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Die Sowjetunion 1917-1953: Dokumente

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II. Industrialisierung, Kollektivierung, Stalinismus Die Entfaltung einer neuen Machtordnung und Wirtschaftsweise 1927-1953

Hinweis: Die Seitenzahlen beziehen sich auf den Text vor der Seitenangabe.
Die Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution waren gerade verklungen, da ließen Nachrichten von einer erneuten Wirtschaftskrise auf die triumphale Stimmung über das Erreichte Erschütterung folgen. Die inneren Schwächen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems traten deutlicher denn je zutage. Wie so oft, nahmen die ökonomischen Schwierigkeiten ihren Ausgang in der Landwirtschaft, in der Getreidebeschaffung. Doch im Zuge der Gegenmaßnahmen stellten sich bald grundsätzliche Fragen nach der künftigen wirtschaftlichen Strategie.
Der 15. Parteitag hatte sich Ende 1927, gewissermaßen als Ergebnis der »Industrialisierungsdebatte« seit 1924, für eine beschleunigte Industrialisierung im Rahmen eines »dynamischen wirtschaftlichen Gleichgewichts« entschieden. Als sich in den folgenden J ahren die Ereignisse überstürzten, brach die Gruppe um Stalin, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei, mit diesem Konzept. Wer sich widersetzte, verlor seine Funktion oder wurde gar aus der Partei ausgeschlossen. Nun sollte, abweichend von der bisherigen Planung, die Industrialisierung über die konzentrierte Förderung einiger Prioritätsbereiche vorangetrieben und über eine forcierte Zusammenfassung der Bauern in Kollektivwirtschaften diese in den unter staatlicher Kontrolle stehenden Wirtschaftssektor eingegliedert und damit die Ursachen der Agrarkrise ein für allemal beseitigt werden. Diese Vorstellungen, die sich seit Frühjahr 1929 in den politischen Entscheidungen immer schärfer niederschlugen, beruhten nicht auf einer fundierten Planung, einem geschlossenen wirtschaftlichen Entwurf oder einer langfristigen Strategie. Sie waren eher Reaktionen auf eine Krisensituation, in der die bisherigen Lösungsmethoden zu versagen schienen und sich Unsicherheit, ja Hilflosigkeit über den weiteren Weg breitmachten. Dabei wurde allerdings die Frage der Machterhaltung und -aus-weitung nicht aus dem Blick verloren. Um einen »Rückzug« wie 1921 zu vermeiden, ergriff man die »Flucht nach vorn«.
Diese Wende von 1929 veränderte das Bild der Sowjetunion, ihre Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung, ihre Sozialstruk-

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tur und ihren Alltag, ihr geistiges und kulturelles Leben (und nicht zu vergessen: ihre politische Struktur und auch die Kommunistische Partei) radikal. Ein neues Machtsystem entstand, für das sich die Bezeichnung »Stalinismus« eingebürgert hat. Die Diktatur Stalins, die man später in der Sowjetunion mit dem Begriff »Personenkult« umschrieb, extremer Zentralismus und Bürokratismus, Dogmatismus im Denken, Verschärfung der Arbeitsbedingungen und vor allem der Terror gegenüber weiten Kreisen der Bevölkerung sind Kennzeichen, die sofort ins Auge stechen. Doch sie bestimmten die neue Ordnung nicht allein.
Der wirtschaftliche und soziale Umschichtungsprozeß zeigte zwei Seiten. Die Sowjetunion wandelte sich in einem unerhört schnellen Tempo von einem Agrar- in einen Industriestaat. Sie gelangte - nach den USA - auf den zweiten Platz in der Welt-produktion. Viele neue Arbeitsplätze wurden geschaffen, die offene Arbeitslosigkeit konnte überwunden werden. Aufstiegschancen und eine allmähliche, wenngleich bescheidene Verbesserung des Einkommens, der sozialen Fürsorge, der Erholungsund kulturellen Möglichkeiten sicherten dem Regime eine gewisse Loyalität. Aber diese Vorteile und unbestreitbaren Erfolge wurden mit einer einseitigen Produktionsausrichtung, die z.B. das Konsumniveau erheblich belastete, mit einer Verschwendung von Ressourcen, mit empfindlichen Störungen der landwirtschaftlichen Erzeugung und einer innerhalb der Bauernschaft verbreiteten negativen Einstellung zum sowjetischen Staat erkauft.
Darüber hinaus mußte die Bevölkerung, zumindest in der Anfangsphase, die Mittel zur Finanzierung der wirtschaftlichen Maßnahmen weitgehend selbst aufbringen und sich dafür materiell erheblich einschränken. Auch wenn man von dem unermeßlichen menschlichen Leid absieht, das die Durchführung von Industrialisierung und Kollektivierung sowie der staatliche Terror mit sich brachten, ist deshalb die immer wieder gestellte Frage verständlich, ob nicht eine andere Wirtschaftspolitik, wie sie in den vor 1929 eingebrachten Alternativen zu erkennen ist, die Lebensverhältnisse der Menschen beträchtlich stärker verbessert und zugleich die Industrie auf einen hohen, vielleicht sogar stabileren Stand gehoben hätte.
Der Sieg im Zweiten Weltkrieg schien den seit 1929 eingeschlagenen Weg zu rechtfertigen. Die Produktionsmöglichkeiten der Schwerindustrie und die Schaffung einer - für die deut-

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sehen Truppen unerreichbaren - zweiten industriellen Basis im Osten des Landes legten den wirtschaftlichen Grund, um die anfänglichen militärischen Rückschläge auszuhalten und schließlich zum Gegenangriff vorzugehen. Der Patriotismus der Bevölkerung sprach für das Sowjetregime; Stalin selbst erreichte den Höhepunkt seiner Autorität.
Viel an - teilweise neu gewonnenem — Vertrauen wurde jedoch verspielt, als nach Kriegsende erneut Terrormaßnahmen einsetzten und die erhoffte Liberalisierung ausblieb. Die Wirtschaft konnte zwar ihr Vorkriegsniveau erstaunlich rasch wieder erreichen, immer deutlicher traten jedoch die strukturellen Mängel des Systems hervor. Als Stalin 1953 starb, hinterließ er die drängende Notwendigkeit zu Wirtschaftsreformen. Dabei ging es nicht allem um eine verbesserte Planung, ein größeres Gewicht der Konsumgüterproduktion, eine stärkere Dezentralisierung, einen Abbau des Bürokratismus sowie mehr Rechte der Bauern, Arbeiter und Angestellten im Produktionsprozeß. Erbe des Stalinismus war auch eine nachhaltige Prägung vieler Menschen durch dieses System: mangelnde Entscheidungsbereitschaft und Flexibilität, Warten auf Beschlüsse von oben, Bevorzugung »administrativer« Wege statt einer offenen Diskussion mit allen Beteiligten, um nur einige Züge zu nennen. Darüber hinaus mußte sich zeigen, ob die Sowjetunion in der Lage war, sich kritisch mit der stalinistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und wieder an den ursprünglichen sozialistischen Zielsetzungen anzuknüpfen. Bis heute sind diese Probleme ungelöst.

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1. Kapitel: Wirtschaftliche und alternative Lösungsmöglichkeiten Unsicherheit über den künftigen Weg (1927-1929)

2. Kapitel: Der Umbruch der Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung Die »Flucht nach vorn« (1929-1932)

3. Kapitel: Wirtschaftliche Beruhigung und staatlicher Terror -Der Höhepunkt des Stalinismus (1933-1941)

4. Kapitel: Neue Probleme - Vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der Stalinzeit (1941-1953)