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Die Sowjetunion 1917-1953: Dokumente

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4. Kapitel: Neue Probleme - Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der Stalinzeit (1941-1953)

Hinweis: Die Seitenzahlen beziehen sich auf den Text vor der Seitenangabe.
Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 brachte neues schweres Leid für die Bevölkerung. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verloren mindestens 20 Millionen Sowjetbürger ihr Leben1, zahllose weitere waren verletzt oder invalide. In den vom Krieg betroffenen Gebieten mußten die Menschen ungeheure Belastungen aushalten. Als symbolisches Beispiel steht hier Leningrad. Im September 1941 war die Stadt von deutschen Truppen eingeschlossen. Erst im Januar 1943 konnte die Rote Armee wieder einen schmalen Zugang freikämpfen. Während dieser Zeit herrschte eine unvorstellbare Hungersnot. Hinzu kam im Winter die Kälte, denn auch die Brennmaterialien waren bald aufgebraucht. Hunderttausende verhungerten oder erfroren. Durch eine provisorische Verbindung über das Eis des Ladoga-Sees, die nach der Schmelzperiode durch einen Schiffsverkehr ersetzt wurde, gelang es 1942, die Lage etwas zu erleichtern, indem Lebensmittel geliefert und Teile der Einwohnerschaft evakuiert werden konnten. Trotzdem blieben die Verhältnisse schlimm genug. Die Hilfs- und Opferbereitschaft sowie der Wille, die Stadt keinesfalls in die Hände des Feindes fallen zu lassen, verdienen höchste Achtung (Dok. 184).
Seit Juli 1941 war schrittweise ein Rationierungssystem für die städtische Bevölkerung der Sowjetunion eingeführt worden;
die Bauern mußten sich selbst versorgen. Die Normen für Nahrungsmittel und Massenbedarfsartikel wurden jedoch kaum erreicht. Der Kolchosmarkt gewann deshalb eine große Bedeutung. Das materielle Niveau sank stark ab. Insgesamt sind jedoch die Leistungen der sowjetischen Kriegswirtschaft beachtlich. Trotz aller Mängel konnte eine allgemeine Katastrophe bei der Versorgung der Bevölkerung verhindert werden. Für den militärischen Sieg gab nicht zuletzt der hohe Produktionsstand der Rüstungs- und Schwerindustrie den Ausschiag. Hier kam dem Land der Aufbau einer zweiten industriellen Basis im
1 Vgl. zur Bevölkerungsentwicklung Tab. 1 in Band 1 dieser Dokumentation (S.334).

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Osten - unerreichbar für die deutschen Truppen - während der ersten drei Fünfjahrpläne zugute, die nun erweitert wurde. Darüber hinaus konnten zahlreiche Betriebe im Westen vor ihrer Besetzung oder Zerstörung evakuiert werden (Dok. 185)2.
Die außerordentlich hohen Kriegsschäden sowie die Umstellung der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft stellten die Sowjetunion erneut vor schwere Aufgaben. Nur kurzfristig erhielt dabei die Konsumgüterproduktion Vorrang3. Bereits der im März 1946 angenommene neue Fünfjahrplan setzte die Prioritäten nach gewohntem Muster (Dok. 186). Unerwartet schnell erreichte die Industrie das Vorkriegsniveau4. Trotz der erschöpfenden Anspannung der Kräfte während des Krieges und trotz aller sonstigen Schwierigkeiten wurden die brachliegenden, zerstörten Anlagen im Rekordtempo wieder in Betrieb genommen (Dok. 187), darüber hinaus zahlreiche Neuprojekte verwirklicht.
Um die Arbeiter und Angestellten zu erhöhten Leistungen zu mobilisieren, gab es eine Reihe von Änderungen in der Arbeitsverfassung. Die Gewerkschaften wurden neu belebt - zum erstenmal seit fünfzehn Jahren führten sie wieder einen Kongreß durch. Sie sollten ihrer Doppelrolle - Interessenvertretung der Werktätigen und zugleich diesen gegenüber Vermittlungsorgan für die Beschlüsse von Partei und Regierung - stärker gerecht werden, die sich nach der Übernahme der Aufgaben des Volkskommissariats für Arbeit durch den Zentralrat der Gewerkschaften im Jahre 1933 einseitig zugunsten der staatlichen Funktion verschoben hatte. Damit die Betriebskomitees der Gewerkschaften ihre Stellung festigen konnten, wurde 1947 die seit 1935 unterbrochene und durch staatlich verordnete Tarifverträge
2 Vgl. Tab. 13-17 im Anhang. Daten zur unterschiedlichen Bedeutung des Kolchosmarktes sowie des staatlichen und genossen-schaftlichen Handels 1940 bis 1950 in: Istorija socialisticeskoj ekonomiki SSSR. T. 6, Vosstanovienie narod-nogo chozjajstva SSSR. Sozdanie ekonomiki razvitogo socializma 1946 - nacalo 1960—ch godov. Moskau 1980, S. 175. 1945 betrug die Bruttoagrarproduk-tion nur noch 60 Prozent des Standes von 1940, die Erzeugung der Nahrungsmittelindustrie 51 Prozent, der staatliche Einzelhan-delsumsatz 42 Prozent. Bei zahlreichen Konsumgütern fielen die Ergebnisse noch wesentlich schlechter aus. Diese und weitere Daten bei Bernd Bonwetsch, Der »Große Vaterländische Krieg«: Vom deutschen Einfall bis zum sowjetischen Sieg (1941-1945). In: Handbuch der Geschichte Rußlands. Bd. 3, hg. von Gottfried Schramm. Lieferung 13, Stuttgart 1984, S. 909-1008, hier S. 953, 961, 967, 970.
3 Vgl. Tab. 16 im Anhang.
4 Vgl. Tab. 15 und 19 im Anhang.

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ersetzte Praxis aufgegriffen, in den einzelnen Unternehmen Kollektivverträge abzuschließen (Dok. 189, vgl. 128). Allerdings bedeutete das nicht, daß nun Gewerkschaften und Betriebsleitung einen Tarifvertrag aushandeln durften. Die im zentralen Plan vorgegebenen Kennziffern stellten die Eckdaten dar, die im Kollektivvertrag bestätigt und konkretisiert wurden. In betrieblichen Versammlungen sollte die Belegschaft Gelegenheit erhalten, die Erfüllung des Vertrages zu kontrollieren und Kritik zu üben. Da sich aber die Rahmenbedingungen nicht wandelten, blieb diese Möglichkeit ebenso formal wie frühere Bestrebungen in dieser Richtung.
In der Landwirtschaft verlief die Entwicklung noch komplizierter als in der Industrie. Vor allem die Viehzucht war durch den Krieg erneut stark zurückgeworfen worden, aber auch der Ackerbau erwies sich immer noch als anfällig gegenüber Schwankungen5. Daß hier die Durchführung der Kollektivierung nachwirkte, zeigte das Auftauchen der gleichen Probleme wie vor dem Krieg: Die Tagewerke wurden falsch berechnet, die Kolchosländereien für Privatwirtschaften genutzt, Parteifunktionäre mißbrauchten ihre Stellung (Dok. 188, 191; vgl. 178, 179, 181). Auch die innere Arbeitsorganisation entsprach nach wie vor nicht den Erwartungen. Die Sowjetregierung versuchte mehrmals - so wie in dem hier abgedruckten Beschluß von 1948 (Dok. 191) -, dem entgegenzuwirken. Die Tagewerke sollten neu bewertet und dadurch das persönliche Interesse an einem guten Produktionsergebnis angeregt werden. Außerdem wollte man den Zusammenhalt der Brigaden festigen und den individuellen Einsatz ihrer Mitglieder erhöhen. Zugleich wurde die Brigade zunehmend durch die kleine Einheit der Arbeitsgruppe (zveno) ergänzt6.
Auf die Empfindungen der Bauern war man bereits insofern eingegangen, als man die Kolchosen verkleinert und über den am 8. 10. 1946 gebildeten »Rat für Kolchosangelegenheiten« eine ansatzweise Mitwirkung an den zentralen Bestimmungen ermöglicht hatte. Als sich der Aufschwung in der Landwirtschaft jedoch langsamer als erhofft vollzog, wurde die Tendenz zu überschaubaren Organisationen auf dem Land nicht weiter verfolgt. Vor allem Nikita Sergeevic Chruscev, von 1938 bis 1949 - mit kurzer Unterbrechung - Parteisekretär der Ukraine,
5 Vgl. Tab. 13 und 14 im Anhang.
6 Vgl. Einleitung zum 2. Kapitel und Dok. 159.

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anschließend von Moskau, machte sich 1950 zum Sprecher der Meinung, man müsse im Interesse der Rationalisierung - und wohl auch der Kontrolle - kleine Kolchosen zusammenlegen und von besser als bisher ausgebildeten Fachleuten betreuen lassen. In der Tat ging die Zahl der Kolchosen dann rasch zurück, während die Durchschnittsfläche pro Wirtschaft erheblich zunahm7. Zugleich trat die Förderung von Arbeitsgruppen wieder in den Hintergrund.
Nicht durchsetzen konnte sich Chruscev mit einem zweiten, heiß umstrittenen Vorschlag. Er griff Elemente der Diskussion um die sozialistische Stadt der Zukunft Ende der zwanziger Jahre auf (vgl. Dok. 134, 135, 144, 148, 151, 166, 175) und sprach sich für die Verwirklichung von »Agro-Städten« - oder abgemildert: »Kolchos-Siedlungen« - parallel zur Schaffung von Großkolchosen aus. Insbesondere seine Forderung, das persönliche Hofland am Rande der Ortschaft, weit entfernt von den Wohnhäusern, auf einer geschlossenen Fläche anzulegen, hielt man unter den damaligen Bedingungen offenbar für zu risikoreich. Man befürchtete, daß dies die Bauern nicht widerstandslos hinnehmen würden. Vermutlich schätzte man auch die Möglichkeiten, neue Siedlungen aus dem Boden zu stampfen, - wo doch ohnehin der Wohnungsbau hinter dem Bedarf zurückblieb, realistischer ein als Chruscev (Dok. 192). Das Modell tauchte jedoch auch nach 1953 immer wieder auf und ging ansatzweise noch in das Parteiprogramm von 1961 ein8.
Die Folgen des Krieges, die erneute Priorität für den Produktionsmittelsektor und die Probleme in der Landwirtschaft verhinderten zunächst eine durchgreifende Verbesserung bei der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und industriellen Konsumgütern und führten außerdem zu einem starken Ansteigen der Marktpreise. Ende 1947 beschlossen Regierung und Parteiführung eine Währungsreform, mit der zugleich das Rationierungssystem abgeschafft und die Preise gesenkt wurden (Dok. 190). In der folgenden Zeit verbesserte sich dann auch das Angebot, während sich die Reallöhne erhöhten. Wenn demnach allmähliche Erleichterungen in den Lebensverhältnissen zu spüren waren, so bot sich zu Beginn der fünfziger Jahre insgesamt in der Wirtschaft ein widersprüchliches Bild. Den
7 Vgl. Tab. 20 im Anhang.
8 B. Meissner, Das Parteiprogramm der KPdSU 1903-1961. 3. Aufl., Köln 1965,S.203.

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Leistungen und Erfolgen bei ihrer Wiederherstellung standen nach wie vor tiefe Disproportionen zwischen und innerhalb der Wirtschaftszweige gegenüber9. Die Zuwachsraten konnten nicht mehr zufriedenstellen. Deutlich wurde, daß die extensive Phase der Industrialisierung erschöpft war. Damit mußte vollends offenkundig werden, daß das bisherige Planungssystem mit seinen detaillierten, oft wirklichkeitsfremden Vorschriften und seinen Mengenangaben, die leicht auf Kosten der Qualität gehen konnten - der »Tonnenideologie« -, und darüber hinaus der schwerfällige Apparat der Wirtschaftsverwaltung den Anforderungen nicht mehr gewachsen war. Erste Vorschläge für Änderungen tauchten auf, die dann nach Stalins Tod 1953 in eine lange Phase von Reformdiskussionen und Experimenten einmündeten.
Über die Richtung der Wirtschaftspolitik hatte man schon vorher gestritten. 1946 war eine Gruppe in der Führungsspitze, der auch der Gosplan-Vorsitzende und Verantwortliche für die Wirtschaftslenkung im Zweiten Weltkrieg, N. A. Voznesenskij (1903-1950), angehörte (vgl. Dok. 185), für eine stärkere Berücksichtigung der Konsumgüterindustrie eingetreten. Sie konnte sich allerdings nicht durchsetzen, - wofür möglicherweise die sich anbahnende Verschärfung der internationalen Lage -der entstehende »Kalte Krieg« - den Ausschlag gab. Diese Auseinandersetzung deutet darauf hin, daß eine bekannt gewordene »Säuberung« nicht nur ein persönlicher Machtkampf war, sondern unterschiedliche wirtschaftspolitische Vorstellungen reflektierte. Nach dem überraschenden Tod des einflußreichen Politbüro-Mitglieds, CK-Sekretärs und ehemaligen Leningrader Parteichefs, A.A. Zdanov, am 31. 8. 1948 wurden zahlreiche hohe Funktionäre, die man mit ihm in Verbindung brachte, unter dem Vorwand einer »Verschwörung« verhaftet und 1950 erschossen, darunter auch Voznesenskij.
Diese »Leningrader Affäre« blieb nicht die einzige. Ende 1951 wurden zahlreiche Mingrelier, Angehörige einer nationalen Minderheit in Georgien, wegen einer »nationalistischen Verschwörung« verhaftet. Wie sich später herausstellte, sollte damit die georgische Parteiorganisation und vermutlich auch der mächtige, den Geheimdienstapparat beherrschende L. P. Berija (1899-1953) getroffen werden. Anfang 1953 entdeckte man dann eine dritte »Verschwörung«. Hochgestellten Ärzten,
9 Vgl. nur Tab. 19 im Anhang.

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darunter auffallend vielen Juden, warf man vor, Zdanov vergiftet und in Verbindung mit ausländischen Organisationen geplant zu haben, weitere hohe Politiker und Militärs zu ermorden. Gleichzeitig wurde eine Kampagne gegen »Kosmopolitismus und Zionismus« entfacht. Auch hier dürften interne Auseinandersetzungen dahinter gesteckt haben. Darüber hinaus erinnern die Legitimierungsschemata stark an die Einleitung der »Säuberungen« der dreißiger Jahre. Das hat zu Vermutungen Anlaß gegeben, daß Stalin und seine Umgebung daran dachten, wie damals durch das gewaltsame und schnelle Auswechseln der alten Elite - sozusagen in einer blutigen Rotation - jüngere Parteimitglieder zu befördern, ihnen den Aufstieg zu ermöglichen, dadurch neue Loyalitäten zu schaffen und bestehende, für gefährlich gehaltene Machtpositionen zu brechen. Zum Glück für die Beschuldigten starb Stalin am 5. März 1953, bevor die Untersuchungen abgeschlossen waren und den Auftakt zu umfassenderen Maßnahmen geben konnten (zu den drei »Verschwörungen« Dok. 193).
Der Terror blieb ein Kennzeichen des stalinistischen Machtsystems auch nach 1945, alle Hoffnungen auf eine Liberalisierung erfüllten sich nicht. Diese hatten sich daran geknüpft, daß Stalin durch den militärischen Sieg über das Deutsche Reich auf dem Gipfel seiner Autorität stand. Seine Industrialisierungsund Kollektivierungspolitik schien samt ihren Opfern durch die Erfolge der Kriegswirtschaft gerechtfertigt zu sein. Der Einsatz der Bevölkerung hatte zudem gezeigt, daß sie der Sowjetordnung gegenüber durchaus loyal eingestellt war. Viele Bürger glaubten, daß einige innenpolitische Maßnahmen auf ein größeres Selbstbewußtsein, eine neu gewonnene Souveränität im Verhallen zu Andersdenkenden hinwiesen. Nach einer Phase verschärfter Kontrolle zu Kriegsbeginn hatte die Partei- und Staatsführung nämlich nicht nur versucht, das Volk ideologisch zu einen, indem sie den »Sowjetpatriotismus« - vielfach in der Form eines russischen Nationalismus - völlig in den Mittelpunkt rückte. Auch eine Reihe von Entscheidungen, deren Auswirkungen die Bevölkerung unmittelbar spürte, verschaffte dem Regime Zustimmung. So wurde die politische Kontrolle in verschiedenen Wirtschaftsbereichen - nicht zuletzt auf dem Land - gelockert, Kunst und Wissenschaft konnten sich so frei wie schon lange nicht mehr entfalten. In der Bildungspolitik kam man überlieferten Wertvorstellungen entgegen, indem man etwa die Koedukation abschaffte und die Reifeprüfung einführte.

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Das auffälligste Merkmal der neuen Politik bildete die Normalisierung des Verhältnisses zur Russisch-Orthodoxen Kirche. Die atheistische Propaganda hörte auf, das seit 1925 vakante Patriarchat konnte im September 1943 wieder besetzt werden. Für diese Kehrtwendung war die Einsicht verantwortlich, daß die Kirche zur Mobilisierung der Gläubigen für die Vaterlandsverteidigung außerordentlich nützlich war. Damit verband sich die Überlegung, der Festigung des Systems sei ein gedeihliches Auskommen mit der Kirche einträglicher als deren Bekämpfung. Deshalb überdauerte diese Haltung auch den Krieg10.
In anderen Bereichen wurden die Erwartungen auf Fortdauer der Liberalisierung nach Kriegsende enttäuscht. Der »Sowjetpatriotismus« - wie schon zuvor unter der ideologischen Leitung Zdanovs - führte nun dazu, sich scharf gegen alle Einflüsse aus dem Westen zu wenden. Wer des »Kosmopolitismus« verdächtigt wurde - man vergleiche die erwähnte Kampagne von Anfang 1953 -, mußte sich mindestens herbe Kritik in der Öffentlichkeit gefallen lassen, wenn er nicht ganz von der Bildfläche verschwand. Bedeutende Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler wurden gemaßregelt, »Abweichungen« nicht mehr zugelassen. Im kulturellen und wissenschaftlichen Leben kehrte wieder Enge ein. Die Betonung des Nationalen sollte nach außen hin die Schwäche des Regimes überdecken und zugleich die Weiterexistenz eines starken Staates als treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung legitimieren.
Die ideologische Erstarrung zog neue Verfolgungen nach sich, auch wenn 1947 durch die Abschaffung der Todesstrafe - sie wurde 1950 wieder eingeführt - eine Mäßigung signalisiert zu werden schien11. Waren bereits während des Krieges Völkerschaften, die der Zusammenarbeit mit den Deutschen verdächtigt wurden (Wolgadeutsche und verschiedene turko-tatarische Nationalitäten), zwangsumgesiedelt worden, so ging man anschließend gegen alle Personen vor, die man eines anti-russischen Nationalismus beschuldigte (vor allem Ukrainer und Balten). Hatte jemand - auf welche Weise auch immer - mit Ausländern in Verbindung gestanden, mußte er damit rechnen, bestraft zu werden.
10 Vgl. zu Bildungspolitik, Sowjetpatriotismus usw. — auch im folgenden — die im Literaturverzeichnis zitierten Quellenbände von Anweiler, Meyer und Oberländer. Auf eine eigene Dokumentation wird deshalb verzichtet.
11 Vgl. S. 206-220 in Band l dieser Dokumentation.

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Das traf Frauen, die Ausländer kennengelernt hatten, ebenso wie Kinder von Teilnehmern am Spanischen Bürgerkrieg, die nach der Niederlage in die Sowjetunion gebracht worden waren. Russische Zivilpersonen, die während des Krieges von den Deutschen zum Arbeitseinsatz deportiert worden waren, und geflohene oder heimkehrende Kriegsgefangene fanden sich, der »Spionage« verdächtigt, in Straflagern wieder12.
Als Stalin starb, standen seine Nachfolger vor der Frage, ob sie den Terror, der weit über den genannten Kreis von Personen hinausging, fortsetzen oder sich vom Stalinismus lösen wollten. Dazu hätte es gehört, die Ursachen für die Durchsetzung dieses Machtsystems zu analysieren und Kontrollmechanismen einzuführen, die eine Wiederholung ausschlössen. Eine deutliche Abwendung von den stalinistischen Methoden war ebenfalls in Planung, Wirtschaft und Verwaltung notwendig. Dabei mußte sich auch zeigen, ob wieder an den Ansprüchen und Zielen, die in der Oktoberrevolution und den ersten Jahren danach erhoben worden waren, angeknüpft wurde. Trotz der »Entstalinisierung«, trotz aller Reformen und deutlichen Verbesserungen im Leben der Sowjetbürger sind die Antworten bis heute offen (Dok. 194).
184. Leningrad: Symbol des Leidens im Krieg Aus drei Tagebüchern, 1941/42
Georgi Alexejewitsch Knjasew, Direktor des Archivs der Akademie der Wissenschaften:
21. 10. 1941. Einhundertzweiundzwanzigster Tag. Die Versorgungslage Leningrads verschlechtert sich. Für die zweite Oktoberdekade haben Familienangehörige eine Brotration von 200 g, 100 g Fleisch, 200 g Graupen, 100 g Fischerzeugnisse, 50 g Zukker, 100g Süßwaren und 100g Pflanzenöl erhalten, Angestellte und Kinder etwas mehr; Arbeiter erhalten das Doppelte von Angestellten. Für Geld kann man nichts kaufen, deshalb schätzt man es auch nicht. Wer viel Geld hat, weiß nicht, wohin damit,
12 In der »Tauwetterperiode« nach Stalins Tod wurden die Verhältnisse in einer Reihe von Veröffentlichungen literarisch verarbeitet. Das größte Aufsehen erregte Aleksandr Solzenicyns Erzählung: Ein Tag im Leben des Ivan Denisovic.

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und kauft entweder allen möglichen Plunder (teure Parfüms u. dgl.) oder hamstert (wer praktischer denkt) in den Geschäften die Reste von Textilien, um etwas zum Tauschen zu haben, wenn das Geld jeden Wert verliert. Von allen bevorstehenden Prüfungen ist der Hunger für die Leningrader wohl das Allerschlimmste. Der Hunger und die Bombenangriffe! ...
12. 11. 1941. Einhundertvierundvierzigster Tag. Jetzt hat er nicht nur mit knöchernen Fingern an die Tür geklopft, sondern ist eingetreten - der Hunger.
Die Versorgungslage in Leningrad ist schlecht. Darüber berichten Rundfunk und Zeitungen. »Die Bolschewiki vertuschen die Wahrheit nicht vor dem Volk.« Die Lage ist schwer. Sie wird auch nicht besser werden, solange die Blockade nicht aufgehoben wird. Von morgen an wird die Brotration nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für Armeeangehörige verringert. Die Stadt »der Gnade des Feindes« auszuliefern - wie Kleinmütige erwägen - kommt nicht in Frage. Leningrad muß um jeden Preis verteidigt werden. Von einer Kapitulation kann keine Rede sein! Wir müssen alle uns auferlegten Belastungen und Prüfungen durchstehen, darunter auch den Hunger.
Gelassen begannen M. F.* und ich diese neue Etappe unseres Lebens. Entweder »wir stehen es durch« oder wir sterben. Aber besser nicht an die Zukunft denken. Ist sie Gegenwart, müssen wir auch mit ihr fertig werden.
Die Deutschen wollen uns aushungern. Werden die etwa 4 Millionen Leningrader diese schwere Prüfung bestehen? Aber nicht nur aushungern. Heute war Flugwetter, da gab es tagsüber fünfmal Alarm. Beim letzten langen Angriff am Abend spürten wir wieder die Erschütterung des Hauses. Es »hüpfte hoch«. Demnach hatte ganz in der Nähe eine Bombe eingeschlagen. Und offenbar nicht nur eine. M. F. und ich standen auf, als das Haus »hochhüpfte«, setzten uns dann wieder und tranken unseren abendlichen Tee. Morgens gab es Artilleriebeschuß. Also Hunger, Kälte, Bomben und Artilleriegeschosse, die jaulend über unsere Köpfe fliegen.
M. F. sagt: »Wir stehen alles durch. Hauptsache, die Deutschen werden vertrieben.«
16.11. 1941. Einhundertachtundvierzigster Tag. Seit dem Morgen haben wir versucht, uns gründlich zu waschen und frische Wäsche anzuziehen - vergebens. Ein Alarm nach dem
* Gemeint ist Maria Fjodorowna Knjasewa, die Gattin des Archivars.

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anderen ließ uns nicht zur Ruhe kommen. Wir haben alle Gegenstände weggeräumt, die herabfallen könnten - die spanische Wand, Bilder, Vasen, den Spiegel usw. Die Wohnung gleicht jetzt einem Schuppen.
Um 4 Uhr begann wie nach Plan der Artilleriebeschuß. Wir haben die Fenster noch zusätzlich mit Lumpen verhängt, damit die Glassplitter bei einer Druckwelle nicht zu weit fliegen. In meinem Arbeitszimmer habe ich die Lampe vom Tisch genommen und in die Ecke gestellt, die Kaminuhr steht an der Wand. Fast mitten im Zimmer steht eine Kiste mit Sand, am Kamin ein Behälter und ein Eimer mit Wasser.
Die Nachbarn haben ungeachtet der Kälte die Fenster geöffnet, im Zimmer liegen Ziegel, Lehm, Zement. Der ganze Fußboden ist schmutzig, überall liegt eine Schicht Kalkstaub. Den dritten Tag schon errichten Handwerker in den Fenstern, die auf die Uferstraße gehen, Schießscharten für Maschinengewehre. Alle Sachen sind von ihrem Platz gerückt und woanders hingestellt. Natürlich kann man in solchen Zimmern nicht wohnen. Die Bewohner haben sich in der Küche eingerichtet, deren Fenster auf den Hof gehen.
Bald werden wohl auch wir unsere Wohnung verlassen müssen. Mir tut es eigentlich nur um die Bücher, um diese Aufzeichnungen hier und um das zusammengetragene Material und die Sammlungen leid. Aber vielleicht werden wir schon vorher ausgebombt, oder das Haus brennt ab ...
17. und 18. 12. 1941. Einhundertneunundsiebzigster und einhundertachtzigster Kriegstag. An der Front versetzen unsere Truppen den deutschen Okkupanten einen Schlag nach dem anderen. Die vom Feind besetzten Abschnitte der nördlichen Bahnlinie bei Leningrad (von Tichwin bis zum Wolchow) sind frei. Die Oktober-Linie wird freigemacht. Nur die nach Murmansk ist noch fest in finnisch-deutscher Hand. Ihre Truppen sitzen in Petrosawodsk. In Murmansk lagert eine Menge Lebensmittel für Leningrad. Diese Nachricht geht von Mund zu Mund. Die müden, geschwächten Menschen schöpfen neue Kräfte. Viele können sich schon nicht mehr erheben. Gestern starb ein Mann in der Nähe unseres Akademiegebäudes, unweit der schon mehrfach erwähnten Säulen. Unser Hausmeister, Sawtschenko, sah, wie eine Frau ihn am Arm über die Straße führte. Er konnte kaum gehen und fiel neben der Straßenbahnschiene zu Boden; sie richtete ihn auf, er tat noch wenige Schritte, erreichte aber den Gehsteig nicht mehr. Neben einem

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Schneehaufen fiel er hin. Als Sawtschenko hinzutrat, atmete der Mann schon nicht mehr. Eine Frau, seine Gattin, machte sich an dem Toten zu schaffen. Passanten, die sahen, was sich ereignet hatte, rieten der Frau, sich nicht anmerken zu lassen, daß sie seine Frau war, sondern sich wie eine Fremde zu verhalten. Dann wäre die Miliz verpflichtet, den Toten abzutransportieren und zu bestatten. Genau so geschah es. Ein hinzutretender Milizionär hielt einen vorbeifahrenden Schlitten an, und der Leichnam wurde zum Abtransport in die Leichenhalle daraufgelegt. Was aus der Frau geworden ist, die ihren Mann verlor und ihn nicht einmal bestatten konnte, weiß ich nicht ...
Jura Rjabinkin, ein sechzehnjähriger Schüler:
6., 7. November*. Über die Lage an den Fronten ist mir nichts bekannt. Stalin soll eine Rede gehalten und dann die Ursachen unseres Rückzugs erläutert und die USA und England auffallend scharf angegriffen haben, weil ihre Unterstützung zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenig effektiv sei und wir praktisch allein gegen Deutschland kämpften. Ich müßte mich eingehender mit dieser Rede befassen.
Der Schulunterricht geht weiter, gefällt mir aber gar nicht. Wir sitzen in Pelzmänteln auf den Bänken, viele Schüler erledigen ihre Aufgaben überhaupt nicht. In Literatur ist bezeichnend, daß manche nur die im Lehrbuch abgedruckten Ausschnitte aus den ›Toten Seelen‹ nacherzählen. Einige haben das Buch überhaupt nicht gelesen.
Wir haben keinen Reis für Brei mehr. Demnach werde ich drei Tage hungern müssen. Da werde ich mich kaum vom Fleck bewegen können, falls ich überhaupt gesund bleibe. Ich habe wieder Wasser. Werde wieder anschwellen, na und wenn ... Mutter ist krank geworden. Es muß ernst sein, da sie keinen Hehl daraus macht. Husten, Schnupfen mit Brechreiz, Heiserkeit, Fieber und Kopfschmerzen.
Ich bin bestimmt auch krank geworden, habe gleichfalls Fieber, Kopfschmerzen, Schnupfen. Wahrscheinlich alles nur, weil ich während der Luftschutzwache in der Schule ohne Mantel und Mütze drei Höfe überqueren mußte. Und das um Mitternacht, bei Frost.
Ich kann den Unterrichtsstoff jetzt einfach nicht mehr aufnehmen und habe gar keine Lust zum Lernen. Ich denke immer
* Ergänze:1941.

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nur ans Essen, an die Bombenangriffe und Geschosse. Gestern habe ich den Abfallkorb in den Hof getragen und bin kaum wieder zurück in unseren ersten Stock gekommen. Ich war so schlapp, als hätte ich eine geschlagene halbe Stunde zwei Pud geschleppt, mußte mich hinsetzen und kriegte kaum Luft. Jetzt ist Alarm. Die Flak schießt aus allen Rohren. Auch ein paar Bomben haben eingeschlagen. An unsrer Uhr ist es fünf Minuten vor fünf. Mutter kommt kurz nach sechs.
9. und 10. November. Wenn ich einschlafe, träume ich jedesmal von Brot, Butter, Piroggen und Kartoffeln. Außerdem denke ich vor dem Schlafen stets daran, daß die Nacht in zwölf Stunden vorüber ist und ich dann ein Stück Brot essen kann. Mutter erklärt mir jeden Tag, daß sie und Ira täglich nur zwei Glas heißen Tee mit Zucker und einen halben Teller Suppe bekommen. Nicht mehr. Und noch einen Teller Suppe abends. Dennoch scheint mir ... Ira lehnt zum Beispiel abends eine zweite Portion Suppe ab. Beide behaupten, ich bekäme so viel wie ein Arbeiter, und verweisen darauf, daß ich in den Gaststätten zwei Teller Suppe kriege und mehr Brot als sie. Mein Charakter hat sich stark verändert. Ich bin schlapp und schwach geworden, beim Schreiben zittert mir die Hand, beim Gehen schlottern mir die Knie, mir ist, als müßte ich nach dem nächsten Schritt umfallen ...
In der letzten Dekade mußten wir 400 g Graupen, 615g Butter, 100 g Mehl verfallen lassen. Diese Dinge waren nirgends zu haben. Wo sie trotzdem verkauft wurden, bildeten sich sofort riesige Schlangen, Hunderte und aber Hunderte standen bei bitterer Kälte auf der Straße, dabei reichte die Lieferung allenfalls für 80 bis 100 Menschen. Die Leute aber blieben, froren und gingen mit leeren Händen weg. Um 4 Uhr morgens standen sie auf, warteten bis 21 Uhr vor den Verkaufsstellen und kriegten doch nichts. Das ist schlimm, aber nicht zu ändern. Jetzt ist Alarm. Er dauert schon an die zwei Stunden. Not und Hunger treiben die Leute zu den Läden, in die Kälte und in die langen Menschenschlangen, wo sie sich drängen und stoßen lassen. Und das wochenlang. Danach hat man keine Wünsche mehr. Es bleibt nur stumpfe, kalte Gleichgültigkeit gegenüber allem, was vor sich geht. Du ißt dich nicht satt, schläfst nicht genug, frierst und sollst zu alledem noch lernen. Ich kann nicht. Soll Mutter entscheiden, wie's weitergeht. Ist sie außerstande, das zu entscheiden, versuche ich es für sie. Und der Abend - was bringt er mir? Mutter kommt mit Ira, hungrig, durchfroren,

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müde. Sie können sich kaum fortbewegen. Zu Hause kein Essen, kein Feuerholz für den Herd. Nur Geschimpfe und Vorwürfe, daß unten jemand wohnt, der Graupen und Fleisch gekriegt hat, ich das aber nicht fertiggebracht habe. Auch in den Läden hat es Fleisch gegeben, aber ich habe keines erwischt. Mutter schlägt die Arme über dem Kopf zusammen, setzt eine naive Miene auf und sagt seufzend: »Ich habe auch zu tun, muß arbeiten. Ich kann nichts besorgen.« Und wieder muß ich anstehen und ohne Ergebnis. Ich sehe ja ein, daß ich allein Essen besorgen und uns alle drei wieder zum Leben erwecken kann, aber mir fehlen die Kräfte, die Energie dazu. Ja, wenn ich Filzstiefel hätte! Doch ich habe keine. Und jedes Anstehen bringt mich der Pleuritis, der Krankheit näher. Da sage ich mir dann:
Besser die Wassersucht! Und trinke lieber, so viel ich kann. Jetzt habe ich aufgedunsene Wangen. Noch eine Woche, zehn Tage, einen Monat, und wenn mich bis zum Neujahr keine Bombe getroffen hat - schwelle ich an.
Ich sitze und weine. Ich bin doch erst sechzehn! Die Hunde, die diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben!
Lebt wohl, ihr Träume der Kindheit! Nie werdet ihr zu mir zurückkehren: Ich werde euch meiden wie Aussätzige, Tollwütige. Der Teufel soll alles Vergangene auslöschen, damit ich nicht mehr weiß, was Brot, was Wurst ist! Damit ich nicht mehr ganz benommen werde von den Gedanken an vergangenes Glück! Glück!! So nur kann ich mein früheres Leben bezeichnen. Ruhe um die Zukunft! Was für ein Gefühl! Nie werde ich es mehr empfinden ...
Lidija Georgijewna Ochapkina, 28 Jahre*:
Insgeheim wünschte ich mir, zusammen mit den Kindern zu sterben, und lebte in panischer Angst, zum Beispiel auf der Straße getötet zu werden. Dann würden die Kinder schrecklich weinen, nach mir rufen und schließlich in dem kalten Zimmer verhungern. Meine Ninotschka weinte ständig, lange und gedehnt und konnte nicht einschlafen. Ihr Weinen war wie ein Stöhnen und brachte mich schier um den Verstand. Damit sie einschlief, ließ ich sie mein Blut saugen. Längst hatte ich keine Milch mehr in der Brust, ja, ich hatte überhaupt keine Brüste mehr, sie waren verschwunden. Deshalb stach ich mir mit einer Nadel über dem Ellenbogen in den Arm und legte die Kleine an
* Notizen ohne Datum, hier Winter 1941/42.

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diese Stelle. Sie saugte leise und schlief ein. Lange konnte ich keinen Schlaf finden, begann zu zählen und verzählte mich dauernd. Ich mußte an Tolstois ›Krieg und Fneden‹ denken. Darin zählt Pierre Besuchow auch bis tausend, um einzuschlafen. Ich aber verzählte mich fortwährend und dachte immer nur daran, wie ich Essen auftreiben könnte; irgend etwas. Ständig schwebten mir große Brote vor Augen, oder ich las auf dem Feld Kartoffeln. Ich las einen ganzen Sack voll und konnte ihn nicht wegtragen. Einmal bekam ich auf dem Trödelmarkt Tischlerleim, es war ein Gelegenheitskauf. Daraus kochte man damals Sülze. Ich kochte mir auch welche, aß sie und gab auch Tolik davon. Bei Ninotschka hatte ich Angst. Vom Leim bekamen wir jedoch Verstopfung, deshalb kochte ich keinen mehr. Ein andermal konnte ich Schweinsleder kaufen. Es war schmackhafter, aber man mußte es lange kochen, damit es weich wurde, und mir tat es um das Petroleum leid, ich hatte nur noch wenig.
In der Wohnung war es schrecklich kalt, die Wände waren bereift wie die eines Schuppens im Winter. Mußte ich Ninotschka trocken legen, dann kroch ich zu ihr unter die Decke und schob die trockene Windel unter sie, damit sie sich nicht erkältete, die andere warf ich auf den Fußboden, und sie gefror im Nu, wie nasse Wäsche im Freien gefriert. Ich hatte kein Thermometer, aber die Lufttemperatur lag bestimmt unter Null. Ich war schon so abgemagert, daß meine Beine eigentlich keinen Körper mehr zu tragen hatten. Meine Brust war wie bei einem Mann, nur Warzen. Die Haut spannte sich über meinen Backenknochen, die Augen waren eingefallen. Die Kinder waren gleichfalls sehr mager, mir blieb das Herz stehen, wenn ich ihre dünnen Beinchen und Armchen und die kleinen, durchsichtigen Gesichter mit den großen Augen sah. Brennholz hatten wir überhaupt keins. So konnten wir auch kein Wasser heiß machen oder etwas kochen. Rosa sagte mir, bei ihnen im Keller läge noch etwas Kohle, sie fürchte sich jedoch hinunterzugehen, weil man dort die Toten ablege. Ich sagte: »Das macht nichts, ich muß unbedingt hinunter.« Wir nahmen Eimer und gingen. Tatsächlich lagen einige Leichen dort. Wir vermieden, sie anzusehen, packten schnell unsere Eimer voll, gleich mit den Händen, und gingen eilends wieder weg. Elektrisches Licht gab es auch nicht, wir zündeten Koptilkas+ an. Meine bestand aus einem kleinen Fläschchen und einem mit Maschinenöl getränkten
+ Das sind kleine Petroleumlampen.

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Docht aus Watte. (Das Öl hatte ich gegen etwas anderes eingetauscht.) Es leuchtete schlecht, im Zimmer war es dunkel. An den Wänden zeichneten sich große Schatten ab, und der Ruß stieg als dünner Faden zur Decke. Wasser kam auch nicht mehr aus der Leitung, wir mußten es aus der Newa holen. Ich fuhr immer mit einem Kinderschlitten hin, mit einem Eimer und einer Kasserolle darauf. Wir brauchten viel Wasser, nicht nur fürs Essen. Schließlich mußte ich noch Windeln waschen ...
185. Der Gosplan-Vorsitzende N. A. Voznesenskij stellt die Probleme der Kriegswirtschaft dar
... Nach der Wiederingangsetzung der evakuierten Industriebetriebe und durch den Aufbau neuer Produktionskapazitäten, besonders in den östlichen Gebieten des Landes, war infolge des heldenhaften Arbeitseinsatzes aller Völker der Sowjetunion ein schnelles Anwachsen in der Kriegsproduktion wie auch in allen Zweigen der Kriegswirtschaft zu verzeichnen, das den Anforderungen des Vaterländischen Krieges gerecht werden konnte. ... Nachdem am Ende des Jahres 1941 der kritische Punkt im Produktionsrückgang überschritten war, nahm die sowjetische Industrieproduktion im Verlauf des ganzen Jahres 1942 von Monat zu Monat zu. Die Gesamtproduktion aller Industriezweige der Sowjetunion vergrößerte sich vom Januar bis Dezember des Jahres 1942 um mehr als das Anderthalbfache. Im Jahre 1943 war eine erneute Produktionssteigerung in allen wichtigen Zweigen der Industrie, des Verkehrs und der gesamten Kriegswirtschaft zu verzeichnen. Die gesamte Industrieproduktion vermehrte sich im Jahre 1943 im Vergleich zu 1942 um 17 Prozent. Um die Bedeutung dieses Tempos in der Industrieproduktion klarzumachen, erinnern wir daran, daß das durchschnittliche jährliche Wachstumstempo in der Produktion während der drei Friedensjahre des dritten Fünfjahresplans nur 13 Prozent betrug ...
In schnellem Tempo entwickelten sich die Produktivkräfte in den östlichen Gebieten der Sowjetunion. Die Errichtung einer mächtigen Industriebasis für die Produktion von Kriegsmaterial im Osten des Landes wurde durch die gesamte Politik des Sowjetstaates in bezug auf die räumliche Verteilung der Produktivkräfte vorbereitet ...

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Der hohe Entwicklungsstand der Industrie in den östlichen Gebieten der Sowjetunion, der zu Beginn des Vaterländischen Krieges erreicht worden war, diente als ein stabiles Fundament, auf dem sich die Industrie während des Krieges in schnellem Tempo entwickeln konnte. Neben dem Wiederaufbau der in die östlichen Gebiete verlagerten Industriebetriebe wurde auf breiter Front der Neubau besonders von Metallhüttenwerken, Elektrizitätswerken, Kohlenschächten und Betrieben der Kriegsindustrie in Angriff genommen. Für die Wiedererrichtung der verlagerten Betriebe und die neuen Bauvorhaben in den östlichen Gebieten - im Ural, an der Wolga, in Kasachstan und Mittelasien - wurden allein an zentralisierten Kapitalinvestitionen in den vier Kriegswirtschaftsjahren 36,6 Mrd. Rubel (in vorveranschlagten Preisen) auf gewandt; das bedeutet im Jahresdurchschnitt 23 Prozent mehr, als in der Volkswirtschaft dieser Gebiete in den Vorkriegsjahren investiert wurde ...
Mit dem Anwachsen der Industrie in den östlichen Gebieten der Sowjetunion vergrößerte sich auch die Zahl der Arbeiter und der städtischen Bevölkerung. Die Stadtbevölkerung betrug zu Anfang des Jahres 1943 in den östlichen Gebieten der Sowjetunion 20,3 Mill. Menschen gegenüber 15,6 Mill. zu Beginn des Jahres 1939.
Der Vaterländische Krieg brachte Veränderungen in der räumlichen Verteilung der Produktivkräfte der Sowjetunion. Die östlichen Wirtschaftsgebiete des Landes wurden zur Hauptbasis für die Versorgung der Front und der Kriegswirtschaft. Im Jahre 1943 vergrößerte sich die Gesamtindustrieproduktion des Wolgagebietes, des Urals, Westsibiriens, Kasachstans und Mittelasiens im Vergleich zum Jahre 1940 um das 2,9fache, und ihr Anteil an der gesamten Industrieproduktion der UdSSR stieg um mehr als das Dreifache.
Während der Kriegsjahre wurde im Ural und in Sibirien eine leistungsfähige Metallhüttenindustrie geschaffen, die den Bedarf der Kriegsindustrie sicherstellte. Die Roheisenproduktion im Ural und in Sibirien stieg im Jahre 1943 im Vergleich zu 1940, gemessen am verteilten Roheisen, um 35 Prozent. Die Produktion von Stahl, gemessen am unveredelten Stahl, vergrößerte sich um 37 Prozent, und die Produktion von Walzgut, übertragen auf die gewöhnliche Sorte, vergrößerte sich in der gleichen Zeit um 36 Prozent ...
Die Wiederherstellung der Kohleförderung im Moskauer Becken ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Bolschewiken

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von Tula und Moskau sowie der gesamten Arbeiterklasse; sie gibt in vieler Hinsicht ein Beispiel für alle anderen Gebiete der UdSSR. Das Moskauer Kohlenbecken war von den Deutschen vollkommen besetzt, die Bergwerke und Siedlungen waren zerstört, und die Kohleförderung war gegen Ende des Jahres 1941 vollkommen stillgelegt worden. Nichtsdestoweniger wurde im Verlaufe des Jahres 1942 das Moskauer Kohlenbecken wiederaufgebaut, die Kohleförderung erreichte und überstieg im Jahre 1943 das Vorkriegsniveau. Am Vorabend des Vaterländischen Krieges förderte das Moskauer Becken in 24 Stunden ungefähr 35000t Kohle; im Januar 1942, also unmittelbar nach der Befreiung von der deutschen Besatzung, lieferte es nur noch 590 t im Tag; im Mai 1942 stieg die Kohleförderung auf 22000 t pro Tag und im Oktober 1942 auf 35000t, um damit den Vorkriegsstand zu erreichen. Im Jahre 1943 überstieg die Kohleförderung im Moskauer Becken den Vorkriegsstand von 1940 um 45 Prozent.
Ein beträchtlicher Teil der Moskauer Industrie war im Jahre 1941 verlagert worden. Über 210 Großbetriebe sind komplett verlagert worden. Infolgedessen sank das Produktionsniveau der Moskauer Betriebe im Januar 1942 ganz beträchtlich. Während im Juni 1941 die Bruttoproduktion der Moskauer Industrie 1,93 Mrd. Rubel betrug, sank sie im Januar 1942 nach der Verlagerung vieler Betriebe auf 621 Mill. Rubel, das heißt sie verringerte sich im Vergleich zum Vorkriegsstand um mehr als das 3fache. Die spätere Rückführung der Industriebetriebe und ihr Wiederaufbau führten erneut zu einem schnellen Anwachsen der Industrie der Stadt Moskau. Im Juli 1942 erreichte die Produktion bereits wieder 0,945 Mrd. Rubel, im Dezember
1942 1,307 Mrd. Rubel, im Juli 1943 1,365 Mrd. und im Dezember 1942* - 1,542 Mrd. Rubel; gegen Ende des Jahres 1944 überschritt die industrielle Gesamtproduktion der Stadt Moskau infolge der gesteigerten Kriegsproduktion bereits das Niveau des Jahres 1940.
Eines der glänzendsten Beispiele für die heldenhafte Arbeit der Industrie gab die Stadt Leningrad, die lange Zeit im Wirkungsbereich der feindlichen Artillerie lag. Trotz der Verlagerung von 92 Großbetrieben, trotz der langanhaltenden Belagerung, der Luftangriffe und des Artilleriebeschusses lieferten die Leningrader Arbeiter der Front eine beträchtliche Menge an
* Richtig ist: 1943.

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Kriegsmaterial. Der Gesamtausstoß an Industrieerzeugnissen der Leningrader Betriebe belief sich im Jahre 1942 auf etwa 1,4 Mrd. Rubel, im Jahre 1943 auf 2,5 Mrd. und im Jahre 1944 bereits auf 3,6 Mrd. Rubel.
Eine Reihe von Kohlengebieten des Donezbeckens wurde im Verlaufe des Krieges zum zweitenmal wieder aufgebaut. Das erstemal im Jahre 1942, als die Kohleförderung in den befreiten Gebieten des Donezbeckens bereits wieder auf 35000 t pro Tag gebracht worden war, und das zweitemal, nach der abermaligen Rückeroberung bestimmter Gebiete und der endgültigen Befreiung des gesamten Donezbeckens, als im Jahre 1943 die Kohleförderung wiederum auf 35000t stieg, um gegen Ende des Vaterländischen Krieges eine Tagesleistung von mehr als 96000 t zu erreichen ...
In der Kriegswirtschaftsperiode der Jahre 1941 bis 1945 wuchs der Bedarf an Marktgetreide in der UdSSR außerordentlich stark. Es stieg der Getreideverbrauch in der Stadt und in der Armee. Nichtsdestoweniger wurde das Ernährungsproblem trotz des zeitweiligen Ausfalls der fruchtbaren Ukraine und Nordkaukasiens in der UdSSR mit Erfolg gelöst. Die Lösung der Ernährungsfrage in der UdSSR wurde während des Vaterländischen Krieges durch folgende Umstände ermöglicht:
1. dank der kollektivwirtschaftlichen Ordnung, die eine hohe Brutto-Getreideernte sowie eine starke Belieferung des Marktes sicherstellte;
2. dank der Konzentrierung der Hauptmasse des Marktgetreides in den Händen des Staates, der eine richtige Erfassung und Verteilung der Nahrungsmittel organisierte;
3. infolge der neuen räumlichen Gruppierung des Getreideanbaues im Lande durch Vergrößerung der Anbauflächen in den östlichen Gebieten der UdSSR ...
Die Kolchosbauern versorgten in den Jahren der schweren Prüfungen unserer Heimat die Bevölkerung des Landes und die Sowjetarmee mit Getreide und Lebensmitteln. Der Vaterländische Krieg war die historische Belastungsprobe für die Kolchosordnung. In der Periode der sowjetischen Kriegswirtschaft festigte sich in den Kolchosen die sozialistische Disziplin, es stieg die Arbeitsproduktivität, neue Kader der Kolchosintelligenz wuchsen heran, welche die durch Einberufung in die Sowjetarmee entstandenen Lücken ausfüllten. Bei diesem Erneuerungsprozeß spielten die sowjetischen Frauen eine entscheidende Rolle.

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Eine beredte Sprache für das Anwachsen des Anteils der Frauen im Personalbestand der Traktoristen, Mähdrescherführer, Maschinisten und Stoßtrupparbeiter der Maschinen- und Traktorenstationen sowie in der Zusammensetzung der führenden Kolchosarbeiter sprechen die folgenden Zahlenangaben:
der Anteil der Frauen bei den Traktorenfahrern der MTS stieg von 4 Prozent zu Beginn des Jahres 1940 auf 45 Prozent im Jahre 1942, bei den Führern für die Mähdrescher der MTS wuchs der Anteil der Frauen von 6 auf 43 Prozent, bei den Chauffeuren der MTS von 5 auf 36 Prozent und bei den Vorarbeitern der MTS-Traktorenbrigaden von l auf 10 Prozent.
In den Kolchosen festigte sich die Arbeitsdisziplin. Die sowjetische Regierung empfahl den Kolchosen, während der Kriegswirtschaftsperiode das von jedem arbeitsfähigen Kolchosarbeiter und jeder Kolchosarbeiterin pro Jahr zu leistende obligatorische Minimum an Arbeitseinheiten zu erhöhen. Es wurde eine Anzahl von Arbeitseinheiten festgelegt, die im Laufe der Frühjahrsaussaat, der Jätezeit, der Bearbeitung der Saaten und der Ernteeinbringung abgeleistet werden mußte ...
Dieses Anwachsen der Produktivität und der Arbeitsdisziplin konnte die Schwächung der technischen Basis der Landwirtschaft hauptsächlich in den befreiten Gebieten im Zusammenhang mit der Verminderung des Traktorenparks, der Mähdrescher, der landwirtschaftlichen Maschinen und der Kraftfahrzeuge jedoch nicht völlig wettmachen; das stellte die Landwirtschaft vor ernste Schwierigkeiten. Diesen Schwierigkeiten wurde durch beschränkte Einberufung von Arbeitskräften aus dem Dorfe, durch maximale Steigerung der Produktion von Ersatzteilen und durch die Wiederaufnahme der in der ersten Zeit der Kriegswirtschaft stillgelegten Produktion von Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen begegnet ...
Während des Krieges haben sich im Viehbestand sowohl zahlenmäßig als auch in bezug auf die räumliche Verteilung einschneidende Veränderungen vollzogen. In der gesamten UdSSR ist infolge der zeitweiligen Besetzung einer Reihe von landwirtschaftlichen Gebieten der Viehbestand in den Jahren 1942 und 1943 im Vergleich zu 1941 zurückgegangen, darunter der Bestand an Pferden, Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen ...
Im Zusammenhang mit der Einberufung zur sowjetischen Armee und der zeitweiligen Besetzung einer Reihe von Industriegebieten durch die Deutschen hat sich die Anzahl der Arbeiter und Angestellten in der Gesamtwirtschaft der UdSSR im

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Jahre 1943 im Vergleich zu 1940 um 38 Prozent vermindert, obwohl der Prozentsatz der in der Industrie beschäftigten Arbeiter und Angestellten innerhalb der Gesamtzahl der in der Wirtschaft beschäftigten Arbeiter und Angestellten von 35 Prozent im Jahre 1940 auf 39 Prozent im Jahre 1943 gestiegen ist ...
Da ein beträchtlicher Teil der männlichen Bevölkerung in die Sowjetarmee einberufen wurde, hat sich in der Periode der Kriegswirtschaft der Prozentsatz an weiblichen Arbeitskräften im Produktionsprozeß beträchtlich erhöht; desgleichen hatte der Arbeitseinsatz der Jugendlichen eine Zunahme zu verzeichnen. Der Anteil an weiblichen Arbeitskräften innerhalb der Arbeiter und Angestellten hat sich in der sowjetischen Wirtschaft von 38 Prozent im Jahre 1940 auf 53 Prozent im Jahre 1942 erhöht, hierbei in der Industrie von 41 auf 52 Prozent ...
Zur Erleichterung der Frauenarbeit in der Wirtschaft diente die Wiederherstellung und Entwicklung der Kindergärten, der Kinderheime und anderer Institutionen des Mutter- und Säuglingsschutzes ...
Als größten Erfolg der sowjetischen Kriegswirtschaft während des Vaterländischen Krieges muß das völlige Fehlen verwahrloster Kinder angesehen werden. Nach dem ersten Weltkrieg von 1914 bis 1917 erlebte Rußland in dieser Hinsicht eine wahre Tragödie. Lange Jahre vergingen, bis das junge Sowjetrußland die Wunden heilen konnte, die ihm durch den ersten Weltkrieg und den nachfolgenden Bürgerkrieg beigebracht worden waren. In der Periode des Vaterländischen Krieges von 1941 bis 1945 hat die Sowjetregierung eine Reihe von staatlichen Maßnahmen für die Erziehung der elternlosen Kinder durchgeführt. Es genügt hier, die Organisation der Suworow-Schulen, die Erweiterung der Gewerbeschulen wie auch die Organisation der Kinderkolonien zu erwähnen, in denen die Kinder bei voller staatlicher Versorgung untergebracht werden. Kinder, die die staatlichen Erziehungsanstalten absolviert haben, die herangewachsenen Jungens und Mädchen, reihen sich in den gesellschaftlichen Arbeitsprozeß ein ...
Noch bedeutender waren die Veränderungen in der Struktur der arbeitsfähigen Landbevölkerung. Der Anteil der Frauen innerhalb der in der Landwirtschaft tätigen arbeitsfähigen Bevölkerung erhöhte sich von 52 Prozent zu Beginn des Jahres 1939 auf 71 Prozent zu Anfang des Jahres 1943. In der Periode des Vaterländischen Krieges hat der Anteil der Frauen und der Jugendlichen in der Industrie wie auch in der Landwirtschaft um

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ein Beträchtliches an Bedeutung zugenommen. Auf ihre Schultern entfiel ein großer Teil aller Lasten der Kriegszeit. Im Bereich der Landwirtschaft wie auch im Sektor der Industrie hat das System der gleichen Bezahlung für gleiche Arbeit die Einbeziehung der weiblichen Arbeitskräfte in den Produktionsprozeß beträchtlich erleichtert.
Trotz des Zustroms von neuen, wenig vorgebildeten Kräften in den Produktionsprozeß hat sich in der Periode der Kriegswirtschaft der UdSSR die sozialistische Arbeitsdisziplin allseitig gefestigt, und die Produktivität der Arbeit nahm zu. Der aufopfernde Arbeitseinsatz wurde zu einer allgemeinen Erscheinung in der Periode des Vaterländischen Krieges. In der Industrie stieg die Arbeitsproduktivität im Jahre 1942 um 19 Prozent und im Jahre 1943 um zusätzliche 7 Prozent im Vergleich zum vorhergehenden Jahr ...
Das Ansteigen der Arbeitsproduktivität in der Periode der Kriegswirtschaft hatte seine Ursache sowohl in der Erhöhung der Produktionsleistung pro Arbeitszeiteinheit, vor allem vermittels der Rationalisierung des Produktionsprozesses, als auch in der Erhöhung der Arbeitszeit infolge Verminderung des Leerlaufes und der Arbeitsversäumnis sowie auch in der Leistung von Überstunden. Auf diese Weise erhöhte sich die Zahl der Arbeitsstunden pro Arbeiter im Monatsdurchschnitt während der zwei Jahre der Kriegswirtschaft um 22 Prozent, außerdem stieg die Stundenleistung pro Arbeiter in der gleichen Zeit um 7 Prozent ...
Die massenweise Zuführung neuausgebildeter Arbeitskräfte in den Produktionsprozeß und die Notwendigkeit einer schnellen Übernahme und Vergrößerung der Produktion von Kriegsmaterial machten eine Verbesserung der Arbeitsorganisation erforderlich. Diese Verbesserungen bestanden:
1. in der konsequenten Durchführung des progressiven Stücklohnes und des Zeitlohnprämiensystems für die geleistete Arbeit;
2. in der Entwicklung eines Prämienlohnsystems für das Ingenieur-technische Personal bei Erfüllung und Übererfüllung der Produktionspläne;
3. in einem zusätzlichen materiellen Anreiz für die Arbeiter, die sich bei der Erfüllung und Übererfüllung der Produktionsaufgaben besonders auszeichneten.
Gestützt auf das System der materiellen Anreize erlangte der sozialistische Wettbewerb ein großes Ausmaß im Kampf um die

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Erfüllung der staatlichen Kriegswirtschaftspläne. Der Umfang der Prämien für das Ingenieur-technische Personal und die Arbeiter ist beträchtlich angewachsen. Der Anteil der Prämien an der Gesamtlohnsumme für das ingenieur-technische Personal vergrößerte sich von 11 Prozent im Jahre 1940 auf 28 Prozent im Jahre 1944 und am Lohn der Arbeiter von 4,5 Prozent im Jahre 1940 auf 8 Prozent im Jahre 1944.
Die weitgehende Anwendung des Prämiensystems bei der Erfüllung und Übererfüllung der Produktionspläne ist ein überaus wichtiger zusätzlicher Ansporn für den Aufschwung der Kriegswirtschaft. Es ist ganz klar, daß diese positiven Erfahrungen der Kriegswirtschaft auch in der Nachkriegszeit als zusätzliche Quelle für den Produktionsaufschwung nutzbar gemacht werden ...
Die Grundlage für die Versorgung der Bevölkerung in der Periode der Kriegswirtschaft war allerdings die staatliche genormte Verteilung von Nahrungsmitteln und anderer •wichtiger Artikel des Massenbedarfs. ... Auf dieser Grundlage wurden die Rationen für die Arbeiter, die die Leistungsnormen erfüllten und übererfüllten, durch die sowjetische Regierung erhöht. Diese Erhöhung wurde durch die Festlegung zusätzlicher Verpflegungssätze bei Erfüllung und Übererfüllung der Produktionsnormen herbeigeführt. In den verschiedenen Zweigen der Schwer- und der Kriegsindustrie erhielten etwa 60 Prozent aller Arbeiter während der Zeit des Vaterländischen Krieges diese zusätzliche Verpflegung. Darüber hinaus wurden von der Sowjetregierung erhöhte Versorgungsnormen für alle Arbeiter und das ingenieur-technische Personal festgesetzt, die mit schweren oder gesundheitsschädlichen Arbeiten beschäftigt waren; hierunter fielen der Bergbau, die Metallerzeugung, die Untertagearbeiten in der Kohle- und Erzgewinnung, verschiedene Zweige der chemischen und der Erdölindustrie und die Lokomotivbrigaden im Eisenbahnverkehr.
Im Zusammenhang mit der Praxis der genormten Nahrungsmittelversorgung erlangte während der Periode der Kriegswirtschaft die Gemeinschaftsverpflegung große Bedeutung (Betriebsküchen, Kantinen). Diese öffentliche Speisung wurde für viele Arbeiter und Angestellte zur Hauptverpflegung. Der Anteil dieser Gemeinschaftsverpflegung am gesamten Einzelhandelsumsatz erhöhte sich von 13 Prozent im Jahre 1940 auf 25 Prozent im Jahre 1943 ...
Die Völker der Sowjetunion haben die außerordentlich

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schwere, historische Aufgabe übernommen, die Wirtschaft der befreiten Gebiete in kurzer Zeit wieder aufzubauen und die unserer Heimat durch Hitlerdeutschland zugefügten Wunden zu heilen. Die zeitweilig besetzten Gebiete der UdSSR nahmen am Vorabend des Vaterländischen Krieges im Gesamtgebiet der UdSSR einen hervorragenden Platz ein: in der Bevölkerungszahl 45 Prozent, in der Bruttoproduktion der Industrie 33 Prozent, in den Anbauflächen 47 Prozent, im Viehbestand (auf Rinder umgerechnet) 45 Prozent und in der Länge des Schienennetzes 55 Prozent ...
Das Zugrundegehen der Sowjetmenschen und die damit verbundene Verminderung der Arbeitsreserven der UdSSR ziehen Verluste im Volkseinkommen der Nachkriegszeit nach sich. Wenn man das Volkseinkommen und die Lebensdauer der Bevölkerung der Vorkriegszeit zugrunde legt, stellen die durch Massenausrottung und Tod der Bevölkerung in den von den Deutschen besetzten Gebieten und die in deutscher Zwangsarbeit entstandenen unersetzbaren Verluste im Volkseinkommen der UdSSR eine gewaltige Ziffer dar. Das Leid des Volkes jener sowjetischen Gebiete, die der deutschen Sklaverei ausgesetzt waren, ist unmeßbar und findet in keiner Statistik Raum...
Im ganzen betragen die Vermögensverluste, das heißt die Verluste der Grund- und Umlaufsfonds der UdSSR bzw. der direkte Schaden, der dem Staat und der Bevölkerung durch Zerstörung und Ausplünderung des staatlichen, genossenschaftlichen und persönlichen Eigentums während des Krieges auf dem besetzten Gebiet der UdSSR zugefügt wurde (geschätzt nach staatlichen Vorkriegspreisen) 679 Mrd. Rubel bzw. 128 Mrd. amerikanische Dollar. Auf das nationale Eigentum der UdSSR bezogen, das sich vor dem Kriege auf dem besetzten Territorium befand, machen diese Vermögensverluste ungefähr Zweidrittel aus.
Der der Volkswirtschaft der UdSSR zugefügte materielle Schaden besteht darüber hinaus:
a) in direkten Kriegskosten und zusätzlichen Ausgaben, die durch den Krieg und die Umstellung der Wirtschaft hervorgerufen wurden, einschließlich der Finanzierung der Kriegsbauten und der Kriegsproduktion, in Ausgaben für die Luftverteidigung, die Verlagerung und Rückführung der Betriebe und in Auszahlungen von Kriegsrenten;
b) in Einkommensverlusten der Bevölkerung und der sozialistischen

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Betriebe während des Vaterländischen Krieges infolge der Produktionseinstellung in den besetzten Gebieten.
Dieser materielle Schaden, das heißt die direkten Kriegskosten und die durch den Krieg verursachten zusätzlichen Ausgaben sowie die Verluste im Volkseinkommen der Bevölkerung und der sozialistischen Betriebe, belief sich während des Vaterländischen Krieges, berechnet nach staatlichen Vorkriegspreisen, auf 1890 Mrd. Rubel bzw. 357 Mrd. amerikanische Dollar ...
Die Wiederherstellung des Vorkriegsniveaus in der Industrieproduktion auf dem ehemals besetzten Gebiet der UdSSR erfordert eine Vergrößerung der gesamten Industrieproduktion in den befreiten Gebieten der Sowjetunion um das 51/2fache, die Steigerung der Kohlenförderung um das 4fache, der Stromerzeugung um das 6fache und der Stahlerzeugung um mehr als das 9fache gegenüber dem auf diesem Gebiet im Jahre 1944 erreichten Stand. Das ist das Ausmaß der Wiederherstellungsarbeiten in der Industrie, besonders in der Produktionsmittelindustrie, in den befreiten sowjetischen Gebieten.
Zur Wiederherstellung des Vorkriegsniveaus in der landwirtschaftlichen Produktion der befreiten Gebiete der UdSSR ist es notwendig, den Bruttogetreideertrag gegenüber dem in diesen Gebieten im Jahre 1944 erreichten Stand um mehr als 70 Prozent, die Sonnenblumenernte um 60 Prozent, die Flachsernte um das 3,3fache und die Zuckerrübenernte um das 4fache zu erhöhen; der Rinderbestand muß im Vergleich zu 1944 um mehr als das 11/2fache, der Schweinebestand um das 4fache, der Bestand an Ziegen und Schafen um das 2,2fache und der Pferdebestand um mehr als das 2,6fache vergrößert werden. Zur Sicherstellung dieser Aufgaben ist die allseitige organisatorische und wirtschaftliche Festigung der Kolchosen und MTS sowie die Versorgung der Landwirtschaft mit Maschinen, Traktoren und Düngemitteln notwendig ...
Um für die Bevölkerung in den befreiten Gebieten normale materielle und kulturelle Lebensbedingungen zu schaffen, um die Städte und Dörfer sowie den Vorkriegswohnraum wieder aufzubauen, ist es notwendig, allein in den befreiten sowjetischen Gebieten über 60 Mill. qm städtischen Wohnraums wiederherzustellen und zu bauen. Diese für eine Reihe von Jahren berechnete Aufgabe kann nicht ohne Schaffung einer hochindustrialisierten fabrikmäßigen Massenproduktion von Wohnhäusern bzw. Hauptkonstruktionen verwirklicht werden ...

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186. Der erneute Wiederaufbau leitet die Friedenszeit ein
Aus dem vom Obersten Sowjet der UdSSR am 18. März 1946 angenommenen Gesetz über den Fünf jahrplan zur Wiederherstellung und Entwicklung der Volkswirtschaft der UdSSR für 1946 bis 1950
... Der Oberste Sowjet der UdSSR stellt fest, daß die Hauptaufgaben des Fünf jahrplanes zur Wiederherstellung und Entwicklung der Volkswirtschaft der UdSSR für 1946-1950 darin bestehen, die Rajons des Landes, die gelitten haben, wiederherzustellen, das Vorkriegsniveau in Industrie und Landwirtschaft wiederherzustellen und anschließend dieses Niveau in bedeutendem Ausmaß zu übertreffen. Dafür ist es notwendig:
1. eine vordringliche Wiederherstellung und Entwicklung der Schwerindustrie und des Eisenbahntransportes zu gewährleisten, ohne die eine schnelle und erfolgreiche Wiederherstellung und Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft der UdSSR unmöglich sind;
2. einen Aufschwung der Eandwirtschaft und der Industrie zu erreichen, die Konsummittel zur Sicherung des materiellen Wohlergehens der Völker der Sowjetunion produzieren, und im Land einen Überfluß an den hauptsächlichen Verbrauchsgegenständen zu schaffen;
3. einen weiteren technischen Fortschritt in allen Bereichen der Volkswirtschaft der UdSSR zu gewährleisten ...;
4. 1946 den Nachkriegsumbau der Volkswirtschaft abzuschließen, die Produktionsleistung der Rüstungsindustrie für die weitere Vergrößerung der Wirtschaftskraft der Sowjetunion zu nutzen;
5. die weitere Erhöhung der Verteidigungsfähigkeit der UdSSR und die Ausrüstung der Streitkräfte der Sowjetunion mit der neuesten militärischen Technik zu gew ährleisten;
6. ein hohes Tempo der Akkumulation zu gewährleisten ...
7. die Sache der Wiederherstellung und des weiteren Baus von Städten und Siedlungen sowie der Vergrößerung des Wohnungsfonds im Land tatkräftig zu entfalten; eine betriebliche Massenfertigung von Wohnhäusern zu schaffen; den Arbeitern, Bauern und der Intelligenz für den individuellen Wohnungsbau staatliche Hilfe zu leisten;
8. das Vorkriegsniveau des Volkseinkommens und des Volksverbrauchs zu übertreffen, dafür die Nahrungsmittelindustrie

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größtmöglich zu entwickeln, eine Massenproduktion von Gegenständen für den breiten Bedarf zu entfalten, die Kolchoseinkommen zu vermehren, den Warenumsatz zu vergrößern; das Kartensystem in der nächsten Zeit abzuschaffen und es durch einen entwickelten, kultivierten Sowjethandel zu ersetzen ...
187. Ein Hüttenwerk wird im Rekordtempo wieder in Betrieb genommen
Der spätere Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breznev, erinnert sich, 1946/47
Das Gras war bereits durch Schrott und Schotter hindurchgewachsen, aus der Ferne das Geheul streunender Hunde, ringsum nichts als Trümmer, an den Ästen verkohlter Bäume hingen schwarze Krähennester. Derartiges hatte ich nach dem Bürgerkrieg gesehen. Schrecklich war die Totenstille der Fabriken, nun lagen sie gänzlich in Schutt und Asche.
Es war der heiße Sommer 1946. In jenem Jahr schickte mich die Partei nach Zaporoz'e* ...
Und diesen ganzen endlosen, heißen, bedrückenden Tag über, an dem ich mich mit der Sachlage vertraut machte, überlegte ich: Womit hier beginnen? Der Eindruck war, man muß schon sagen, ziemlich trostlos. Die Faschisten hatten in der Stadt sämtliche 70 Betriebe gesprengt. Als im Werk »Zaporoz-stal'« mit dem Wiederaufbau der Blechstraße begonnen wurde, entdeckten wir an allen Pfeilern der mittleren Reihe den mit roter Farbe aufgemalten Buchstaben »F« (Feuer). Rote Pfeile wiesen auf die Stelle, wo Sprengstoff anzubringen war.
Zudem lag die ganze Stadt in Trümmern. Die Staatliche Kommission hatte berechnet: In Zaporoz'e waren mehr als 1000 große Wohnblocks, 24 Krankenhäuser, 74 Schulen, 2 Hochschulen, 5 Lichtspielhäuser, 239 Läden zerstört worden. Die Stadt war ohne Wasser, ohne Heizung, ohne Strom. Immenser Schaden war auch der Landwirtschaft rings um Zaporoz'e zugefügt worden.
In dieses Gebiet entsandte mich das Zentralkomitee der Partei zu einem schwierigen Zeitpunkt. Etwa einen Monat vor meinem Eintreffen, am 27. Juli 1946, war in der ›Pravda‹ der Korrespondentenbericht »Weshalb sich der Wiederaufbau von ›Zaporozstal'‹
* Wichtige Industriestadt am unteren Dnjepr.

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verzögert« veröffentlicht worden. Die folgende Antwort wurde gegeben: »Mangelnde Organisation ist die Hauptursache. Es existiert kein Plan für die Organisierung und Mechanisierung der Arbeiten. Es gibt praktisch auch keinen Zeitplan. Die Erfüllung des Planes wird nicht mengenmäßig, sondern in Rubel abgerechnet. Auf diesem Boden blüht die Schönfärberei ...«
Die Arbeit wurde an vielen Stellen begonnen, aber nirgends zu Ende geführt. Die Disziplin war schlecht. Zusammenarbeit und Zusammenwirken gab es überhaupt nicht. Mit anderen Worten, es fehlte all das, was aus vielen Menschen ein einträchtiges Kollektiv macht. Mein erstes Anliegen war es, eine Atmosphäre der Exaktheit, hoher parteilicher Anforderungen zu schaffen. Heute wird niemand ein Bauvorhaben ohne einen Zeitplan in Angriff nehmen. Damals jedoch suchten einige Leiter allen Ernstes nachzuweisen, daß das unter unseren Bedingungen überhaupt nicht möglich sei. Es handele sich nicht um einen »normalen« Bau: Wir schaffen Trümmer fort, bergen Rohre, Träger, Gleise, unbeschädigte Einzelteile von Maschinen. Das lasse sich nicht normieren.
Und diese Ansicht hatte sich in der Praxis eingebürgert: Gearbeitet wurde ohne Normen, die Arbeitsproduktivität über den Daumen gepeilt. Mit anderen Worten: Der Plan wurde den Engpässen angepaßt, danach das Tempo festgelegt und bestimmt, was in einer Schicht oder einem Monat geschafft werden kann, nicht aber danach, was vollbracht werden muß, was unbedingt notwendig ist.
Derartige Verhaltensweisen galt es zu überwinden ...
Man mußte sich auch mit Fragen befassen, die zwar keine wirtschaftlichen oder Alltagsprobleme betrafen, dennoch ebenfalls von Bedeutung waren, weil sie menschliche Schicksale berührten. Die Sicherheitsorgane waren damit befaßt, Verräter, die den Faschisten geholfen hatten, »Hilfspolizisten« sowie Angehörige der »Straf«einheiten, die sich in alle Ritzen verkrochen hatten, aufzuspüren und zu entlarven. Sie sollten der Vergeltung nicht entgehen. Diese Ermittlungen erforderten äußerste Sorgfalt und Umsicht, um nicht ehrliche Menschen durch Verdacht zu kränken. Hierbei hatte die Partei unbedingt mitzuwirken. Besonders mußte ich dafür sorgen, daß man nicht jeden, der gegen seinen Willen auf okkupiertes Territorium geraten war, des Verrats verdächtigte.

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Andererseits muß bemerkt werden, daß in der Nachkriegszeit besondere Wachsamkeit nötig war. Es verging keine Woche ohne irgendwelche »besonderen Vorkommnisse«, es tauchten sogar noch bewaffnete Banden auf, nachts waren Schießereien zu hören ...
Im Februar 1947 mußte das Büro des Gebietskomitees einen besonderen Beschluß zur wirksameren Bekämpfung der Kriminalität fassen. Darin hieß es - wie ich mich entsinne -, daß wir verpflichtet sind, an dieser Front die Kommunisten und Komsomolzen einzusetzen, die Organe zum Schutz der Ordnung zu verstärken, sie von labilen Menschen zu säubern: »Hat einer unmoralisch gehandelt, so löst ihn ab, auch wenn das eine Lücke reißt. Dann werden wenigstens alle die Lücke sehen, die durch einen starken Genossen zu schließen ist. Oder geht ernsthaft, mit dem ganzen Kollektiv daran, den Betreffenden umzuerziehen.«
Sehr wichtig war die Arbeit der Miliz. Allerlei Volk kam nach Zaporoz'e, die Stadt aber war dunkel, ohne Straßenbeleuchtung, ohne Verkehrsmittel, und ich erinnere mich an die Zeit, da Raubüberfälle und Ausschreitungen von Rowdys die Einführung der dritten Schicht ernstlich störten. Die Autorität der Miliz mußte gehoben und gefestigt werden; ihre Uniformen aber (auch dieses Detail fällt mir ein) waren recht abgetragen. In einer Sitzung sagte ich: »Wir müssen vor allem die Milizionäre neu einkleiden. Damit man schon von weitem sieht - da kommt ein Ordnungs- und Gesetzeshüter.« ...
Die Tage eilten dahin, die Zeit wurde immer knapper, die Menschen arbeiteten Tag und Nacht, doch insgesamt hat sich mir diese Zeit als etwas Leuchtendes und Freudiges eingeprägt. In Zaporoz'e traf der erste Zug mit Erz aus Krivoj Rog ein - das war ein Triumph. Der Trocknungsprozeß des Hochofens begann - welch eine Freude. Es begann die Erprobung des Windgebläses des Wärmekraftwerks, über den Schrägaufzug krochen die ersten Kippkübel mit der Begichtung aufwärts - das waren wiederum Ereignisse, die für jeden Teilnehmer am Wiederaufbau besondere Bedeutung hatten.
Aus Moskau kam eine staatliche Kommission, geleitet von dem bekannten Metallurgen* Ivan Paviovic Bardin, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, den ich noch von Dneprodzerzinsk her kannte. Dieser in seinen Formulierungen
* Fachmann für Hüttenkunde, auch: Hüttenarbeiter.

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sonst zurückhaltende Mann schrieb in das Protokoll über die Abnahme des ersten Bauabschnittes des Werkes »Zaporozstal'«: »Die Bau- und Montagearbeiter haben hier bedeutende Arbeiten ausgeführt, die weder im Umfang noch in der Lösung technischer Aufgaben ihresgleichen kennen.«
Schließlich brach der lang erwartete, denkwürdige Tag an. Zum letzten Male wurde die Bereitschaft überprüft. Dann erging die Anweisung: »Hochofen anblasen!« Ein Arbeiter drehte den Heißwindschieber, der Obermeister rannte mit brennender Fackel zum gußeisernen Stichloch, im Ofen setzte ein Dröhnen ein, und im gleichen Augenblick heulte am Hauptgebäude des Wärmekraftwerks mit voller Lautstärke die Sirene los und verkündete die zweite Geburt von »Zaporozstal'«. Auf dieses Signal hin rannten in der Stadt alle auf die Straße. Unbekannte umarmten sich, weinten vor Freude. Und einen Tag später, am 30. Juni 1947, floß das erste uns allen so kostbare Zaporoz'e-Roheisen.
Ich erinnere mich an diesen Tag in allen Einzelheiten. Der Ofen dröhnte gleichmäßig, man mußte laut werden, um sich dagegen durchzusetzen, aber das war ein jedem Metallurgen vertrautes Dröhnen, und auch mich erfreute es, weil ich mich in meinem Innersten immer noch als Metallurge fühlte. Der Schneidbrenner brannte das Stichloch auf, und es erschien ein Bächlein weißglühenden Metalls. Funkensprühend gewann das Bächlein an Kraft und wurde zu einem Roheisenflüßchen. Die Oberfläche dieses Flüßchens kräuselte sich, wir alle folgten ihm, sahen zu, wie sich der Kübel erstmalig füllte. Ich entsinne mich, daß ich mit Bardin einen langen Händedruck tauschte und wir alle Hochöfner innig umarmten ...
188. In den Kolchosen stimmt einiges nicht
Aus dem Beschluß des Ministerrates der UdSSR und des CK der VKP/b über Maßnahmen zur Liquidierung der Verletzungen des Statutes des landwirtschaftlichen Artels in den Kolchosen vom 19. September 1946
... Diese Verletzungen äußern sich in einer falschen Verausgabung der Tagewerke, im Diebstahl an den gemeinschaftlichen Kolchosländereien, in einer Ausplünderung des Kolchoseigentums, in Übergriffen seitens der Rajon- und anderer Partei- und Sowjetfunktionäre, in einer Verletzung der demokratischen

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Grundlagen bei der Verwaltung der Angelegenheiten des landwirtschaftlichen Artels - der Wählbarkeit der Leitung und der Vorsitzenden der Kolchosen sowie deren Rechenschaftspflicht vor den Versammlungen der Kolchosbauern.
... Die falsche Verausgabung der Tagewerke in den Kolchosen vollzieht sich durch Aufblähung des Bestandes an Verwaltungs- und Dienstpersonal in den Kolchosen sowie des außerordentlich hohen Aufwandes an Tagewerken und Geldmitteln für administrativ-verwaltungsmäßige Ausgaben ...
Eine weite Verbreitung fand in den Kolchosen die schädliche Praxis, einzelnen Kolchosbauern unabhängig von den durch sie erarbeiteten Tagewerken Produkte nach Notizen der Kolchosvorsitzenden zu überlassen ...
Dieser Diebstahl an den gemeinschaftlichen Ländereien vollzieht sich durch eine Vergrößerung der Hofgarten-Landstücke der Kolchosbauern auf dem Wege eigenmächtiger Aneignungen oder ungesetzlicher Zumessungen seitens der Leitungen und Kolchosvorsitzenden, um die persönliche Wirtschaft zum Nachteil der gemeinschaftlichen aufzublähen.
Der Diebstahl an den gemeinschaftlichen Ländereien vollzieht sich auch auf dem Wege einer ungesetzlichen Zuweisung durch lokale Sowjet- und Land-Organe, darüber hinaus durch eigenmächtige Aneignung der gemeinschaftlichen Kolchosländereien seitens aller möglichen Organisationen und Personen unter dem Vorwand, auf den Kolchosländereien verschiedene Arten von Nebenwirtschaften und individuellen Gemüsegärten der Arbeiter und Angestellten zu schaffen. Dabei geschieht ein solcher Diebstahl an gesellschaftlichen Ländereien häufig unter Duldung der Kolchosleitungen sowie der Vorsitzenden von Dorf- und Rajonsowjets. Selbstverständlich vermindert die ungesetzliche Aneignung gemeinschaftlicher Kolchosländereien für Nebenwirtschaften jeglicher Art die Landfonds der Kolchosen, untergräbt die gemeinschaftliche Wirtschaft der Kolchosen und ermuntert in den Kolchosen zur Aneignung gemeinschaftlicher Ländereien seitens einzelner habgieriger Elemente ...*
Einige Funktionäre der Sowjet-, Partei- und Land-Organe in den Rajons verletzen, anstatt streng das gemeinschaftliche Eigentum als Grundlage der Kolchosordnung zu bewahren, auf grobe Weise die Sowjetgesetze und verfügen, ihre Dienststellung mißbrauchend, ungesetzlich über das Vermögen sowie
* Es folgt ein Hinweis auf den Beschluß vom 27. 5. 1939; siehe Dok. 181.

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über die Natural- und Geldeinkünfte der Kolchosen, indem sie die Leitungen und Vorsitzenden der Kolchosen zwingen, ihnen unentgeltlich oder für einen niedrigen Preis Vermögen, Vieh und Produkte, die der Kolchose gehören, auszuhändigen ...
Der Ministerrat der UdSSR und das Zentralkomitee der VKP/b beschließen:
3. Schluß zu machen mit der Praxis des Diebstahls von Tagewerken in den Kolchosen und der falschen Verteilung der Kolchoseinkünfte;
innerhalb einer zweimonatigen Frist in allen Kolchosen den aufgeblähten Bestand an administrativem und Dienst-Personal sowie den Aufwand an Tagewerken zu dessen Bezahlung zu prüfen und zu verringern und die administrativ-wirtschaftlichen Ausgaben in Übereinstimmung mit dem Statut des landwirtschaftlichen Artels zu bringen;
5. zu bestimmen, daß die Funktionäre der Sowjet-, Partei-und Landorgane sowie die Kolchosvorsitzenden, die des Diebstahls und der ungesetzlichen Verfügung über das Kolchosvermögen, das gemeinschaftliche Land und die Geldmittel schuldig sind, von ihrem Amt entfernt und vor Gericht gestellt werden, als Gesetzesbrecher und Feinde der Kolchosordnung;
den Ministerräten der Republiken, den Exekutivkomitees der Gaue und Gebiete, den CKs der kommunistischen Parteien der Unionsrepubliken sowie den Parteikomitees der Gaue und Gebiete zur Pflicht zu machen, innerhalb einer zweimonatigen Frist für die Rückerstattung des ungesetzlich weggenommenen Vermögens, des Viehs und der Geldmittel an die Kolchosen zu sorgen und innerhalb eines Monats dem Ministerrat der UdSSR und dem Zentralkomitee der VKP/b über die Maßnahmen Bericht zu erstatten, die gegen die konkret Schuldigen am Diebstahl des Kolchosvermögens ergriffen wurden ...

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189. Kollektivverträge sollen das Arbeitsrecht vereinheitlichen Aus dem Beschluß des Ministerrates der UdSSR über den Abschluß von Kollektivverträgen in den Unternehmen
vom 4. Februar 1947
Der Ministerrat der UdSSR beschließt:
1. um eine Erfüllung und Übererfüllung der Produktionspläne, ein weiteres Wachstum der Arbeitsproduktivität, eine Verbesserung der Arbeitsorganisation und auch eine erhöhte Verantwortlichkeit der wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Organisationen für die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen und kulturellen Dienstleistungen für die Arbeiter, das Ingenieur-technische Personal und die Angestellten der Unternehmen zu gewährleisten, eine Vorlage des Zentralrates der Gewerkschaften der UdSSR (VCSPS) zu billigen, 1947 die Praxis eines Abschlusses von Kollektivverträgen zwischen der Verwaltung der Unternehmen (Baubetriebe) und den Fabrik- und Betriebskomitees der Gewerkschaften wiederaufzunehmen;*
2. den VCSPS zu beauftragen, gemeinsam mit den entsprechenden Ministerien Muster-Kollektivverträge zu prüfen und zu bestätigen ...
190. Auch in der Sowjetunion gibt es eine Währungsreform Aus dem Beschluß des Ministerrates der UdSSR und des CK der VKP/b über die Durchführung der Währungsreform und die Abschaffung der Karten für Lebensmittel-und industrielle Waren vom 14. Dezember 1947
... In den Jahren des Vaterländischen Krieges wuchsen die Ausgaben des Sowjetstaates zur Unterhaltung der Armee und zur Entwicklung der Rüstungsindustrie stark an. Die gewaltigen militärischen Ausgaben erforderten es, eine große Anzahl Geld in Umlauf zu bringen ... Gleichzeitig verringerte sich die Produktion von Waren, die für den Verkauf an die Bevölkerung bestimmt waren, und der Warenumsatz im Einzelhandel ging bedeutend zurück ...
Trotz der Bedingungen der Kriegszeit gelang es der Sowjetregierung für die gesamte Dauer des Krieges, die staatlichen Vorkriegspreise für normierte Waren ohne Änderungen zu halten;
* Seit 1935 waren keine Kollektiwerträge mehr abgeschlossen worden.

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dies wurde durch die Einführung des Kartensystems zur Versorgung mit Lebensmittel- und industriellen Waren gewährleistet. Indessen führten die Verringerung des staatlichen und genossenschaftlichen Handels mit Massenbedarfsartikeln und die Erhöhung der Nachfrage der Bevölkerung auf den Kolchosmärkten zu einem starken Anstieg der Marktpreise, die in einzelnen Perioden die Vorkriegspreise 10 bis 15mal übertrafen.
Selbstverständlich nutzten Spekulanten-Elemente das vorhandene große Mißverhältnis zwischen staatlichen und Marktpreisen aus, ebenso wie die Existenz von Massen an Falschgeld*, um Geld in großen Mengen anzuhäufen und damit auf Kosten der Bevölkerung ein leichtes Einkommen zu haben.
Jetzt, wo die Aufgabe des Übergangs zum offenen Handel nach einheitlichen Preisen auf der Tagesordnung steht, verhindert die Menge des in der Kriegszeit herausgegebenen Geldes die Abschaffung des Kartensystems, weil die im Umlauf befindlichen überflüssigen Gelder die Marktpreise in die Höhe schrauben, eine übertriebene Nachfrage nach Waren schaffen und die Möglichkeit zur Spekulation erleichtern ...
Deshalb haben sich der Ministerrat der UdSSR und das CK der VKP/b entschieden, eine Währungsreform durchzuführen ... Diese Reform wird nach folgenden Prinzipien durchgeführt:
Erstens. Der Umtausch der jetzt umlaufenden und im Besitz befindlichen Gelder in neues Geld wird mit einer Beschränkung durchgeführt, nämlich; zehn Rubel in altem Geld für einen Rubel in neuem Geld ...
In der UdSSR gehen die Kriegsfolgen und die Währungsreform nicht auf Kosten des Volkes. Die Zahl der beschäftigten Arbeiter und Angestellten wird bei uns nicht verringert. Bei uns gibt es keine Arbeitslosigkeit, und es wird keine geben. Die Höhe des Arbeitslohnes der Arbeiter und Angestellten wird nicht nur nicht gesenkt, sondern - im Gegenteil - angehoben, denn in einigen Fällen sinken die kommerziellen Preise, und bei Brot und Graupen sinken auch die Rationierungspreise, was eine Erhöhung des realen Arbeitslohnes der Arbeiter und Angestellten bedeutet.
Trotzdem erfordert die Durchführung der Währungsreform bestimmte Opfer. Einen großen Teil der Opfer nimmt der Staat auf sich. Aber wenn auch die Bevölkerung einen Teil auf sich
* Ergänze: das von den Deutschen und anderen Okkupanten ausgegeben worden war.

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nehmen muß, so soll dies auf jeden Fall das letzte Opfer für sie sein. Der Umtausch des vorhandenen Geldes in neues trifft angesichts der genannten Beschränkungen fast alle Schichten der Bevölkerung empfindlich. Indessen versetzt diese Umtauschordnung vor allem den Spekulanten-Elementen einen Schlag, die große Geldvorräte angehäuft haben und sie in »Tonkrügen« aufbewahren. Die Verluste der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, die mit dem Geldumtausch verbunden sind, werden von kurzer Dauer und unbedeutend sein sowie dank der Abschaffung der hohen kommerziellen Preise und der Senkung der existierenden Rationierungspreise für Brot und Graupen völlig ausgeglichen werden.
Gleichzeitig mit der Durchführung der Währungsreform haben der Ministerrat der UdSSR und das CK der VKP/b beschlossen, das Kartensystem für Lebensmittel- und industrielle Waren aufzuheben, die hohen kommerziellen Preise abzuschaffen und zu einem Warenverkauf nach einheitlichen staatlichen Preisen bei Senkung der Rationierungspreise für Brot und Graupen überzugehen. Dadurch entsteht für die Bevölkerung ein großer materieller Vorteil.
Die Aufhebung des Kartensystems für Lebensmittel- und industrielle Waren wird nach folgenden Prinzipien verwirklicht:
Erstens. Der Verkauf von Lebensmittel- und industriellen Waren wird im offenen Handel ohne Karten durchgeführt.
Zweitens. Eingeführt werden einheitliche staatliche Einzelhandelspreise anstelle der existierenden kommerziellen und Rationierungspreise.
Drittens. Die einheitlichen Preise für Brot und Graupen werden auf einem niedrigeren Niveau als die jetzigen Rationierungspreise festgesetzt, wobei die Rationierungspreise für Brot um durchschnittlich 12 Prozent und die für Graupen um 10 Prozent gesenkt werden- im Vergleich mit den jetzigen kommerziellen Preisen bedeutet dies eine Herabsetzung um mehr als das Zweieinhalbfache.
Viertens. Die einheitlichen Preise für andere Lebensmittelwaren bleiben im wesentlichen auf dem Niveau der gültigen Rationierungspreise.
Fünftens. Die einheitlichen Preise für industrielle Waren werden im Vergleich zu den niedrigen Rationierungspreisen auf einem etwas erhöhten Niveau festgesetzt, im Vergleich zu den kommerziellen Preisen jedoch um durchschnittlich mehr als das Dreifache gesenkt ...

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191. Mängel bei der Arbeitsorganisation in den Kolchosen
Aus dem Beschluß des Ministerrates der UdSSR über Maßnahmen zur Verbesserung der Organisation, zur Erhöhung der Produktivität und zur Regelung der Arbeitsbezahlung in den Kolchosen vom 19. April 1948
... Die grundlegenden Mängel in der Organisation und in der Arbeitsbezahlung der Kolchosbauern bestehen in folgendem:
- Es besteht ein Arbeitssystem bei der Nutzung von Grund und Boden in den Kolchosen, das jeder persönlichen Verantwortlichkeit entbehrt; das drückt sich darin aus, daß den Feldwirtschaftsbrigaden nicht immer Landstücke in Feldern mit Fruchtfolge zugeteilt werden, was die Steigerung des Ernteertrages hindert. In vielen Kolchosen ist die Fluktuation des Brigadenbestandes nicht beseitigt, die den Brigaden zugeteilten Produktionsmittel werden oft außerhalb der Brigade, ohne Einverständnis des Brigadiers genutzt.
Eine derartige Praxis stört die normale Arbeit der Brigade und mindert die Verantwortlichkeit des Brigadiers für den Zustand in der Brigade. In einer Reihe von Kolchosen wird der Versuch mit einem Arbeitsgruppensystem (zveno) bei der Arbeitsorganisation, das sich als richtig erwiesen hat, nicht ausreichend praktiziert;
- es werden veraltete, zu niedrige Produktionsnormen angesetzt, und die Arbeit in den Tagewerken wird zu hoch bewertet. Viele Kolchosen haben die Produktionsnormen im Laufe einiger Jahre nicht überprüft und dadurch das erreichte Wachstum der Arbeitsproduktivität der Kolchosbauern nicht berücksichtigt ...
- es herrscht Gleichmacherei in vielen Kolchosen, wenn die Kolchoseinkünfte unabhängig von den Arbeitsergebnissen der Brigaden, Arbeitsgruppen, Farmen und einzelner Kolchosbauern verteilt werden, weshalb sich die rechtschaffenen und gut arbeitenden Kolchosbauern im Vergleich mit den nur auf ihren persönlichen Vorteil bedachten und wenig gewissenhaften Elementen unter den Kolchosbauern benachteiligt fühlen;
- es herrscht ein unbefriedigender Zustand bei der Planung des Aufwandes an Tagewerken und bei der Kontrolle über deren Verwendung ...
- die Zahlung des Akkordlohnes für Kleingruppen und Einzelpersonen in den Kolchosen ist nicht zufriedenstellend. Statt

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im Akkord wird die Arbeit oft im Tagelohn bezahlt. Die in der Brigade und Arbeitsgruppe ausgeführte Arbeit wird nicht für jeden Kolchosbauern berechnet, sondern summarisch und zu gleichen Teilen auf die gesamte Anzahl von Kolchosbauern, die an der Arbeit teilgenommen haben, aufgeteilt; dies mindert das Interesse der Kolchosbauern an einer Erhöhung der Produktionsnormen und die Verantwortlichkeit für die Qualität der auszuführenden Arbeit ...
Um die Organisation und die Bezahlung der Arbeit zu verbessern sowie eine Ordnung bei der Anrechnung der Tagewerke in den Kolchosen einzuführen, beschließt der Ministerrat der UdSSR:
I. Über die Arbeitsorganisation und die Planung des Aufwandes an Tagewerken in den Kolchosen
l. Als wichtigste Aufgabe bei der Verbesserung der Arbeitsorganisation in den Kolchosen ist die größtmögliche Festigung der ständigen Produktionsbrigaden als Hauptform der Arbeitsorganisation im Artel anzusehen.
Den Kolchosleitungen wird vorgeschlagen, den Feldwirtschaftsbrigaden Landstücke für nicht weniger als eine vollständige Fruchtfolge zuzuteilen, dazu Heuwiesen, aber auch Arbeitsvieh, landwirtschaftliche Maschinen, Transportmittel und die notwendigen Produktionsgebäude, sowie eine Fluktuation des Bestandes dieser Brigaden nicht zuzulassen ...
Es ist darauf zu achten, daß sich das der Produktionsbrigade zugeteilte Inventar, die landwirtschaftlichen Maschinen, das Zugvieh und die Transportmittel in der Verfügungsgewalt des Brigadiers befinden und daß sie ohne sein Einverständnis oder die Entscheidung der Kolchosleitung nicht zur Nutzung für Arbeiten außerhalb der Brigade entlehnt werden können ...
3. Den Kolchosen wird empfohlen, die existierenden Arbeitsgruppen zu stärken und innerhalb der Produktionsbrigaden neue zu schaffen, um ihnen Kulturen zuzuteilen, die eine breite Aussaat und Zwischenreihenbearbeitung erfordern, darüber hinaus technische* und Gemüsekulturen sowie für die Aussaat bestimmte Landstücke und dort, wo dies möglich ist, auch Getreidekulturen ...
* Technische Kulturen sind agrarische Rohstoffe für die Industrie.

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II. Über die Normen der Produktion und der Arbeitsbewertung in Tagewerken.
15. Die vom Rat für Kolchosangelegenheiten bei der Regierung der UdSSR* und vom Landwirtschaftsministerium der UdSSR vorgelegten Muster-Produktionsnormen und einheitlichen Bewertungen in Tagewerken sind zu billigen ...
192. Großkolchosen und eine neue Form von »Agro-Städten« Aus einem Bericht Nikita Chruscevs**, 1951
Die Entwicklung der sozialistischen Landwirtschaft wird begleitet von einem Aufschwung des materiellen Wohlstandes der Kolchosbauern und -bäuerinnen, von einer Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ... In den Kolchosen hat sich die Arbeit der Bauern grundlegend verändert, sie wird mehr und mehr zu einer Spielart der industriellen Arbeit. ... Im Dorf haben eine neue Kultur, eine neue Lebensweise Eingang gefunden, verwandelt hat sich sogar der Charakter des Dorfes. Schritt für Schritt vollzieht sich der Prozeß der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land ...
Die durchgeführte Vergrößerung der Kolchosen hat günstige Bedingungen für einen neuen, noch mächtigeren Aufschwung der sozialistischen Landwirtschaft geschaffen. Dies wird ein weiteres Wachstum der Wohlhabenheit der Menschen, ihrer Kultur, nach sich ziehen.
Aber damit die vergrößerten Kolchosen all ihre Vorzüge vollständig nutzen können, müssen wir sie organisatorisch und wirtschaftlich festigen. Eine der wichtigsten Fragen ist die Zusammenlegung kleiner Dörfer, die Anlage neuer Kolchosdörfer und -Siedlungen, ihre bestmögliche Gestaltung ...
Die Großkolchosen können und müssen die Verantwortlichkeit für den Bau von Wohnhäusern der Kolchosbauern übernehmen. Dieser Bau muß mit den Kräften des Kolchos, auf Kosten derjenigen Kolchosbauern, für die das Haus gebaut wird, durchgeführt werden. Natürlich werden die Kolchosen die Häuser in erster Linie für diejenigen Kolchosbauern errichten,
* Dieser Kolchosrat war durch Beschluß des Ministerrates der UdSSR und des CK der VKP/b vom 8. 10. 1946 gebildet worden (Resenija partii i pravitel'stva po chozjajstvennym voprosam. T. 3, 1941-1952 gody. Moskau 1968, S. 349f.).
** N. S. Chruscev (1894-1971) war damals Sekretär des CK und des Moskauer Komitees der Kommunistischen Partei.

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die in der gemeinschaftlichen Wirtschaft gut arbeiten, und auf diese Weise werden die fortschrittlichen Leute gegenüber den nachlässigen Kolchosbauern in bessere Bedingungen versetzt ...
Die Schaffung neuer Siedlungen und wirtschaftlicher Zentren der Artele wird es ermöglichen, die landwirtschaftliche Produktion noch mehr zu steigern, die Lebensweise der Kolchosbauern den Bedingungen des städtischen Lebens anzunähern ...
Man muß Musterprojekte zur Planung der Siedlungen ausarbeiten, bei denen Wohnviertel, Plätze, Grünanlagen vorgesehen sind, Musterprojekte für Gemeinschaftsbauten, Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude zusammenstellen, ... Bei der Planung der Siedlung muß man die Aufmerksamkeit auf eine richtige Anordnung der Dorfbehörden sowie der Gebäude für kulturelle und lebensnotwendige Bedürfnisse richten - den Klub, das Haus der landwirtschaftlichen Kultur, die Schule, das Krankenhaus, den Dorfsowjet, den Verkaufsladen, den Park, den Sportplatz, das Kino, das Dampfbad und andere notwendige Einrichtungen. Diese Gebäude müssen eine gute architektonische Formgebung haben und in ihrem Äußeren der Siedlung zur Zierde gereichen ...
In der neuen Kolchossiedlung muß man nach und nach Wasserleitung, Stromnetz mit Straßenbeleuchtung, Bürgersteige anlegen ...
Das materielle und kulturelle Niveau des Kolchosbauern ist gestiegen. Er stellt jetzt andere Ansprüche, er will ein angenehmes Leben führen, und ein Zimmer kann ihn nicht mehr zufriedenstellen. Man muß dafür sorgen, daß der Kolchosbauer 2-3-4 Zimmer erhält ... Das Wohnhaus soll geräumig, hell, bequem, dauerhaft, feuersicher und gleichzeitig billig sein ...
In der neuen Kolchossiedlung kann es einstöckige Häuser - als Ein- oder Zweifamilienhäuser und als einstöckige Häuser mit Mansarde - und zweistöckige Häuser für zwei bis vier Wohnungen geben. Man muß diese Häuser nur richtig im Viertel anordnen, keine großen Zwischenräume schaffen, ohne sie andererseits zu eng zusammenzupressen. Selbstverständlich darf man die Häuser mit zwei oder vier Wohnungen nur mit Zustimmung der Kolchosbauern errichten ...
Über das Hofland. Je größer die Bebauungsfläche der Siedlung ist, desto teurer kommen Anlage und Infrastruktur zu stehen.
Dies haben die fortschrittlichen Kolchosbauern verstanden.

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Viele von ihnen äußern die richtige Meinung, daß man bei der Schaffung neuer Siedlungen, aber auch bei der Umstrukturierung alter Dörfer dem Wohnhaus kein großes Hofland zumessen soll, weil sonst das Dorf eine sehr große Fläche einnehmen wird, die Straßen, Strom- und Wasserleitungen zu lang und folglich die Kosten zu hoch werden.
Vorgeschlagen wird, den Umfang des Hoflandes auf 10-15 Ar zu beschränken. Dies genügt völlig, um ein Wohnhaus und die notwendigen Wirtschaftsgebäude zu errichten, 15-20 Bäume zu pflanzen und einen kleinen Garten zum Anbau von Gemüse anzulegen. Der verbleibende Teil der Hoflandfläche, der den Kolchosbauern nach dem Statut des landwirtschaftlichen Artels zusteht, ist außerhalb der Siedlung zuzuweisen, aber nicht in der Fruchtfolge der Felder, sondern auf einer speziell abgeteilten geschlossenen Fläche für die Hofländereien der Kolchosbauern, die unmittelbar an die Siedlung anschließt. ... Auf den Hofländereien, die sich außerhalb der Siedlung befinden, können mit Zustimmung der Kolchosbauern verschiedene Arbeiten mechanisiert werden, z.B. Pflügen, Kultivieren, Eggen. All dies würde die Arbeit der Kolchosbauern erleichtern und eine Erhöhung des Ernteertrages begünstigen ...
Einige Worte über die Bezeichnung der neuen Kolchosdörfer. Die Bezeichnungen von Ortschaften als »Dorf« oder »Siedlung«* stellen die Kolchosbauern nicht mehr zufrieden. Deshalb suchen sie nach solchen Bezeichnungen, die den neuen Typ einer sozialistischen dörflichen Ortschaft genauer bestimmen würden. In der Ukraine werden z.B. einige im Bau befindliche neue große Dörfer als »Agro-Städte« benannt. Ich halte diese Bezeichnung für nicht geglückt. Die Bezeichnung »Stadt« ist zu anspruchsvoll. In einer Stadt muß alles den hohen Anforderungen städtischer Kultur entsprechen.
... Meiner Meinung nach wäre die Bezeichnung »Kolchos-Siedlung«** sehr geeignet. Dem neuen Dorf eine Bezeichnung zu geben, ist Sache der Kolchosbauern selbst, aber man darf dabei nicht ohne reifliche Überlegung und hastig vorgehen ..***
* Unter »selenie« wird eine Siedlung dörflichen Charakters verstanden.
** Die Bezeichnung »poselok« (hier: kolchoznyj poselok) bezieht sich auf eine Siedlung eher städtischen Charakters, z. B. eine Neubausiedlung am Rande der Stadt.
*** Am 5. 3. 1951, also einen Tag später, erschien in der ›Pravda‹ die Notiz, »durch Unachtsamkeit der Redaktion« sei bei Chruscevs Artikel die Anmerkung versäumt worden, daß dieser lediglich als »Diskussionsbeitrag« abgedruckt werde.

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193. Noch einmal: »Säuberungen«
Aus Nikita Chruscevs Rede vor dem 20. Parteitag am 25. Februar 1956
... Nach Beendigung des Vaterländischen Krieges sonnte sich das Sowjetvolk im Stolz auf die durch große Opfer und gewaltige Anstrengungen errungenen herrlichen Siege. Das Land erlebte eine Zeit allgemeiner politischer Begeisterung. Die Partei ging aus dem Kriege einiger denn je hervor; ihre Kader waren durch das Feuer des Krieges gestählt und gefestigt. Unter diesen Umständen hätte niemand an die Möglichkeit einer Verschwörung innerhalb der Partei auch nur gedacht.
Und in eben jenem Zeitpunkt wurde die sogenannte »Leningrader Affäre« ausgeheckt. Wie wir jetzt festgestellt haben, ist dieser Fall nichts anderes als eine Erfindung. Zu denen, die unschuldig ihr Leben lassen mußten, gehören die Genossen Voznesenskij, Kuznecov, Rodionov, Popkov+ und andere.
Bekanntlich waren Voznesenskij und Kuznecov hervorragende und begabte Führer. Sie standen einst Stalin sehr nahe. Es genügt, daran zu erinnern, daß Stalin Voznesenskij zum ersten Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates machte und daß Kuznecov zum CK-Sekretär gewählt wurde. Allein die Tatsache, daß Stalin Kuznecov mit der Überwachung der Staatssicherheitsorgane betraute, beweist, welches Vertrauen dieser genoß.
Wie kam es, daß diese Personen als Volksfeinde gebrandmarkt und liquidiert wurden? Die Tatsachen beweisen, daß die »Leningrader Affäre« ebenfalls der Willkür Stalins gegenüber den Parteikadern entsprang. Wenn im CK und im Politbüro des CK normale Verhältnisse geherrscht hätten, dann wären ... derartige Dinge überhaupt nicht passiert.
Wir müssen aber feststellen, daß die Lage nach dem Kriege sogar noch komplizierter wurde. Stalin wurde, wenn möglich, noch launischer, reizbarer und brutaler; vor allem sein Mißtrauen wuchs. Sein Verfolgungswahn erreichte unglaubliche Ausmaße. Er sah es förmlich vor Augen, wie seine Mitarbeiter zu seinen Feinden wurden. Und so entfernte Stalin sich nach dem Kriege noch weiter vom Kollektiv. Alles entschied er selbst,
+ Sie wurden alle im Zusammenhang mit der sogenannten Leningrader Affäre erschossen.

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ohne auf irgend jemand oder irgend etwas Rücksicht zu nehmen.
Dieses unglaubliche Mißtrauen machte sich der erbärmliche Provokateur und niederträchtige Feind Berija, der Tausende Kommunisten und loyale Sowjetbürger hingemordet hatte, geschickt zunutze. Die Rangerhöhung Voznesenskijs und Kuznecovs ließ Berija aufhorchen. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, war es Berija selbst, der Stalin »vorschlug«, ihn und seine Komplicen mit der Beschaffung von Material in Form von Erklärungen, anonymen Briefen, allerhand Gerüchten und Indiskretionen zu beauftragen.
Das Zentralkomitee der Partei hat diese sogenannte »Leningrader Affäre« untersucht; Personen, die unschuldig leiden mußten, sind nunmehr rehabilitiert, und auch die Ehre der glorreichen Leningrader Parteiorganisation ist wiederhergestellt. Abakumov* und andere, die diese Fälle konstruiert hatten, wurden vor Gericht gestellt; der Prozeß fand in Leningrad statt, und sie erhielten die verdiente Strafe.
Es erhebt sich nunmehr die Frage, warum wir die Wahrheit über diese Dinge jetzt erfahren und warum wir nicht schon zu Lebzeiten Stalins etwas unternommen haben, um das Leben Unschuldiger zu retten? Dies erklärt sich daraus, daß Stalin die »Leningrader Affäre« persönlich in die Hand genommen hatte und daß der größte Teil der Politbüromitglieder damals nicht alle Umstände dieser Angelegenheiten erfuhr und deshalb auch nicht eingreifen konnte.
Nachdem Stalin verschiedene Unterlagen von Berija und Abakumov erhalten hatte, ordnete er ohne vorherige Prüfung des verleumderischen Materials eine Untersuchung der »Voznesenskij-Kuznecov-Affäre« an. Damit war deren Schicksal besiegelt. Ebenso aufschlußreich ist der Fall der »Mingrelischen Nationalistenorganisation«, die angeblich in Georgien bestanden hat. Bekanntlich faßte das Zentralkomitee der KPdSU (B) im November 1951 und im März 1952 in dieser Angelegenheit mehrere Beschlüsse. Diese Entschließungen kamen ohne vorherige Erörterungen im Politbüro zustande. Stalin selbst hatte sie diktiert. Sie enthielten schwere Anschuldigungen gegen zahlreiche loyale Kommunisten. Gefälschte Dokumente wurden als Beweis dafür angeführt, daß in Georgien angeblich eine nationalistische
* Abakumov war Leiter des Ministeriums für Staatssicherheit unter Berija und wurde im Dezember 1954 erschossen.

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Organisation bestand, die die Liquidierung der Sowjetmacht in jener Republik mit Hilfe imperialistischer Mächte plante.
In diesem Zusammenhang wurde eine Reihe verantwortlicher Partei- und Sowjetarbeiter in Georgien verhaftet. Wie sich später erwies, handelte es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine gegen die Parteiorganisation Georgiens gerichtete Verleumdung. Wir wissen, daß sich in Georgien ebenso wie in verschiedenen anderen Republiken gelegentlich der örtliche bourgeoise Nationalismus bemerkbar machte. Es erhebt sich die Frage: Ist es denkbar, daß in jener Zeit, in der die genannten Beschlüsse gefaßt wurden, tatsächlich die Gefahr bestand, daß sich Georgien von der Sowjetunion loslösen und der Türkei anschließen würde? (Heiterkeit und Gelächter im Saal.) Dies ist natürlich Unsinn, und es ist einfach unvorstellbar, wie man auf so etwas verfallen konnte. Es ist allgemein bekannt, welch großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Georgien unter der sowjetischen Herrschaft erlebte ...
Wie sich herausstellte, hat es in Georgien keine nationalistischen Organisationen gegeben. Tausende unschuldiger Menschen wurden das Opfer von Willkür und Rechtlosigkeit. All dies geschah unter der »gemalen« Führung Stalins, des »größten Sohnes des georgischen Volkes«, wie die Georgier selbst Stalin gern bezeichneten. (Heiterkeit im Saal.) ...
Lassen Sie mich auch die »Affäre der Ärzteverschwörung« erwähnen. (Bewegung im Saal.) Im Grunde genommen gab es eine solche »Affäre« überhaupt nicht, wenn man von der Aussage der Arztin Timasuk absieht, die wahrscheinlich von irgend jemand beeinflußt oder angewiesen war (schließlich war sie eine geheime Mitarbeiterin der Staatssicherheitsorgane), an Stalin einen Brief zu richten, in dem sie die Ärzte beschuldigte, unsaubere Behandlungsmethoden anzuwenden.+
Ein derartiger Brief genügte Stalin, um daraus sofort zu folgern, daß in der Sowjetunion ein Ärztekomplott bestünde. Er befahl, eine Gruppe hervorragender medizinischer Spezialisten zu verhaften und gab persönlich Anweisungen bezüglich der Durchführung der Untersuchung und der Verhörmethoden gegen die verhafteten Personen. Er bestimmte, das Akademiemitglied Vinogradov in Ketten zu legen und daß ein anderer zu
+ Die Arzte wurden fälschlicherweise beschuldigt, das CK-Mitglied Zdanov vergiftet und auch anderen Sowjetführern nach dem Leben getrachtet zu haben.

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schlagen sei. Hier auf diesem Parteikongreß ist der ehemalige Minister für Staatssicherheit, Genösse Ignat'ev, als Delegierter anwesend. Stalin erklärte ihm rund heraus: »Wenn Sie kein Geständnis von den Ärzten beibringen können, dann werden wir Sie um einen Kopf kürzer machen.« (Tumult im Saal.)
Stalin berief den Untersuchungsrichter zu sich, erteilte ihm Instruktionen und gab Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden; diese Methoden waren sehr einfach: schlagen, schlagen und nochmals schlagen.
Kurz nach der Verhaftung der Ärzte erhielten wir Mitglieder des Politbüros die Protokolle über die Schuldgeständnisse. Nachdem die Protokolle verteilt waren, erklärte uns Stalin: »Ihr seid blind wie junge Katzen; was werdet ihr ohne mich machen? Unser Land wird zugrunde gehen, weil ihr es nicht versteht, Feinde zu erkennen.« Der Fall wurde uns so dargestellt, daß niemand die Tatsachen nachprüfen konnte, auf denen die Untersuchungen beruhten. Es gab keine Möglichkeit einer Nachprüfung der Tatsachen dadurch, daß man etwa versuchte, mit denen in Verbindung zu treten, die ein Schuldbekenntnis abgelegt hatten.
Wir hatten jedoch das Gefühl, daß der Fall der verhafteten Ärzte nicht ganz stimme. Verschiedene dieser Leute waren uns persönlich bekannt, weil sie uns früher einmal behandelt hatten. Als wir nach Stalins Tod diesen »Fall« untersuchten, stellten wir fest, daß er von Anfang bis Ende erfunden war. Dieser schändliche »Fall« war von Stalin konstruiert worden; doch hatte er keine Zeit mehr, ihn ganz zu Ende zu führen - zu einem Ende in seinem Sinne -, und daher sind die Ärzte noch am Leben. Heute sind sie sämtlich rehabilitiert; sie kehrten an ihren alten Arbeitsplatz zurück ...
194. Stalins Erben
Ein Gedicht Evgenij Evtusenkos von 1961, nachdem Stalins Leichnam auf Beschluß des 22. Parteitages der KPdSU aus dem Lenin-Mausoleum entfernt worden war
Schweigend: der Marmor.
Schweigend: das glitzernde Glas.
Schweigend: zu Bronze geronnen
die Wache im Wind.
Aber vom Sarge stieg auf ein geringer Rauch,

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Atem, der durch seine schmalen Ritzen gelangt war,
als man
ihn durch die Tür des Mausoleums hinaustrug.
Mit seinen Kanten
die Bajonette streifend schwamm er langsam vorüber,
Schweigend
auch er!
Schweigend! Aber dahinter ein Drohen.
Drohend
dahinter
düster mit einbalsamierten Fäusten
der sich nur tot gestellt hatte, der da
jetzt sein Gesicht an die Ritze preßte,
sich einzuprägen alle,
die ihn hinausbeförderten, junge Rekruten aus Rjasanj und Kursk.
Der hatte schon seinen Plan.
Nur ausruhen würde er.
Nicht Ruhe geben wollte er.
In seine Kiste gekauert
nur warten,
bis seine Kräfte ihm endlich erlaubten,
den Sarg zu sprengen,
das Grab zu verlassen
und jene Unwürdigen dort zu erreichen,
die ihn vergruben in Unvernunft.
Ich aber wende mich an die Regierung mit Sorge,
weist meine Bitte nicht ab:
Verdoppelt die Wachen,
verdreifacht sie
vor diesem Grab!
Damit Stalin für immer darinnen bleibt.
Und mit ihm, was vergangen sein soll.
Und ich meine, fürwahr, unsre ruhmvolle nicht,
unsre gute Vergangenheit.
Nicht Turksib,
nicht Magnitka,
nicht die Fahne über Berlin,
ich meine aber eine Zeit,
wo das Allgemeinwohl für nichts galt,
wo die Verleumdung in Blüte stand,
wo man die Unschuld in Haft nahm.

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Das waren doch ehrliche Leute,
die da säten,
Metall kochten,
marschierten,
in Schützenketten sich einreihten,
und die er
dennoch
mißtrauisch fürchtete.
Stets nur die großen Pläne vor Augen, verlor er
den Blick für die Würde der Mittel,
die angemessen sein müssen dem Ziel,
dem weit gesteckten.
Ja, weitsichtig war er gewiß!
Und in den Listen des Kampfes mehr als gewitzigt,
hat er dem Erdball
noch Erben die Menge vererbt.
Ich glaube sogar, daß sein Grab
Telephonanschluß hat.
Enver Hodscha empfängt von hier aus seine Befehle.
Und wer sonst hängt wohl noch an dem Draht?
Nein - ergeben hat Stalin sich nicht,
und Totes, so glaubt er, sei reparabel.
Sicher, wir haben ihn
aus dem Mausoleum
glücklich herausgebracht.
Wer aber expediert Stalin nun
aus den Herzen der Erben?
Da gibt es doch einige, die
im Ruhestand Rosen beschneiden und glauben im Stillen,
das sei Ruhstand auf Abruf.
Andere,
hoch von Tribünen aus
Stalin verwünschend, dieselben sind's,
die sich nachts gern des Alten erinnern.
Ist es Zufall nur
frage ich
daß, von Infarkten gefällt,
diese Stützen des Einst
heut schon bröckeln?
Oder ist's, weil sie nicht mehr gewachsen sind

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einer Zeit
der leeren Lager,
der vollen Säle,
überquellend von Menschen,
die Verse zu hören gekommen sind?
Doch nicht Ruhe
befahl
die Partei mir.
Und wenn da mal wieder wer kommt und mir sagt:
»Gib schon Ruh da. Laß gut sein.« Ich kann es nicht.
Weil ich weiß, daß Stalin noch immer ein Mausoleum besitzt,
solang seine Erben unter uns umgehn auf Erden.

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