die ausschließliche Liebe zu den eigenen Kindern hat natürlich weniger »natürliche«, biologische Faktoren zur Ursache als vielmehr sozio-ökonomische. Bei einer sozialistischen Organisation des Lebens wird sich in viel stärkerem Maße die Liebe zu den Kindern an sich, die Liebe des Kollektivs zu seiner jungen Generation entfalten. Jede Mutter wird, wie das bereits jetzt sehr viele Arbeiterinnen und Bäuerinnen tun, verstehen, daß sie ihren Kindern nicht das geben kann, was ihnen eine richtig aufgebaute und gut organisierte gesellschaftliche Erziehung geben wird, und es ist natürlich, daß jede Mutter es vorziehen wird, ihr Kind nicht selbst zu erziehen, sondern seine Erziehung der Gesellschaft zu überlassen, genau so, wie es auch jetzt jede Mutter vorzieht, ihr Kind zum Lernen in die Schule zu geben, weil sie weiß, daß sie selbst diesen Unterricht nicht in gehöriger Weise durchführen kann ...
Die Erziehung der Kinder
... Die Aufgabe des Aufbaus des Sozialismus besteht in der Schaffung sozialistischer Lebensbedingungen für die Werktätigen und in der Schaffung eines neuen Menschen, der nicht jene negativen Züge, die das bürgerliche System, die Bedingungen

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der bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Lebensweise ... und die jetzigen Bedingungen der Kindererziehung unweigerlich hervorbringen, trägt. Die Erziehung der Kinder ist schließlich kein Handwerk, nicht einmal nur eine Wissenschaft, sondern in gewisser Weise eine Kunst, die Kunst der sozialistischen Pädagogik ...
a) Die »Kinderhäuser«
... Unter sozialistischen Bedingungen, bei Vergesellschaftung der Erziehung, werden die Kinder nicht länger das »Eigentum« der Eltern sein: sie werden das »Eigentum« des Staates sein, der alle Aufgaben und Sorgen der Kindererziehung auf sich nimmt. Deshalb muß ... die erste Konsequenz der Vergesellschaftung der Erziehung darin bestehen, daß die Kinder nicht mehr mit den Eltern zusammenleben. Von Geburt an müssen sie in speziellen »Kinderhäusern« untergebracht werden, die nach den letzten Erkenntnissen der sozialistischen Pädagogik ausgestattet sind, mit den besten Bedingungen für ihre körperliche Erziehung und die Entwicklung ihrer besten, gesündesten Anlagen. Die Frage der Ernährung des Kindes durch die Mutter im ersten Lebensjahr kann ohne besondere Schwierigkeiten gelöst werden. Schon heute steht der arbeitenden Frau eine gesetzlich verbürgte Arbeitspause zum Stillen ihres Kindes zu. Unter sozialistischen Bedingungen wird - falls (oder solange wie) das Stillen nicht vielleicht durch eine rationellere, künstliche Form der Kinderernährung abgelöst sein wird - diese Frage viel leichter zu lösen sein als zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Hierzu wird vor allem der erheblich verkürzte Arbeitstag beitragen und möglicherweise auch ein verlängerter Urlaub für stillende Mütter nach der Geburt ...
b) Die »Kinderstädte«
... Die Kinder sollen sich ausschließlich unter dem Einfluß des Kinderkollektivs entwickeln, das durch gebührend geschulte, von Liebe und Verständnis für die Sache der sozialistischen Erziehung erfüllte Pädagogen geleitet wird ...
Wahrscheinlich können diese Einrichtungen am besten in Form spezieller »Kinderstädte« organisiert werden ... Diese »Kinderstädte« müssen in den gesündesten Gegenden organisiert werden, nicht selten weit von den Ansiedlungen der erwachsenen Werktätigen entfernt, und können für eine Reihe von Ansiedlungen zuständig sein ...

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Auf jeden Fall jedoch ist es klar, daß die »Kinderstädte« eine ziemlich komplizierte Wirtschaftsform darstellen werden, die in gewisser Weise an die Wirtschaftsform der allgemeinen Ansiedlungen sozialistischen Typs erinnern wird. In ihnen muß es spezielle Wohnhäuser für Kinder geben, Großküchen, Speisestätten, verschiedene Einrichtungen zur physischen und geistigen Entwicklung der Kinder, um die Kinder mit Musik und anderen Kunstarten vertraut zu machen; Elementarwerkstätten, Laboratorien, Nutzgärten etc., um den Kindern Arbeitsfertigkeiten beizubringen; Museen und zoologische Gärten, um die Kinder mit dem Leben in der Natur vertraut zu machen usw...
c) Die Schulstädte
Die Erziehung der Kinder im Schulalter, d.h. von 7/8 bis 16/ 17 Jahren, muß gleichfalls kollektiv und vom Leben der erwachsenen Werktätigen abgetrennt verlaufen. Die Erziehung der Kinder dieses Alters soll in speziellen »Schulstädten« vor sich gehen, die ihrerseits eine Art Fortsetzung der »Kinderstädte« darstellen. In den »Schulstädten« muß die Erziehung aufs engste mit den Produktionsprozessen (in Industrie, Landwirtschaft, Transport etc.) und mit der Wissenschaft verflochten sein:
sie soll in bedeutendem Maße auf der Basis der praktischen Kenntnis der Natur und der Methoden ihrer Beherrschung aufgebaut sein. Im Hinblick auf die Organisation sollen diese Städte einen bedeutend weiter entwickelten Typus der »Kinderstädte« repräsentieren, aber die Einrichtungen, die die Bestimmung haben, Arbeitsfertigkeiten und praktische Kenntnisse zu entwickeln (Laboratorien, Versuchsfelder, Werkstätten, verschiedene Räume für Studien etc.), müssen in ihnen einen weitaus größeren Raum einnehmen. Einen wichtigen Raum in der Erziehung der Kinder des Schulalters sollen Reisen einnehmen, um [die Kinder] mit den verschiedenartigen Natur- und Lebensbedingungen des weiten Territoriums unserer Union (und vielleicht auch anderer sozialistischer Sowjetstaaten, falls die sozialistische Revolution bis dahin auch in anderen Ländern durchgeführt sein wird) vertraut zu machen. Die »Schulstädte« können ebenso wie die »Kinderstädte« manchmal fernab von den allgemeinen Ansiedlungen sozialistischen Typs, in speziell ausgewählten, hierfür am besten geeigneten Gegenden organisiert werden.

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d) Die Ausbildung der Heranwachsenden Die höhere Bildung der Heranwachsenden (im Alter von 16/17 bis 20/21 Jahren) schließlich muß bereits in engster Weise mit der Produktion und den wissenschaftlichen Instituten und Laboratorien, die ihrerseits untrennbar mit der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion verbunden sein werden, verflochten sein. Deshalb müssen die Heranwachsenden gemeinsam mit den erwachsenen Werktätigen in den allgemeinen sozialistischen Ansiedlungen leben. Sie werden bereits in gewissem Maß am Produktionsprozeß teilnehmen, aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit wird noch auf dem Gebiet des theoretischen und praktischen Studiums der entsprechenden Disziplinen und der praktischen Vorbereitung zur Arbeit liegen ...
135. N. A. Miljutins schematischer Plan für die Anlage der Stadt Magnitogorsk, 1930
Kennzeichen des Planes ist die Eingliederung der Wohngebiete in Grünzonen. Die Industrie wird nahe der Bahnlinie angesiedelt, Abgase, Rauch und Schmutz belästigen bei normalen Windverhältnissen nicht die Wohngebiete. Die Arbeiter haben trotzdem nur einen kurzen Weg zu ihrem Betrieb: in der Regel 500 bis 700 Meter, im Höchstfall 1,5 Kilometer.

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136. Das Kollektivierungstempo wird weiter beschleunigt, das Kulakentum »liquidiert«
Der Beschluß des CK der VKP/b »Über das Tempo der Kollektivierung und die Hilfsmaßnahmen des Staates für den Kolchos-Aufbaus 5. Januar 1930
1. In den letzten Monaten hat die Kollektiv-Bewegung einen neuen Schritt vorwärts getan. Sie hat nicht nur einzelne Gruppen von individuellen Wirtschaften erfaßt, sondern auch ganze Rajons, Distrikte und selbst Gebiete und Gaue. Die Grundlage dieser Bewegung ist die Kollektivierung der Produktionsmittel der klein- und mittelbäuerlichen Wirtschaften.
Alle in den Plänen vorgesehenen Entwicklungsgeschwindigkeiten der Kollektivbewegung sind überschritten worden. Schon im Frühjahr 1930 machte die gesellschaftlich bearbeitete Saatfläche wesentlich mehr als 30 Mill. Hektar aus, d.h. der Fünfjahrplan der Kollektivierung, in dem vorgesehen war, daß zum Ende des Jahrfünfts 22 bis 24 Mill. Hektar von Kollektiven erfaßt werden sollten, wird schon in diesem Jahr wesentlich übererfüllt werden.
Auf diese Weise haben wir eine materielle Grundlage für die Ablösung der Großproduktion in Kulakenwirtschaften durch die Großproduktion der Kolchosen, für eine mächtige Vorwärtsbewegung zur Schaffung des sozialistischen Ackerbaus, ganz abgesehen von den Sowchosen, deren Wachstum alle Planansätze wesentlich überflügelt.
Dieser Umstand, der entscheidende Bedeutung für die ganze Volkswirtschaft der UdSSR hat, hat der Partei das volle Recht gegeben, in ihrerpraktischen Arbeit von der Politikder Einschränkung der Ausbeutungstendenzen des Kulakentums zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse überzugehen.
2. Auf der Grundlage all dieser Umstände kann man zweifellos feststellen, daß wir innerhalb des Jahrfünfts statt der im Fünfjahrplan vorgesehenen Kollektivierung von 20 Prozent der Saatfläche die Aufgabe der Kollektivierung der überwältigenden Mehrheit der bäuerlichen Wirtschaft lösen können, wobei die Kollektivierung solcher •wichtigen Getreide-Rajons wie Untere Wolga, Mittlere Wolga und Nord-Kaukasus im wesentlichen im Herbst 1930 oder in jedem Fall im Frühjahr 1931 abgeschlossen sein wird; die Kollektivierung der anderen Getreide-Rajons kann im wesentlichen im Herbst 1931 oder in jedem Falle im Frühjahr 1932 abgeschlossen werden.
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3. Entsprechend dem wachsenden Tempo der Kollektivierung ist es notwendig, die Arbeit am Bau von Werken, die Traktoren, Kombinen* usw., Traktoren- und Anhängerzubehör produzieren, noch mehr zu verstärken, damit die vom Obersten Volkswirtschaftsrat gesetzten Fristen für die Beendigung des Baues neuer Werke in keinem Fall überschritten werden ...
4. Da die Lösung der Aufgabe einer durchgängigen Ersetzung des Pferdebestandes durch einen Bestand an maschineller Zugkraft nicht in kurzer Frist erfüllt werden kann, sondern eine Reihe von Jahren benötigt, fordert das CK der VKP/b, daß den Tendenzen zur Unterschätzung der Rolle der Pferdezugkraft im derzeitigen Stadium der Kolchosbewegung entschiedener Widerstand geleistet wird, Tendenzen, die zur Verschleuderung (razbazarivanie) und zum vollständigen Verkauf der Pferde führen. Das CK der VKP/b unterstreicht die außerordentliche Wichtigkeit unter den gegenwärtigen Bedingungen, als Uber-gangsmaßnahme in den Kolchosen Pferde- und Maschinen-Stützpunkte sowie einen Mischtyp von Traktoren- und Pferde-Stützpunkten zu schaffen, die die Zugkraft des Traktors mit der des Pferdes verbinden.
5. In Verbindung mit dem wachsenden Tempo der Kollektiv-Bewegung schlägt das CK dem Volkskommissariat der Union für Landwirtschaft vor, die Kräfte und Mittel zur Flurbereinigung derart umzugruppieren, daß die Flurbereinigungsbedürfnisse der Rajons mit durchgängiger Kollektivierung vollständig gesichert werden, unter Hintanstellung der individuellen Flurbereinigung mit Ausnahme einiger nationaler Rajons und einzelner Rajons des verbrauchenden Gürtels**, wo die Kollektiv-Bewegung noch keine breite Entfaltung erfahren hat.
6. In Übereinstimmung mit dem Dargelegten hält es das CK für absolut notwendig, die gesamte Kreditsumme im Kolchos-Sektor für 1929/30 von 270 Mill. Rubel auf 500 Mill. Rubel zu erhöhen und entsprechend die Kreditierung anderer Sektoren zu kürzen.
7. In Übereinstimmung mit den veränderten Bedingungen in den Rajons durchgängiger Kollektivierung müssen die Maschinen-Traktoren-Stationen, die im Allunions-Traktor-Zentrum vereinigt sind, ihre Arbeit auf folgende Grundlage umstellen:
* Gemeint sind Mähdrescher.
** Gemeint ist das Getreidezuschußgebiet.

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a) Verträge vorzugsweise, wenngleich nicht ausschließlich, mit Kolchosen;
b) Verpflichtungen der Bauern, den Wert der Stationen innerhalb von drei Jahren zu tilgen.
Gleichzeitig muß in den Rajons mit bedeutender Verbreitung von Sowchosen (z.B. Mittlere Wolga und einzelne Rajons des Nord-Kaukasus) der Typ einer kombinierten Wirtschaft erprobt werden, dessen wichtigste Grundlage der Sowchos bildet, der auf Vertragsbasis und gegen Bezahlung wirkt sowie den vertraglich verbundenen Kolchosen vor allem beim Pflügen mit dem Traktor und bei der maschinellen Ernteeinbringung Hilfe leistet.
8. Angesichts der besonderen Bedeutung der Kader schlägt das CK dem Volkskommissariat der Union für Landwirtschaft, dem Kolchozcentr* und den Gebietskomitees der Partei vor, die Arbeit zur Heranbildung von Kolchos-Kadern und zur Versorgung der Kolchosen mit ihnen zu beschleunigen, nachdem dafür ein breites Netz von Schnellkursen geschaffen worden ist. Zu den Schnellkursen sind in erster Linie beförderte Praktiker der Kolchosbewegung aus der Bauernschaft und Organisatoren der Kolchosbewegung aus den Reihen der Arbeiterbrigaden, die sich hervorgetan haben, heranzuziehen.
9. Da die Erfahrung der durchgängigen Kollektivierung im gegenwärtigen Stadium der Kolchosentwicklung als verbreitet-ste Form der Kolchosen anstelle der Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Bodenbearbeitung, in denen bei vergesellschafteter Arbeit das Privateigentum an Produktionsmitteln bewahrt wurde, das landwirtschaftliche Artel in den Vordergrund rückt, in dem die hauptsächlichen Produktionsmittel (totes und lebendes Inventar, Wirtschaftsgebäude, das für den Markt und den Produktenhandel bestimmte Vieh) kollektiviert sind, beauftragt das Zentralkomitee der VKP/b das Volkskommissariat der Union für Landwirtschaft damit, in kürzester Frist ein Muster-Statut des landwirtschaftlichen Kolchos-Artels auszuarbeiten, als Übergangsform der Kolchose zur Kommune; dabei muß berücksichtigt werden, daß die Aufnahme von Kulaken in die Kolchosen unzulässig ist.
10. Die Parteiorganisationen müssen die spontan von unten wachsende Kolchosbewegung leiten und ihr eine Form geben, damit dadurch eine Organisation tatsächlich kollektiver Produktion
* Das ist der Zentralverband der Kolchosen.

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in den Kolchosen sichergestellt wird und damit auf dieser Grundlage nicht nur erreicht wird, den vorgesehenen Plan zur Erweiterung der Saatfläche und zum Wachstum der Ernteerträge vollständig zu erfüllen, sondern auch entsprechend der Entscheidung des CK-Novemberplenums die jetzige Saatkampagne in einen Ausgangspunkt für einen neuen Aufschwung der Kolchosbewegung zu verwandeln.
11. Das CK der VKP/b unterstreicht die Notwendigkeit eines entschiedenen Kampfes gegen jeglichen Versuch, die Entwicklung der Kollektivbewegung aus Mangel an Traktoren und komplizierten Maschinen anzuhalten. Zugleich •warnt das CK sehr ernsthaft die Parteiorganisationen davor, in irgendeiner Weise die Kolchosbewegung von oben zu »dekretieren«; dies schafft die Gefahr, einen tatsächlich sozialistischen Wettbewerb um die Organisierung von Kolchosen mit einem Kollektivierungsspiel zu vertauschen.
137. Das Musterstatut des landwirtschaftlichen Artels vom I.März 1930
I. Zweck und Aufgaben.
l. Landproletarier, Kleinbauern, Mittelbauern der Ansiedlungen ... des Rajons ... des Kreises ... vereinigten sich freiwillig zum landwirtschaftlichen Artel, um mit gemeinsamen Produktionsmitteln und gemeinsam organisierter Arbeit große Kollektivwirtschaften zu schaffen und auf diese Weise den tatsächlichen vollen Sieg über den Kulaken, über alle Exploitatoren und Feinde der Werktätigen, den tatsächlichen und vollen Sieg über die Bedürftigkeit und den geistigen Tiefstand, über die Rückständigkeit der kleinen Individual-Wirtschaft sicherzustellen und eine hohe Arbeits- und Markt-Produktivität der Kollektivwirtschaft zu schaffen.
II. Vom Boden.
1. Alle Feldraine, die die Landstücke der einzelnen Artelmitglieder voneinander trennten, werden beseitigt und alle Bodenstücke werden in ein einziges Landmassiv zusammengetan, das sich in der kollektiven Nutzung des Artels befindet.
Bei der vollen Vergesellschaftung aller nutzbaren Ländereien bleiben der individuellen Nutzung die Böden um das Haus (Gemüsegärten, Gärten u. dgl.) überlassen, wobei dort, wo es

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notwendig ist, durch den Entscheid der Leitung des Artels nach Bestätigung der General-Versammlung die Ausmaße der Landstücke um das Haus verändert werden.
3. Das geschlossene Landmassiv der Artels darf in keinem Falle verkleinert werden. Die Zuteilung von Land an die ausgeschiedenen Anel-Mitglieder auf Kosten der Ländereien der Artels ist verboten. Die aus dem Artel Ausscheidenden können nur aus den freien Ländereien des staatlichen Landfonds Land erhalten.
III. Von den Produktionsmitteln,
4. Es werden vergesellschaftet das gesamte Arbeitsvieh, das landwirtschaftliche Inventar, das gesamte Marktproduktionsvieh, sämtliche Saatgutbestände, Futtermittel in Mengen, die notwendig sind für die Erhaltung des vergesellschafteten Viehes, Wirtschaftsgebäude, die für die Wirtschaftsführung des Artels notwendig sind und alle landwirtschaftlichen Nebenbetriebe. Die Wohngebäude der Artel-Mitglieder werden nicht vergesellschaftet.
Bei der Vergesellschaftung des landwirtschaftlichen Inventars wird der persönlichen Nutzung der Artel-Mitglieder das kleine landwirtschaftliche Inventar belassen, das zur Bearbeitung des Bodens um das Haus notwendig ist.
Aus dem vergesellschafteten Arbeitsvieh scheidet die Artelleitung im Falle der Notwendigkeit eine möglichst geringe Zahl von Pferden für die persönlichen Bedürfnisse der Artel-Mitglieder aus.
In Wirtschaften mit einer Kuh wird das Milchvieh nicht vergesellschaftet. In Wirtschaften mit mehr Kühen wird der persönlichen Nutzung eine Kuh überlassen, die übrigen werden vergesellschaftet. Aus dem vergesellschafteten Milchvieh werden Artel-Wirtschaften für die Marktproduktion gebildet.
Die Vergesellschaftung des Kleinviehes, d.h. von Schweinen und Schafen, wird in den Gebieten mit entwickelter gewerblicher Kleintierzucht durchgeführt, wobei den Artel-Mitgliedern eine bestimmte Menge von Kleinvieh belassen bleibt, deren Anzahl vom Artel festgesetzt wird. In Gebieten nichtgewerblicher Kleinviehzucht werden Schweine und Schafe nicht vergesellschaftet. Hausgeflügel wird nicht vergesellschaftet.
Neben der Belassung von Kleinvieh und Geflügel im Individualeigentum organisieren die Kolchosen die vergesellschaftete gewerbliche Kleinvieh- und Geflügelzucht.

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Als Versicherung gegen die Mißernten und Futterlosigkeit werden in den Artels unantastbare Saatgut- und Futterfonds geschaffen.
IV. Tätigkeit des Artels.
.....
V. Von der Mitgliedschaft.
.....
7. Als Mitglied des Artels können alle Werktätigen aufgenommen werden, die das sechzehnte Lebensjahr erreicht haben. Nicht aufgenommen werden in das Artel Kulaken und alle Personen, denen das Wahlrecht entzogen wurde. Ausnahmen aus dieser Regel sind für die Mitglieder solcher Familien zulässig, zu denen Personen gehören, die der Sowjetregierung ergeben sind: rote Partisanen, Rotarmisten, Rotflottenangehörige (Mannschaften und Offiziere), Dorf-Lehrer und -Lehrerinnen unter der Bedingung der Bürgschaft für die Mitglieder ihrer Familie.
Wirtschaften, die vor dem Eintritt in den Kolchos ihr Vieh schlachten oder verkaufen, ihr Inventar veräußern oder böswillig Saatgut verschleudern, werden nicht in das Artel aufgenom-
VI. Mittel des Artels.
8. Jeder ins Artel Eintretende muß eine Beitrittsgebühr in Höhe von zwei bis zehn Prozent des Wertes des gesamten auf ihn entfallenden vergesellschafteten und nicht vergesellschafteten Eigentumsanteiles am Hof, mit Ausnahme des Hausrates und der Dinge des persönlichen Gebrauchs, zahlen.
9. Vom Wert des vergesellschafteten Eigentums der Artel-Mitglieder (des Arbeits- und produktiven Viehes, des Inventars, der Wirtschaftsgebäude u. dgl.) wird ein Anteil in Höhe von einem Viertel bis zur Hälfte dem unteilbaren Fonds des Artels zugezählt, wobei ein größerer Prozentsatz für stärkere Wirtschaften angewandt wird. Der restliche Teil des Eigentums des Artel-Mitgliedes -wird seinem Gesellschaftsanteil gutgeschrieben.
10. Beim Ausscheiden eines Mitgliedes aus dem Artel rechnet die Leitung mit ihm ab und zahlt ihm den Geschäftsanteil zurück, wobei dem aus dem Artel Ausgeschiedenen ein Landstück

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nur außerhalb der Grenzen des Artel-Landes zugeteilt werden kann. Die Abrechnung wird in der Regel zum Schluß des Wirtschaftsjahres vorgenommen.
11. Von den sich zum Schluß des Wirtschaftsjahres ergebenden Einnahmen des Artels werden die wirtschaftlichen und die mit der Wirtschaft in Zusammenhang stehenden Ausgaben sowie die Ausgaben für den Unterhalt der Arbeitsunfähigen gedeckt, Abzüge für die unteilbaren und Gemeinschafts-Fonds (von 10 bis 30 Prozent für den unteilbaren Fonds, von 5 bis 15 Prozent für andere Gesellschafts-Fonds) und die Arbeitslohn-Abrechnungen vorgenommen.
VII. Organisation und Entlohnung der Arbeit.
12. Alle Arbeiten in der Wirtschaft des Artels werden von den persönlich arbeitenden Artel-Mitgliedern im Einklang mit den Regeln der inneren Ordnung, die von der Generalversammlung angenommen wurden, ausgeführt. Zu landwirtschaftlichen Arbeiten in Eohnarbeit dürfen nur Personen herangezogen werden, die über besondere Kenntnisse oder Spezialausbildung verfügen (Agronome, Ingenieure, Techniker u. dgl.).
14. Zur zweckmäßigen Organisation der Arbeit der Artelmitglieder werden Arbeitsnormen und Bewertungsnormen für die einzelnen Arbeitsarten aufgestellt, die Arbeitsmenge und -gute berücksichtigt und Stücklohn- sowie Akkordarbeit eingeführt.
15. Die Entlohnung der Arbeit der Artel-Mitglieder wird in folgender Weise durchgeführt: im Laufe des Wirtschaftsjahres werden für Verpflegungs- und andere Bedürfnisse der Artel-Mitglieder als Vorschuß (in Geld oder in Natura) nicht mehr als 50 Prozent des auf sie entfallenden Arbeitslohnes ausgegeben. Am Ende des Wirtschaftsjahres wird die endgültige Abrechnung des Arbeitslohnes durchgeführt.
ANMERKUNG. Von den Beträgen, die von den Artel-Mitgliedern in Gewerben außerhalb des Artels verdient werden, wird ein Abzug für den öffentlichen Fonds des Artels von drei, jedoch nicht mehr als zehn Prozent ausgeführt, wobei die Höhe der Abzüge in den genannten Grenzen vom Artel oder der Kolchos-Vereinigung festgesetzt wird. ...

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VIII. Maßnahmen der Einwirkung.
17. Alle Mitglieder des Artels verpflichten sich, sich den Forderungen der Satzungen, den Anordnungen der allgemeinen Versammlung und Leitung unterzuordnen, die Regeln der inneren Ordnung zu beachten, gewissenhaft die ihnen von der Leitung übertragenen Arbeiten auszuführen und ihren sozialen Verpflichtungen nachzukommen.
Die unwirtschaftliche und nachlässige Behandlung des vergesellschafteten Inventars und Viehes wird vom Artel als ein Verrat an der Sache der Kollektivierung, als eine praktische Unterstützung des Kulaken, des Feindes, angesehen.
Für solche unwirtschaftliche und nachlässige Behandlung des vergesellschafteten Eigentums, für das Fernbleiben von der Arbeit ohne entschuldbare Gründe und für andere Verletzungen der Disziplin belangt die Leitung die Schuldigen nach Maßgabe der Regeln der inneren Ordnung (z.B. Verweis, Warnung, zeitweilige Entfernung von der Arbeit, Strafe u. dgl.). Bei Unverbesserlichen stellt die Leitung des Artels vor der allgemeinen Versammlung die Frage des Ausschlusses aus dem Verband des Artels.
IX. Die Geschäftsführung des Artels.
18. Die Geschäfte des Artels führt die allgemeine Versammlung der Mitglieder und die Leitung. Wenn die Einberufung der allgemeinen Versammlung infolge der großen Zahl von Artel-Mitgliedern oder der verstreuten Lage der Ansiedelungen auf Schwierigkeiten stößt, tritt an die Stelle der allgemeinen Versammlung die Versammlung der Bevollmächtigten. Die Mitglieder der Bevollmächtigten-Versammlung werden von der Versammlung der Artel-Mitglieder für die einzelnen Ansiedelungen des Kolchoses gewählt.
Das oberste Verwaltungsorgan des Artels ist die allgemeine Versammlung (oder die Versammlung der Bevollmächtigten), sie entscheidet über die wichtigsten Fragen der Tätigkeit des Artels, wählt die Leitung und die Revisionskommission und bestätigt die Instruktionen für ihre Arbeit.
Die allgemeine Versammlung (oder die Versammlung der Bevollmächtigten) bedarf zu ihrer Beschlußfähigkeit die Anwesenheit von nicht weniger als der Hälfte der Mitglieder. Die Beschlüsse der allgemeinen Versammlung (oder der Versammlung der Bevollmächtigten) werden mit einfacher Stimmenmehrheit und öffentlicher Abstimmung angenommen.

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20. Die Leitung des Artels wird auf ein Jahr gewählt, sie ist das Vollzugsorgan des Artels und führt alle seine Geschäfte. Die Obliegenheiten der Wirtschaftsführung und -produktion des Artels werden von der Leitung unter ihre Mitglieder verteilt. Diese tragen für die ihnen übertragenen Geschäfte die volle Verantwortung und genießen die für die Durchführung ihrer Aufgaben notwendigen Rechte.
X. Wechselbeziehungen zum Kolchos-System.
22. Das Artel tritt als Mitglied der entsprechenden Kolchos-Vereinigung bei und arbeitet unter ihrer unmittelbaren Anleitung.
Auf der Grundlage seines Produktionsplanes schließt das Artel mit der ... Kolchos-Vereinigung Verträge über Kontrahierung ab, in denen die Verpflichtungen des Artels bezüglich der Organisation der landwirtschaftlichen Produktion und der planmäßigen Ablieferung der gesamten Marktproduktion an den Staat und die Genossenschaft festgesetzt sind sowie die Verpflichtung der Kolchos-Vereinigung und anderer staatlicher und genossenschaftlicher Organe, die Artels mit Produktionsmitteln und Verbrauchswaren zu versorgen und die Unterstützung des Artels mit Krediten und agronomischer Hilfe zu organisieren.
138. Stalin nimmt Anfang März 1930 das Kollektivierungstempo zurück - und spricht sich selbst das Urteil
... Es ist eine Tatsache, daß am 20. Februar dieses Jahres bereits 50 Prozent der Bauernwirtschaften in der UdSSR kollektiviert waren. Das bedeutet, daß wir bis zum 20. Februar 1930 den Fünfjahrplan der Kollektivierung zu mehr als 200 Prozent erfüllt haben ...
Aber Erfolge haben auch ihre Schattenseite, besonders wenn sie verhältnismäßig »leicht«, sozusagen »unerwartet«, erzielt werden. Solche Erfolge erzeugen zuweilen Eigendünkel und Überheblichkeit: »Wir können alles!«, »Für uns ist alles ein Kinderspiel!« Diese Erfolge machen nicht selten die Menschen trunken, dabei werden sie vor Erfolgen von Schwindel befallen, verlieren das Gefühl für das richtige Maß, verlieren die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu verstehen, es tritt die Tendenz zutage,

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die eigenen Kräfte zu überschätzen und die Kräfte des Gegners zu unterschätzen, es kommt zu abenteuerlichen Versuchen, alle Fragen des sozialistischen Aufbaus »im Handumdrehen« zu lösen. Da ist kein Platz mehr für die Sorge um die Verankerung der erzielten Erfolge und ihre planmäßige Auswertung für den weiteren Vormarsch. Wozu brauchen wir die erzielten Erfolge zu verankern, wir sind auch so imstande, »schnurstracks« zum vollen Siege des Sozialismus zu gelangen: »Wir können alles!«, »Für uns ist alles ein Kinderspiel!«
Daher die Aufgabe der Partei: einen entschiedenen Kampf gegen diese für die Sache gefährlichen und schädlichen Stimmungen zu führen und sie aus der Partei auszumerzen ...
Die Erfolge unserer kollektivwirtschaftlichen Politik erklären sich unter anderem daraus, daß diese Politik auf der Freiwilligkeit in der kollektivwirtschaftlichen Bewegung und auf der Berücksichtigung der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR beruht. Man kann nicht mit Gewalt Kollektivwirtschaften schaffen. Das wäre dumm und reaktionär. Die kollektivwirtschaftliche Bewegung muß sich auf die aktive Unterstützung der Hauptmassen der Bauernschaft stützen. Man darf nicht Musterbeispiele des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus aus den entwickelten Gebieten mechanisch auf unentwickelte Gebiete übertragen. Das wäre dumm und reaktionär. Eine solche »Politik« würde die Idee der Kollektivierung mit einem Schlage diskreditieren. Man muß bei der Bestimmung des Tempos und der Methoden des kollektivwirtschaftlichen Aurbaus sorgfältig die Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR berücksichtigen ...
Wem nützen diese Verzerrungen, diese bürokratische Dekretierung der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, diese ungebührlichen Drohungen gegen Bauern? Niemand außer unseren Feinden!
Wozu können sie führen, diese Verzerrungen? Zur Stärkung unserer Feinde und zur Diskreditierung der Ideen der kollektivwirtschaftlichen Bewegung.
Ist es nicht klar, daß die Urheber dieser Verzerrungen, die sich für »Linke« halten, in Wirklichkeit Wasser auf die Mühle des rechten Opportunismus leiten? ...
Kann man sagen, daß die Partei das wichtigste Kettenglied der kollektivwirtschaftlichen Bewegung im System des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus bereits ausgewählt hat? Ja, das kann und muß man sagen.

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Welches ist dieses wichtigste Kettenglied?
Vielleicht die Genossenschaft zur gemeinsamen Bodenbestellung? Nein, sie ist es nicht. Die Genossenschaften zur gemeinsamen Bodenbestellung, in denen die Produktionsmittel noch nicht vergesellschaftet sind, sind eine bereits überholte Stufe der kollektivwirtschaftlichen Bewegung.
Vielleicht die landwirtschaftliche Kommune? Nein, die Kommune ist es nicht. Die Kommunen sind vorläufig noch Einzelerscheinungen in der kollektivwirtschaftlichen Bewegung. Für die landwirtschaftlichen Kommunen als vorherrschende Form, bei der nicht nur die Produktion, sondern auch die Verteilung vergesellschaftet ist, sind die Bedingungen noch nicht herangereift.
Das -wichtigste Kettenglied der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, ihre gegenwärtig vorherrschende Form, die man jetzt anpacken muß, ist das landwirtschaftliche Artel.
Im landwirtschaftlichen Artel sind die wichtigsten Produktionsmittel, hauptsächlich die der Getreidewirtschaft, vergesellschaftet: Arbeit, Bodennutzung, Maschinen und sonstiges Inventar, Arbeitsvieh, Wirtschaftsgebäude. Nicht vergesellschaftet sind im Artel: das Hofland (kleinere Gemüse- und Obstgärten), Wohnhäuser, ein gewisser Teil des Milchviehs, Kleinvieh, Geflügel usw.
Das Artel ist das wichtigste Kettenglied der kollektivwirtschaftlichen Bewegung, weil es die zweckentsprechendste Form zur Lösung des Getreideproblems ist. Das Getreideproblem aber ist das wichtigste Kettenglied im System der gesamten Landwirtschaft, weil ohne seine Lösung weder das Problem der Viehzucht (Klein- und Großvieh) gelöst werden kann noch das Problem der gewerblichen Nutzpflanzen und Spezialkulturen, die der Industrie die wichtigsten Rohstoffe liefern. Aus diesem Grunde ist das landwirtschaftliche Artel gegenwärtig das wichtigste Kettenglied im System der kollektivwirtschaftlichen Bewegung ...
Kann man sagen, daß diese Einstellung der Partei ohne Verstöße und Verzerrungen in die Tat umgesetzt wird? Nein, das kann man leider nicht sagen. Es ist bekannt, daß in einer Reihe von Gebieten der UdSSR, wo der Kampf um die Existenz der Kollektivwirtschaften bei weitem noch nicht beendet ist und wo die Artels noch nicht verankert sind. Versuche gemacht
werden, aus dem Rahmen des Artels heraus- und sofort zur landwirtschaftlichen Kommune hinüberzuspringen. Das Artel ist noch nicht verankert, aber schon werden Wohnhäuser,

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Kleinvieh und Geflügel »vergesellschaftet«, wobei diese »Vergesellschaftung« in bürokratisch-papiernes Dekretieren ausartet, denn noch fehlen die Bedingungen für eine solche Vergesellschaftung. Man könnte glauben, das Getreideproblem in den Kollektivwirtschaften sei bereits gelöst, es stelle eine bereits überholte Stufe dar, die grundlegende Aufgabe bestehe gegenwärtig nicht in der Lösung des Getreideproblems, sondern in der Lösung des Viehzucht- und Geflügelzuchtproblems. Es fragt sich, wem nützt diese törichte »Arbeit«, bei der die verschiedenen Formen der kollektivwirtschaftlichen Bewegung in einen Topf geworfen werden? Wem nützt dieses dumme und für die Sache schädliche Vorauseilen? Den Kollektivbauern reizen durch »Vergesellschaftung« der Wohnhäuser, des gesamten Milchviehs, des gesamten Kleinviehs, des Geflügels, während das Getreideproblem noch nicht gelöst, die Artelform der Kollektivwirtschaften noch nicht verankert ist - ist es nicht klar, daß eine solche »Politik« nur unseren geschworenen Feinden gelegen kommen und vorteilhaft sein kann? ...
Ich rede schon gar nicht von den, mit Verlaub zu sagen, »Revolutionären«, die die Organisierung des Artels mit dem Herunterholen der Kirchenglocken beginnen. Die Kirchenglocken herunterholen - man denke nur, was für eine revolutionäre Tat!
Wie konnte es in unserer Mitte zu diesen törichten »Verge-sellschaftungs«übungen, zu diesen lächerlichen Versuchen kommen, über seinen eigenen Schatten zu springen, zu Versuchen, die das Ziel haben, die Klassen und den Klassenkampf zu umgehen, in Wirklichkeit aber Wasser auf die Mühle unserer Klassenfeinde leiten? ...
Dazu konnte es nur durch die Tatsache kommen, daß einige unserer Genossen vor Erfolgen von Schwindel befallen wurden und für einen Augenblick die Klarheit des Verstandes und die Nüchternheit des Blicks verloren haben.
139. Die Optimalvariante des l. Fünf jahrplanes gilt 1930 als überholt, der Plan soll nun in vier Jahren erfüllt werden
... Gegenwärtig werden die Ergebnisse der Erfüllung des Plans für das erste Jahr des Fünf jahrplans bilanziert und die Konturen der Aufgaben für das zweite Jahr genau umrissen. Die Aufgaben des Perspektivplans werden in der Praxis seiner Erfüllung

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überprüft. Die Erfahrungen der vergangenen Periode haben gezeigt, daß es sogar in der Optimalvariante nicht gelungen ist, die Möglichkeiten der Vorwärtsbewegung vollständig zu erfassen, über welche die sich in sozialistischer Richtung umwandelnde UdSSR verfügt. Für eine ganze Reihe von Elementen des Plans wurden - kurz nach seiner Verabschiedung - Aufgaben in einem Maßstab gestellt, der die Fünf Jahresfrist der Erfüllung bedeutend abkürzt. Das faktische Tempo der Erfüllung anderer Aufgaben - der Kollektivierung der Landwirtschaft — wirft die Frage nach der Möglichkeit auf, den Fünfjahrplan in diesem Teil in der halben Frist zu erfüllen. Eine der populärsten Tageslosungen wurde die Forderung: »Erfüllen wir den Fünf jahrplan in vier Jahren.« Der schöpferische Aufschwung und Enthusiasmus erlauben es, immer neue Möglichkeiten und Ressourcen zu erschließen, und garantieren eine bedeutende Beschleunigung des Tempos, wie es im Fünfjahrplan vorgesehen war. Die Konkretisierung der Entwicklungsperspektiven und die Formulierung der praktischen Aufgaben im Perspektivplan spielten eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung der Energie von Millionen, die somit unsere Vorwärtsbewegung beschleunigt ...
140. Während des Umbruchs wächst noch einmal die Begeisterung, neue Eebensformen zu erproben: Jugend- und Arbeitskommunen Ein Bericht von Klaus Mehnert, 1930
Eine bedeutende Rolle spielte in jener Zeit die Errichtung von Kommunen. Viel Geld und Energie wurde darauf verwandt, in solchen Wohnheimen Jugendlicher die kommunistische Form des Gemeinschaftslebens zu verwirklichen. Heute sind diese Bestrebungen in den Hintergrund gerückt. Man ist nüchterner geworden. Man gibt offen zu, daß es wenig Sinn hat, jetzt schon auf kleinen Inseln das letzte Stadium der sozialen Entwicklung, den Kommunismus, vorwegzunehmen, während ringsherum das ganze Land sich noch in der Liquidation des NEP, in den allerersten Anfängen des Sozialismus befindet. Die Schaffung von Kommunen ist trotz des großen Eifers, mit dem man sie betrieb, mehr eine Verlegenheitsaufgabe gewesen. Deren bedarf es heute nicht mehr.
Seit dem Herbst 1928 hat der Komsomol ebenso wie das ganze russische Volk eine höchst konkrete und eindeutige Aufgabe,

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die die Anspannung aller seiner Kräfte fordert - die Erfüllung des Fünf jahrplans. In diesem jüngsten Stadium des sozialistischen Aufbaues fällt der Jugend eine besondere Rolle zu, und das Gigantische des Unternehmens, das Militärische seiner Ausführung, kommt dem Wesen der Jugend stark entgegen. Die Idee der Planwirtschaft, der Gedanke, in einem Jahrfünft die technische Entwicklung des kapitalistischen Westens »einzuholen und zu überholen«, der Wille zur Autarkie, zur Unabhängigkeit vom Ausland, berauschte die darbenden Massen. Gleichsam als wäre der Anschluß an den Bürgerkrieg aufs neue gefunden, so verschwand die unheroische Bürgerlichkeit der NEP-Zeit. Die Traditionen des Bürgerkrieges, Kampflust und kriegerische Stimmung, flammten wieder auf. Das Graue, Alltägliche, Unheldische ... das in Rußland in unzähligen Komsomolzen den Eindruck erweckt hatte, man habe im NEP die Ideale der Revolution verraten, das war mit dem Beginn des Fünfjahrplans endgültig überwunden. Alle schlummernden Kräfte wurden zu neuem Leben erweckt, und als ich in jenem ersten Jahr der »Pjatiletka«* durch die Sowjetunion fuhr, war jede einzelne Phase des staatlichen, wirtschaftlichen und auch persönlichen Lebens bis hinein in das ferne Sibirien vom Fünfjahrplan erfüllt ...
[Dabei stieg die Anziehungskraft der Kommunen noch einmal an, wie ein Beispiel von 1930 zeigt:]
Ein stetiges Wachstum der Jugendkommunen ist offensichtlich. Die Zahl ihrer Mitglieder hat schon eine sechsstellige Ziffer erreicht, allein in Leningrad leben gegen 10000 Studenten kollektiviert. Von wesentlich größerer Bedeutung für die gegenwärtige Entwicklung in der Sowjetunion als die Studentenkommunen sind die Kommunen, die sich an den industriellen Werken bilden. Auch hier ein Beispiel:
Auf einer Dampfmühle im Nordkaukasus arbeitete ein junger Bursche, Sorokin. Aus den Zeitungen las er vom Bau des »Autostroj«, der Automobilfabnk der Sowjetunion. Der Wunsch erwachte in ihm, dort mitzuarbeiten. Er besuchte in der nächsten Stadt technische Kurse und organisierte unter den Studenten eine Stoßbrigade. Nach Kursschluß meldeten sich alle zwei-undvierzig Absolventen, angesteckt von dem Enthusiasmus Sorokins, zum Autostroj. Am 18. Mai 1930 trafen sie ein. Zweiundzwanzig unter ihnen bildeten unter der Führung von
* Das ist der Fünfjahrplan.

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Sorokin eine Arbeitskommune, jeder gab seinen Lohn in eine gemeinsame Kasse, aus der alle Ausgaben bestritten wurden. Es war eine ausgesprochene Jugendkommune, niemand war über zweiundzwanzig Jahre alt. Achtzehn gehörten dem Komsomol an, einer der Partei, drei waren parteilos.
Der jugendliche Enthusiasmus, mit dem sie sich an die Arbeit machten, ihr Ehrgeiz und ihre Unermüdlichkeit fielen bald den anderen Arbeitern auf die Nerven. Auch der Direktor schikanierte sie und hetzte sie überall herum, statt sie, wie es ihr Wunsch war, an einer einzigen Stelle geschlossen einzusetzen. Da gelang es Sorokin, die Absetzung des Direktors durchzudrücken. Der Nachfolger hatte mehr Verständnis für die Kommune. Sofort meldete sie sich auf einen besonders schwierigen Posten, an dem der Plan nur zu 30 Prozent erfüllt war. Ein Sumpfgelände mußte trockengelegt werden. Sie arbeitete bis an die Knie im Wasser stehend. Vier Kommunarden, darunter die einzige Frau der Kommune, traten aus, sie waren den Strapazen nicht gewachsen. Die achtzehn Übriggebliebenen aber hatten sich zu einer festen, kampffrohen Schar zusammengeschweißt und arbeiteten wie die Wilden. Es herrschte unter ihnen eine eiserne Disziplin. Sie beschlossen sogar, jeden, der länger als zwei Stunden die Arbeit versäumt, aus der Kommune zu werfen. Ein Kommunarde, der sich tatsächlich dieses Vergehens zu Schulden kommen ließ, wurde, obgleich alle ihn gern hatten, mitleidlos ausgeschlossen.
Bald war der Plan zu 200 Prozent erfüllt. Der Ruhm der Kommune Sorokin drang in die entferntesten Winkel des Werkes. Jetzt wurde sie systematisch an allen schwierigen und unbefriedigenden Punkten eingesetzt. Überall riß sie die anderen Arbeiter mit, so etwa wie einst im Kriege das Erscheinen einer ruhmgekrönten Jagdstaffel Zuversicht und Kampflust an die gefährdeten Frontabschnitte brachte. Es kam vor, daß die Kommunarden von den 24 Stunden des Tages 20 arbeiteten. Diese angespannte gemeinsame Tätigkeit schloß sie eng aneinander. Es gelang ihnen, zwei Zelte zu beschaffen, wo sie gemeinsam wohnen und essen konnten. So entwickelten sie sich zu einer Vollkommune.
Das Beispiel zündete. Als Sorokin und seine Kameraden kamen, hatte es auf dem ganzen Werk 68 Stoßbrigaden mit 1691 Udarniki+ gegeben, die einzige Kommune bildeten sie selbst.
+ Das sind Stoßarbeiter.

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Ein halbes Jahr später, im Herbst 1930, bestanden schon 253 Brigaden, darunter sieben Kommunen. Im Frühjahr 1931 stieg die Zahl der Stoßbrigaden weiter auf 339, die der Udarniki auf 7023, die der Kommunen auf dreizehn. In Anerkennung seiner Verdienste erhielt der Brigadier Sorokin den Orden der Roten Fahne ...
141. Besuch in einem Heim für verwahrloste Jugendliche Hans Siemsen 1930
... Den Ausländern, die sich für Besprisornihäuser* interessieren, zeigt man in Moskau am liebsten eine Musteranstalt. Es ist die Besprisorni-Anstalt der GPU, der geheimen politischen Polizei. Die GPU ist wohl versorgt und wohlhabend, besser versorgt noch als die Rote Armee. Auch ihre Besprisorni-Anstalt ist wohl versorgt, ja reich versorgt. Es ist eine Musteranstalt.
Ich will von einer anderen Anstalt erzählen. Es ist keine Anstalt, es ist ein Heim für Besprisorni, ein wirkliches Heim. Nicht reich, nicht wohl versorgt, sondern bitter arm. Eine ehemalige »Töchterschule« in einer kleinen Seitenstraße Moskaus**.
Ich weiß ein bißchen Bescheid in den Problemen der Fürsorgeerziehung, weiß, wie -wichtig unter anderm die Wohn- und Raumfrage ist. Ich würde vor diesem mittelgroßen Hause sagen: »Hier sollte man höchstens dreißig Kinder unterbringen. Aber da wir Wohnungsnot haben, werden wir versuchen, sechzig unterzubringen.«
In diesem mittelgroßen Haus in Moskau wohnen, schlafen, leben, werden unterrichtet und spielen hundert Jungen im Alter von zehn bis achtzehn Jahren. Tagsüber kommen noch hundert »Halbverwahrloste« hinzu. Jungen und Mädel, die nachts über zu Hause sind bei Eltern oder Verwandten. Außer diesen zweihundert Kindern aber wohnen in diesem Hause, das ausreichenden Platz vielleicht für eine Schar von sechzig Jungens hätte, noch vierzig fremde Familien, die nichts mit der Anstalt, dem Heim, der Schule zu tun haben ...
Nicht alle Besprisorni-Anstalten in Rußland sind »frei«, man wendet auch Zwang an. Die Meinungen darüber sind eben verschieden. Diese Anstalt ist eine »freie« Anstalt. Die Jungens
* besprizornye: Erklärung siehe Glossar.
** Gemeint ist die »Industrielle Kommune Komintern«

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könnten jeden Tag fortlaufen, wenn sie wollten, aber seit drei Jahren ist keiner mehr fortgelaufen.
Der Tag fängt um halb acht an. Um acht Uhr Frühstück. Dann gehen die Jungens in die Werkstatt, die fünf Minuten weit entfernt liegt, und arbeiten bis ein Uhr. Möbeltischlerei und Schlosserei. Von ein bis zwei Uhr Mittagessen und Mittagpause. Von zwei bis vier Uhr Schulunterricht. Um fünf Uhr Tee, von fünf bis zehn Uhr »Klub«, dazwischen um sieben Uhr das Abendessen.
Vormittags, während die hundert Jungens, die im Hause wohnen, in der Werkstatt sind, kommen die hundert »halbverwahrlosten« Mädel und Jungens, die zu Hause, in der Stadt, schlafen, und haben Unterricht. Gemeinsames Mittagessen. Dann, wenn die hundert Hausbewohner Unterricht haben, gehen die auswärtigen Hundert in die Werkstatt. Der »Klub« ab fünf Uhr ist wieder gemeinsam, auch das Abendessen. Um acht Uhr gehen die Auswärtigen nach Hause, um zehn Uhr die ändern schlafen. Wer ausgehen will, muß es anmelden und soll um zehn Uhr wieder zu Hause sein.
»Und wenn er nicht um zehn Uhr zu Hause ist?«
»Das geht uns Erzieher und Lehrer nichts an. Das ist Sache der Kinderkommune. Die Kinder selber halten Gericht und erteilen Verweise.«
»Bestrafen sie auch?«
»Ja, auch das. Wenn zum Beispiel jemand wiederholt erst nachts nach Hause kommt, so kann er von Ämtern und Ehrenämtern ausgeschlossen werden oder auch vom ›Klub‹. Treibt einer es ganz schlimm, stört Arbeit, Unterricht und das ganze Zusammenleben, so kann die Kinderkommune ihn ganz aus der Anstalt ausschließen. Das ist aber bisher nur einmal passiert. Nach einigen Wochen kam der Junge wieder, bat, wieder aufgenommen zu werden, und ist jetzt einer unserer beliebtesten und angesehensten Jungen in der Kommune.« ...
»Wenn sie nun so kommen, von der Straße, ist es da nicht sehr schwer, sie an ein geregeltes Leben zu gewöhnen?« »Vieles ist schwer. Zuerst verstehen sie zum Beispiel nicht, in einem Bett zu schlafen. Sie kennen es nicht, haben Furcht davor. Sie schlafen lieber unter dem Bett, auf dem Fensterbrett, im Flur, auf der Treppe, wie sie es gewohnt sind. Aber da ihnen niemand etwas sagt, gewöhnen sie sich. Eines Tages liegen sie im Bett, wie die ändern. Dann freuen wir uns alle, denn das ist der Anfang. Aber wir sagen natürlich nichts.«

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»Aber, wie bringt man sie zur Arbeit?«
»Man bringt sie nicht. Zur Arbeit kann man ja niemanden zwingen. Sie kommen von selber, wenn man nur lange genug wartet. Es wird ihnen auf die Dauer zu langweilig ohne Arbeit. ... Die Kinder helfen auch ein bißchen nach. Sie sind sehr dafür, daß nicht sie allein, sondern alle arbeiten! Ein ›Neuer‹ sagte patzig: ›Na, ich werde mir das hier mal ansehen! Mal sehen, wie's mir hier gefällt!‹ Da antwortete ihm einer der Kleinsten: ›Du kannst ja wieder weggehen! Du sollst hier nicht sehen, du sollst arbeiten! Willst uns wohl hier das Essen wegfressen?‹ Ein paar Tage später fing der Junge an zu arbeiten.«
»Und wenn nun einer nicht anfängt, was machen Sie dann?«
»Ich weiß nicht, was wir machen würden. Es ist Sache der Kommune. Wenn es gar nicht geht, werden sie ihn wohl ausschließen. Aber bisher ist es noch nicht passiert, - bis auf den einen Fall. Wir Erzieher, wir sagen gar nichts. Früher haben wir was gesagt. Aber das hatte immer einen schlechten Erfolg. Man muß nur Geduld haben, das ist das Beste.« ...
»Dürfen die Jungens rauchen?«
»Ja, das kann man nicht ganz verbieten. Sie werden sonst krank. Sie sind es zu sehr gewöhnt. Es ist ihre Hauptnahrung, bevor sie zu uns kommen. In den Schlaf- und Schulzimmern ist es natürlich verboten, auch in der Werkstatt. In einem besonderen Zimmer und in den Gängen ist es erlaubt. Wer ›Pionier‹ werden will, muß es ganz lassen. Sie rauchen nicht viel, es ist zu teuer, aber sie tun es gerne.« ...
142. Kampf dem Bürokratismus durch Arbeiterpatenschaften über Sowjet-Institutionen und durch den Aufstieg von Arbeitern in den Sowjetapparat
Aus einem Beschluß von Zentralkomitee und Zentraler Kontrollkommission der Kommunistischen Partei vom 16. März 1930
l. CK und CKK messen dem Kampf gewaltige Bedeutung bei, der sich in den letzten Monaten unter der Führung der CKK-RKI* zu entwickeln begonnen hat und in Verbindung steht mit einer Säuberung des Sowjet-Apparates durch einen
* Zentrale Kontrollkommission - Arbeiter- und Bauerninspektion (beide Organe waren seit 1923 verbunden; vgl. Glossar im l. Band dieser Dokumentation.)

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massenhaften Kampf der Arbeiter gegen den Bürokratismus und andere Mängel des Sowjet-Apparates, in Form einer Patenschaft der Betriebe und Fabriken über die Sowjet-Institutionen. Diese Form der massenhaften Arbeiterkontrolle von unten, entstanden aus der Erhöhung der politischen Aktivität der Arbeiterklasse auf der Grundlage des wirtschaftlichen Aufschwungs des Landes und des Angriffs gegen kapitalistische Elemente, ist eine der besten Formen der Beteiligung von Arbeitern (die in der Produktion bleiben) an der Verwaltung des Staates ...
3. Die gewaltige Bedeutung der Patenschaft liegt nicht nur in der Unterstützung der RKI während der Säuberung des Sowjet-Apparates. CK und CKK sind der Ansicht, daß die grundlegende Aufgabe der massenhaften Arbeiterkontrolle von unten darin besteht, daß nach dem Ende der Säuberung die Paten-Fabriken ihre Arbeiterbrigaden unter Führung der RKI festigen für eine ständige systematische Kontrolle über die Erfüllung der wichtigsten Direktiven von Partei und Regierung seitens der einzelnen Abteilungen des Apparates der Patenschaftsinstitution. Eine solche Festigung und praktische Überprüfung der Arbeit durch Arbeiterbrigaden unterstützt die Durchsetzung einer klaren Klassenlinie in der Arbeit des Apparates, dessen systematische Säuberung von ungeeigneten und bürokratischen Elementen und die weitere Vereinfachung seiner Arbeit. Diese Einbeziehung der Arbeiter in die ständige Überwachung der Arbeit der Sowjet-Institutionen stärkt die tatsächliche Verbindung der Arbeiter mit dem Sowjet-Apparat.
4. CK und CKK weisen darauf hin, daß die Heranziehung der Arbeiterbrigaden zur massenhaften Überprüfung und Kontrolle der Arbeit des Sowjet- Apparates auf der Grundlage ihres täglichen Umgangs mit der praktischen Arbeit der Sowjet-Institutionen große Bedeutung hat bei der Vorbereitung von Kadern aus dem Proletariat, die voll und ganz für die Beförderung zur ständigen verantwortungsvollen Arbeit im Sowjet-Apparat geeignet sind ...
6. Die nächsten Aufgaben der Patenschaftsbetriebe und -fa-briken müssen darin bestehen, daß sie unter Führung der RKI
a) Arbeiterbrigaden für die aktive Teilnahme an der Säuberung des Sowjet-Apparates aussondern;
b) Beförderte aus der Zahl der aktiven Teilnehmer der Patenbrigaden, die sich mit der Säuberung der jeweiligen Institution befassen, zur ständigen Mitarbeit im Apparat der letzteren auswählen;
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c) nach Beendigung der Säuberung eine Reihe von Arbeiterbrigaden einzelnen sehr •wichtigen Teilen des durch Patenschaft betreuten Apparates zur ständigen Überprüfung und Beobachtung der Richtigkeit der Arbeit dieser Teile zuweisen ...
7. CK und CKK schlagen vor, in kürzester Frist einen entscheidenden Umschwung bei der Beförderung von Arbeitern und Arbeiterinnen in den Sowjet-Apparat herbeizuführen, indem nicht ein formaler planloser Zugang (in der Art einer Kampagne) geduldet, sondern eine systematische Arbeit hinsichtlich der Beförderung geleistet wird.
143. Die Arbeiter sollen an der Planung beteiligt werden
Aus dem Beschluß des Präsidiums des Zentralrates der Gewerkschaften der UdSSR (VCSPS) über die Teilnahme der Gewerkschaften an der Aufstellung der Kontrollziffern für 1930/31 vom 28. April 1930
... l. Das Präsidium des VCSPS fordert alle Gewerkschaftsorganisationen über die Produktionsberatungen und Zeitweiligen Kontrollkommissionen auf:
a) ohne die Normen der Vereinigungen, Trusts, Behörden usw. abzuwarten, sofort in den Unternehmen und Fabrikabteilungen zu beginnen, die Vorschläge der Arbeiter der Produktionsberatungen und Zeitweiligen Kontrollkommissionen durchzuarbeiten, die darauf gerichtet sind, maximale Quali-täts- und Quantitäts-Kennziffern in der Produktion zu erreichen;
b) für die Durchführung der Vorbereitungsarbeit zur Aufstellung der Kontrollziffern in den Unternehmen und großen Abteilungen Arbeiterbrigaden oder VKK* zu organisieren, die zusammen mit den ingenieur-technischen Arbeitern diese Arbeit leisten und Material vorbereiten für die Fragestellung auf den Produktionsberatungen, Konferenzen und allgemeinen Versammlungen;
c) auf lokaler Ebene ein freiwilliges Aktiv aus Ökonomen, Ingenieuren und anderen Arbeitern, die in verschiedenen Einrichtungen arbeiten, zu organisieren, das die unteren Organisationen bei ihrer Plantätigkeit berät und ihnen hilft. Bei dieser
* Das sind zeitweilige Kontrollkommissionen.

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Tätigkeit geht es darum, die zweckmäßigsten Methoden auszuarbeiten, Vorbereitungsmaterialien für die Kontrollziffern zu sammeln und diese Materialien zu analysieren ...
2. Die Brigaden in der Abteilung müssen die Belastungsstufe jeder Maschine, die Möglichkeit der besten und längsten Nutzung der Ausstattung, der Bedienung der Maschine durch Arbeiter mit entsprechender Qualifikation usw. klären. Auf der Grundlage dieser Prüfung muß die Arbeiterbrigade annähernd festsetzen, um wieviel die Produktion der jeweiligen Maschine oder des jeweiligen Aggregats gesteigert werden kann, wie man Arbeitskraft, Brennstoff, Energie und Rohstoff sparen kann, wie sich dies auf die Senkung der Selbstkosten des Erzeugnisses auswirkt.
3. Für die Abteilung muß die Arbeiterbrigade oder die VKK die möglichen Fortschritte bei der besten Nutzung der ganzen Abteilungsausstattung, die Möglichkeit einer rationellen Ausnutzung des Arbeitstages und einer Normrevision, den Bedarf an Arbeitskräften und technischem Personal klären. Besondere Aufmerksamkeit ist auf die Prüfung und Ausarbeitung von Maßnahmen zu richten, die notwendig sind, um günstige Verhältnisse für die Entfaltung des sozialistischen Wettbewerbs und der Aktivistenbewegung (Stoßarbeiter) in der Abteilung zu schaffen. Diese Angaben müssen zusammen mit Überlegungen über einen möglichen Rationalisierungsplan innerhalb der Abteilung, über einen Bauplan in der Abteilung, über ihre Erweiterung und Reorganisation der Bestimmung der Produktionsmöglichkeiten der gesamten Abteilung zugrunde liegen.
4. Die Gesamtbetriebsorganisation (Produktionsberatungen, VKK oder FZMK*) müssen bei der Zusammenfassung der von den Brigaden in den Abteilungen erhaltenen Angaben das Ausmaß der Mittel prüfen, die für die Verwirklichung der von der Verwaltung beschlossenen Vorschläge und der Erfindungen der Arbeiter notwendig sind. ...
5. Die Brigaden, die die Vorbereitungsarbeit für die Kontrollziffern leisten, müssen ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen richten ...
* Das ist das lokale Fabrikkomitee.

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144. Das Alltagsleben soll umgestaltet werden, aber die Debatte über die sozialistische Lebensweise der Zukunft wird abgebrochen
Ein Beschluß des CK der Kommunistischen Partei vom 16. Mai 1930
Der erfolgreiche Verlauf des sozialistischen Aufbaus, speziell der Industrialisierung des Landes, schafft bereits in der gegenwärtigen Etappe die notwendigen Voraussetzungen für eine planmäßige Arbeit auf dem Gebiet der Umgestaltung des Alltagslebens nach sozialistischen Grundsätzen. Der Enthusiasmus der Arbeitermassen bei der möglichst raschen Erfüllung des Fünfjahrplans beginnt, auch das Alltagsleben zu ergreifen. In einer Reihe von Betrieben werden Brigaden zu Fragen des Alltagslebens (bytovye brigady) geschaffen, die in den sozialistischen Wettbewerb mit der Genossenschaft eintreten, die Patenschaft und Kontrolle über die Organisation gesellschaftlicher Speiseeinrichtungen, Kinderkrippen, Kindergärten u.a. übernehmen.
Die Parteiorganisationen müssen dieser Bewegung in umfassender Weise helfen und sie mit ihren Ideen leiten. Die örtlichen Sowjets, Gewerkschaften und Genossenschaften müssen die praktische Entscheidung der Aufgaben übernehmen, die mit dieser Bewegung verbunden sind. Den einzelnen Initiativen der Arbeiter gegenüber, die zur Umgestaltung des Alltagslebens unternommen werden, ist größte Aufmerksamkeit zuzuwenden; sorgfältig sind die Keime des Neuen zu studieren, und es muß in jeder Weise dabei geholfen werden, sie ins Leben zu überführen.
Das Zentralkomitee bemerkt, daß es neben den Keimen der Bewegung für ein sozialistisches Alltagsleben äußerst unbegründete, halbphantastische und deshalb außerordentlich schädliche Versuche einzelner Genossen gibt, »mit einem Sprung« jene Hindernisse auf dem Weg zu einer sozialistischen Umgestaltung des Alltagslebens zu überspringen, die einerseits in der ökonomischen und kulturellen Rückständigkeit des Landes, andererseits in der Notwendigkeit begründet sind, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Maximum an Ressourcen auf die möglichst rasche Industrialisierung des Landes zu konzentrieren, die allein die realen materiellen Voraussetzungen für eine grundlegende Umstrukturierung des Alltagslebens schafft. Zu diesen Versuchen einiger Mitarbeiter, die ihr opportunistisches

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Wesen hinter einer »linken Phrase« verbergen, zählen die in der letzten Zeit in der Presse aufgetauchten Projekte zur Neuplanung der existierenden Städte und zum Aufbau von neuen Städten ausschließlich auf Kosten des Staates, wobei alle Seiten des Alltagslebens der Werktätigen unverzüglich und vollständig vergesellschaftet werden sollen: die Ernährung, der Wohnraum, die Erziehung der Kinder, die von den Eltern getrennt werden sollen, wobei die Alltagsbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern zu beseitigen seien, die individuelle Speisezubereitung administrativ untersagt werden soll usw. Die Durchführung dieser schädlichen, utopischen Prinzipien, die nicht die materiellen Ressourcen des Landes und den Grad der Vorbereitung der Bevölkerung in Betracht ziehen, würde zu einer gewaltigen Verschwendung von Mitteln und zu einer ungeheuren Diskreditierung der Idee einer sozialistischen Umgestaltung des Alltagslebens selbst führen.
Somit beschließt das Zentralkomitee:
1. Der Rat der Volkskommissare der UdSSR soll innerhalb von fünfzehn Tagen Hinweise über die Regeln für den Bau von Arbeitersiedlungen und einzelnen Wohnhäusern für die Werktätigen geben. Diese Hinweise sollen die Entwicklung gesellschaftlicher Dienstleistungen für das Alltagsleben der Werktätigen vorsehen (Wäschereien, Bäder, Fabrik-Küchen, Kindereinrichtungen, Kantinen u.a.), und zwar sowohl in den neu errichteten als auch in den bestehenden Städten und Siedlungen.
2. Beim Bau von Arbeitersiedlungen in der Nähe der neuen Großbetriebe (Stalingrad, Dneprostroj, Magnitogorsk, Celjabinsk u. a.) ist für einen ausreichenden Grüngürtel zwischen den Produktions- und den Wohnzonen, für Straßen und Verkehrsverbindungen zu sorgen; diese Siedlungen sind mit Wasserleitung, elektrischer Beleuchtung, Bädern, Wäschereien, gesellschaftlichen Speiseeinrichtungen, Kindereinrichtungen, Klubs, Schulen und Einrichtungen für medizinische Hilfe auszustatten. Beim Neubau sind allgemein zugängliche hygienische Einrichtungen sowie auch Maßnahmen zur Hebung des Komforts in maximalem Umfang sicherzustellen; gleichzeitig sind alle Maßnahmen für eine höchstmögliche Verbilligung des Bauwesens zu ergreifen.
3. Entsprechend diesen Aufgaben ist die Aufmerksamkeit aller Parteiorganisationen auf die Notwendigkeit zu konzentrieren, die Arbeit zugunsten einer maximalen Mobilisierung

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der Mittel der Bevölkerung selbst für den Wohnungsbau über die Wohnungsbaugenossenschaft erheblich zu intensivieren.
4. Angesichts der bestehenden Unklarheiten bei der Finanzierung der verschiedenen kulturellen und Dienstleistungseinrichtungen durch die Wirtschaftsorgane und Gewerkschaftsorganisationen werden das Volkskommissariat für Arbeit der UdSSR und der Zentralrat der Gewerkschaften der UdSSR beauftragt, gemeinsam mit der Genossenschaft dringende Maßnahmen zur Regelung und Ausweitung der Finanzierung der Umgestaltung des Alltagslebens zu ergreifen.
5. Die Kommission zur Umgestaltung des Alltagslebens beim Volkskommissariat für Arbeiter- und Bauern-Inspektion der UdSSR hat auf die Durchführung dieses Beschlusses zu achten.
6. Der Rat der Volkskommissare der UdSSR soll dem Obersten Volkswirtschaftsrat der UdSSR eine Direktive übermitteln, beginnend mit diesem Wirtschaftsjahr die Produktion von Ausrüstungen für die Versorgung der Werktätigen rnit Dienstleistungen auszuweiten (Fabrik-
[Groß-]Küchen, mechanisierte Wäschereien, öffentliche Speiseeinrichtungen u.a.) und die Frage nach einer Ausweitung der Finanzierung von Maßnahmen zur Umgestaltung des Alltagslebens zu erörtern.
145. Bei der weiteren Entwicklung der Kollektivwirtschaften sollen Fehler vermieden werden
Auszüge aus der Resolution des 16. Parteitages der VKP/b >Über die Kolchos-Bewegung und den Aufschwung der Landwirtschaft, 13. Juli 1930
... Als Ergebnis der massenhaften Entwicklung von Kolchosen und Sowchosen sowie der begonnenen Liquidierung des Kula-kentums verändert sich insbesondere die Wechselbeziehung zwischen den verschiedenen ökonomischen Systemen in der Wirtschaft der UdSSR, zumal zusätzlich zum sozialistischen System, das die Industrie darstellt, ein sozialistisches System in der Landwirtschaft der UdSSR in Erscheinung tritt, das das kapitalistische System verdrängt ...
Der Kongreß hält es für notwendig zu bemerken, daß die Partei diesen Umschwung in der Entwicklung der Landwirtschaft der UdSSR nur erreichen konnte durch:
a) das schnelle Entwicklungstempo der Industrie, das den

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Schlüssel zur Umgestaltung der Landwirtschaft auf kollektiver Grundlage bildet;
b) die massenhafte Entfaltung der Kooperation, die Organisation von Maschinen-Traktoren-Stationen und die Entwicklung von Sowchosen;
c) den Angriff auf die kapitalistischen Elemente des Dorfes (das Kulakentum) auf der Basis des Bündnisses mit den Mittelbauern, das gegenwärtig die Grundlage des Kolchos-Aufbaus bildet;
d) die Entfaltung der Arbeit zur Organisation der dörflichen Kleinbauern- und Landarbeiterschaft;
e) die Zerschlagung des konterrevolutionären Trotzkismus und der rechten Abweichung.
1. Die Kolchosen müssen ausschließlich auf der Grundlage der Freiwilligkeit errichtet werden. Jeder Versuch der Anwendung von Zwang oder administrativen Druckes gegen die Massen der Klein- und Mittelbauern mit dem Ziel, sie den Kollektiven anzugliedern, ist eine grobe Verletzung der Parteilinie und ein Mißbrauch der Macht.
2. Die Grundform der Kolchose ist im derzeitigen Stadium das landwirtschaftliche Artel. Zu fordern, daß die Bauern, die in ein Artel eintreten, sofort auf jegliche individualistischen Gewohnheiten und Interessen verzichten, auf die Möglichkeit, zusätzlich zur gesellschaftlichen eine private Wirtschaft zu führen (eine Kuh, Schafe, Geflügel, einen Gemüsegarten beim Hof), auf die Möglichkeit, woanders einen Verdienst für sich zu nutzen, usw. - das bedeutet, das ABC des Marxismus-Leninismus zu vergessen.
3. Die Form der Kolchose muß der wirtschaftlichen Besonderheit des Rajons und des Wirtschaftszweiges entsprechen. Neben dem Artel kann in einigen Rajons, die nicht durch Getreideanbau gekennzeichnet sind, und auch in den nationalen Rajons des Ostens für die nächste Zeit die massenhafte Verbreitung von Genossenschaften zur gemeinschaftlichen Bodenbearbeitung als übergangsform zum Artel zur Ausführung kom-
4. Die Kolchosbewegung kann sich zur höchsten Form - zur Kommune - erheben entsprechend der Verbesserung der technischen Grundlage, des Wachstums von Kolchos-Kadern und des kulturellen Niveaus der Kolchosbauern. Dabei ist es unerläßliche Bedingung, daß die Bauern selbst die entsprechenden

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Änderungen im Statut anerkennen und sie von unten verwirklichen.
5. Um die höchste Arbeitsproduktivität zu erreichen, muß in den Kolchosen eine neue gesellschaftliche Disziplin geschaffen werden. Diese kann nur erzielt werden auf der Grundlage einer echten Selbsttätigkeit und aktiven Teilnahme der Kolchos-Bauern und -Bäuerinnen an der Verwaltung der Wirtschaft des Kollektivs.
... der Parteitag hält es für besonders wichtig, jedem Parteimitglied den Charakter jener Fehler und Entstellungen der Parteilinie zu erklären, die im Frühjahr dieses Jahres bei der Durchführung der Kollektivierung auftraten.
Diese Fehler und Entstellungen drückten sich aus in der Anwendung von Druck- und Zwangsmaßnahmen gegen Mittel-und Kleinbauern beim Aufbau der Kolchosen; in der Vergesellschaftung des Kleinviehs und der Kühe, die für die Bedarfsbefriedigung wichtig sind, bei den Artel-Mitgliedern; in der Übertragung des Kollektivierungstempos, das sich durch die Erfahrung in den Getreide-Rajons als richtig erwiesen hat und durch die Entscheidungen des CK nur dafür vorgesehen war, auf die Nicht-Getreide-Rajons; in der verfrühten Gründung von Kommunen ohne entsprechende materielle und organisatorische Vorbereitungen; in der Gründung von leblosen, bürokratischen Organisationen unter dem Vorwand von Kolchos-»Giganten«, die durch Kommandieren errichtet wurden; in der Verzögerung der von der Regierung für die Kolchosen bestimmten Kredite und in der Aberkennung der den Kolchosbauern von der Regierung gewährten Vergünstigungen; in einer groben Administrierung der Kolchosen und der Kolchosbauern sowie in der Ersetzung der Wählbarkeit durch Ernennung, durch Kommandieren von oben; in der Unterdrückung des Mittelbauern und der ausbleibenden Nutzung seiner wirtschaftlichen Erfahrung; in der Übertragung von Kampfmaßnahmen auf den Mittelbauern, die gegen den Kulaken gerichtet waren (»Entkulakisierung«, Entziehung des Wahlrechts usw.) ...
Das mögliche Tempo der weiteren Entwicklung der Getreidewirtschaft und der Überwindung der Krise in der Viehwirtschaft wird durch jene gewaltigen Möglichkeiten der Entwicklung der Produktivkräfte bestimmt, die die Kolchosen in sich bergen. Schon in diesem Frühjahr können nicht nur die interdörflichen Maschinen-Traktoren-Stationen und die alten Kolchosen, sondern auch die neuen Kolchosen, die durch eine einfache

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Zusammenlegung des bäuerlichen Inventars errichtet wurden und noch über keine ausreichende organisatorische und wirtschaftliche Erfahrung verfügen, ihre Saatfläche bedeutend ausweiten sowie vernachlässigte Ländereien und Neuland bewirtschaften. Außerdem werden die Möglichkeiten, die die Entwicklung der Sowchosen eröffnen, dadurch charakterisiert, daß allem die Sowchosen (alte und neue) schon in diesem Jahr rund l00 Mill. Pud Waren-Getreide liefern werden, und im nächsten Jahr nicht weniger als 250 Mill. Pud. Dies zeigt, daß die Partei auf der Grundlage der Kollektivierung, der Entwicklung von Maschinen-Traktoren-Stationen und der Organisation von Sowchosen beginnen kann, die Losung zu verwirklichen, die kapitalistischen Länder der Welt nicht nur in der Industrie »einholen und überholen« [zu wollen], wo sich die Vorzüge der Großwirtschaft schon längst mit riesiger Kraft offenbart haben, sondern auch auf dem Gebiet der Landwirtschaft. Ihr Entwicklungstempo wurde bislang durch die erdrückende Vorherrschaft von Klein- und Kleinstwirtschaften mit äußerst niedriger Produktivität und wird jetzt durch die beschleunigte Entwicklung von Kolchosen und Sowchosen bestimmt, die einen neuen Wirtschaftstyp vorstellen, den es in der Geschichte der Menschheit noch nie gab und der zum erstenmal im Experiment des Wirtschaftsaufbaus in der UdSSR zum Vorschein kommt.
146. Die Herstellungskosten sinken nicht wie geplant
Aus dem Bericht der Staatlichen Plankommission über die Erfüllung des Jahresplanes 1929/30
... Die ungünstigsten Ergebnisse bei der Senkung der Selbstkosten zeigen folgende Industriezweige: der Steinkohlenbergbau, das Eisenhüttenwesen, die Holz-, Nahrungsmittel- und Textilindustrie. Die grundlegenden Faktoren bei der Nichterfüllung des Planes zur Senkung der Selbstkosten 1929/30 (Nichterfüllung des Planes der Arbeitsproduktivität, der technisch-ökonomischen Kennziffern und der Rohstoffversorgung) berührten die einzelnen Industriezweige in unterschiedlichem Ausmaß. Ungünstige Arbeitsverhältnisse (Fluktuation der Arbeitskräfte, Rückstand im Plan der Arbeitsproduktivität) waren der Hauptgrund für die Nichterfüllung des Plans zur Senkung der Selbstkosten im Steinkohlenbergbau und in der Holzindustrie. Die Nichterfüllung des Planes der technisch-ökonomischen Kennziffern

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für den Verbrauch von Roh- und Brennstoffen bedingte den Rückstand des Planes zur Senkung der Selbstkosten im Eisenhüttenwesen. Die 1929/30 herrschenden Bedingungen der Rohstoffversorgung waren der Grund für die Nichterfüllung des Planes zur Senkung der Selbstkosten in der Nahrungsmittel- und Textilindustrie ...
147. Die schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter, deportierte Bauern, die GPU, Probleme des Industrieaufbaus
Ein deutscher Bauingenieur erlebt die Sowjetunion im Umbruch, 1930 bis 1932
... Den ersten russischen Wartesaal sehe ich in Sverdlovsk. So etwas habe ich noch nie gesehen. Zehnmal sah ich ihn wieder, unzählige andere dazu. Und immer war das Bild dasselbe. Zwischen Kisten und schmutzigen Säcken ausgestreckt auf dem Steinfußboden Männer, Frauen und Kinder. Alles zerlumpt, elend und starrend vor Dreck. Kein Plätzchen frei, jeder Quadratzoll Steinfußboden kostbar. Und inmitten dieser Liegenden, um sie, über ihnen, ein endloses, rastloses, ewiges Schieben und Drängen, Kommen und Gehen. Nie ein Schreien. Kein Schimpfwort fällt, kein böses Wort ... Das erstemal fragte ich noch verstört, verwundert: »Was sind das für Menschen?« -»Nun, Arbeiter und Bauern.« Tagelang liegen sie so herum. Den meisten fehlt das Geld zur Weiterreise ... Sie liegen da und warten auf Werber, die kommen sollen, um sie zu einer Arbeit anzuwerben. Gleichviel zu welcher - wenn es nur etwas zu essen gibt. Es ist tatsächlich so: das ganze innere Rußland, sofern es nicht beamtet ist, ist auf der Walze ...
»Mitja, was machst du für ein dummes Gesicht?« - »Teufel, ich weiß nicht, Towaritsch* Ingenieur! Du arbeitest und arbeitest - aber zu fressen ist nichts. Bei mir sitzen die Frau und zwei kleine Kinder zu Hause. Kein Fleisch, keine Milch, keine Butter, keine Eier. Und zu kaufen kriegst du nichts.« Na, er wird wohl ein bißchen übertreiben, der gute Mitja. Er hat doch Karten, allerhand Karten. Ich frage andere. Schließlich bekomme ich das allgemeine Jammern satt. Greifbares will ich wissen. Ich frage: »Wann hast du zuletzt Fleisch bekommen?« Er sieht
* Tovarisc bedeutet Genosse.

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mich groß an: »Du kannst mich totschlagen, Towaritsch Ingenieur, aber seit drei Monaten nichts als Salzheringe und Brot.« -»Aber du hast doch Karten, Dimitrij?« - »Ja«, sagt er, »Karten habe ich. Aber wer kriegt etwas dafür?« Ein bißchen schäme ich mich: Wir ausländischen Spezialisten bekommen auf unser Buch, was das Herz begehrt ... Vierhundert Gramm Fleisch, ein russisches Pfund, hat er auf seine Karte zu bekommen. Nicht täglich natürlich, nicht wöchentlich - monatlich! Monatlich ein Pfund Fleisch - und nicht einmal das erhält er? Milch und Eier stehen Erwachsenen überhaupt nicht zu, sie sind nur für die Kinder. Wirklich regelmäßig bekommt der Arbeiter von der Kooperative, der Lebensmittelstelle, nur sein Brot, Fleisch und Butter mögen wechseln nach den Bezirken; mein Arbeitsbezirk war ungünstig daran ... Auf jeder Arbeitsstelle ist ein Speisehaus, zu dem man Eßmarken erhält, die ihm dann auf seinen Lohn angerechnet werden. Das Menü ist Kohlsuppe, Fischsuppe oder Brei. Immer dasselbe. In meinem Bezirk gab es wochenlang hintereinander dieselbe Suppe; die Unterbrechung durch Kasa*, Gries oder Buchweizengrütze wurde geradezu als Festtag empfunden ...
Was die Papierrubel anbelangt, nun, ich habe da zum Beispiel einen Fall erlebt, der für europäische Währungsbegriffe kurios bleibt ... ich hebe eine Abschlagzahlung von 1500 Rubel ab. Schöne Fünfrubel-Scheine, ganz neu, drei Päckchen zu je 100 Stück. Zufällig bleibt mein Blick an den Nummern hängen. Nanu! Das ist doch sonderbar! Alle Scheine haben die gleiche Nummer, dasselbe Serienzeichen. Ich wende mich an den Kassier: »Sie, Freund, das ist ja falsches Geld!« Er lacht mich aus, er selbst hat das Geld von der Staatsbank geholt. »Sie sehen doch, Originalpackung der Staatsbank.« Ein paar Tage später spreche ich in Sverdlovsk mit einem deutschen Kollegen über diese mysteriöse Geschichte. Er lacht nur, greift in die Tasche: »Wollen Sie noch welche?« Und in der Hand hält er neue Fünfrubel-Scheine - genau dieselbe Nummer! Versehen? In einer deutschen Zeitung lese ich dann, daß auch in Amerika Fünfrubelnoten mit derselben Nummer aufgetaucht sind. Kann man eine Inflation auch auf diese Weise verschleiern? ...
Eines Morgens erscheinen bei mir meine drei Flechter. Tüchtige, helle Jungens, sogenannte Spezialisten, eigens aus Moskau geholt. »Na, Fomin, was gibt's?« Sie wiegen die Köpfe; es gefällt
* Das ist eine Grütze aus verschiedenen Sorten.

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ihnen nicht. Der Fall ist kritisch, da wir ohnehin nur 10 Prozent der Spezialarbeiter haben, die wir für unser Programm brauchen. Ich hole die Leute aus. Nein, es gefällt ihnen nicht: nicht etwa nur wegen der Unterkunft. Die drei wohnen in einer Art Verschlag, der nicht höher als 1,50 m ist. Hier schlafen sie, Nacht um Nacht, auf dem blanken Fußboden. Wohlgemerkt, ohne Matratzen oder Strohsäcke. Da sie Russen sind, habe ich auf Quartier und Verpflegung keinen Einfluß. Ich wende mich an den roten Direktor. Ja, er wird der Sache nachgehen. Aber nach ein paar Tagen erklärt er mir, die Leute wollten nur mehr Lohn haben, von Verpflegung und Quartier hätten sie kein Wort gesagt. »... komm doch mal her! Was ist los? Mit Quartier und Verpflegung seid ihr zufrieden? Was erzählt ihr mir denn da?« Er ist sichtlich verlegen. In meiner Gegenwart soll er jetzt dem roten Direktor sagen, daß Kohlsuppe ohne Fett für einen Schwerarbeiter keine Ernährung und nackter Fußboden keine Schlafstelle ist. Er ist doch Moskauer, ein heller Junge; er wird den Teufel tun und sich die Schnauze verbrennen. Allein ich lasse nicht locker; er muß heraus mit der Sprache. Sichtlich schwer wird es ihm. »Siehst du, Genösse Jakusev«, erklärt er schließlich dem Direktor, »den ganzen Tag arbeitest du schwer, und dann keine Matratze! Alle Knochen tun weh. Und Tabak gibt es auch nicht.« Das Gespräch ist dem roten Direktor peinlich. »Wo ist euer Quartier? Karl-Liebknecht-Straße? Ihr werdet alles bekommen.« Nach drei Tagen kommen meine Flechter und begehren endgültig ihre Abrechnung. Ein Papier haben sie bekommen: Anweisung auf ein Paket Machorka-Tabak. Aber sonst nichts. Ich ziehe wieder zum roten Direktor. Aber Matratzen bekommen sie doch nicht. Sie blieben, mußten bleiben. Wie sie der rote Direktor beruhigt hat, weiß ich nicht. Zigaretten steckten wir ihnen zu. Ordentliche Leute waren es, sie taten uns leid.
... Die Unterbringung der Arbeiter ist eins der düstersten Kapitel. Sie lagen bei uns, Männer, Weiber und Kinder, in großen Baracken, die für 88 Schläfer vorgesehen waren, aber meist mehr als 100 aufnehmen mußten. Auf Holzpritschen; das Kopfkissen ersetzt ein schräges Brett, von Matratzen oder Strohsäcken keine Rede. Auch Decken wurden nicht geliefert. Die Leute deckten sich mit ihrem Mantel zu - oder gar nicht. An Ausziehen war nicht zu denken. Monatelang blieben die Leute Tag und Nacht in ihren Kleidern. Dabei Doppelfenster, die nicht zu öffnen waren, ohne Luftklappen ... Und gereinigt wurden diese Baracken nie ... Immer wieder sprach ich über

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diese schlechtweg jammervollen Zustände mit dem roten Direktor. Was sollte er machen? Er war ein durchaus einsichtiger Mensch, vom besten Wollen beseelt. »Ja«, sagte er, »man sollte wirklich Matratzen machen.« Er schrieb sich die Finger wund;
aber kein Material war zu erlangen ...
Mischa ist mit anderen Bauern bei den Erdarbeiten beschäftigt. Eines Morgens, als ich in der Nähe bin, ruft er mich an: »Du, Ingenieur, Kommunist?« Als ich den Kopf schüttele, wird er plötzlich gesprächig. Es muß heraus ... Mischa war in deutscher Kriegsgefangenschaft. Nach der Revolution kehrte er heim; unter dem bekannten Heerführer Blücher* hatte er in der Roten Armee gekämpft ... Aber in seiner Heimat war er schließlich Kulak, wohlhabender Bauer, auf eigenem Grund und Boden. Es preßt ihm das Herz ab, er muß es mir sagen. »Ich sieben Pferd - verstehen?« Mit den Fingern hilft er nach, dann eine große Gebärde: »Nacht!« flüstert er und macht die Bewegung des Reitens. »Ich Tomsk! Verkaufe sechs Pferd. Saufen Wodka, ein Woch - i domoj, und nach Haus.« ... »Aber Mischa«, sage ich, »weshalb hast du denn in Tomsk deine Pferde verkauft?« Doch jetzt kommt er nicht zu Wort. Gleichzeitig, fast wie ein Stein, werfen mir mehrere der Bauern das Wort entgegen: »Kolchose.« ... Ich nicke beschwichtigend: »Ja, gewiß, aber das ist doch freiwillig. Stalin selbst sagt in seinem Brief ...« Ich komme nicht zu Ende. »Du nix verstehen!« schreien sie mir entgegen. »Du glauben Stalin.« Sie spucken aus bei dem Namen. »Wir wissen besser.« Zweckloses Gespräch. Gefährliches Gespräch ...
Ich ging weiter. Doch ein Erinnerungsbild meldet sich dabei. Am alten Bahnhof von Sverdlovsk war das ein paar Wochen früher. Vor dem Bahnhof, auf dem Platz da, lagen sie im Straßenstaub. 200 Menschen wohl, Männer, Weiber und Kinder, alt und jung. Um sie blitzen die Bajonette der Soldaten, über die man überall in Rußland stolpert ... Ich frage meinen russischen Begleiter, der zuckt die Achseln. »Sie warten auf den Zug«, sagt er. »Kulaken - man deportiert sie.« - »Wohin?« frage ich ... »Fort«, murmelt er, »nach Archangel'sk wohl, zum Eismeer, irgendwohin, nordwärts, - fort.« Die Leute kommen aus dem Süden ... Wochenlang rollten in jenen Sommermonaten des Jahres 1930 die langen Güterzüge, vollgepfropft mit Bauernfamilien aus dem Süden ... Und wer verschickt sie? Wo es sich
* V. K. Bljucher (1890-1937), sowjetischer General.

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nicht um Fälle akuter Auflehnung handelt, muß die Dorfversammlung bestimmen. In Verchne Turinsk war zu meiner Zeit eine solche Versammlung ... Was ist ein Kulak? Ein Bauer, der so viel Land besitzt, daß er es nicht mehr mit eigener Hand bearbeitet, sondern auch Knechte und Mägde beschäftigt, und der mehr als ein Stück Großvieh im Stall hat. In Verchne Turinsk gibt es solche Leute nicht mehr, hat es bei dem mageren, steinigen Boden wahrscheinlich kaum gegeben. Nun bekommt der Dorfsowjet ... vom Rajonkomitee in Tagil den Auftrag zu melden, wieviel Bauern entkulakisiert sind. Er muß antworten. Das Gegebene, denkt der Laie, wäre nun eine Fehlanzeige. Aber leider ist das gar nicht so selbstverständlich. Eine solche Fehlanzeige kann für den Dorfsowjet allerhand Unannehmlichkeiten nach sich ziehen: Wie - keine Kulaken? Seid ihr etwa rechtsgerichtete Opportunisten? ... Ein paar Entkulakisierungen müssen zum mindestens gemeldet werden; irgendwer muß also dran glauben. Ich sah den Vorsitzenden jenes Dorfsowjets: Ein Bengel von Anfang zwanzig, geschniegelt und gebügelt, in Reitstiefeln aus weichem Glanzleder, den Schießprügel trug er lang am Riemen über die Schulter. Dieser Jüngling wird seine Parteikarriere ganz gewiß nicht durch eine Fehlanzeige gefährden ... Und wer geht zu einer solchen Versammlung, die über das Schicksal der angeblichen Kulaken entscheidet? Die Parteimitglieder selbstverständlich, aber das ist nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Bevölkerung. Wer also sonst? Nun, wer Feinde hat, denen er eins auswischen will, oder wer sich beim Ortssowjet lieb Kind machen will. Verchne Turinsk ist auf etwa 4000 Einwohner zu schätzen. Wieviel Menschen kommen zu einer Versammlung? Kaum ein paar Hundert; oft sind es noch viel weniger ...
Mein roter Direktor ist nach Sverdlovsk zu einem Vortrag gefahren. Er bleibt eine Woche fort; auf meiner Baustelle mit meinen 1000 Leuten bin ich Alleinherrscher. Nicht lange. Das Büro des Direktors liegt unmittelbar neben meinem Arbeitszimmer. Zwei Tage nach der Abfahrt meines roten Kollegen sitze ich in meinem Zimmer und höre plötzlich, wie nebenan die Tür aufgeschlossen wird. Stimmen ... Was ist denn da los? Ich schicke meinen Dolmetscher nachsehen. Er kommt zurück, verstört, legt den Finger auf den Mund, flüstert nur: »GPU«. ... Immer diese schlotternde Angst, wenn nur das Wort fällt. Aber die Arbeit häuft sich, mir ist der Unbekannte Gast gleichgültig, ich vergesse ihn ...

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Allein am nächsten Tag ist bald der eine Polier, bald der andere Meister auf Stunden nicht bei seiner Arbeit. Die Bauführer fehlen - zum Teufel, wo stecken sie, was reißt da ein? Und als ich wieder in mein Arbeitszimmer komme, ist nebenan wieder dieses Getuschel von Stimmen. Da kommt es heraus: Der Unbekannte Gast zitiert sich meine Leute, vernimmt sie stundenlang, holt sie einfach von ihrer Arbeit fort. Und all das, ohne mir ein Wort zu sagen! ... Ich lasse mir den Chef der Wirtschaftsabteilung kommen. Der ist Parteimitglied, erprobter Kommunist. Mein erster Ingenieur ist schon da. »Was geht hier vor, was treibt ihr hinter meinem Rücken? Wer schließt sich da im Zimmer des Direktors ein?« Entsetzt sieht sich der gute Smirnov um - fast muß ich lachen. Dann flüstert auch er beklommen: »GPU.« Es stellt sich heraus, daß der Unbekannte Gast ihn auch schon vorgehabt hat, gleich drei Stunden lang. »Was will der Kerl denn?« frage ich. Aber frage du einen Russen über GPU. »Das kann ich nicht sagen.« - »Dann wird er es mir selbst sagen. Geh hinüber und sag ihm, er habe sich bei mir als dem nacal'nik* zu melden.« Völlig entgeistert starrt mich Smirnov an ... »Um Gottes willen«, sagt er, »das wäre ja nicht auszudenken.« Ich merke es, jetzt hat er Angst für mich, der Gute ... Mein russischer Ingenieur gibt mir recht. »... Aber was soll ihm schon passieren, als Deutschem?« — »Los, Smirnov«, sage ich, »geh!« Aber der will nicht, warnt mich, ringt die Hände ... Schließlich, wie auf Stützen, geht er, ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt ... Ich höre ihn klopfen, schüchtern, dann noch einmal. Schließlich wird geöffnet. Langes Getuschel. Dann kehrt Smirnov zurück, blaß, allein, mit leeren Händen, wie gebrochen. »Ich hab's euch ja gesagt«, stöhnt er. »Nun?« frage ich. »Er kommt nicht«, flüstert Smirnov. Er habe das nicht nötig, er sei GPU, für ihn gebe es keine verschlossenen Türen. Das habe er gesagt ... Einen Augenblick überlege ich noch, aber dann sehe ich die verstörten Gesichter meiner Mitarbeiter - mit einem Achselzucken lege ich den Fall »zu den Akten« ... Aber zwei Tage später, als der tuschelnde Zimmernachbar den Schauplatz seiner furchtbaren Tätigkeit woanders hin verlegt hat, nehme ich mir einzeln die Verhörten vor — nur die, mit denen ich besonders gut stehe und die sonst kein Geheimnis vor mir haben. »Was hat der Kerl von dir gewollt?« ... »Ich darf nichts sagen.« - »Galt es meiner Person?« - »Sicher.«
* Nacal'nik heißt Leiter.

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- »Vielleicht auch meinem abwesenden roten Kollegen?« - »Ich weiß nicht.« Nicht eine Silbe habe ich erfahren - von Menschen, die sonst ihr Herz auf der Zunge haben. GPU - das Siegel bricht kein Russe. Schon vorher hatte ich die fürsorgliche Beschattung durch die GPU, wenn auch nur mittelbar, erfahren ...
Aber nicht alle Methoden der GPU sind so harmlos. Durch Zufall gerät in mein Blickfeld ein Beispiel, das sich in einer großen Stadt abgespielt hat. Dort lebte, natürlich proletarisiert, der Sohn eines ehemaligen Fabrikbesitzers mit seiner jungen Frau ... Eines Abends klopft es auch, zwei Männer treten ein. Das Gespräch ist kurz und einseitig. »Bürger X?« - »Ja, bitte, was ...?« - »GPU. Folgen Sie uns! Sprechen Sie kein Wort.« Bleich und wortlos folgt der Mann, verstört und hilflos bleibt die junge Frau zurück. Das weiß sie längst: Nachfragen, Erkundigungen, Bemühungen sind nicht nur nutzlos, sondern auch gefährlich ... in der vierten Woche holt man die junge Frau. »Wenn Sie Ihren Mann noch sehen wollen.« Stumm folgt sie, jede Frage wäre zwecklos. Und dann, am Bahnhof, steht sie plötzlich einem Mann gegenüber, den sie kaum wiedererkennt. In drei Wochen ist sein Haar ergraut, sein Blick erloschen. Er sieht sie an - wie von einem anderen Stern. Die Kehle ist ihr zugeschnürt. Fassungslos kann sie nur seinen Namen flüstern. Und er sieht sie an, gequält, im Auge Grauen. Dann bettelt er mit müder Stimme: »Ich habe ihnen doch alles gesagt. Ich weiß doch nichts mehr.« Er erkennt seine Frau nicht mehr, geistesgestört - so schafft man ihn nun fort ...
Ein anderer Fall von einer Bahnstrecke im Ural. Unter den Lokomotivführern sind drei Männer, die sich abgefunden und längst in das System eingeführt haben ... Allein auf ihrer Vergangenheit, die sie von sich gestreift haben, ruht ein Schatten ... Der eine war im Weltkrieg Offizier, der zweite Ingenieur, der dritte Fabrikant... Aber den dreien sind die drei ältesten Lokomotiven des Bezirks zugeteilt ... Fortwährend blieben diese Lokomotivgreise auf offener Strecke liegen, bald hier, bald dort. Es gab Verspätungen von vielen Stunden, halben Tagen -und etwas davon bleibt immer an dem Lokomotivführer hängen. Berichte machten sie, Gesuche. Sie bettelten geradezu um andere Maschinen. Sie boten alles auf, inzwischen ihre Ruinen fahrfähig zu halten. Alles umsonst. Man zuckt die Achseln. »Wie? Ihr erklärt unsere Maschinen für schlecht?« Und schon steht steil aufgerichtet dahinter der Gedanke: Sabotage? Konterrevolution?

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Das Wort braucht gar nicht ausgesprochen zu werden. Blind ist das Schicksal, aber nicht die GPU. Der Teufel macht sich einen Spaß: Am gleichen Tag schickt er allen drei Maschinen wieder einmal einen Defekt. An verschiedenen Stellen bleiben die alten Kaffeemühlen auf der Strecke liegen. Noch wissen die drei Führer nichts voneinander. Aber andere erfahren es. Drei Lokomotiven, alle drei von »Früheren« geführt:
»Erschossen.« ...
Die ersten Monate meiner Arbeit in Rußland vollzogen sich zwar auf russischen Baustellen, aber im Rahmen eines deutschen Unternehmens, das russische Staatsaufträge übernommen hatte. Nach wenigen Wochen kamen von russischer Seite die ersten Fühler: Ich sollte in den Staatsdienst übertreten. Die Anträge wiederholten sich und verdichteten sich im Sommer zu verlockenden Angeboten. Daß der Sowjetstaat seine ausländischen Speziallsten hegt und gut bezahlt - wenigstens damals noch - , ist bekannt. Den Ausschlag gab die große Aufgabe, die mir winkte ... Die größten Konstruktionswerkstätten der alten Welt zu bauen? Donnerwetter, das ist eine Aufgabe! ... Ich schlug also ein ...
Sehr herzlich werde ich empfangen ... Im Konstruktionsbüro begrüßt mich ein russischer Kollege sehr erfreut: »Wie geht's? Wann fahren Sie hinaus?« - »Morgen abend - jetzt möchte ich die Pläne sehen.« ... Jawohl, da hängt der Plan. Der alte Ort Verchne Salda. Straßenzüge, Häuser leicht angedeutet, die geplante neue Siedlung daneben, gelb schraffiert. Und oben ein großes, leeres Viereck. Fabrikgebäude ist hineingeschrieben. Sonst nichts. Ich frage nach dem Detailplan für das Fabrikgebäude. Aber der ist nicht da. Manches, sagt achselzuckend der russische Kollege, sei wohl noch nicht definitiv - ... »Fahren Sie nur hinaus, es ist alles auf der Baustelle. Dort können Sie sich am besten informieren.« ... Na schön, tröste ich mich, dann auf die Baustelle - wenn man das Gelände vor Augen hat, wird das Bild noch klarer. Aus Deutschland bin ich es zwar gewohnt, eine neue Baustelle nicht anders zu betreten als mit dem Entwurf im Kopf und mit den Plänen, Kostenanschlägen und wenigstens einem Teil der Ausführungszeichnungen unter dem Arm. Aber am Ende ist das zu pedantisch. Die Leute arbeiten ja schon ein halbes Jahr; sie müssen ja schließlich wissen, was sie bauen. Ich fahre los ...
Die Baustelle bietet kein besonders erfreuliches Bild. Von Arbeit ist nicht viel zu merken. Ein paar Baracken, eine angefangene Straße.

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Unten am Fluß zwei kleine Steinbrüche, eben erschlossen ... Eine Feldbahn führt vom Fluß den ziemlich steilen Berg hinauf zum Steinbrecher. In Betrieb ist die Bahn noch nicht, es fehlen allerhand Kleinigkeiten ... Also zum Ingenieur Fomenko: »Kann ich mal den Plan haben, ich meine den Übersichtsplan von der ganzen Baustelle?« Es stellt sich heraus, daß ein solcher Plan nicht vorhanden ist. »Der Generalplan ist noch in Amerika«, belehrt mich Fomenko. Verständnislos starre ich ihn an. »Ich verstehe nicht recht. Sie müssen doch wissen, was hier gebaut werden soll.« Er zuckt die Achseln: »Das wissen wir ebensowenig wie Sie. Wir wissen nur, daß es große Konstruktionswerkstätten werden sollen. Den Generalplan macht ein amerikanischer Architekt.« ... »Also zeigen Sie her, was Sie überhaupt an Zeichnungen haben.« Einen Geländeplan hat er, ein Viereck ist da eingezeichnet... Das künftige Fabrikgebäude. Es ist sogar angegeben, wie tief das Gelände auszuschachten ist. Aber diese Angaben sind bereits überholt... Das Projektbüro in Sverdlovsk hat eine neue Höhe angegeben. Vorsichtshalber hat Fomenko die Maße darauf noch nachgerechnet:
es stimmt wieder nicht! Tatsächlich weiß kein Mensch, auf welche Tiefe geschachtet werden soll. Es ist spät abends. Einen Augenblick sehen wir uns an. »Schlafen Sie wohl«, sagt Fomenko und geht...
Gerade wie er* geht, kommt der rote Direktor. Ich möge mit ihm zur Betonfabrik fahren - da stimme etwas nicht. Wir fahren los. Technische Einzelheiten mögen hier übergangen bleiben. Aber das hätte auch der Laie auf den ersten Blick gesehen: Die Halle dieser Betonfabrik entwickelt eine bedenkliche Neigung zum Auseinanderfallen. Es hat geregnet, die Holzstützen waren teilweise tief im Boden versunken. Das fing ja ganz hübsch an. Die Zeichnung zeigte unter den Stützen keine gemauerten Fundamente, sondern Holzkreuze. Nun, zur Not geht das ja auch. Der Sicherheit halber will ich mich vergewissern, wie man diese Holzkreuze angebracht hat. Die Antwort ist Schweigen! ... Ich lasse Notstützen aufstellen, damit uns die ganze Geschichte - eine an die vierzig Meter breite Halle - nicht auf den Kopf kommt. Dann werden die Stützen freigegraben. Keine Spur von einem Holzkreuz! ... Ich greife mir den Polier. »Warum habt ihr die Fundamentkreuze weggelassen?« Er zuckt die Achseln. »Der Bauführer Lukas hat es angeordnet.« Ein feiner Bauführer!
* Ergänze: ein Bauführer.

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Der kann so bleiben! Ich bestelle diesen Bauführer in mein Büro ...
»Warum haben Sie in der Betonfabrik die Holzkreuze fortgelassen?« Er sieht mich verbissen an. »Der Hauptingenieur Fomenko hat es so angeordnet.« Das ist natürlich glatter Unsinn;
seit gestern bin ich hier, aber so viel verstehe ich von Menschen, um sofort zu wissen, daß der gewissenhafte Fomenko nie in seinem Leben einen derartigen Blödsinn angeordnet haben kann. »Sie sind doch ein alter Ingenieur«, sage ich. »Sie mußten doch wissen, daß auf diese Art die Halle unbedingt einstürzen muß.« - »Ja, aber er will doch alles immer besser wissen, der Grünschnabel. Mir, der ich ein alter Praktiker bin, will so ein Junge was erzählen.« Der Oberingenieur Fomenko, sein Vorgesetzter, ist viel jünger als er. Aus dem Loch pfeift es also ... Da wäre so ein kleiner Einsturz, vielleicht mit ein paar Toten, eine hübsche, ruhige Sache, mit der man den Grünschnabel, der einem so eklig auf die Finger sieht, famos das Genick brechen könnte. Ich setze diesen Ingenieur mitsamt seinem Polier sofort an die Luft. Die Angelegenheit wird dem Prokuror, dem Staatsanwalt, in Unter-Salda gemeldet ... Genösse Lukas scheint nicht im geringsten beunruhigt zu sein. Er weiß warum.
Was aus der Sache wurde? Nun, unzählige Berichte forderte der Staatsanwalt ein, aber im Dezember war Genösse Lukas bester Laune. Er besuchte uns auf der Durchreise nach Sverd-lovsk. Mein roter Direktor war die Treppe hinaufgefallen: Er wurde Direktor der Fabrik in Kusba. Und Chef der Bauabteilung wurde dort - Genösse Lukas! Dafür bekam mein Vertreter Fomenko vom Staatsanwalt Befehl, die Baustelle nicht zu verlassen, sich dem Gericht zur Verfügung zu stellen ...
Es ist tatsächlich so: Wir haben keine Kopeke in der Kasse. Beim Staatsanwalt in Unter-Salda haben einige Leute uns schon verklagt. Auch das russische Gesetz verbietet, dem Arbeiter seinen Lohn vorzuenthalten. Aber wo nichts ist, hat auch der Arbeiter sein Recht verloren ... Tatsächlich sind auf unserer Baustelle jetzt im Oktober die Arbeitslöhne für August, zum Teil sogar für Juli noch nicht ausgezahlt ... Wovon die Leute inzwischen leben? Nun, à conto ihres Lohnes bekommen sie Eßmarken für die stolovaja, die Speisehalle. Sonst wären sie längst verhungert. Besonders schlimm ist es für die Neuankommenden. Sie sind von den Werbern irgendwo auf dem Bahnhof aufgelesen [worden]. Nun kommen sie ohne eine Kopeke bei uns an. Eßmarken aber bekommen sie erst, nachdem sie gearbeitet haben.

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Bis dahin bleiben sie darauf angewiesen, ob jemand ihnen ein Stück Brot abgeben will - oder auch nicht ...
148. Probleme des Alltagslebens 1930/31 aus sozialdemokratischer Sicht Herbert und Elsbeth Weichmann
... Müde, bleich und grau schleichen auch die Frauen durch den Alltag, Objekte des Lebens, die zu einem subjektiven äußeren Lebensausdruck noch keine Zeit gefunden haben. Keine Farbe lacht in Rußland, keine Frau lächelt. Sie umhüllt sich mit der Zufallskleidung, die sie gerade noch besitzt, genau so wie ihre männlichen Kollegen. ...
Die klassenlose Kleidung ist einzig in einer Angleichung der gesamten Bevölkerung an ein proletarisches Nichtshaben zum Ausdruck gebracht worden ...
Ein sechsstöckiges Haus steigt aus breiten Gartenanlagen auf. Helle Zimmer, große Gemeinschaftsräume, gut belichtete Korridore und Stiegenhäuser lassen den Schmutz an den Wänden und die ungepflegten Fensterscheiben zunächst übersehen. Der Lift funktioniert zwar nicht, aber der Dachgarten, der mit Duschräumen und Kino für lungenkranke Kinder eingerichtet ist, bietet einen herrlichen Rundblick über die Stadt. Die Führerin erklärt mit Stolz den Wohngedanken, der mit diesem Neubau verwirklicht werden soll. »Die Hauskommune soll das Leben sämtlicher Hausbewohner zu einer Gemeinsamkeit zwingen. Eine individuelle Abgeschlossenheit wird durch die Organisation des Wohnens in diesem Hause unterbunden. Die Menschen sollen auf diese Weise zum Kollektivismus erzogen werden. Das ist der Wohngedanke des neuen Rußlands.«
Interessiert durchwandert man die Räume und ist bereit, das tägliche Leben eines solchen Kommunehauses kennenzulernen. Die Zimmer münden alle wie in einem Hotel auf einen breiten Korridor. Sie sind räumlich gleichmäßig klein angelegt, nur 2Vi mal 3 Meter groß, und haben ein einziges Fenster gegenüber der Tür. In einem solchen Zimmer leben zwei Menschen. Eine gemeinsame Teeküche, zwei Wannen- und zwei Duschräume für je zehn Zimmer liegen am Ende des Korridors. Nur dem Schlaf sind also Wände zwischen Menschen und Menschen gestattet. Jede wache Lebensäußerung muß sich in einer Gemeinschaft vollziehen. Die kleinen Zimmer können nur ein Bett, einen

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Tisch und einen Schrank für die spärliche Habe der Einwohner beherbergen. Trotzdem scheint dem russischen Arbeiter damit ein Paradies geboten worden zu sein. Hausbewohner, die uns ihre engen Kammern zeigten, fragten, ob der deutsche Arbeiter auch schon so schön wohne.
Die gemeinsamen Räume, die Bücherei, das Klubzimmer, das Theater und die Nähstube waren alle versperrt. Welches Gesetz der Geselligkeit öffnet sie den Hausbewohnern? Wo ist die Grenze zwischen freiem Willen und Dienstreglement, zwischen Wohnung und Kaserne? Nur der große Speiseraum und die Krippe, in der die Kinder der Hausbewohner tagsüber untergebracht sind und zum Teil auch schlafen können, waren geöffnet. »Die Gesellschaft muß den Frauen all die Arbeiten abnehmen, die sie zur Sklavin des Familienlebens gemacht haben«, erklärt die Führerin.
Hier ist fraglos eine praktische Konsequenz aus der herrschenden Ideologie gezogen worden. Das individuelle Lebensgefühl des Europäers fühlt sich zwar ein wenig überrascht und angegriffen, bemüht sich aber vor dieser offenbaren Leistung zu schweigen. Auch das Erstaunen über den geringen Umfang der Schlafräume und die kleine Zahl der Badestuben muß vor den Maßstäben russischer kultureller Ansprüche heruntergeschluckt werden. Dafür enthüllen sich an diesem Experiment die ungeheure Tragweite und die unübersehbaren Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Neuorientierung dieses Landes in ihrem ganzen problematischen Umfang. Die erste Frage gilt daher den Erfahrungen, die Rußland in der Richtung eines derartigen vergesellschafteten Wohnens gemacht hat. Zu seinem größten Erstaunen erfährt der Fremde, daß sich in Moskau erst diese einzige derartige Hauskommune befindet, die eben erst bezogen worden ist, aber er erfährt gleichzeitig von der Führerin, die oben von des Daches Zinnen über die Stadt weist, daß alle Häuser ringsum in kürzester Zeit abgerissen werden sollen und daß nur Kommunehäuser errichtet würden. Spricht hier Naivität oder Unverschämtheit? Vorsichtig fragt man in angeborenem und ideell leider so langsam zu überzeugendem Gefühl für gewisse Gesetze der Wirtschaftlichkeit: »Wieso abreißen, wenn es so wenig Wohnraum in Rußland gibt?« Die Führerin lächelt nur überlegen: »Wir brauchen alte Häuser nicht.« ...
Das Gesetz gibt dem Russen nicht mehr als drei Quadratmeter Wohnraum. In diesem Raum kann gerade ein Bett und ein kleines Tischchen aufgestellt werden. Die Folge solcher Raumknappheit

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ist, daß es heute in Rußland keine abgeschlossenen Wohnungen mehr gibt. In jedem Zimmer der alten Häuser müssen mehrere Personen hausen. Wer den Raum nicht mit einer mehrköpfigen Familie teilen kann, muß ihn mit Fremden teilen. Dann tritt der Kreidestrich in Aktion, der Mein und Dein trennt. Man verbaut sich auch die Schlafplätze mit Schränken oder sonstigen Möbelstücken. Im allgemeinen aber ist die Indolenz der Leute so groß, daß sie zufrieden sind, überhaupt ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben. Diese Häuser, in denen die Menschen wie in einem Ameisenbau aufeinander hausen, strotzen begreiflicherweise vor Schmutz. Stiegenhäuser und Korridore sind zerfallen, überall liegt Unrat; Fensterscheiben, sofern noch welche vorhanden sind, sind ungewaschen und trübe. Betten und Möbel sehen aus, wie sie notwendig aussehen müssen, wenn so viele Menschen anemandergepreßt hausen. Das Schrecklichste aber ist die Luft, die Ausdünstung dieser armen ungewaschenen Menschen, die die Fenster niemals öffnen. Sachpflege muß in solchen Verhältnissen ein ebenso fremder Begriff bleiben wie Wohnfreude. Man haust in Rußland, aber man wohnt nicht. Man hat ein Dach über dem Kopf, aber kein Heim ...
Die Neubauten sind seit etwa ein bis zwei Jahren bewohnt. Sie sind heute schon in einer Weise verschmutzt und verwahrlost, daß man ihnen ein schätzungsweises Alter von mindestens zehn Jahren geben würde. Sie sind aus schlechtem Material gebaut. Der Stuck springt ab, große Risse in den Wänden laufen durch ganze Stockwerke, Aufzüge, sofern solche bestehen -und mit denen Rußland eine große Propaganda im Ausland getrieben hat - haben nie funktioniert oder funktionieren nicht mehr. Die Wände und Türen sind überall mit den Abdrücken unsauberer Hände verklebt. Die Vorgärten sind ungepflegt. Unrat liegt in den spärlich aufgegangenen Rasenflächen. Die wenigen Bänke darin sind zerkratzt und verschmutzt. Kinder in unbeschreiblichen Lumpen, ohne Strümpfe und Schuhe, spielen in Pfützen und Lehm ...
Viele, sehr viele irren umher, die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben, die auf freier Straße auf den Treppen vor den Häusern, auf nackten Steinen kampieren müssen. Auf Gängen nachts durch die Straßen findet man die Ärmsten der Armen überall herumliegen, ihr Hab und Gut in einen Sack verschnürt, den sie fest unter den Körper geschoben haben, damit niemand diese Kostbarkeiten rauben kann. Ihre Zahl wird verschieden

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geschätzt. Der Staat spricht von kaum nennenswerten Größen. Andere Stimmen flüstern von 500000 Obdachlosen, die allein in Moskau leben sollen. In Städten, in denen neue Fabriken entstanden sind, soll die Zahl der Obdachlosen bis zu einem Drittel der gesamten Einwohnerschaft betragen. Der Fremde vermag selbstverständlich Zahlen aus eigener Anschauung nicht festzustellen. Was er aber überblickt und was er nicht übergehen kann, das ist das unverkennbare Gesicht der Not ...
Es wird überall Reihe gestanden, wo es nur etwas zu kaufen gibt. Die Warenhäuser, mit ihrer Organisation des getrennten Verkaufs, der Kassenzahlung und der Warenausgabe haben die umfangreichsten Möglichkeiten entwickelt, Reihe zu stehen. Der Russe, der sich einen Knopf oder einen Nähfaden kauft, muß viermal anstehen. Das erste Anstellen beginnt vor der Eingangstür, das zweite vor dem Eadentisch, das dritte vor der Kasse und das vierte vor der Warenausgabe. Der Einkauf eines Gegenstandes im Warenhaus nimmt in der Regel vier Stunden, also einen ganzen Vor- oder Nachmittag in Anspruch. Bei den Eebensmittelgeschäften besteht die besondere Schwierigkeit, daß Brot, Milch und die sonstigen Eebensmittel für gewöhnlich in getrennten Geschäften besorgt werden müssen und also ein dreimaliges Reihestehen notwendig ist, um zu diesen täglich gebrauchten Lebensmitteln zu kommen. Kinderreiche Familien, die getrennt aufmarschieren können, sind unter diesen Umständen bevorzugt. Im übrigen ist es gleichgültig, worum es sich handelt, ob um Kinos, Eisenbahnfahrkarten, Speisehallen oder Geschäfte. Nichts ist zu haben, ohne eine mehr oder minder große Reihe ...
Den Zwang und die Kontrolle zur Innehaltung dieses niedrigen Lebensstandards übt ein umfassendes und alle Produkte beherrschendes Kartensystem aus ...
Bevorzugt sind in erster Linie alle, die überhaupt eine Lebensmittelkarte bekommen. Das sind die Angehörigen der herrschenden Klasse, des industriellen städtischen Proletariats, das in den Fabriken und Behörden arbeitet. Alle bourgeoisen Elemente, Privathändler, Popen, Kulaken, Intellektuelle, die nicht in staatlichen Diensten stehen, sind vom Bezug der Lebensmittelkarten ausgeschlossen. Sie sind deklassiert, ausgeschieden, für immer und für alles verzeichnet auf der amtlichen Proskriptionsliste. Dieser Ausdruck einer Klassenmacht ist völlig eindeutig. Aber auch die herrschende Klasse unterscheidet noch in sich zwischen einer oberen bevorzugten und einer unteren

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zurückgesetzten Schicht. Die oberste Schicht ist die Rote Armee und die GPU, die bewaffnete Macht, die aus politischen Gründen bevorzugte Rationen erhält, damit sie auch innerlich als willfähriges Instrument der Sowjetmacht scharf geladen ist. Ihr unmittelbar folgen die Schwerarbeiter und der »Kommandostab der Betriebe«, das heißt die Techniker und Ingenieure. In der dritten Reihe stehen die Sowjetangestellten und die Studenten. Dann kommen die Nachzügler, die Übrigen. Die Übrigen sind die Arbeiter schlechthin, die Masse der Unqualifizierten, die mühselige und beladene Masse, die in der ganzen Welt auf die Ration der Übrigen gesetzt ist ...
Hinter den verheißungsvollen Programmen, hinter dem Schriftenmaterial der kommunistischen Aufklärungsliteratur und hinter allen Wechseln auf die Zukunft ist die Lebensmittelkarte der einzige Wechsel auf Sicht. Sein Schuldversprechen heißt nüchtern, im Gegensatz zu aller Zukunftsmusik:
500 Gramm schlechtes Brot am Tag für das Familienoberhaupt, 300 Gramm für jedes weitere Familienmitglied. Das ist ein kleines Quantum, kleiner noch, als es zunächst den Anschein hat. Der Russe war von jeher ein starker Brotkonsument, der zu jeder Mahlzeit Brot aß. Er ist heute um so mehr auf den Brotgenuß angewiesen, weil sich alle zusätzlichen Rationen ebenfalls verringert haben. Es gibt keine Kartoffeln, es gibt kaum Mehl, es gibt nur unvollkommene Mengen sonstiger Nahrungsmittel. Die Liste der Waren, die noch zu haben sind, ist kurz und eindeutig: 500 Gramm Graupen pro Person im Monat, 400 Gramm Nudeln pro Person im Monat, 100 Gramm Tee pro Person im Monat. Zucker, der noch auf der Liste steht, ist schon seit Monaten nicht mehr verabfolgt worden. Er ist den Ausländern in den Fremdenhotels vorbehalten. Der Russe muß heute auch seinen bescheidensten Lebensgenuß, den Tee, wie sein übriges Leben in Bitternis genießen. Für Gemüse und Obst gibt es keine bestimmten Quantitäten. Ist die Ware da, so wird sie zu billigen Preisen ausgegeben, ist sie nicht da, so fehlt es eben auch an ihr. Der Bezug von Fleisch und Fett ist auch auf dem Papier beinahe eingestellt. Die Karten lauten auf ein Pfund Fleisch im Monat und auf ein halbes Pfund Fett. Da aber auch diese geringen Quantitäten nicht mehr vorhanden sind, wird der Bevölkerung einmal in der Woche Fisch, und zwar gewöhnlich getrockneter Fisch, verkauft. Milch ist nur für Kinder und Kranke und auch nur auf besondere Bescheinigung zu erhalten.

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Die Sowjetregierung hat eine Kommission eingesetzt, die große und komplizierte Berechnungen über die Unwirtschaftlichkeit von Privathaushaltungen, über die sinnlose Belastung von Frauenkräften und über die hohen Kosten des individuellen Haushaltes aufstellte. Die Kommission hat ungeheure Ersparnisse durch die Schaffung von Einheitsküchen und Speisehäusern errechnet und hat den konstruktivistischen Staat veranlaßt, energisch an den Aufbau einer solchen vergesellschafteten Verpflegung heranzugehen.
Was freilich auf dem Papier gelöst schien, bekam in der Wirklichkeit ein anderes Gesicht. Ausgestorben wie die privaten Geschäfte sind auch heute die privaten Lokale und Restaurants. Der Staat hat sie geschlossen, ihre Räume liegen verödet oder sind den Gewerkschaften und den staatlichen Konsumgenossenschaften übergeben worden, um in ihnen reglementstreue Speisehäuser zu errichten. Es gibt also keine privaten Gastwirtschaften mehr, keine Cafes, keine Konditoreien, keine großen oder kleinen Lokale, die zu einer Stunde der Muße verlocken. Es gibt einzig und allein Speiseanstalten, in denen am Tage eine einzige Mahlzeit, höchstens zwei, und ein Glas Tee zur vorgeschriebenen Zeit verabreicht werden ...
Es gibt viel zu wenig Speisehäuser, um den Bedarf der Bedürftigen zu decken. Der Fremde sieht mit Erschütterung auch vor den Speisehäusern die gewohnten Reihen stehen, von Menschen gebildet, die hungrig von der Arbeit kommen und die nun hier ihre kurze Freizeit abstehen müssen, um ein warmes Mittagessen zu erhalten. Dabei ist es mit dem Anstehen vor den Speisehäusern noch nicht einmal getan. Noch im Räume setzen sich die Schlangen fort. Sie stehen vor der Kasse, um den Gutschein für das Essen zu kaufen, sie stehen vor dem Büffet, um sich das Essen zu holen, und sie stehen mit dem glücklich empfangenen Teller in der Hand hinter den Stuhlreihen ihrer arrivierten Vordermänner, um sich einen Sitzplatz zu erobern. Sobald sie sitzen, stehen schon wieder die Nachfolgenden hinter ihrem Rücken und beobachten ungeduldig jeden Bissen, den der glückliche Platzinhaber nicht schnell genug verzehren kann. Die tägliche Mittagszeit ist ein Kampf, ein Kampf um die Mahlzeit, ein Kampf um die fünf Minuten Ruhezeit. Es ist mit diesen Speisehallen dem arbeitenden Menschen keine entspannende Pause geschaffen worden. Vielleicht ist es für den russischen Arbeiter in seiner verzweifelten Ernährungslage von großer Bedeutung, daß er überhaupt zu einem warmen Essen gelangen

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kann ... Die Frage nach der Güte des Essens führt aber noch zu viel traurigeren Ergebnissen.
Die Hauptnahrung, die den Menschen in den Speisehallen geboten wird, stellt eine dicke Suppe dar. Meistens ist es die bekannte russische Kohlsuppe, die früher aus Fleisch und Knochen gekocht und sehr fetthaltig zubereitet eine nahrhafte Nationalspeise war. Heute ist von ihr nur der Kohl und der Paprikageschmack geblieben. Sie ist dünn, gehaltlos und ohne Schmackhaftigkeit. Trotzdem stellt sie noch das beste an der ganzen Mahlzeit dar. Was folgt, sind Grützen, in Wasser gekocht, Salate aus Tomaten, Gurken und Zwiebeln oder ein einfaches Gemüse, jeweils mit einer Scheibe Brot. Nur bessere Speisehäuser verabreichen am Schluß der Mahlzeit noch ein Glas ungezuckerten Tee. Fleisch gibt es nur in jenen Hotels, die für den Aufenthalt auswärtiger Delegierter vorbehalten sind.
Durch die Straßen der Städte im Norden und im Süden, durch alle Bahnstationen, durch die Dörfer und Felder ziehen Horden von 6- bis 14jährigen Kindern in Lumpen gewickelt, verklebt vor Schmutz, die von Betteln und Stehlen leben, das Heer der verwahrlosten Kinder, der Besprisornis. An den Teerkesseln in den Straßen wärmen sie sich rudelweise, und nachts kriechen sie so tief als möglich in die Kessel hinein, um dort Wärme und Schutz zu finden. An den Puffern der elektrischen Straßenbahn hängen sie, und keiner treibt sie fort, keiner bemerkt diese verkommenen kleinen Menschenkinder. Sie sind ein allzu gewohnter Anblick für die Bevölkerung geworden. Der Russe ist gut und gibt hungernden Kindern, die vor den Bäckerläden aufpostiert stehen, noch etwas von seinen Rationen ab. Aber das Elend des eigenen Leibes ist zu groß, um ein noch größeres Elend, wie es diese Kinder ausstrahlen, überhaupt zu empfinden. So leben sie unangefochten ihr kurzes Raubtierleben.
Nachts hört man auf den Dächern der Eisenbahnwagen Tappen und schleifende Geräusche. Es sind die verwahrlosten Kinder, die im Herbst der Sonne und der Wärme nachfahren. Tagsüber halten sie sich an den Achsen der Räder fest. In den Stationen steigen sie aus und betteln vor den Wagenfenstern. Setzt sich der Zug in Bewegung, kriechen sie wieder unter die Räder. Die Coupefenster müssen immer gut geschlossen sein, besonders in der Dunkelheit, weil kleine Hände oder Schlingen hineinlangen

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und sich holen, was sie gerade erwischen, Anziehbares, Eßbares, Geld und Zigaretten.
Diese kleinen verwilderten Kreaturen umgibt ein ganzer Sagenkreis. Es wird erzählt, daß sie organisiert seien, eine Art Ehrenkodex haben sollen und sich an all denen rächen, die einen ihrer Organisierten schlecht behandeln, beschimpfen oder brutal vertreiben. Wahrheit und Dichtung ist hier schwer zu unterscheiden. Die Bevölkerung fürchtet sich jedenfalls vor den aufgeweckten, ungeheuer selbstbewußten Kindern, die auch beim Betteln souverän fordern und nicht demütig flehen. In Gespräche lassen sich die kleinen Vagabunden gerne ein. Anscheinend fühlen sie sich geehrt, wenn man sich nach ihnen erkundigt. Fragen beantworten sie kurz und bestimmt, zum längeren Erzählen sind sie nicht zu bringen. Es sind kleine verlauste, verdreckte anarchistische Tiere, die sich durchs Leben räubern, bis sie verhungern, erfrieren oder überfahren werden.
Einige Versuche wurden gemacht, solche Kinder einzufangen und zu einer Arbeit zu erziehen. Die Versuche scheiterten. Die Kinder rissen aus ...
Weniger tief, aber nicht minder entscheidend findet eine weitere Unterhöhlung des Privatlebens durch eine ursprünglich rein wirtschaftlich gedachte Einrichtung statt, die Einführung der Fünftagewoche. Die Fünftagewoche hatte ursprünglich den Sinn, mit der Abschaffung der Sonntage und der Sonntagsruhe einen ununterbrochenen Arbeitsprozeß herzustellen, in dem, statt eines allgemein bestimmten Tages der Arbeitsruhe, an jeder einzelnen Arbeitsstätte jeweilig einer bestimmten Arbeitsgruppe der fünfte Tag als Ruhetag zugewiesen wurde. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Erfindung sollen hier nicht näher besprochen werden. Sie sind vielleicht am besten in jenem Ausspruch eines hohen Funktionärs charakterisiert worden, der auf die Frage nach den Erfahrungen mit der Fünftagewoche antwortete: »Vier Tage suche ich meine Mitarbeiter, am fünften Tage suchen sie mich.« Auf die Entfaltung von privaten Beziehungen zwischen den Menschen übt sie jedenfalls eine überaus störende Wirkung aus. Da der fünfte Tag in jedem Betriebe und in jeder Dienststelle auf einen anderen Termin fällt, besteht von vornherein keine gemeinsame Freizeit zwischen Angehörigen verschiedener Betriebe. Da außerdem noch in jedem Betriebe die Arbeiterschaft in verschiedene Schichten aufgeteilt ist, um die ununterbrochene Arbeitsfolge durchführen zu können, verfügen nicht einmal Arbeiter desselben Betriebes, die aber verschiedenen

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Schichten angehören, über eine gemeinsame Freizeit. Unter diesen Umständen hängt die Möglichkeit privater Beziehungen von dem Zufall ab, ob sie im gleichen Turnus einer Fünftagewoche arbeiten. Die erste Frage, mit der zarte Beziehungen in Sowjetrußland angeknüpft werden, bezieht sich daher zunächst einmal auf den Zeitpunkt des fünften Tages. Engere Beziehungen ohne gleiche Freizeiten sind kaum denkbar. Sie sind es natürlich auch nicht in der Familie, wenn, wie üblich, Mann und Frau in Arbeit stehen und die Kinder ihrer Beschäftigung nachgehen. Die gewisse erholsame Behaglichkeit, die sich in der übrigen Welt an jenen Ruhetagen ausbreitet, die der gesamten arbeitenden Menschheit gemeinsam sind, ist Rußland fremd. Jeder Tag ist in Rußland Alltag, hastender, rauchiger, vom Lärm der Maschinen und vom Kampfe der Menschen erfüllter Alltag. Beschaulichkeit und Muße zur Entspannung in persönlichen Beziehungen sind im Kodex der neuen Welt nicht vorgesehen. Das Privatleben ist verfemt und soll es sein ...
Am 11. Oktober des Jahres 1930, kurz vor dem 13. Jahrestag der russischen Revolution, machte der einzige Arbeiterstaat der Welt ganze Arbeit: er schaffte die Arbeitslosenunterstützung ab. Durch ein Dekret des Arbeitskommissariats der Sowjetunion wurde die Einstellung der Zahlungen verkündet und gleichzeitig, damit es recht schnell ging, durch besondere telegraphische Anweisung an die Provinzbehörden, die Sperrung der Kassen befohlen. Eine große soziale Errungenschaft hatte von einem zum anderen Tage aufgehört zu bestehen.
Die offizielle russische Begründung für diese Maßnahme lautete dahin, daß es in Rußland keine Arbeitslosen mehr gäbe und die Arbeitslosenunterstützung infolgedessen hinfällig sei. Diese Begründung ist in mehr als einer Hinsicht unglaubwürdig. Gäbe es wirklich keine Arbeitslosen in Rußland, so hätte es einer Aufhebung der Arbeitslosenunterstützung erst gar nicht bedurft. Der Staat wäre im glücklichen Besitz seiner Mittel geblieben und der Arbeiter hätte keinen Anlaß gehabt, Ansprüche zu stellen. Der Zufall will es aber außerdem, daß genau sieben Tage vor dem Erlaß des Gesetzes der ›Trud‹, das amtliche Gewerkschaftsblatt, meldete, daß die Zahl der Arbeitslosen im Sowjetstaat noch rund 600000 Menschen betrage. Und schließlich gewinnt der so viel gepriesene Rückgang der Arbeitslosen in Rußland ein ganz anderes Gesicht, wenn man sich klarmacht, daß dieser Rückgang keineswegs einen tatsächlichen wirtschaftlichen

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Vorgang darstellt, sondern, wenigstens zum großen Teil, die Folge der Säuberung des Bestandes ist. Die ständige Reinigung unter den Registrierten, die Beschränkung der Registrierung auf die klassentreuen Elemente ist die wesentliche Ursache für das Absinken der Zahl, nicht aber die zunehmende wirtschaftliche Blüte des Landes. Außerhalb der registrierten Arbeiter verelendet das große Heer der ungelernten Arbeiter, der Dörfler, die der Hunger in die Stadt treibt, und der Städter, die in letzter Hoffnung auf das Land streben. Ihre Zahl ist nicht schätzbar und wird von keiner amtlichen Statistik erfaßt. Die offizielle Begründung der Sowjetregierung ist Exportware für das Ausland und ein Handelsartikel für seine mehr oder minder gutgläubigen Kommunisten.
Die Wahrheit im Lande sieht anders aus. Der russische Staat braucht Geld dringender als Menschen. Menschen mögen untergehen, aber seine Finanzschwierigkeiten sollen nicht wachsen. Die Plötzlichkeit, mit der die Auszahlungen eingestellt wurden, deutet darauf hin, daß in eben diesen Finanzschwierigkeiten eine wesentliche Ursache für die Aufhebung der Arbeitslosenunterstützung zu suchen ist. Die Durchpeitschung des Fünfjahrplanes, der trotz aller gegenteiligen Versicherungen auf immer größere Schwierigkeiten stößt, soll mit neuen Opfern der Arbeiterschaft erkauft werden ...
Selbst diese Maßnahme genügte den kommunistischen Machthabern noch nicht. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei hat am 20. Oktober 1930 eine Verordnung veröffentlicht, die den Druck auf die Arbeiterschaft noch weiter verschärft. Wie vorher mit einem Federstrich die Arbeitslosenunterstützung beseitigt wurde, so geschieht es hier mit einem Rechte, das der europäischen Arbeiterschaft seit dem Mittelalter niemals bestritten wurde. Die Kommunistische Partei hat es unternommen, die Freizügigkeit des russischen Arbeiters abzuschaffen. Jeder Arbeiter ist gezwungen, bedingungslos die ihm zugewiesene Arbeit anzunehmen, von welcher Art und an welchem Platze diese Arbeit auch immer sein mag. Die Arbeitsbehörden haben das Recht, ihn zu jeder beliebigen Arbeitsstätte zu entsenden und, soweit es sich um unqualifizierte Arbeiter handelt, auch seinen Arbeitszweig zu bestimmen. Schwere Strafen drohen den »Deserteuren, Flatterern und Simulanten«. Wer die ihm zugewiesene Arbeit ablehnt, verliert das Recht auf Arbeit überhaupt und findet keine Möglichkeit mehr, seinen Lebensunterhalt zu fristen. Die freie Berufswahl, die Freizügigkeit,

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die sozialen Sicherungen des Arbeiters sind damit beseitigt und eine neue Art der Leibeigenschaft begründet worden ...
149. Die Staatliche Plankommission (Gosplan) weist auf grundlegende Mängel des Industrieaufbaus hin Aus ihrem Bericht über die Erfüllung des Volkswirtschaftsplanes für das Sonderquartal 1930*
... Der Plan für das Sonderquartal sah eine Senkung der Selbstkosten bei der Produktion der dem VSNCh** unterstehenden Industrie im Ausmaß von 6,8 Prozent vor ... Der Vergleich der tatsächlichen Dynamik der Selbstkosten im Sonderquartal mit den Planaufgaben zeigt, daß bei der Selbstkostensenkung eine bedeutende Nichterfüllung des Planes vorliegt. Die Selbstkostensenkung in der vom VSNCh geplanten Industrie betrug im Oktober l,7 Prozent, im November l,4 Prozent (im Vergleich mit dem durchschnittlichen Niveau von 1929/30) und im Ergebnis für die zwei Monate des Sonderquartals 1,5 Prozent ...
Die Nichterfüllung des Planes zur Selbstkostensenkung im Sonderquartal spiegelte die Gesamtheit der Bedingungen wider, die die Arbeit der Industrie im Laufe der gegenwärtigen Periode kennzeichnet. Einer der Grundfaktoren, die einen bestimmenden Einfluß auf die Konjunktur des Sonderquartals ausübten, waren die ungünstigen Bedingungen bei der Versorgung der Industrie mit Brenn- und Rohstoff aufgrund der ungleichmäßigen Erfüllung des Plans einzelner Wirtschaftszweige und des gewaltigen Zurückbleibens einer ganzen Reihe entscheidender Elemente der Volkswirtschaft.
Das Hinterherhinken der Steinkohlenindustrie hinter dem allgemeinen Bedarf der Volkswirtschaft (der Plan des Sonderquartals zur Förderung von Steinkohle wurde zu 63 Prozent erfüllt), die Disproportion in der Entwicklung einzelner Zweige der Metallindustrie, die Nichterfüllung des Plans der Holzbeschaffung (der Beschaffungsplan wurde zu 57 Prozent, der Exportplan zu 39 Prozent erfüllt) sowie des Plans zur Beschaffung einzelner Rohstoffkulturen (der Plan des Sonderquartals zur
* Da zum 1.1. 1931 das Wirtschaftsjahr vom bisherigen Zeitraum l. 10.-30. 9. auf das Kalenderjahr umgestellt wurde, mußte für das Quartal Oktober-Dezember 1930 ein gesonderter Wirtschattsplan erarbeitet werden.
** VSNCh bedeutet: Oberster Volkswirtschaftsrat.

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Beschaffung von Flachs wurde zu 50 Prozent, von Hanf zu 44 Prozent erfüllt) - all dies bildeten die Hauptfaktoren, die die eingetretenen Schwierigkeiten bei der Versorgung der Industrie mit Brenn- und Rohstoff hervorriefen .. .
Nach dem Plan des Sonderquartals sollte die hauptsächliche Reserve bei der Selbstkostensenkung die Arbeitsproduktivität darstellen, deren Wachstum in der dem VSNCh unterstellten Industrie 12,6 Prozent - in Prozent zum durchschnittlichen Niveau von 1929/30 - betragen sollte. In Wirklichkeit wuchs die Produktion pro Arbeiter in der vom VSNCh geleiteten Industrie während des Sonderquartals insgesamt um 2,8 Prozent;
zugleich erhöhte sich der Arbeitslohn um 4,5 Prozent im Vergleich zu 1929/30. Daher stellte die Arbeitsproduktivität im Sonderquartal keinen Faktor zur Selbstkostensenkung dar, wie dies im Plan vorgesehen -worden war.
Die Nutzung der Arbeitszeit im Sonderquartal wird durch ein -weniger günstiges Ergebnis im Vergleich mit der entsprechenden Periode des vorhergehenden Jahres gekennzeichnet. Die Anzahl der Tage, an denen im Sonderquartal tatsächlich gearbeitet wurde, ist nach den Angaben von Gosplan der RSFSR um 7 Prozent geringer als im entsprechenden Quartal des vorhergehenden Jahres; dafür nahmen die Arbeitsausfälle zu, die Tätigkeiten in Organisationen (um 74 Prozent), Krankheiten (um 7 Prozent), triftige Arbeitsversäumnisse (um 32 Prozent) und unbegründetes Fernbleiben (um 162 Prozent) ...
150. Die Mobilisierung von Arbeitern für Kampagnen sowie »Beförderungen« in den Apparat haben sich als schädlich erwiesen
Aus einer Direktive der Kommunistischen Partei und der Regierung der UdSSR vom 25. März 1931
1. Die Mobilisierung von Produktionsarbeitern und administrativ-technischem Personal in Industrie und Transportwesen für jede Art von Kampagnen durch Partei-, Sowjet-, Gewerkschafts-, Komsomol- und alle anderen Organisationen ist untersagt.
2. Die nach dem l. Januar 1931 für laufende Kampagnen ohne Kenntnis des Zentralkomitees der VKP/b und des Rats der Volkskommissare der UdSSR mobilisierten Produktionsarbeiter und Angehörigen des administrativ-technischen Personals in

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Industrie und Transportwesen sollen unverzüglich in die Betriebe zurückkehren.
3. Der Abzug von Produktionsarbeitern und Angehörigen des administrativ-technischen Personals durch Partei-, Sowjet-, Gewerkschafts-, Komsomol- und Wirtschaftsorganisationen sowie durch Organe der Presse für verschiedene Arten von Untersuchungsbrigaden ist untersagt.
4. Die Abberufung von Direktoren für jegliche Art von Sitzungen ist auf ein Minimum zu reduzieren, wobei davon auszugehen ist, daß sich das administrativ-technische Personal des Betriebs vollständig mit seiner unmittelbaren Arbeit im Betrieb zu beschäftigen hat.
5. Der Beschluß des Zentralkomitees vom 20. Oktober 1930 über ein zweijähriges Verbot von Beförderungen von in der Produktion beschäftigten Arbeitern und Angehörigen des technischen Personals auf Arbeitsstellen in staatlichen Organen wird bestätigt; dort, wo diese Direktive verletzt worden ist und qualifizierte Arbeiter und Angehörige des technischen Personals, die in der Produktion beschäftigt waren, befördert und zur Sowjetarbeit delegiert wurden, haben diese Personen in die Produktion zurückzukehren.
6. Die Abkommandierung von Arbeitern für die Tätigkeit in jeglicher Art von Patenschafts- und anderen Angelegenheiten in der Arbeitszeit ist untersagt.
7. Alle Beschlüsse von örtlichen Partei-, Sowjet- und Gewerkschaftsorganen, die unter Verletzung der Arbeitsgesetze einen verkürzten Arbeitstag für Personen festlegen, die sich in verschiedenen Formen der Ausbildung befinden und gesellschaftliche Arbeit verrichten, werden aufgehoben; solche Beschäftigungen sind nur in der Nichtarbeitszeit durchzuführen.
8. Es wird festgelegt, daß die Ausführung jeglicher Art von gesellschaftlichen Pflichten durch Produktionsarbeiter, die Teilnahme an den Sektionen der Sowjets, an Kommissionen, an Partei-, Gewerkschafts-, Genossenschafts- und anderen Organen ausschließlich in der Nichtarbeitszeit zu erfolgen hat. Entsprechend haben Parteiorgane, Sowjets, Gewerkschaften, genossenschaftliche und andere gesellschaftliche Organisationen ihre Massenarbeit in die Nichtarbeitszeit zu verlegen.
9. Angesichts der zu beobachtenden Fälle einer unorganisierten Überführung von Arbeitern und administrativ-technischem Personal von einem Betrieb zum anderen und auf Baustellen soll der Oberste Volkswirtschaftsrat gemeinsam mit dem

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Volkskommissariat für Arbeit Maßnahmen ergreifen, um solche Überführungen zu regeln ...
151. Die Städte müssen mit den Auswirkungen der beschleunigten Industrialisierung fertig werden Aus der Resolution des Zentralkomitees der VKP/b über die Moskauer städtische Wirtschaft und über die Entwicklung der städtischen Wirtschaft in der UdSSR, Plenarsitzung 11. bis 15.Juni 1931
... Indessen bleibt die Entwicklung der städtischen Wirtschaft hinter dem Wachstum der Arbeiter- und Arbeitsbevölkerung der Hauptstadt und ihren Bedürfnissen zurück. Dieser Rückstand hat sich besonders aufgrund äußerst schwerwiegender Mängel in der Arbeit der Moskauer Kommunalwirtschaft zugespitzt. Gerade als Folge dieser Mängel sind Lücken im Straßenbahnverkehr, Unzulänglichkeiten der Wohnungswirtschaft, eine schlechte Durchführung der Straßen- und Untertagearbeiten, ein äußerst unbefriedigender sanitärer Zustand der Stadt u. a. aufgetaucht ...
Das Plenum des Zentralkomitees schlägt dem Moskauer Parteikomitee und dem Moskauer Sowjet vor, die Aufmerksamkeit auf die Durchführung der folgenden zentralen Maßnahmen zu konzentrieren:
l. Wohnungswirtschaft
Das Zentralkomitee schlägt der Moskauer Organisation und der Staatlichen Plankommission vor, gemeinsam mit dem Volkskommissariat für Finanzen einen dreijährigen Plan für den Wohnungsbau Moskaus und seine Finanzierung auszuarbeiten, damit im Verlauf dieser drei Jahre aufgrund der Haushaltsmittel des Moskauer Sowjets und der Industrie neue Häuser für nicht weniger als 500000 Menschen errichtet werden, wobei hier der genossenschaftliche und andere Wohnungsbau sowie das Aufstocken der Etagen nicht berücksichtigt sind ...
Hierbei sind die neuen Aufgaben des Alltags zu berücksichtigen. Der Bau von Wäschereien für die Versorgung einzelner großer Häuser oder Gruppen von Häusern ist zu entwickeln;
im Jahr 1932 sind mindestens fünfzehn solcher gesellschaftlicher Waschanstalten fertigzustellen; auch ist mit dem Bau von zwei großen mechanisierten Wäschereien für öffentliche

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Einrichtungen (Krankenhäuser, Kinderheime usw.) zu beginnen. Notwendig ist die Entwicklung des Baus eines zusätzlichen Netzes von Kindergärten, -plätzen und -krippen, die außerordentlich wichtig sind, da immer größere Massen von Frauen in die Produktion einbezogen werden. Das Netz der Kindergärten, -Spielplätze und -krippen ist in der Weise aufzubauen, daß im Verlauf von zwei Jahren alle Kinder von Arbeitern, die in der Produktion beschäftigt sind, betreut werden ...
2. Öffentliche Ernährung und Brotbäckerei
Damit die öffentliche Speisung ausgeweitet wird und die breiten proletarischen und werktätigen Massen an ihr teilnehmen, soll bereits in diesem Jahr der Aufbau eines umfangreichen Netzes von neuen Kantinen, Cafés, Teestuben, Imbißstuben entfaltet und die entsprechende Produktionsbasis für diese Einrichtungen geschaffen werden (Fabrik-Küchen usw.).
Obwohl bis jetzt in Moskau fünf mechanisierte Brotfabriken errichtet worden sind, ist der Anteil des mechanisierten Brotbackens äußerst gering; zudem ist die Qualität des Brotes nicht zufriedenstellend ...
3. Energiewirtschaft
... Das Zentralkomitee ist der Auffassung, daß für eine vollständige Befriedigung des wachsenden Bedarfs Moskaus und für die Bereitstellung von elektrischer und Wärmeenergie für die neuen Industriebetriebe und für die Alltagsbedürfnisse der Stadtbevölkerung die gesamte Energiewirtschaft der Stadt in Richtung der Fernheizung (teplofikacija) entwickelt werden muß. Das Plenum des Zentralkomitees fordert den Obersten Volkswirtschaftsrat auf, einen Plan für den Aufbau mächtiger Wärme-Elektro-Zentralen auszuarbeiten und die praktische Lösung des Problems der Fernheizung zu forcieren ...
4. Der städtische Transport
... Das Plenum des Zentralkomitees hält es für notwendig, unverzüglich mit der vorbereitenden Arbeit zum Bau einer Untergrundbahn in Moskau zu beginnen, die das wichtigste Mittel zur Lösung des Problems einer schnellen und billigen Personenbeförderung darstellt; bereits 1932 soll mit dem Bau der Untergrundbahn begonnen werden. Mit diesem Bau muß die Errichtung einer innerstädtischen elektrischen Eisenbahnlinie verknüpft werden, die die Nord-, die Oktober- und die Kursker

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Linie unmittelbar mit dem Stadtzentrum verbindet. Zugleich ist es notwendig, einen neuen Straßenbahnring längs des Kamer-kolle@sker Walls einzurichten, das Straßenbahnnetz in den beiden kommenden Jahren um mindestens 150km zu erweitern und die Zahl der Straßenbahnwagen auf 3000 zu erhöhen; in breitem Umfang ist der Autobusverkehr für Personen zu entwickeln, wobei in den nächsten drei Jahren die Zahl der Autobusse in Moskau auf 2000 zu erhöhen ist.
5. Straßen- und Untertagearbeiten
Das Plenum des Zentralkomitees billigt das Arbeitsprogramm für dieses Jahr, die Straßen der Stadt (in einem Gesamtumfang von 575000 qm) zu befestigen; es beauftragt das Moskauer Komitee und den Moskauer Sowjet, die vollständige Realisierung dieses Programms sicherzustellen ...
In Übereinstimmung mit dem Plan für die Straßenarbeiten ist ein Plan für die Verbesserung der gesamten unterirdischen Systeme (Kanalisations- und Wasserleitungsnetz, Kabel usw.) auszuarbeiten, damit die Reparatur und Verbesserung des Untertagenetzes vor der Befestigung der Straßen mit stabileren Straßenbelägen durchgeführt wird ...
Damit alle diese Arbeiten sichergestellt werden, wird der Oberste Volkswirtschaftsrat damit beauftragt, 1932 mit dem Aufbau einer Fabrik für Straßenbaumaschinen zu beginnen.
6. Wasserversorgung
...
7. Der sanitäre Zustand der Stadt
Angesichts des deutlichen Zurückbleibens des Wachstums des Kanalisationsnetzes hinter dem Wachstum der Stadt (627km Kanalisation bei einer Gesamtlänge der städtischen Straßen von über 1000km) beauftragt das Zentralkomitee das Moskauer Komitee und den Moskauer Sowjet, die entsprechenden Arbeiten in einem solchen Tempo durchzuführen, daß bis 1935 das Kanalisationsnetz auf die Länge des Wasserleitungsnetzes gebracht wird ...
Das Zentralkomitee verpflichtet die Moskauer Organisationen, die Arbeit zur Einrichtung von Grünanlagen, von Boulevards und Plätzen besonders in den Arbeitervierteln in breitem Maßstab zu entfalten ...

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8. Die Planung Moskaus
Das Plenum des Zentralkomitees erachtet es als völlig unnormal, daß Moskau über keinen Fünfjahrplan für die Entwicklung seiner Wirtschaft verfügt und daß der Aufbau der Stadt spontan (stichijno), ohne einen allgemeinen Stadtentwicklungsplan ablief. Das Plenum des Zentralkomitees verpflichtet die Moskauer Organisationen, mit der Ausarbeitung eines soliden, wissenschaftlich fundierten Plans für die weitere Ausweitung und Bebauung der Stadt Moskau zu beginnen. Bei der Planung Moskaus als einer sozialistischen Stadt darf - im Gegensatz zu kapitalistischen Städten - keine übermäßige Konzentration großer Bevölkerungsmassen, Betriebe, Schulen, Krankenhäuser, Theater, Klubs, Geschäfte, Kantinen usw. auf kleinem Raum zugelassen werden ...
Das Plenum des Zentralkomitees geht davon aus, daß die weitere Entwicklung des industriellen Aufbaus des Landes sich im Rahmen des Aufbaus neuer industrieller Herde in bäuerlichen Regionen vollziehen soll, wodurch die endgültige Beseitigung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land näherrückt; es hält somit die Überfrachtung der herausgebildeten großen städtischen Zentren mit einer großen Anzahl von Betrieben nicht für zweckmäßig und schlägt vor, künftig in diesen Städten keine neuen industriellen Betriebe mehr zu errichten ...
Das Plenum des Zentralkomitees ist der Auffassung, daß die Realisierung dieser Aufgaben eine grundlegende Verbesserung der Arbeit der kommunalen Organe auf allen oberen und unteren Ebenen erfordert, eine entschiedene Bekämpfung der rechtsopportunistischen Verzerrungen in der Praxis der kommunalen Organe, ihre Säuberung von klassenmäßig fremden und bürokratischen Elementen und eine Beseitigung der Überreste des Schädlingswesens ...
Bei den Fragen der Organisation eines neuen sozialistischen Alltagslebens (socialisti@eskij byt) ist es notwendig, sowohl den rechten Opportunismus, der gegen bolschewistisches Tempo bei der Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft, gegen die Umgestaltung der kulturellen und das Alltagsleben betreffenden Versorgung der Arbeiter- und Kolchosbevölkerung auftritt, als auch die Überspitzungen der »links«-opportunistischen Phrasendrescher mit Entschiedenheit zu bekämpfen, die mit allen möglichen phantastischen Projekten und Vorschlägen auftreten (zwangsweise Beseitigung der individuellen Küchen, künstliche Einpflanzung von Lebenskommunen usw.) ...

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152. Die Brigade als zentrale Organisationseinheit der Kolchose
Aus dem Beschluß des CK der VKP/b über die nächsten Maßnahmen zur organisatorischen und wirtschaftlichen Festigung der Kolchosen vom 4. Februar 1932
... Das wichtigste Glied in der Arbeitsorganisation der Kolchosen muß die Brigade werden. In Übereinstimmung mit der Erfahrung der besten landwirtschaftlichen Artele hält es das CK für zweckmäßig, in den Kolchosen Brigaden mit einem gleichbleibenden Bestand an Kolchosbauern zu organisieren, damit solche Brigaden in der Regel alle wesentlichen landwirtschaftlichen Arbeiten über das ganze Jahr hinweg auf bestimmten Landstücken durchführen. Der Kolchos stellt diesen Brigaden für die Zeit ihrer Arbeit die notwendigen Maschinen, Inventar und Arbeitsvieh ab, für deren Zustand die Brigade in ihrer Gesamtheit verantwortlich ist. Die Bewertung des Tagewerkes (trudoden') der Kolchosbauern muß abhängig vom Gelingen der Arbeit der Brigade erhöht oder gesenkt werden ...
Die Auswahl der Brigadiere, das Ausmerzen der Fluktuation ihres Bestandes und eine wirksame Unterstützung der Brigadiere bei der Erhöhung ihrer wirtschaftlichen und politischen Qualifikation muß die wichtigste Aufgabe der Parteiorganisationen werden. Eine weite Verbreitung muß die schon während des vergangenen Jahres in den besten Kolchosen angewendete Praxis erhalten, die Tätigkeit der Brigadiere abhängig von den Endergebnissen der Arbeit der Brigade zu bezahlen ...
Die Verwirklichung der Beschlüsse des 6. Sowjetkongresses* über die Einführung der Akkordarbeit, die Verbesserung der Berechnung und über die Bewertung der Arbeit jedes Kolchosbauern in Tagewerken abhängig von Umfang und Qualität der von ihm durchgeführten Arbeit bleibt weiter die wichtigste Aufgabe ...
Das CK betrachtet die Arbeit zur Beförderung und Erziehung eines Kolchos-Aktivs aus den vorbildlichen Arbeitern unter den Kolchosbauern, den Teilnehmern am sozialistischen Wettbewerb, den Brigadieren usw. als eine höchstrangige politische Aufgabe der Partei- und Kolchosorganisationen. Auf das Kolchos-Aktiv müssen sich die lokalen Organisationen bei der Verwirklichung der wichtigsten wirtschaftlichen Maßnahmen stützen - des Kampfes um die Ernte, für die Erfüllung des
* Ergänze: am 17. März 1931.

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Getreidebeschaffungsplanes usw., und auch bei der sozialistischen Umerziehung der Kolchosbauern ...
153. Das Stahlzentrum Magnitogorsk wird gebaut
Ein Beispiel für ein bedeutendes Industrialisierungsprojekt im Bericht von John Scott, einem Amerikaner, der in Magnitogorsk arbeitet, 1932 bis 1937
... Trotz mancher Schwierigkeiten machte die Arbeit weit schnellere Fortschritte, als die optimistischsten unter den Ausländern erwartet hatten, wenn auch wesentlich langsamere, als die phantastischen Pläne der Sowjetregierung verlangten. Ende 1931 waren die erste Batterie Koksöfen und Hochofen Nr. l betriebsfertig. Am 1.Februar 1932 wurde zum erstenmal Magnitogorsker Roheisen geschmolzen.
Der Voranschlag für das erste Vierteljahr 1932 wurde zu 44,9 Prozent erfüllt, doch blieb die Arbeitsleistung, soweit sie den Stadtbauplan anging, praktisch gleich Null. Fast alle Arbeiter wohnten in Zelten oder in provisorischen Baracken. Dem Buchstaben nach war der Beschluß der Regierung, das Magnitogorsker Werk bis Ende 1932 zu vollenden, nach wie vor in Kraft, obgleich es jedem klar war, daß es sich hierbei nur um einen Wunschtraum handelte. Verschiedene Unternehmungen in Moskau übten harte Kritik und beschuldigten einander, den Aufbau von Magnitogorsk zu sabotieren. Man enthob die für die Arbeit unmittelbar Verantwortlichen in Moskau und in Magnitogorsk ihrer Posten. Im Laufe des Jahres wurden die Verwaltungsstellen dreimal neu besetzt. Jeder Wechsel bedeutete die Einarbeitung einer Anzahl neuer Leiter auf verantwortlichen Posten und meistens das Anlernen einer ganzen Reihe von Unterbeamten, denen jede praktische Erfahrung fehlte. Zu dieser Zeit begann sich der allgemeine wirtschaftliche Zustand des Landes zu verschlechtern. Sehr ernste und langwierige Perioden von Lebensmittelknappheit setzten ein. Unterernährung verminderte die Leistung. Man setzte infolge von wirtschaftlichen Schwierigkeiten die Goldzuteilungen, die zum Einkauf von Maschinen im Auslande nötig waren, herab. Es trat ein derartiger Mangel an Zahlungsmitteln ein, daß die Löhne in Magnitogorsk nur verspätet ausgezahlt werden konnten.
Im Jahre 1932 führte man in fast allen Abteilungen Akkordarbeit ein und erzwang eine finanzielle Verantwortlichkeit der

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einzelnen Verwaltungszweige. Man erwartete durch diese Maßnahmen eine Verminderung der Unkosten, die überall lächerlich hoch waren, und hoffte gleichzeitig die Arbeitsleistungen zu steigern.
Die Ergebnisse entsprachen nicht immer den Erwartungen. Es kam oft vor, daß die Vormänner die täglichen Lohnzettel nach Gutdünken ausschrieben, anstatt sich die Mühe zu machen, die Arbeit jedes Einzelnen in ihrer Belegschaft nachzuprüfen. Wurden derartige Prüfungen angestellt, so waren sie häufig ungenau. Wenn der Arbeiter auch nach den Bestimmungen Akkordarbeit leistete, so gab seine Entlohnung kein richtiges Bild des Arbeitsergebnisses. Oft übertrieben Vormänner in dem Wunsch, ihren Arbeitern zu einem höheren Lohn zu verhelfen, das Arbeitsergebnis in gröblichster Weise. Es kam vor, daß Löhne für Ausschachtungsarbeiten von Tausenden von Kubikmetern ausbezahlt wurden, obgleich diese Arbeiten niemals ausgeführt worden waren.
Im großen und ganzen hoben sich die Arbeitsleistungen allmählich in allen Abteilungen ...
Man machte von Anfang an ständig Versuche, verschiedene Arbeitsvorgänge beim Bauen zu mechanisieren. Des öfteren wurden jedoch teure importierte Maschinen nicht entfernt so wirkungsvoll angewandt, wie dies möglich gewesen wäre. Eine von Sowjetingenieuren in Magnitogorsk aufgestellte Statistik zeigte, daß die Maschinen für Ausschachtungen nur dreißig bis vierzig Prozent der Arbeit leisteten wie Maschinen gleichen Typs und gleicher Größe in den Vereinigten Staaten.
Eines der ernstesten Probleme, mit denen sich die Verwaltung von Magnitogorsk in den Jahren von 1930 bis etwa 1933 zu befassen hatte, war der Mangel an Arbeitern. Zwischen 1928 und 1932 kam beinahe eine Viertelmillion Menschen nach Magnitogorsk. Ungefähr dreiviertel von diesen kamen freiwillig, um Arbeit, Brot und bessere Lebensbedingungen zu finden. Der Rest kam zwangsweise.
Es herrschte dauernd Mangel an gelernten Arbeitern, hauptsächlich weil die Organisation, welche die Arbeiter anzulernen hatte, untüchtig war. Des weiteren machte die Industrialisierung in anderen Teilen des Landes die Anwerbung von gelernten Arbeitern in größerer Anzahl unmöglich ...
Viele ungelernte Arbeiter mußten offenbar die Arbeit von gelernten Arbeitern ausführen. So kam es, daß unerfahrene Bautischler vom Gerüst fielen und daß ungelernte Maurer Wände mauerten, die nicht hielten.

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Zu dem Mangel an Arbeitern kam noch ein weitgehender Verlust an Arbeitsstunden infolge des »Blaumachens«. Es ist eine alte russische Sitte, nicht zur Arbeit zu kommen, wenn man am Abend vorher reichlich getrunken hat, oder einfach, wenn es einem nicht behagt. Man kämpfte erbittert gegen diese Angewohnheit, ohne sie jemals ganz ausrotten zu können. Viel Arbeitszeit ging infolge mangelhafter Organisation verloren ...
Die tatsächlich niedrigen Löhne und die schlechten Lebensbedingungen waren die Ursachen für starke Schwankungen am Arbeitsmarkt ...
Im Jahre 1932 fanden die Verwaltung und die Werkführer es ganz natürlich, die Arbeiter auf ihren Wunsch hin zu entlassen. Während des Jahres 1933 war es einem Arbeiter fast unmöglich, seine Arbeit aufzugeben, wenn er auch gesetzlich das Recht hatte, jederzeit bei Einhaltung einer Kündigungsfrist von zwei Wochen zu kündigen. Die Gewerkschaften scheuten sich, den Arbeitern zu helfen. Sie fürchteten, daß sie von den Verwaltungen und der Partei wegen der »Unterlassung, die starken Schwankungen am Arbeitsmarkt zu bekämpfen«, gebrandmarkt werden könnten. Statt dessen versuchten sie, die Arbeiter zum Bleiben zu überreden. Dieser Mißbrauch hörte mehr oder weniger 1936 auf, begann aber 1938 aufs neue. Durch ein Regierungsdekret im Jahre 1940, das zum Gesetz erhoben wurde, nahm man den Arbeitern das Recht, ihre Stellungen ohne Erlaubnis zu verlassen ...
Ein sehr mißliches Problem in Magnitogorsk war die Beschaffung von Vorräten. Die Stadt lag weit entfernt von dem nächsten Industriezentrum. Ihre Verbindung mit Tscheljabinsk und der übrigen Sowjetunion bestand in einer eingleisigen Eisenbahn. Außerdem herrschte während des ersten und zweiten Fünfjahrplanes starker Mangel an industriellem Baumaterial jeder Art, wie auch an Nahrungsmitteln ...
Genügend Holz herbeizuschaffen, gehörte zu den schwersten Problemen. Im Winter verschwand das Holz tonnenweise in die Arbeiterhäuser als Heizmaterial. Man hatte nichts, um Gerüste zu errichten ...
Organisatorische Mängel verschärften oft noch die bestehenden Versorgungsschwierigkeiten. Häufig erhielt man Material, das völlig unnötig war, oder für das man auf Jahre hinaus keine Verwendung hatte ...
Durch Verschwendung und Nachlässigkeit ging ein sehr beträchtlicher Teil der Vorräte verloren ...

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Noch mehr als Materialknappheit hielt Mangel an Maschinen die Bautätigkeit auf. Bis zum 1.Januar 1934 hatte man nur einundzwanzig Prozent der vorgesehenen Maschinen erhalten und aufgestellt. Abgesehen von diesen Rückständen in den Lieferungen für die geplante Ausrüstung gab es ein interessantes Phänomen, nämlich das Zentralausrüstungslager, bekannt unter dem Namen »nulevoj sklad« oder »Lagerhaus Null«.
Dort lagerte eine Sammlung von Maschinen, die niemals abgeliefert werden konnten, da viele Sendungen ohne Adresse ankamen oder der Empfänger nicht ermittelt werden konnte. Andere Sendungen waren dort ohne jeden Grund liegengeblieben ...
Lebensmittel, die, wenn auch nicht unmittelbar, für den Fortgang der Bautätigkeit von großer Bedeutung waren, konnte man gleichfalls nur mit Schwierigkeiten erhalten. Jede industrielle Organisation hatte die Verantwortung für die Verpflegung ihrer Arbeiter. Sie gab Lebensmittelkarten aus und tat danach ihr Bestes, um die auf ihnen verzeichneten Nahrungsmittel zu beschaffen. Dies mißlang jedoch in vielen Fällen. Die Karte eines Bauarbeiters im Jahre 1932 berechtigte ihn zu folgenden Monatsrationen:
Brot
30 Kilo
Fleisch
3 Kilo
Zucker
1 Kilo
Milch
15 Liter
Butter
0,5 Kilo
Hülsenfrüchte
2 Kilo
Kartoffeln
Nach Maßgabe der Vorräte
Aber während des ganzen Winters 1932/33 erhielten die Bauarbeiter überhaupt kein Fleisch und keine Butter und fast keinen Zucker und keine Milch. Sie erhielten nur Brot und etwas Hülsenfrüchte. In dem Laden, in dem sie eingeschrieben waren, konnten sie ohne Karten Parfüm, Tabak, »Kaffee« (Ersatz) und, falls vorhanden, Seife, Salz, Tee und Süßigkeiten kaufen. Diese Dinge waren aber nur selten zu erhalten. Traf eine derartige Sendung ein, so ließen die Arbeiter mitunter alles stehen und liegen, um mit einem Werkzeug in den Händen zu versuchen, sich ein halbes Pfund steinhartes Zuckerwerk zu erkämpfen.
Außer den in den Läden käuflichen Vorräten gab es in jedem Werk ein oder mehrere Speiseräume, in denen die Arbeiter einmal täglich auf ihre Verpflegungskarte essen konnten. Das

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Kartensystem wurde ein furchtbares Fiasko, da Werkführer und Verwaltungsbeamte ihren Leuten zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit zusätzliche Lebensmittelkarten aushändigten. So kam es, daß die Schweißerei ihren achthundert Arbeitern 1933 zweitausend Mahlzeiten am Tage vorsetzte. Da jedoch das zentrale Versorgungskontor wußte, daß die Schweißerei nur achthundert Arbeiter beschäftigte und daher nur Lebensmittel für diese Anzahl ausgab, mußte der Vorsteher der Küche die Vorräte strecken. Die Beschaffenheit der Verpflegung verschlechterte sich entsprechend. Anfang 1933 mußte man im Speiseraum Nr. 30 zwei, ja sogar drei Mahlzeiten verzehren, um sich, wenn man bei fünfzig Grad unter Null angestrengt arbeitete, eine angemessene Nahrungsmenge zuzuführen ...
Das Problem, den Arbeitern hinreichend zu essen und genügend Kleider zu verschaffen, war oft schwer und zuweilen überhaupt nicht zu lösen gewesen. Viele Jahre hindurch hatten die Genossenschaftsläden nichts anderes als Brot zu verkaufen, manchmal noch einige sonstige Lebensmittel. In jener Periode starben die Privatläden aus, und die Basare waren die einzigen Stellen, wo man etwas bekommen konnte. Diese lagen auf dem großen, offenen Plateau eines Hügels und umfaßten zusammen eine Fläche von etwa zwei Morgen. Hier konnte jeder herumwandern und seine Waren zu dem Preis verkaufen, den er bekommen konnte. Die Polizei paßte nur streng auf, daß nicht gestohlene Ware darunter war. In den Jahren 1933 und 1934 waren die Preise hier so hoch, daß man kaum Geld genug hatte, um etwas zu kaufen. Brot zum Beispiel kostete bis zu zehn Rubel pro Kilogramm, während es in den Genossenschaftsläden fünfzehn Kopeken kostete.
Nach dem Besuch von Ordschonikidse* im Jahre 1933 begannen die Industrieverwaltung und die politischen Leiter der Stadt dem Konsumproblem größere Aufmerksamkeit zu schenken. Staatliche Landwirtschaftsbetriebe in der Nähe von Magnitogorsk wurden veranlaßt, Kartoffeln, Milch, Kohl und Fleisch an die Stadt zu liefern. 1936 existierte kaum noch ein Lebensmittelproblem, das heißt, es gab so viel, daß jeder sich satt essen konnte. Aber das Verteilungssystem ließ noch immer viel zu wünschen übrig.
Allmählich wurden auch der Gütertransport und der Verkauf
* G. K. Ord@onikidze (1886-1937), Volkskommissar der UdSSR für die Schwerindustrie.

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besser geregelt; man konnte Eßwaren für den Tagesbedarf kaufen, ohne stundenlang Schlange stehen oder jemand anders für das Anstehen bezahlen zu müssen. In den Jahren 1935 bis 1937 konnte Magnitogorsk mit fünf mustergültigen Lebensmittelgeschäften, »Gastronom«, prangen, die auch in jeder amerikanischen Stadt als sauber, ordentlich und gut versehen gegolten hätten, wenn auch die Preise in Magnitogorsk wesentlich höher waren.
Die folgenden Zahlen geben ein Bild von den dortigen Lebensmittelpreisen im Winter 1937/38. Die Preise sind in Rubel und Kopeken angegeben und in Klammern entsprechend in Schweizer Währung, (1 Rubel entsprach zu jener Zeit etwa 0,76 Schweizer Franken. Der durchschnittliche Arbeiterlohn betrug damals in Magnitogorsk etwas über 300 Rubel = 225 Schweizer Franken im Monat.)
Milch: 2 Rubel (1,52 Franken) pro Liter. Kleinere Jahreszeitschwankungen konnten vorkommen. Fleisch: 3,50 bis 10 Rubel (2,65 bis 7,60 Franken) pro Kilo in den Läden. 5 bis 20 Rubel (3,80 bis 15,20 Franken) pro Kilo in den Basaren. Eier: 1 Rubel (0,76 Franken) pro Stück (aber es gab nicht immer welche).
Butter: 14 bis 20 Rubel (10,50 bis 15,20 Franken) pro Kilo.
Wurst: 7 bis 20 Rubel (5,25 bis 15,20 Franken) pro Kilo.
Mehl: 2 bis 5 Rubel (1,50 bis 3,80 Franken) pro Kilo.
Reis: 5,50 Rubel (4,20 Franken) pro Kilo.
Andere Mehlsorten und Grieß: 3 bis 5 Rubel (2,25 bis 3,80 Franken) pro Kilo.
Äpfel: 3,50 Rubel (2,60 Franken) pro Kilo. (Sie waren schlecht, meist gefroren, und selten zu erhalten, da sie sehr nachgefragt waren.)
Kartoffeln: 0,50 Rubel (0,38 Franken) pro Kilo.
Weißkohl: 0,75 Rubel (0,57 Franken) pro Kilo.
Kohlrüben, Mohrrüben und rote Rüben: meist in derselben Preislage wie Weißkohl.
Zigaretten: 1 bis 5 Rubel (0,75 bis 3,80 Franken) pro Paket mit 25 Stück.
Wodka: 12 Rubel (9,10 Franken) pro Liter.
Weine, darunter Champagner: 6 bis 20 Rubel (4,50 bis 15,20 Franken) pro 1/3 Liter ...
Der Mangel an Manufakturwaren, der in den Hintergrund trat, solange es nicht genug Lebensmittel gab, wurde, nachdem die

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Lebensmittelfrage gelöst war, immer drückender. In der Stadt wimmelte es von kauflustigen Leuten mit festem Einkommen, die an ihren freien Tagen Woche für Woche hinter Kleidern, Schuhen, Möbeln, Nähmaschinen, Radioapparaten, Porzellan, Hausgerät und tausend anderen kleinen Dingen der Leichtindustrie herliefen, die in anderen Ländern in jedem Warenhaus oder Manufakturwaren- und Haushaltungswarengeschäft zu haben sind ...
Die Qualität der Fabrikwaren war im allgemeinen schlecht (Schuhe, Konfektionsanzüge und Stoffe waren meist wenig haltbar), wenn auch gewisse Dinge, wie zum Beispiel die neuen Kurzwellenapparate, verhältnismäßig gut waren.
Die Fabrikerzeugnisse waren erschreckend teuer. Ein Paar Schuhe kostete 1936 ungefähr 220 Rubel, 1938 sogar 300 Rubel (165 bzw. 225 Schweizer Franken). Gute Wollkleidung konnte man so gut wie überhaupt nicht bekommen, und um in den Läden einen Anzug zu erhalten, mußte man, wenn man überhaupt einen erwischte, zwischen 500 und 1500 Rubel (380 bis 1140 Franken) zahlen, das heißt, für einen hochqualifizierten Arbeiter gingen ein bis zwei Monatslöhne drauf ...
Von der Luft aus unterschied sich Magnitogorsk sehr stark von Tscheljabinsk und Swerdlowsk. Es hatte keine strahlende »Sozialistische Stadt« und keine leuchtenden Fabrikgebäude aufzuweisen. Die vier Hochöfen sahen wie würdige Herren mit Halstüchern aus. Zu ihren Füßen lag ein weit gestrecktes Arbeitslager, das auch aus der Luft schmutzig und unordentlich aussah.
Wir landeten glatt im Flughafen, aber damit begannen auch die Schwierigkeiten. Der Lastkraftwagen, der die Fluggäste abholen sollte, war nicht gekommen. Der Leiter des Flughafens sagte etwas von Mangel an Benzin und Ersatzteilen und verschwand darauf in seinem Büro. Wir warteten zwei Stunden und entschlossen uns dann, in die Stadt zu gehen. Es waren ungefähr zehn Kilometer. Der Weg schlängelte sich über die Steppe. Häufig orientierten wir uns besser nach der Rauchsäule über der Stadt als nach den schwachen Autospuren zu unseren Füßen. Wir brauchten für diesen Weg zwei Stunden. Ein bärtiger Sowjetingenieur, der mit uns geflogen war, bemerkte verbittert: »Zwei Stunden von Tscheljabinsk bis Magnitogorsk, eine Reise, die mit der Bahn zwanzig Stunden dauert - und dann brauchen wir zwei Stunden, um vom Flughafen in die Stadt zu kommen. Das ist bolschewistisches Tempo!«

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Als wir jedoch auf dem Hügel ankamen und Magnitogorsk wie ein kompliziertes geometrisches Problem auf einer schwarzen Tafel vor uns sahen, mit seiner Krone von dickem schwarzem Rauch, hatte jeder von uns ein ausgeprägtes Gefühl von Stolz. Hier, Hunderte von Kilometern von dem nächsten Sammelpunkt menschlicher Tätigkeit, hatte man ein riesenhaftes Werk und eine Stadt innerhalb von fünf Jahren geschaffen. Auch der letzte Arbeiter, sogar diejenigen, die Strafarbeit zur Sühne ihrer Missetaten verrichteten, fühlten deutlich, daß diese Stadt, an deren Errichtung sie mitgeholfen hatten, wirklich ihre eigene war ...
154. Ein Dorf muß seinen Ablieferungsplan erfüllen
Aus den Erinnerungen Lew Kopelews, 1932/33
... Ebenso leise, gleichmäßig und klar sprach er* auf Versammlungen, die jeden Abend in den verschiedenen Teilen des Dorfes für jeweils 50 bis 100 Höfe stattfanden. Man traf sich dabei im Haus eines Bauern, der sein Getreide-Ablieferungssoll nicht erfüllt hatte. Die Dorfsowjet-Diensthabenden trieben alle hin, die den Ablieferungsplan nicht erfüllt hatten, und achteten darauf, daß niemand ohne besondere Erlaubnis die Versammlung verließ.
Gewöhnlich hielt Waschtschenko die Eröffnungsrede. Er berichtete, wieviel Getreide schon vom Dorf abgeliefert worden sei und wieviel noch fehlte. Er zählte die bösartigen Nichtablieferer auf und gab ausführlich bekannt, wo und bei wem verstecktes Getreide gefunden worden sei ...
Danach sprachen die Gäste: die Männer von der Beschaffungskommission, Wolodja und ich, dann örtliche Aktivisten, Komsomolzen, Kolchosbrigadiere ...
Der graublaue Machorka-Dunst ballte sich zu dichten Wolken, die die selbstgezogenen Kerzen und - in anderen Höfen - die Kienspäne kaum durchdringen konnten. Petroleumlampen waren selten. Dörfer, die den Getreideablieferungsplan nicht erfüllt hatten, standen auf einer »schwarzen Liste« und unterlagen dem »Warenboykott«. Die Läden waren geschlossen. Es gab weder Petroleum noch Nägel, noch sonst etwas.
Jedesmal wenn ich sprach, versuchte ich den Leuten zu
* Ergänze: Waschtschenko, der Vorsitzende des Dorfsowjets.

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beweisen, daß sie dem ganzen Land ebenso schadeten wie sich selbst...
Waschtschenko appellierte immer und immer wieder:
»Wer tritt vor und erklärt freiwillig, daß er seine Ablieferungspflicht erfüllt?«
Manchmal hob sich eine Hand ...
Gewöhnlich aber begann Waschtschenko nach einigen vergeblichen Appellen, die Säumigen einen nach dem ändern namentlich an den Tisch zu rufen.
Er redete zu ihnen mit gleichmäßiger, kräftiger Stimme, doch war bei seiner kargen Modulation bald Verachtung, bald Drohung heraus zu hören.
»Also, Bürger Dubyna Stepan, zum wievielten Mal halten wir hier miteinander ein Schwätzchen? Na, red' schon. Dich fragt die Sowjetmacht: wieviel Mal haben wir dich schon aufgerufen?«
»Weiß nicht. Hab's nicht gezählt.«
»So, du reißt Witze! Machst Späßchen. Aber ich rede ernst mit dir, sehr ernst. Wir fragen dich schon das vierzehnte - nein: das fünfzehnte Mal fragen wir dich. Wann wirst du abliefern?«
»Nicht ein einziges Pfund Brot hab' ich ... Auch die Kinder fressen Ölkuchen ...«
»So? Du schwindelst also. Wieviel hast du gesät? Fünfeinhalb Hektar hast du gesät. Wir wissen genau - du hast zwei Hektar Weizen gesät und anderthalb Roggen. Dazu noch Erbsen und Gerste und Hafer und Sonnenblumen und Mais, alles in allem auf zwei Hektar. Wieviel hast du denn geerntet? Wieviel Garben? Mach uns nichts vor, lüg nicht: wieviel? ... Weißt nicht mehr? Bist ja ein großartiger Bauer - weißt nicht mehr, wieviel du geerntet hast! Na, dann rate ich mal für dich, helfe dir nach. Auf deine Felder hat dieselbe Sonne geschienen wie auf die der anderen. Und der Regen, der bei denen fiel, hat dich auch nicht ausgelassen, oder? Das heißt, du hast vierundzwanzig Doppelzentner geerntet. Na, meinetwegen zweiundzwanzig. Und noch fünfzehn Doppelzentner Roggen - gut, sagen wir dreizehn. Und wieviel hast du abgeliefert? Zusammen mit Mais und Gerste nur acht Doppelzentner! Mit Ach und Krach vierzig Prozent vom Plan - und der ist hart. Wir kennen dich, Bürger Dubyna Stepan, wir wissen, wer du bist. Die Sowjetmacht weiß alles, kennt jeden. Ich bin schließlich nicht von weiß Gott wie weit hierher gekommen, nicht aus Charkow oder Moskau — kann mich noch gut erinnern, wie du geheiratet hast. Das war

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damals in dem Jahr, als der Blitz das Heu vom Gut verbrannte. Du hattest nicht einmal neue Stiefel für die Hochzeit, mußtest sie beim älteren Bruder, bei Taras, borgen. Wir wissen, du gehörst zu den armen Bauern. Hast aber deine Klasse vergessen. Ich werd's dir vor allen Leuten vorrechnen, wieviel du mit der Familie brauchst: Nehmen wir ein Pud pro Kopf im Monat. Rechnen wir alle zusammen, die Großen und die Kleinen, auch noch die Enkel, die an der Brust saugen, dann seid ihr neun Seelen. Rechnen wir euch fürstliche Rationen - macht neun Pud im Monat. Im Winter eßt ihr kaum sechs davon auf, habt ja noch Gerste und Mais. Wo also ist das übrige? Weißt du nicht? Wenn du es nicht versteckt hast, dann hast du's verkauft. Das heißt, du hast das Gesetz übertreten. Ablieferungsnorm nicht erfüllt, aber verkauft. Das heißt, du treibst Schwarzhandel. Machst unseren ganzen Plan zunichte und handelst heimlich mit Getreide. Weißt du, was darauf steht?«
»Schlagt mir den Kopf ab! ... Ich habe nicht ein Pfund! Kein einziges Körnchen.« ...
Waschtschenko hieb die Faust schwer auf den Tisch; sprach jedoch leise und gleichmäßig.
»Das langt! Setz dich hin und bleib hocken, bis du's dir überlegt hast! Bis du versprichst, was nötig ist. Sitz und verlang nicht, nach Hause zu gehen: wir lassen dich nicht.«
So ging es Nacht für Nacht. Manche Versammlungen zogen sich ununterbrochen zwei, drei Tage hin. Die Aktivisten am Tisch wechselten sich ab, wie Wolodja und ich; manche schliefen zeitweise an Ort und Stelle, gegen die Wand gelehnt, trotz der stickigen Hitze. Es schliefen auch viele der in der Kate versammelten Bauern ...
Die rückständigen Einzelbauern wurden auf verschiedene Art bedrängt. In ihren Häusern fanden die nächtlichen Versammlungen statt, bei ihnen wurden Bevollmächtigte, Aufkäufer, Revisoren einquartiert. Die Kolchosbauern hatten den Ablieferungsplan schon lange erfüllt und übererfüllt, sie waren daher von Einquartierungen und anderen Verpflichtungen befreit. Die Einzelbauern aber wurden täglich gezwungen, ihre mageren Pferde anzuspannen, um Brennholz für den Dorfsowjet oder die Schule zu fahren, um Abkommandierte in Nachbarkolchosen oder nach Mirgorod zu bringen, oder um stundenlang beim Dorfsowjet »Dienst zu tun«, weil ja vielleicht ein »Transport« notwendig wurde. All diese Maßnahmen galten jedoch der Warnung und Drohung. Die Widerborstigsten durfte

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der Dorf sowjet-Vorsitzende »ins Kalte« sperren. So wurde ein Raum mit vergitterten Fenstern im Haus des Dorfsowjets genannt...
Als äußerste Maßnahme gegen böswillige Nichtablieferer war den dörflichen Machthabern die »bedingungslose Requirierung« gestattet:
Eine Brigade von mehreren jungen Kolchosbauern und Angehörigen des Dorfsowjets, fast immer unter Leitung von Waschtschenko, durchsuchte Haus, Scheune und Hof und beschlagnahmte alle der Ablieferung unterliegenden Körnerfrüchte, führte Kuh, Pferd und Schweine fort, nahm auch das Viehfutter mit.
Manchmal ließen sie aus Mitleid Kartoffeln, Erbsen und Mais da, damit die Familie zu essen hatte. Strengere Brigaden nahmen alles fort, hinterließen den Hof wie gefegt. In besonders schweren Fällen wurden auch »alle Wertsachen und überschüssige Kleidung« beschlagnahmt ...
Wolodja und ich waren mehrmals bei solchen Raubüberfällen dabei, nahmen sogar daran teil: Wir hatten an Ort und Stelle eine Liste des Beschlagnahmten aufzustellen.
»Sollen doch die Genossen Chefs aus Charkow ruhig überprüfen, ob hier alles ordentlich zugeht. Deine Hirse werden wir Pfund für Pfund nachwiegen - für uns nehmen wir kein Körnchen.«
Ich hörte, wie die Frauen verzweifelt schrien und sich an die Säcke klammerten:
»Ach, das ist das letzte! Für die Kinder zum Brei! Um Gottes willen — die Kinder werden verhungern!«
Und laut heulend warfen sie sich auf ihre Truhen:
»Oj, nein, nicht, das ist meine Mitgift, Erinnerung an die selige Mutter! Laßt mir das, liebe Leute, das ist mein Heiratsgut, noch nie angezogene Sachen!«
Ich hörte, wie die Kinder schrien, sich dabei verschluckten, kreischten. Ich sah die Blicke der Männer: eingeschüchterte flehende, haßerfüllte, stumpf ergebene, verzweifelte oder in halbirrer böser Wut blitzende.
»Nehmt doch, nehmt alles! Da - im Ofen steht noch ein Topf Borschtsch. Ist bloß kein Fleisch dran. Aber sonst alles: rote Rüben, Kartoffeln, Weißkohl. Und tüchtig gesalzen! Nehmt, Genossen Bürger! Wartet ab, ich zieh' mir die Stiefel aus ... Sind zwar geflickt und löchrig, aber vielleicht kann sie das Proletariat noch brauchen, die geliebte Sowjetmacht ...«

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Es war quälend und bedrückend, all dies zu sehen und zu hören, und noch bedrückender war es, selbst dabei mitzumachen. Nein, falsch: Untätig zuzusehen, wäre noch schwerer gewesen als mitzumachen, zu versuchen, andere zu überzeugen, ihnen zu erklären und dabei sich selbst zu überreden. Denn ich wagte nicht, schwach zu werden und Mitleid zu empfinden. Wir vollbrachten doch eine historisch notwendige Tat. Wir erfüllten eine revolutionäre Pflicht. Wir versorgten das sozialistische Vaterland mit Brot. Wir erfüllten den Fünfjahrplan ...
155. Wie »Kulaken« Anfang der dreißiger Jahre deportiert wurden
John Scott erzählt eine Begebenheit auf der Baustelle
... Ich nahm meine Schutzmaske und die Elektroden und begab mich zum Hochofen Nr. 3. Auf dem Wege dorthin traf ich Schabkow, einen früheren Kulaken, einen großen, heiseren Jüngling mit rotem Gesicht und freundlicher Stimme. Ihm fehlten zwei Finger der linken Hand ...
»Ich weiß, daß ihr's schwer habt«, sagte Popow, der hinzugekommen war, zu Schabkow. »Das habt ihr eben davon, daß ihr Kulaken gewesen seid.«
Schabkow lächelte breit. »Hört mal, ich will mich in keine politische Unterhaltung einlassen, aber eine Menge von denen, die in dem besonderen Stadtteil wohnen, sind nicht mehr Kulaken als ihr.«
Popow lachte. »Das wundert mich gar nicht. Aber kannst du mir sagen, wie sie eigentlich darüber entscheiden, wer nicht mehr als Kulak gilt?«
»Oh weh«, machte Schabkow, »das ist eine verdammt gefährliche Frage an einen Kerl, der gerade versucht, seine Sünden mit ehrlicher Arbeit zu sühnen. Aber wenn's zwischen uns dreien bleiben kann, will ich's erzählen. Die armen Bauern eines Dorfes versammeln sich und sagen: ›Der und der hat sechs Pferde; lange können wir ohne die nicht mehr im kollektiven Landbau auskommen. Außerdem hat er während der vorigen Ernte einen Knecht gehabt.‹ Die GPU wird benachrichtigt und dann ist's fertig. Der Betreffende bekommt fünf Jahre. Sein Eigentum wird konfisziert und der Kollektivwirtschaft übergeben. Manchmal schicken sie die ganze Familie weg. Als sie uns rausschmeißen wollten, nahm mein Bruder ein Gewehr und schoß auf die

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GPU-Leute. Die schossen zurück. Mein Bruder wurde getötet. Das machte die Sache natürlich nicht besser für uns. Wir kriegten alle fünf Jahre und an verschiedenen Orten. Mein Vater soll im Dezember gestorben sein. Sicher weiß ich's nicht.«
Schabkow nahm seinen Tabaksbeutel und seine Rolle Zeitungspapier heraus und hielt beides Popow hin: »Bitte sehr, Kulakentabak gefällig?« Er lächelte bitter.
Popow zeigte sich durchaus nicht abgeneigt und rollte sich eine Zigarette ...
156. Die Verwirklichung des 1. Fünfjahrplans
Der deutsche Wissenschaftler Robert Schweitzer kommentiert die amtlichen Daten
I. Die Planrealisation auf dem Gebiete der Industrieproduktion.
a) Die quantitative Seite.
Die vor kurzem erschienene Schrift der Staatsplankommission nennt als durchschnittliche Realisationsziffer in Bezug auf die Bruttoproduktion der gesamten Industrie 93,7 Prozent. Die entsprechende Ziffer der Schwerindustrie wird mit 103,4 Prozent und die der Leichtindustrie mit 84,9 Prozent angegeben.
...
b) Die qualitative Seite.
Mit großem Nachdruck hat Molotov in seiner Rede vor dem vereinigten Plenum des Zentralkomitees und der Zentralkontrollkommission der Kommunistischen Partei vom 8. Januar 1933 darauf hingewiesen, daß auf Grund der Erfahrungen des ersten Fünfjahrplans in den nächsten Jahren das Schwergewicht der Planarbeit nicht auf die quantitative Seite zu legen sei, sondern auf die qualitative, d.h. in erster Linie auf die Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse, auf die Hebung der Produktivität der Arbeit und auf die Senkung der Selbstkosten. Damit ist die Meinung bestätigt, die durch den Verfasser schon des öfteren vertreten wurde, und die besagt, daß die qualitative Seite der Produktion die Achillesferse der gesamten Planrealisation darstellt. Diskrepanzen zwischen Soll und Ist auf diesem Gebiete mindern das Kapitalaufkommen für die Finanzierung des Aufbaues und bewirken letzten Endes weitere Senkung des schon bedenklich niedrigen Lebensstandards der Bevölkerung. Wir wollen uns hier zunächst auf die Erörterung der beiden

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erstgenannten qualitativen Planziffern beschränken. Die anderen, die mit den Selbstkosten, den Absatzpreisen und dem Reallohn zu tun haben, reichen in die Finanzplanung hinein und werden dort erörtert werden.
Hinsichtlich der Qualität der Produkte ist nicht zweifelhaft, daß hier noch recht viel zu bessern ist, wenngleich Teilerfolge bei bestimmten Warengruppen zu verzeichnen sind. Insbesondere wird in der Sowjetpresse immer wieder berichtet, daß auf vielen Gebieten die tatsächlichen Ausschußziffern die entsprechenden Normgrößen weit übersteigen.
Auch auf dem Gebiete der Hebung der Produktivität der Arbeit ist die Planziffer von 210 Prozent nicht annähernd erreicht worden. Die Sowjetregierung hat, wie wir früher erörterten, eine große Anzahl von Maßnahmen getroffen, um eine Besserung zu erzielen. Sie hat die Fluktuation der Arbeiterschaft gedrosselt, den Arbeiter an seinen Arbeitsplatz gefesselt, hat das Prinzip der sog. einheitlichen Befehlsgewalt in den Betrieben durchgeführt, hat die Lohnnivellierung über Bord geworfen und auf das stärkste differenzierte und progressive Akkordlöhne gezahlt, hat die Partei- und Gewerkschaftsmitglieder mobilisiert und zu Stoßtrupps vereinigt usw. Das Resultat war trotzdem dürftig.
Zusammenfassend läßt sich über die Realisation der Produktionsplanung folgendes sagen:
1. Die Realisationsziffer der Schwerindustrie liegt im Hinblick auf die amtlich ausgewiesenen Defizite einzelner Zweige der Schwerindustrie unwahrscheinlich hoch.
2. Das amtlich ausgewiesene und mangelhafte Produktionsergebnis der Leichtindustrie ist einer der Gründe für die katastrophal schlechte Versorgung der russischen Bevölkerung mit Gebrauchsgütern industrieller Herkunft. Trotzdem kann hierdurch allein die dauernde Verschlechterung der Versorgung der Bevölkerung auf diesem Gebiete nicht erklärt werden.
3. Die stärksten Diskrepanzen zwischen Plan und Realisation zeigen sich auf dem Gebiete der sog. qualitativen Kennziffern.
II. Die Planrealisation auf dem Gebiete der Kapitalinvestierungen.
In bezug auf die Investierungen finden wir die amtlichen Angaben über Plansoll und Planrealisation in den beiden folgenden Tabellen:

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Kapitalinvestierungen in die Volkswirtschaft
(Preise in Milliarden Rubel der entsprechenden Jahre.)
Sektor der Volkswirtschaft
In 5 Jahren laut
Fünf jahrplan
(1928/29-1932/33
Realisation
in 4 1/4 Jahren
Investierungen
in 4 1/4 Jahren in %
Absolut
in%
Absolut
in %
Zum Fünfjahr- plan
Zu den Investierungen in der Wiederaufbau-periode
Insgesamt in die Volkswirtschaft
A. Staatl. Sektor
B. Priv. Sektor
64,5
100,0
60,0
100,0
93,0
226,4
46,9
72,7
52,5
87,5
111,9
473,0
17,6
27,3
7,5
12,5
42,6
48,7
Kapitalinvestierungen in den vergesellschafteten Sektor der Volkswirtschaft.
(In Milliarden Rubel der entsprechenden Jahre.)
Zweige der Volkswirtschaft
In 5 Jahren laut Fünfjahrplan
(1928/29-1932/33)
Realisation
in 4 1/4 Jahren
Investierungen
in 4 1/4 Jahren in %
Absolut
in%
Absolut
in%
Zum Fünfjahr-plan
Zu den Investie-rungen in der Wiederauf-bauperiode
Insgesamt in den staatl. Sektor darunter:
46,9
100,0
52,5
100,0
111,9
473,0
1. Industrie
19,1
40,7
24,8
47,2
129,8
506,1
darunter
Gruppe »A«*
14,7
31,4
21,3
40,6
144,9
591,7
2, Landwirtschaft
7,2
15,3
10,8
20,6
150,0
1542,8
3. Transport
9,9
21,1
9,8
18,7
99,0
363,0
4. Verkehr
0,3
0,6
0,56
1,1
186,7
560,0

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Gewertet ist in Preisen der entsprechenden Jahre. Der staatliche Sektor hat hiernach 11,9 Prozent mehr Kapital erhalten, als ursprünglich vorgesehen war. Die entsprechende Ziffer für die Industrie allein ist 29,8 Prozent. Weiter geht aus den Zahlen hervor die beträchtliche Bevorzugung des staatlichen Sektors und die weit mehr als planmäßige Hintanstellung des privaten Sektors. Über die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit der Kapitalverwendung sowie über den Grad der Planmäßigkeit der Kapitalbeschaffung sagen die Zahlen naturgemäß nichts aus.
///. Die Realisation auf dem Gebiete der Finanzplanung
Die amtlichen Angaben finden wir in der folgenden Tabelle:
Wir entnehmen dieser Aufstellung folgendes: 77,4 Prozent des Kapitalaufkommens des einheitlichen Finanzplans stammen aus dem staatlichen Sektor (davon 36,6 Prozent aus der staatlichen Industrie allein), 18,9 Prozent aus der breiten Masse der Bevölkerung und nur 3,7 Prozent aus sonstigen Quellen. Insgesamt wäre hiernach das Kapitalaufkommen um 3,1 Prozent größer als planmäßig vorgesehen. Zu den Positionen II und III ist wenig zu sagen. Die starke Zunahme ist hier durchaus erklärlich. Das Schlagwort »Mobilisierung der Mittel der Bevölkerung« ist bekannt. Die Anleihen sind de jure freiwillig, de facto Zwang. Die intensive Propaganda für die Sparkassen tut ein übriges. Wenn bei Bedarf hier der staatliche Druck und der der Partei verstärkt wird, bleibt die erhoffte Wirkung nicht aus.
Ganz eigenartig aber ist die Erhöhung der »eigenen Akkumulation« des staatlichen Sektors, die Position I unserer Tabelle. Die Staatsplankommission erklärt diese Erscheinung durch den Hinweis auf das ausgeweitete Produktionsvolumen, auf die gesteigerte Produktivität der Arbeit und auf stärkere Verwendung der durch Abschreibungen freiwerdenden Beträge. Man ist heute sehr stolz auf diese Rentabilität, während man früher die Meinung vertreten hatte, daß es auf Profit in der sozialistischen Industrie nicht ankomme. In der Tat waren Überschüsse der Industrie vom Standpunkte der russischen Gesamtwirtschaft weniger dringlich, weil man damals in der steuerlichen Ausbeutung der individuellen Bauernwirtschaften vorübergehende Kompensationsmöglichkeiten hatte. Heute ist es anders, weil durch die Kollektivierung der Landwirtschaft diese Quelle

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Einheitlicher Finanzplan des 1. Fünfjahrplans und seine Durchführung (In Milliarden Rubel.)
Index
Erfüllt
in 4 1/4 Jahren
Lt. Fünfjahrplan
in 5 Jahren
Realisationen
Absolut
in%
Absolut
in%
in 4 1/4 Jahr
in %
A. Einnahmen
I. Aus der staatlichen Wirtschaft
89,9
74,9
70,9
77,4
126,8
darunter Industrie
43,4
36,1
33,5
36,6
129,6
II. Von der Bevölkerung
aufgebrachte Mittel
21,5
17,9
17,3
18,9
124,3
darunter:
1. Pflichtzahlungen
7,5
6,2
6,8
7,4
108,8
2. Freiwillige Zahlungen
14,0
11,7
10,5
11,5
133,3
III. Übrige Einnahmen
8,6
7,2
3,4
3,7
255,9
Summa
120,1
100,0
91,6
100,0
131,1
B. Ausgaben
I. Finanzierung der Volkswirtschaft
80,3
66,8
56,8
62,0
141,4
darunter:
1. Industrie
41,6
34,6
22,0
24,0
189,1
2. Landwirtschaft
15,1
12,6
7,3
8,0
206,8
3. Transport und Verkehr
12,5
10,4
10,2
11,1
122,5
II. Finanzierung des soz.-
kulturellen Aufbaues
23,9
20,0
21,4
23,4
111,7
darunter:
1. Aufklärung
14,1
11,7
10,4
11,4
135,6
2. Gesundheitswesen
5,1
4,2
4,7
5,1
108,5
III. Verwaltung und Landes-
verteidigung
9,0
7,5
10,0
10,9
90,0
IV. Übrige Ausgaben
6,9
5,7
3,4
3,7
202,9
[Summa]
120,1
100,0
91,6
100,0
131,1
verstopft ist. Heute fordert man Betriebskontrolle und Wirtschaftlichkeitsmessung, weil man der Rentabilität der staatlichen Unternehmungen entscheidende Bedeutung beimißt.
Es muß aber auf das stärkste bezweifelt werden, daß die ausgewiesene Rentabilität eine wirkliche Rentabilität darstellt. Wir haben betriebswirtschaftlich zwischen Bilanzrentabilität und effektiver Rentabilität sehr scharf zu unterscheiden gelernt. Dieser Zweifel ist näher zu begründen. Wer in den letzten Jahren

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die Aufwands- und Erlösplanung der russischen Industrie verfolgt hat, weiß, daß sich die budgetierte Spanne, aus der die Selbstfinanzierung schöpfen sollte, absolut nicht planmäßig entwickelte. Wir wissen, daß die Diskrepanzen zwischen Soll und Ist auf dem Gebiete der Kostenplanung ganz beträchtlich gewesen sind.
Die russische Monopolindustrie forderte auf Grund der steigenden Produktionskosten Preiserhöhungen. Entsprechende Kaufkraft aber war nicht vorhanden. Der Regierung blieb zur Lösung dieser Schwierigkeiten kein anderer Weg als der über die Notenpresse, wenn sie nicht das industrielle Aufbautempo verlangsamen wollte. Diese letzte Konsequenz aber lehnte sie unter allen Umständen ab. Die nun verstärkt einsetzende Geldschöpfung ging weit über die Planziffern hinaus. Der Geldumlauf betrug am l. Oktober 1928 1,9 Milliarden Rubel und sollte in Anbetracht der Ausweitung des Warenvolumens pro Planjahr durchschnittlich um 250 Millionen Rubel steigen. Man hatte hier die notensparende Wirkung der Ausdehnung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, wie sie durch verstärkte Industrialisierung und Kollektivierung möglich wurde, bereits berücksichtigt. Man wäre auf diese Weise am 1. Oktober 1933 planmäßig bei einem Geldumlauf von 3,2 Milliarden Rubeln angelangt. Tatsächlich betrug der Notenumlauf nach dem Ausweis der Russischen Staatsbank bereits am 1.Juli 1933 6,8 Milliarden Rubel, d. h. daß nach Ablauf der ersten Fünfjahrplanperiode der Umlauf mehr als doppelt so groß war, als er planmäßig sein sollte.
Diese Tatsache muß gesamtwirtschaftlich die schwerwiegendsten Folgen haben. Für die Industrie bedeutet dies die Verlagerung der Spanne, aus der die Selbstfinanzierung schöpfen muß.
Einige Zahlen mögen dies veranschaulichen. Eine Leistungseinheit zu 100 Rubel Selbstkosten und 120 Rubel Verkaufspreis 1928 sollte 1932/33 kostenmäßig beispielsweise auf 70 und preismäßig auf 95 Rubel zu liegen kommen. Tatsächlich mögen heute die Zahlen 110 und 140 sein. Es wäre hierdurch eine Steigerung der Akkumulationsmöglichkeit pro Einheit um 50 Prozent (von 20 auf 30) erzielt. Doch sind diese Gewinne nur zum Teil echte Gewinne, zum anderen Teil Scheingewinne, weil Rubel gleich Rubel gesetzt wird.
Scheingewinne ähnlicher Art dürften sich auch bei den Beständen der Industrie ergeben. Die Inflation führt zu

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Bewertungsgewinnen. Wir bekommen auf diese Weise hohe Ziffern als Akkumulationsbeträge in die Bilanzen der Industrie. Die tatsächlichen Wertverhältnisse aber sind verschleiert, und ein leidlich brauchbarer Index für die Umrechnung auf Festwerte steht nicht zur Verfügung. Die Staatsplankommission der UdSSR hat aus naheliegenden Gründen auch kein Interesse daran, das Bilanzbild deutlicher zu machen, als es sich rein rechnungsmäßig ergibt.
Wenn wir nun nicht in Geld, nicht in allgemein-abstraktem Wert denken, sondern substanzmäßig, kommen wir zu einem ganz anderen Bild. Es sieht so aus:
Die Industrialisierung ist nicht nur mit erspartem und umgelagertem Kapital, sondern großenteils durch Geldschöpfung finanziert worden. Diese Geldschöpfung trug inflatorischen Charakter, weil sie die Ausweitung des Warenumschlages weit übertraf. Die Kaufkraft des Geldes sank erheblich, obwohl der Fünfjahrplan eine Steigerung der Kaufkraft von 20 Prozent und eine entsprechende Erhöhung des qualitativen Gehaltes der Millionenziffern der Finanzpläne budgetiert hatte. Der traditionelle Warenhunger und die Inflation sind der Grund der Teuerung, die naturgemäß auch ihre bekannten Rückwirkungen auf die Selbstkostengestaltung haben mußte. Da die Löhne weit weniger stiegen als die Preise, ist der Reallohn gesunken, obwohl er planmäßig um 69 Prozent steigen sollte.
Dies alles heißt, daß die Industrialisierung letzten Endes finanziert wurde zu Lasten der breiten Masse der Bevölkerung durch die Verknappung und Verteuerung ihrer Versorgung. Die rechnungsmäßigen Gewinne, auch soweit sie echte Gewinne darstellen, sind erst eine Folge dieser Transaktion der Lebensstandardsenkung der Bevölkerung. Gewiß sollte die Bevölkerung im Interesse des industriellen Aufbaues Opfer bringen. Aber auch hier war zwischen Soll und Ist eine ganz außerordentliche Differenz. Wir sehen, daß auf dem Gebiete der Industrie in bezug auf die entscheidenden qualitativen Planpositionen von einer Erfüllung des ersten Fünfjahrplans nicht die Rede sein kann.
IV. Schlußbemerkung. Es ergibt sich abschließend folgendes:
l. Die Industrialisierung des ersten Fünf jahrplans ist, mengenmäßig gesehen, in phantastischem Tempo vorwärtsgetrieben. Die technische Rückständigkeit der russischen Industrie ist

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gemindert und die Abhängigkeit vom kapitalistischen Auslande geringer geworden.
2. Durch Schaffung einer zweiten industriellen Basis* hat sich die Verteidigungsmöglichkeit für den Kriegsfall vergrößert.
3. Die Realisation der Produktionsplanung weist starke Disproportionalitäten auf, die Störungen im Wirtschaftsablauf hervorrufen müssen, weil die einzelnen Teilpläne aufeinander abgestimmt sind.
4. Auf dem Gebiete der qualitativen Planziffern sind ganz starke Diskrepanzen vorhanden.
5. Für die Finanzierung der Industrialisierung ist in weit mehr als planmäßigem Umfange die Hilfe der Notenpresse eingesetzt worden.
6. Die sinkende Kaufkraft des Geldes und das damit verbundene Absinken des Reallohnes haben von der breiten Masse der Bevölkerung weit stärkere Opfer verlangt, als der Plan vorsah.
7. Erst spätere Jahre werden zeigen, ob die Investierungen des ersten Fünfjahrplans wirtschaftlich sinnvolle Anlagen waren, ob die Kapitalleitungsprinzipien der Planungszentrale Willkür waren oder ob sie als Ersatz für den Marktmechanismus einer kapitalistischen Wirtschaft in Frage kommen.
8. Solange die Planwirtschaft der UdSSR so beängstigende und katastrophale Defizite auf dem Gebiete der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgütern industrieller Herkunft aufzuweisen hat, hat sie den Beweis ihrer Überlegenheit nicht erbracht.
9. Einzelne realisierte Investierungs- und einzelne erfüllte Bruttoproduktionspläne sagen an sich nichts über die Leistungsfähigkeit der Planwirtschaft aus, da die Planungszentrale in der Verwendung des Kapitals der Volkswirtschaft frei ist. Letzten Endes gibt es nur ein Kriterium für die Leistungen einer Volkswirtschaft: den Grad der Bedarfsdeckung der Bevölkerung.
* Ergänze: im Osten des Landes: Magnitogorsk, Ural-Kuzneck-Becken usw.

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