2. Kapitel: Vom Chaos zur Utopie - Bürgerkrieg und Kriegskommunismus (1918-1920)
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II. Industrialisierung, Kollektivierung, Stalinismus Die Entfaltung einer neuen Machtordnung und Wirtschaftsweise 1927-1953
3. Kapitel: Das »Klassenbündnis zwischen Arbeitern und Bauern« -Die Jahre der Neuen Ökonomischen Politik (1921-1927)
Hinweis: Die Seitenzahlen beziehen sich auf den Text vor der Seitenangabe.
Demonstrationen, Streiks und Aufstände setzten den kriegskommunistischen Utopien ein Ende. Verschärft durch die schlechte Ernte, war die staatliche Beschaffungskampagne im Winter 1920/21 zum offenen Kampf ums Getreide geworden. Im Gouvernement Tambov liefen immer mehr Bauern dem Partisanenführer Antonov zu (Dok. 73), und die »grüne« Bewegung ergriff rasch den ganzen Süden und Südosten. Bald standen Zehntausende von Bauern zwischen der Ukraine und Sibirien unter Waffen, sagten der bolschewistischen Agrarpolitik den Kampf an und lieferten den staatlichen Versorgungsabteilungen blutige Gefechte. Kritik und Protest kam auch aus der Stadt. Die Schließung von Fabriken infolge von Rohstoffmangel, die allgemeine Energiekrise, der Lohnverfall, die ständige Kürzung der Lebensmittelrationen, die polizeilichen Sperrabteilungen, die den Gang ins Dorf, zur Selbstversorgung, unterbinden sollten - auf all das reagierten die Arbeiter mit wachsender Verbitterung. Die Spannungen entluden sich Anfang 1921 in Streiks und Demonstrationen; ihr Zentrum war Petrograd (Dok. 71). Und von hier griff die Unruhe auf die Matrosen der Inselfestung Kronstadt über; sie forderten einen Kurswechsel der Gesamtpolitik, freie Sowjetwahlen und die Auflösung der kommunistischen Kontrollorgane in der Armee, keine politische Privilegierung der Bolschewiki und Freiheit zur politischen Betätigung für alle sozialistischen Parteien (Dok. 72).
Der Massenprotest ließ sich, das wußte die Regierung, weder bagatellisieren noch als »konterrevolutionär« abtun; er betraf die Substanz, kam aus der eigenen Gefolgschaft. Und er konfrontierte die hochfliegenden Planungen mit der Realität: Was nützte dem Arbeiter der Aufbau eines gewaltigen Versorgungsapparates, wenn es immer weniger zu verteilen gab? Was war der Triumph über den Markt wert, wenn man ihn nur in die Illegalität trieb und der Schwarzhandel zur Versorgung der Bevölkerung unentbehrlich blieb? Alle Nationalisierungsaktivitäten hatten den krassen Rückgang der industriellen Produktion nicht stoppen können, und die Bauern wollten mehr für ihre Produkte als das Versprechen einer besseren, kommunistischen
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Zukunft. Die propagierte Planwirtschaft gab es nur auf dem Papier, praktiziert wurde allenfalls eine zentralistische Verwaltung des Mangels.
Die Kronstädter Matrosenrevolte und die »grünen« Aufstände im Süden wurden von der Regierung blutig niedergeschlagen. Doch von dem Wunschbild eines »unmittelbaren Überganges zum Kommunismus« rückte man nun ab, verwarf die darauf gründende Politik als undurchführbar, als voreilig, als Fehler. Das »Klassenbündnis zwischen Arbeiterschaft und Bauern« (smycka) mußte wiederhergestellt werden, und eine neue Wirtschaftspolitik sollte dabei helfen. Was im Frühjahr 1921 -eher vorsichtig und gegen den heftigen Widerspruch des linken Parteiflügels - begonnen wurde, entwickelte im Laufe des Jahres seine eigene Dynamik. Aus den Korrekturen wurde ein Wechsel des Kurses, an die Stelle des »Kriegskommunismus« trat eine »Neue Ökonomische Politik« (NEP), die zunehmend an Konturen gewann und zum Schlagwort für die Richtungsänderung wurde.
Erst im Politbüro, dann auf dem 10. Parteitag hatte Lenin (im Februar und März 1921) durchgesetzt, daß das Zwangssystem der staatlichen Lebensmittel- und Rohstoffbeschaffung (raz-verstka) abgeschafft und durch eine Naturalsteuer ersetzt wurde (Dok. 77). Die Steuerhöhe sollte deutlich niedriger sein als die bisherige Belastung (s. auch Dok. 78) und den Bauern Gelegenheit geben, Überschüsse zu erzielen. Ob sie diese Überschüsse zur besseren Befriedigung ihrer Konsumbedürfnisse oder zum Austausch gegen gewerbliche Produkte verwandten, sollten sie selbst entscheiden können.
Auch in der Gewerbepolitik begann sich die Regierung von der bisherigen Linie des strikten Dirigismus zu lösen. Im Mai beschloß der Rat der Volkskommissare, zur Unterstützung der Handwerks- und kleinen Industriebetriebe alle überflüssigen Reglementierungen abzuschaffen. Wie die Bauern, so sollten auch die kleinen Gewerbetreibenden frei über die Produkte ihrer Arbeit verfügen können, es sei denn, der Staat hatte Rohstoffe und Materialien gestellt. Hatte die Regierung noch im November das Handwerk und die kleinen Industriebetriebe (von einer gewissen Größe an) verstaatlicht, so gestand sie ein halbes Jahr später, im Sommer 1921, ihre Neugründung zu (Dok. 80); und sie verfügte im Dezember des gleichen Jahres die Reprivatisierung der verstaatlichten Handwerks- und kleinen Gewerbebetriebe, wenn ihre im November 1920 verkünde-
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te Nationalisierung bis zum Mai 1921 faktisch nicht vollzogen worden war oder nachgewiesen werden konnte, daß die staatlichen Organe die nationalisierten Unternehmen nicht oder nicht hinreichend nutzten (Dok. 84).
Weil die Aufgaben der Wirtschaftsbürokratie ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten bei weitem überstiegen, nahm man seit Sommer 1921 auch die Verpachtung größerer staatlicher Unternehmen in Aussicht. Als Pächter, so das entsprechende Dekret vom 5. Juli, kamen Kooperative und Genossenschaften, aber auch einzelne Staatsbürger in Frage. Über die Nutzung des Staatsbetriebes sollte ein Vertrag abgeschlossen werden, der vor Ende der Laufzeit weder vom Pächter noch vom Staat gekündigt werden konnte (Dok. 79). Die Regierungsplanungen gingen sogar noch weiter: Man hoffte, mit der Vergabe von Konzessionen auch ausländische Firmen ins Land zu ziehen und über eine Neubelebung des Außenhandels zusätzliche Mittel für den Wiederaufbau zu gewinnen.
War der »Kriegskommunismus« noch vom Prinzip der Bedarfsplanung ausgegangen, so wurden die Unternehmen nun auf die Grundsätze der »wirtschaftlichen Rechnungsführung« (chozrascet) und der »Defizitvermeidung« verpflichtet. Dabei mußten den Betriebsleitungen notwendigerweise größere Kompetenzen eingeräumt und die strikte Reglementierung von oben (durch die glavki und centry des Obersten Volkswirtschaftsrates) abgebaut, zumindest gelockert werden. Noch im Mai 1921 wurde der ausufernde Apparat der zentralen Wirtschaftsbehörden gestrafft und reorganisiert. Die Zuständigkeit des Obersten Volkswirtschaftsrates beschränkte sich künftig auf die Industrie, als neuer »Generalstab« der Wirtschaft war Ende Februar die »Staatliche Plankommission« (gosplan) geschaffen worden. Weniger geordnet, ja teilweise chaotisch vollzog sich die regionale und lokale Neuordnung der Wirtschaft, der Zusammenschluß der Unternehmen zu Trusts und Syndikaten. Die Dezentralisierung der Wirtschaftsorganisation wurde durch die Gründung der UdSSR (im Dezember 1922) eher noch verstärkt; erst seit Herbst 1923 begann sich eine neue, auf mehr Zentralismus drängende Industriepolitik durchzusetzen (cugprom-Penode).
Größere Kompetenzen für die Betriebsleitungen und stärkere Dezentralisierung der Wirtschaftsentscheidungen bedeuteten noch keine Rückkehr zu den Anfängen, zu den Verhältnissen vom Winter und Frühjahr 1917/18. Das galt insbesondere für
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die Unternehmensführung und die Rolle der Arbeitnehmervertretungen, der Fabrikkomitees. An der Form der Einzelleitung sollte nicht gerüttelt, der Betriebsdirektor durch die kommunistische Zelle und die Belegschaftsvertretung nur kontrolliert, keinesfalls dominiert werden. Wenn man in diesem Zusammenhang von Trojka (Dreigespann) sprach, so verdeckte dies die tatsächliche Gewichtverteilung. Die Idee des Aufbaus eines wirtschaftlichen Rätesystems, die »Verwaltung der Volkswirtschaft durch die organisierten Produzenten«, wie ein Teil der Partei sie noch immer vertrat (Dok. 74), wurde vom 10. Parteitag im März 1921 als »syndikalistische und anarchistische Abweichung« verworfen (Dok. 76). Die Mehrheit stand Trockijs Gegenthesen sehr viel näher (selbst wenn sie ihnen die offene Billigung verweigerte); er sah für die alten gewerkschaftlichen Organe keinen Platz mehr und forderte ihre »planmäßige Umwandlung« in Apparate des Arbeiterstaates (Dok. 75).
Die Grundsätze des Tarifsystems paßten sich den Prinzipien der neuen Wirtschaftspolitik an: Die »Bezahlung muß sich direkt und unmittelbar nach der Leistung« richten und »keine Gleichmacherei zwischen Arbeitern verschiedener Qualifikationen«, so lauteten die Kernsätze der im September 1921 verabschiedeten neuen Leitlinien. Jede Lohnerhöhung hatte auf einer Leistungssteigerung zu beruhen, jede Produktivitätssteigerung mußte umgekehrt unverzüglich honoriert werden. Es galt, Unternehmen von allem zu befreien, was den Charakter der Sozialfürsorge trug; kostenlose staatliche Abgabe von Lebensmitteln und Massengebrauchsartikeln sowie kostenlose Inanspruchnahme staatlicher Dienstleistungen (wie sie noch im Dezember 1920 beschlossen worden waren) sollte es nicht mehr geben. Von der Neuordnung des Tarifsystems und der Honorierung von Leistung erhoffte sich die Regierung eine »Selbstmobilisierung qualifizierter Arbeitskräfte«: Ingenieure, die als Stallknechte ihr Brot verdienten, und qualifizierte Facharbeiter, die Müllgruben aushoben, sollten bald nicht mehr vorkommen (Dok. 83).
Anfang 1921 hatte die politische Führung noch an der Idee eines Produktentausches festgehalten. So sollte die Naturalsteuer, wie der Name schon sagt, in Waren erfolgen, und die Veräußerung der Überschüsse (auf dem Lokalmarkt) »im Austausch« erfolgen (vgl. Dok. 77). Doch im Fahrtwind der neuen Politik waren diese Vorstellungen bald verflogen. Im Frühjahr 1922 wurde das System der Naturalsteuer vereinfacht (Dok. 85), seit
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Frühjahr 1923 stand es den Bauern frei, die Steuer in Geld oder Naturalien zu entrichten, und seit Ende des Jahres wurde sie für alle zur reinen Geldsteuer. Geld war, so hatte sich längst herausgestellt, als Zahlungsmittel und Verrechnungseinheit unverzichtbar. Die noch 1921/22 begonnene Währungsreform kam 1924 zum Abschluß.
Der Weg aus dem wirtschaftlichen Tief war schwierig und nicht frei von Rückschlägen. Mißernten in weiten Teilen Sowjetrußlands (Dok. 81) endeten im Sommer und Herbst 1921 in einer furchtbaren Hungerkatastrophe. Noch bevor die nationale und vor allem die internationale Hilfe angelaufen war, starben Millionen (Dok. 82). Schon die Vorjahresernte (1920) war schwach ausgefallen; die staatliche Getreidebeschaffung hatte den Bauern die letzten Vorräte und vielfach auch das Saatgetreide genommen. Die Aussaat war deshalb ungenügend, und als Dürreperioden im Frühjahr 1921 große Teile der neuen Saaten vernichteten, standen die Bauern vor dem Nichts. Nur mit großen Anstrengungen (Bereitstellung von Saatgetreide usf.) gelang es, eine Wiederholung der Katastrophe im Folgejahr zu verhindern.
Die Verpflichtung der Betriebe auf marktwirtschaftliche Prinzipien und der Wegfall der staatlichen Versorgung, mit der die größere Selbständigkeit bezahlt werden mußte, führten 1921/22 zum Ausverkauf, zur »Verschleuderung« (razbazarivanie) der Bestände. Schon um die Löhne, bei ständig steigenden Agrarpreisen, fortzahlen zu können, waren die Unternehmen gezwungen, alles zu veräußern, was auf dem Markt anzubieten war, mitunter weit unter den Selbstkosten. Hatte sich im Sommer 1922 - infolge der günstigen Ernte - die Lage kurzfristig normalisiert, so schlug das Pendel nun in die andere Richtung aus: Während die Industriepreise stiegen, verfielen die Agrarpreise - eine Bewegung, die sich durch die gute Ernte 1923 noch verstärkte. Erst der »Kaufstreik« der Bauern (gegenüber den überteuerten Industriewaren) und der verstärkte Getreideexport brachten seit Herbst 1923 die verschobenen Relationen wieder ins Gleichgewicht, halfen die »Preisschere« zu schließen (Dok. 89).
Immerhin: die industrielle Bruttoproduktion wuchs stetig, und Mitte der 20er Jahre wurden die Vorkriegszahlen wieder erreicht1. In der Lohnentwicklung war, wie geplant, die Nivel-
1 Vgl. Dok. 98 sowie Schaubilder Nr. 10 und 11 im Anhang.
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lierung rasch überwunden, die Naturalentlohnung verlor an Bedeutung, und die Produktivität pro Arbeiter stieg2. Trotz der Wirtschaftsreformen hatte der bolschewistische Staat die »Kommandohöhen« gehalten: den Außenhandel, das Bankenwesen und das Verkehrssystem ohnehin, aber auch die große und mittlere Industrie3. Die Verpachtung einiger tausend Klein- und Mittelbetriebe, vor allem auf dem Konsumgütersektor, änderte daran nichts, und die Konzessionsanträge ausländischer Firmen blieben ohnehin weit hinter den Hoffnungen und Erwartungen zurück.
Aber die Zwischenbilanz hatte auch gravierende Mängel. Trotz großer bildungspolitischer Debatten war es kaum gelungen, Rußland aus seiner »halbasiatischen Kulturlosigkeit« (Lenin) herauszubringen (Dok. 90). Hier waren immense Anstrengungen und eine Politik der kleinen Schritte nötig (vgl. Dok. 88). Die großen Reformdekrete - etwa zur Einheits-Ar-beitsschule - mußten auf das Machbare zurückgeschnitten werden4. Schon die Einführung einer neunjährigen Schulpflicht war utopisch, und von der »polytechnischen Erziehung« wußte kaum ein Lehrer, was sie bedeuten sollte.
Die »Wiederherstellung« der Wirtschaft hatte, wie der Begriff schon sagt, ihre Grundstruktur nicht verändert, Rußland - war ein Agrarland geblieben (vgl. Dok. 93). Im Mai 1922 hatte die Sowjetregierung5 den Bauern erneut das Recht bestätigt, frei die Art der Bodenbestellung zu wählen: sie hatte den bäuerlichen Besitzstand garantiert und unter bestimmten, relativ weit gefaßten Bedingungen Landpacht und Lohnarbeit wieder zugelassen. Der im Herbst 1922 verabschiedete ›Agrarkodex‹ übernahm diese Bestimmungen, erweiterte und ergänzte sie
(Dok. 86). Was 1919 noch als »absterbende Übergangsform« gegolten hatte, wurde hier als Normalfall akzeptiert: der bäuerliche Hof (dvor), eingebunden in die Landgemeinde (obscina oder zemel'-
2 Vgl. Schaubilder Nr. 6, 10 und 11 im Anhang.
3 Vgl. Schaubild Nr. 9 im Anhang.
4 Die Anpassung der Planungen an die Realität während der 20er Jahre - bei der Bekämpfung des Analphabetismus und der Kinderverwahrlosung (besprizornye) ebenso wie bei den Grund- und Hochschulen - dokumentieren und kommentieren Anweiler, Meyer, Sowjetische Bildungspolitik, S. 118 ff.
5 Das Gesetz ›Über die werktätige Landnutzung‹ vom 22. Mai 1922 (SU RSFSR 1922 Nr. 36 Art. 426) ist hier nicht wiedergegeben; alle wesentlichen Bestimmungen wurden ein halbes Jahr später in den ›Agrarkodex‹ aufgenommen.
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noe obscestvo), die alle vitalen Fragen selbst entschied; Lebensfragen waren die Regelung der Saatfolge (bei Gemengelage) und die Neu- und Umverteilung der Bodenstücke (peredel), aber auch die Flurbereinigung angesichts der enormen Zersplitterung der Ackerfläche6; entschieden wurde - wie seit alters - in der Gemeinde- oder Dorfversammlung (schod), zu der nun freilich alle in der Landwirtschaft Tätigen, nicht nur die »eigentlichen« Bauern, die Hauswirte, Zugang haben sollten. An der Praxis änderte sich damit wenig (Dok. 87).
Angewiesen auf bäuerliches Wohlverhalten und aufgeschreckt durch erneute Unruhen7, bemühte sich der Sowjetstaat um eine bewußt bauernfreundliche Politik. »Mit dem Gesicht zum Dorf« (licom k derevne) hieß die Devise. Die Produktivität der Landwirtschaft sollte gesteigert, die Aktivitäten der »Bauernkomitees zur Hilfe auf Gegenseitigkeit« mußten ausgebaut werden. Fabriken sollten die Patenschaft für Dörfer und Amtsbezirke übernehmen und klassenbewußte Proletarier als »Kulturarbeiter« aufs Land gehen. Vor allem die Kleinbauernschaft, die »Dorfarmut« (bednota) wollte man unterstützen, und das Wunschbild war, daß diese die Masse der Mittelbauern für sich gewann und das gesamte Dorf gegen die Großbauern (die Kulaken) formierte. Ein Mittel sollte dabei der Ausbau des Genossenschaftswesens sein, so wie Lenin dies 1923 bereits angeregt hatte (Dok. 92).
Doch die Probleme8, auf die man dabei stieß, waren groß. Die Bauern wußten wenig von den Plänen der Regierung und interessierten sich auch kaum dafür (Dok. 88). Der Dorfsowjet, die bäuerliche Parteizelle, die Komsomolorganisation, die dörfliche Lesestube, die Komitees der Bauernhilfe auf Gegenseitigkeit waren, wo sie überhaupt existierten, meist zu schwach, um wirksam in das Dorfgeschehen einzugreifen (Dok. 87, 94, 95,
6 Vgl. Schaubild Nr. 7 im Anhang.
7 Angesichts der wirtschaftlichen Probleme (»Scherenkrise«) blieben die Beziehungen zwischen Stadt und Land 1922/23 problematisch, und auch 1924 hatte sich die Lage kaum entspannt. Die bäuerliche Unzufriedenheit schlug sich nieder in geringer Beteiligung an den Sowjetwahlen und verstärkten Aktivitäten zur Gründung eines von der Partei unabhängigen »Bauernverbandes«; sie gipfelte im Sommer 1924 im georgischen Bauernaufstand.
8 Angesichts der immensen Probleme, die sich den Bolschewiki während der 20er Jahre in der Provinz auftaten, neigt man zweifellos dazu, die Präsenz- und Akzeptanzprobleme in der Stadt zu unterschätzen (vgl. dazu schlaglichtartig Dok. 91 und das Schaubild Nr. 8 im Anhang).
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96, 97, 99, 101, 105). Kollektivwirtschaften (kolchozy) hatten einen schweren Stand; sie waren dünn gesät9, und ihr Zustand war nur zu oft keine Werbung für den Sozialismus (Dok. 96, 103). Die überwältigende Mehrheit der Bauern stand ihnen kritisch gegenüber, sie lebte in der obscina - und hatte im übrigen andere Sorgen: Im bäuerlichen Alltag ging es um Aussaat und Ernte, Arbeit und Auskommen, Besitz und Besitzteilung, schließlich um Feste und Festvorbereitungen, Liebe und Heirat, Krankheit und Tod (Dok. 101, 104, 110). Über Klein- und Großbauern hatte das Dorf seine eigenen Ansichten; man dachte bei groß eher an »Erfolg« und »Fleiß« als an »Ausbeutung«, und entsprechend diffizil war die Aufgabe, die Kleinbauern zu organisieren, ohne sie und sich in die politische Isolation zu treiben (Dok. 96, 100, 108). Wie sollte eine Politik greifen, wenn es der politischen Führung schon schwer genug fiel, den »Kulaken« (den Großbauern) auch nur zu definieren (Dok. 109)? Denn die regionalen Besitzunterschiede waren nach wie vor groß10, und die ländliche »Lohnarbeit« spielte in weiten Teilen des Landes kaum eine Rolle (Dok. 107). Wie sollte man außerdem gegen Landpacht (Dok. 102) und die Ausleihe von Vieh und Ackergerät (Dok. 106) vorgehen, wenn ein striktes Verbot mehr die Kleinen als die Großen getroffen hätte?
Fragen dieser Art wurden schon in der ersten Hälfte der 20er Jahre in der Partei heftig diskutiert. Während die einen von einer zunehmenden Differenzierung und politischen Polarisierung innerhalb der Bauernschaft ausgingen, die zum Eingreifen zwinge, sahen andere die politische Lage weit weniger dramatisch und verwiesen auf statistische Erhebungen, die die Annahme zunehmender Besitzdifferenzierung eindeutig widerlegten. Die Auseinandersetzungen um die Zukunft der Agrarpolitik waren Teil jener Debatte, die nach der weiteren Entwicklung des Landes fragte. Daß Sowjetrußland beim erreichten Entwicklungsstand nicht stehenbleiben durfte, ja nur als moderner Industriestaat - wenn überhaupt - überleben konnte, war unstrittig. Die Meinungen über Voraussetzungen und Bedingungen, Chancen und Möglichkeiten, Modalitäten und Tempo einer solchen Entwicklung gingen jedoch bis zum Ende der 20er
9 Vgl. Schaubild Nr. 12 im Anhang, über die Verteilung der Bodenfläche.
10 Vgl. Schaubild Nr. 2 im Anhang.
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Jahre weit auseinander11, und offen war auch, wie der zwischen Stadt und Land gefundene modus vivendi, das propagierte »Klassenbündnis zwischen Arbeitern und Bauern«, solchen zusätzlichen Belastungen standhalten sollte.
71. Die Stimmungslage unter den Petrograder Arbeitern im Februar 1921 Ein menschewistischer Sozialdemokrat erinnert sich
... Die Wirtschafts- und Versorgungslage Petrograds war zu dieser Zeit hoffnungslos. Im November/Dezember waren entsprechend dem »Wirtschaftsprogramm« viele Fabriken und Betriebe in Gang gesetzt worden. Es wurden Energie und Rohstoffe »freigegeben«, aber es vergingen keine zwei Monate, bis sich - wie gewöhnlich - herausstellte, daß im »Programm« ein »kleiner Fehler« unterlaufen war, die »freigegebenen« Roh- und Brennstoffe für etwas anderes bestimmt waren und ihre Lieferung folglich gestoppt werden mußte. Es gab sie nur auf dem Papier. Die Betriebe veranstalteten »Brennstoffwochen«, doch sie allein konnten das Problem nicht lösen: Sie machten nur die Arbeiter wütend, die man Dutzende von Werst in den Wald hinausjagte, ohne warme Kleidung, ohne Brot, ohne Äxte und Sägen, und ohne Hoffnung, das Wenige, was sie kleinmachten, auch herauszubringen.
Die Versorgungslage verschlechterte sich ebenfalls von Tag zu Tag. Brot (je ein halbes bis ein ganzes Pfund) und selten genug etwas Streuzucker - das war alles, was auf Karten ausgegeben wurde. Auch dieses Brot gab es längst nicht jeden Tag, noch dazu: was war es für ein Brot! Etwas im freien Verkauf zu erwerben, war unmöglich, nicht alle konnten auf den Heumarkt* gehen, ja und wieviel »Ware« gab es dort wirklich. Die Abfang-Abteilungen tobten sich aus, und es kam vor, daß man sogar bei den Spekulanten um kein Geld der Welt irgend etwas kaufen konnte. Besonders schlecht stand es mit dem Brot.
11 Dokumente zur Industrialisierungsdebatte bei: U. Wolter (Hg.), Die linke Opposition in der Sowjetunion 1923-1928. 5 Bde, Berlin 1976 ff.; zu ihrer Kommentierung aus unterschiedlicher Sicht vgl. R. V. Daniels, Das Gewissen der Revolution. Kommunistische Opposition in Sowjetrußland. Berlin, Köln 1962; A. Erlich, Die Industrialisierungsdebatte in der Sowjetunion 1924 - 1928. Frankfurt, Wien 1971; M. Lewin, Political Undercurrents in Soviel Economic Debates. From Bukharin to the Modern Reformers. Princeton, N.J. 1974.
* Ein Schwarzmarkt.
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Die Arbeiter hungerten. Es hungerten auch die Rotarmisten. Ich mußte bei meinem Gang zum Dienst an einer Kaserne vorbei. Und jedes Mal wurde ich auf den angrenzenden Straßen zehnfach von Rotarmisten angehalten, die buchstäblich um ein »Stückchen Brot« bettelten oder im Austausch gegen Brot ein Paar Zuckerstücke aus ihrer bescheidenen Lebensmittelration anboten.
In Fabriken und Betrieben erhob sich dumpfe Unruhe. Die Arbeiter versammelten sich zur Besprechung der Lage, und alle ihre Forderungen drehten sich um die Frage einer Aufhebung der Sperrketten und die Zulassung des freien Handels mit Mundvorräten. Die Kommunisten, die in Fabriken und Betrieben auftraten, wollte man nicht hören. Auf den Straßen holte man sie aus Automobilen. Einigen drohte man Prügel an. Im letzten Drittel des Februar nahm die Bewegung die Form eines Generalstreiks an. Die bolschewistische Presse war sorgsam bemüht, die Bewegung anfangs totzuschweigen, danach ihr tatsächliches Ausmaß und ihren Charakter zu verbergen. Anstatt einen Streik Streik zu nennen, kreierte man irgendwelche neuen Termini: Windmacherei, Krakeelen und dergleichen. Die Zeitungen druckten Protestresolutionen gegen die Bewegungen ab, die von »Roten Kriegsschülern« ausgingen. Sie glaubten, daß die ganze »Windmacherei« auf Mißverständnissen beruhe; daß alles, was die Arbeiter wollten, nur die Vermehrung der Rajonsläden sei, damit man nicht so lange Schlange stehen müsse; daß nur die Menschewiki den Arbeitern ihre Losungen aufdrängten und sie hinters Licht führten.
Freilich, diese staatliche Lüge konnte die Bewegung nicht zum Stehen bringen, und sie begann - besonders auf der Vasil'evskij-Insel+ - nach außen, auf die Straße zu gehen: Riesige Scharen von Arbeitern versammelten sich, vermischt mit Matrosen von den Kriegsschiffen, die an der Neya vor Anker gegangen waren (unter ihnen auch die bekannte ›Aurora‹, die in den Oktobertagen 1917 den Winterpalast beschossen hatte), und mit Rotarmisten. Zufallsredner gaben Stellungnahmen ab, die Masse ging zu denen, die noch in den Fabriken arbeiteten, um sie abzuziehen. Zusammen mit der Forderung nach freiem Handel begannen sich Schritt für Schritt auch andere Losungen herauszuschälen: Beseitigung der kommunistischen Zellen (komjacejka) in den Fabriken und Betrieben, die eine rein poli-
+ Stadtteil von Petrograd.
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zeiliche Rolle spielten und von den Arbeitern den Spitznamen kommunistischer Spürhund (komiscejka) erhatten hatten; Freiheit des Wortes; freie Wahlen in die Sowjets usw. Die Bewegung hatte einen solchen Massencharakter, daß sie sich in der ganzen Stadt bemerkbar machte. Auf dem Nevskij* begannen sich, wie in den vergangenen Tagen der Revolution, kleine Gruppen zu bilden, in denen mit bis dahin nicht gezeigtem Mut lautstark das bolschewistische Regime kritisiert wurde. Expansive Leute glaubten sogar, daß etwas vom »Februar 1917« in der Luft läge ...
72. Die Forderungen der Kronstädter Matrosen
Aus einer Resolution der Vollversammlung der Mannschaften der ersten und zweiten Brigade der Schlachtschiffe 1. März 1921
Nachdem wir den Bericht der Vertreter der Mannschaften gehört haben, die von der Vollversammlung der Schiffsmannschaften nach Petrograd entsandt worden waren, um sich über die Lage in Petrograd Klarheit zu verschaffen, haben wir beschlossen:
1. Angesichts der Tatsache, daß die bestehenden Sowjets nicht den Willen der Arbeiter und Bauern zum Ausdruck bringen, unverzüglich Neuwahlen zu den Sowjets unter den Bedingungen geheimer Stimmabgabe und freier vorhergehender Wahlagitation für alle Arbeiter und Bauern durchzuführen.
2. Rede- und Pressefreiheit für Arbeiter und Bauern, Anarchisten und linkssozialistische Parteien.
3. Versammlungsfreiheit, Freiheit der Gewerkschaften und Bauernvereinigungen.
4. Spätestens bis zum 10. März 1921 eine nichtparteigebundene Konferenz von Arbeitern, Rotarmisten und Matrosen aus den Städten Petrograd und Kronstadt sowie aus dem Petrograder Gouvernement einzuberufen.
5. Alle politischen Gefangenen, die sozialistischen Parteien angehören, zu befreien ebenso wie alle Arbeiter und Bauern, Rotarmisten und Matrosen, die in Verbindung mit Arbeiter- und Bauernbewegungen eingesperrt wurden.
6. Eine Kommission zur Überprüfung der Prozeßakten aller
* Nevskij Prospekt.
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in Gefängnissen und Konzentrationslagern Eingeschlossenen zu wählen.
7. Alle Politischen Abteilungen+ abzuschaffen, da nicht eine einzige Partei Privilegien für die Propagierung ihrer Ideen beanspruchen und vom Staat zu diesem Zweck Geld erhalten darf. An ihre Stelle sollen von den örtlichen Organisationen gewählte Kultur- und Bildungskommissionen treten, für die Mittel vom Staat bewilligt werden müssen.
8. Unverzüglich alle Kontrollabteilungen++ abzuschaffen.
9. Gleiche Lebensmittelrationen für alle Werktätigen mit Ausnahme derjenigen in gesundheitsschädlichen Berufen.
10. Die kommunistischen Kampfgruppen in allen Truppeneinheiten sowie auch die verschiedenen kommunistischen Aufsichtsdienste in den Fabriken und Betrieben aufzulösen ...
11. Den Bauern das volle Recht zu geben, über ihr ganzes Land so zu verfügen, wie sie es wünschen, und auch Vieh zu besitzen, sofern sie es mit eigenen Kräften halten, d.h. sich keiner Lohnarbeit bedienen ...
15. Freie handwerkliche Produktion auf der Basis von eigener Hände Arbeit zu gestatten.
73. Bauernaufstand im Gouvernement Tambov
Ein sozialrevolutionärer Beobachter berichtet (Auszüge) 10. März 1921
Nun sind es schon sieben Monate, daß im Gouvernement von Tambov ein wilder Bauernhaufen durchs Land zieht ... Aufrührerische Gedanken hatten seit eh und )e eine feste Brutstätte auf den Tambover Feldern, zusammen mit der Sowjetmacht sind sie, so scheint es, nun ausgeschlüpft ...
Die Bewegung ging am 12. August [1920] vom Dorf Kamenka aus, zur gleichen Zeit, da 15 Werst von Tambov entfernt ein großer Kreiskongreß der Bauern tagte.
Den Anlaß für den Aufruhr der Kamenkaer Bauern lieferte die Anwesenheit einer Requisitionsabteilung, die nach Kamenka gekommen war, um eine zusätzliche Getreidelieferung zu erzwingen. Sieben Mann der Abteilung wurden von den Bauern erschlagen, und für das ganze Dorf war klar, daß man dem
+ Kommunistische Kontroll- und Agitationsorgane.
++ Gemeint sind die Sperrketten gegen den Schleich- und Schwarzhandel.
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bolschewistischen Gewitter kaum entrinnen würde. Rasch wurde ein bäuerlicher »Stab« gebildet, Schützengräben wurden ausgehoben, und - geführt von der Ortszelle des Bauernbundes -
begannen sich die Bauern auf die Auseinandersetzung mit dem Straftrupp vorzubereiten. Der Trupp ließ nicht lange auf sich warten, er rückte über die Station »Sampur« in Form von 20 berittenen Milizionären an. Es kam zu einem kurzen Feuergefecht, bei dem der Trupp zerschlagen wurde und nach Hause lief. Auf den ersten Trupp folgten ein zweiter und ein dritter,
wobei ihre Größe von Mal zu Mal - wuchs; die Bauern vertrieben sie, einen nach dem anderen.
Als das Rajonskomitee des »Bundes der werktätigen Bauern« von den Vorgängen im Dorf Kamenka erfuhr (es saß im Dorf Chitrovo und war ungefähr zwei Monate zuvor auf einem Kongreß, an dem fünf Amtsbezirke teilnahmen, gewählt worden) rief es - nächtens in einer Getreidedarre - die Chitrovoer Mitglieder des Bundes zu einer Sondersitzung zusammen und legte ihnen die Frage vor, wie man sich zu den Kamenkaer Ereignissen verhalten solle. Unter dem Einfluß von zwei Mitgliedern der Tambover Organisation der SRy*, die direkt vom Kongreß zu dieser Versammlung gekommen waren, beschlossen die Chitrovoer: sich nicht den Kamenkaer Bauern anzuschließen, in Anbetracht der Tatsache, daß ein offener bewaffneter Kampf gegen die Bolschewiki klarerweise hoffnungslos war, da eine hinreichende Organisation der Bauern in den anderen Rajonen und Landkreisen des Tambover Gouvernements fehlte, gar nicht zu reden vom übrigen Rußland. Aber die Bauern kamen nicht mehr dazu, die Versammlung zu verlassen, da waren sie schon von allen Seiten von einem herbeigeeilten Reitertrupp umzingelt, etwa 30 Mann war der Trupp stark. Im Schutze der Nacht gelang es der Mehrheit der Teilnehmer, sich glücklich aus dem Staub zu machen, aber drei Bauern wurden aufgegriffen und unter Begleitschutz des gesamten Trupps in Richtung Sampur abgeführt. Da beschlossen die Chitrovoer, die Verhafteten freizuhauen, und am Morgen nahmen sie die Verfolgung des Straftrupps auf, umzingelten und zerschlugen ihn und befreiten die Verhafteten. Die Reste des Straftrupps begaben sich in Gefangenschaft, aber einige Leute, die sich als Kommunisten zu erkennen gaben, wurden von den Bauern erschossen.
So wurden auch die Chitrovoer, gegen ihren Willen, in den
* Sozialrevolutionäre.
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sich entspinnenden blutigen Kampf hineingezogen. Die weiteren Ereignisse entwickelten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit.
Zur Niederschlagung des beginnenden Aufstandes wurden von der Station Sampur und aus Tambov einige bewaffnete Trupps des Vochr+ und von Militärschülern ausgesandt, einer nach dem anderen. Bei ihrer Ankunft hatte sich die Kunde von den Ereignissen in Kamenka und Chitrovo bereits im ganzen Umkreis verbreitet, und Dorf für Dorf begann sich auf die unausweichliche Auseinandersetzung mit den Soldaten vorzubereiten: alle im Dorf verfügbaren Waffen wurden aus den Verstecken hervorgeholt, »Stäbe« gewählt und irgendwo Schützengräben ausgehoben ...
Die Kräfte der Aufständischen wuchsen mit jedem Tag. Die Truppen, die ausgeschickt wurden, um Ruhe zu schaffen, zeigten nicht genügend Eifer und zogen sich meist kampflos zurück, aber selbst - wenn sie ihre Waffen in Betrieb setzten, wichen sie schnell dem Angriff der Bauern ...
Gewisse Zeit waren die Bolschewiki wieder Herr der Lage. Neue Straftrupps wurden zusammengestellt, eilten in den aufständischen Rajon und praktizierten blutige Sippenhaftung. Gar nicht zu reden von der Masse erschossener und erschlagener Bauern, deren Zahl von keiner Statistik überliefert wird, von den Straftrupps wurden auch einige Dörfer des Tambover Landkreises niedergebrannt und auf barbarische Weise vernichtet ...
Massenerschießungen und Brandstiftungen waren ein Kennzeichen der ersten Phase des Aufstandes der Tambover Bauern. Diese Phase war geprägt durch elementare Spontaneität, Teilnahme der »Masse« am Aufstand und Fehlen einzelner »Führer« (Helden).
Die zweite Phase beginnt in dem Augenblick, da sich ein gewisser Antonov an die Spitze der zerschlagenen Aufständischen stellt. Wer ist er?
Er ist der typische »Expropriateur« des 1905er Jahres. Und wirklich wurde er in der Revolution 1905-09, ein Junge noch, für irgendeine Expropriation verhaftet, und er nannte sich, als er ins Gefängnis kam, selbst einen unabhängigen SR (Sozialre-
+ Russ. Abkürzung für »Verwaltung (auch Truppen) der inneren Sicherheit der Republik« (upravlenie/vojska vnutrennej ochrany respubliki).
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volutionär). Es folgten lange Jahre der Zwangsarbeit, eine neue Revolution und - eine unerwartete Befreiung. 1917 kehrt Antonov in seine Heimat Tambov zurück, erklärt sich selbst zum Sozialrevolutionär, wird zum Leiter der Miliz in einem der Rajone des Landkreises ernannt, erhält danach - durch Wahl - im Kirsanover Landkreis den gleichen Posten in den Reihen der Miliz, nur jetzt als Leiter des gesamten Landkreises, und verbleibt auch unter den Bolschewiki gewisse Zeit auf diesem Posten.
Nachdem er 1918 den erfolglosen Versuch unternommen hat, an die Samara-Front zum bewaffneten Kampf mit den Bolschewiki überzuwechseln, kehrt Antonov nach Kirsanov zurück und versucht friedliche Propaganda-Arbeit zu leisten, aber bald wird er gezwungen, damit aufzuhören und in die Illegalität zu gehen, weil man ihn auf dem Inzavinsker Rajonskongreß der Bolschewiki zum Tode verurteilt hatte, wobei sich auch freiwillige Vollstrecker dieses Todes-»Urteils« fanden.
Zugleich mit dem Übergang in die Illegalität beginnt Antonov den Terrorkampf gegen die Bolschewiki vor Ort. Erste Opfer Antonovs werden Ende 1918 die Urheber des auf dem Inzavinsker Kongreß verkündeten Todesurteils ...
Von diesem Zeitpunkt an wird Antonov rasch Held des Tages, erst im Kirsanover Landkreis, und dann im ganzen Tambover Gouvernement. Die Bauernschaft sieht Antonov verschiedene »taktische« Unmäßigkeiten nach, unter denen nicht selten auch die Bauernschaft selbst zu leiden hat, steht ihm eifrig bei und hält ihn für den nicht zu fassenden Rächer seiner mit den Füßen getretenen Interessen; die Bolschewiki nennen Antonov einen »Banditen«, schicken gegen ihn ganze Armeen ins Feld, bilden, um seiner habhaft zu werden, eine spezielle »mobile außerordentliche Kommission«, aber zwei Jahre lang gelingt es ihnen nicht, ihn zu verhaften, und sie versuchen, sich an der daran unschuldigen Bauernschaft schadlos zu halten.
Im Verlauf nur eines einzigen Sommers 1919 wurden nach offiziellen bolschewistischen Angaben von Antonov im Kirsanover Landkreis um die 100 Kommunisten getötet ...
Worin liegt das Wesen der Tambover Ereignisse? Welche Vorstellungen haben die Aufständischen selbst von ihren Aufgaben?
In der ersten elementar-spontanen Phase des Aufstandes setzten sich die Bauern als Nahziel den Sturz der bolschewistischen
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Staatsmacht und machten sich keine großen Gedanken zum positiven Inhalt ihres Kampfes. Es gab vage Hinweise auf Sympathien für die Konstituierende Versammlung innerhalb der Bauernschaft; manche von den verhafteten Bauern bezeichneten sich als Sozialrevolutionäre; bei einem Scharmützel mit sowjetischen Truppen, das für die Bauern mit einer Niederlage endete, wurde bei einem Aufständischen sogar ein rotes Banner mit der Aufschrift: »Im Kampf findest Du Dein Recht« beschlagnahmt. Aber all dies sind zerstreute Einzelfakten, die nur in den Augen der Außerordentlichen Kommission ausreichend erschienen, die Tambover SRy samt und sonders zu verhaften und sie der aktiven Teilnahme und sogar Führerschaft beim Aufstand zu beschuldigen; für die objektive Bestimmung der Natur des Tambover Aufstandes sind diese Fakten vollkommen unzureichend.
Die Bauern erhoben sich, weil sie die Geduld verloren hatten. Es war eine spontane Bewegung, und keine Partei, nicht einmal die Sozialrevolutionäre Partei, die am festesten in der Tambover Bauernschaft verwurzelt ist, konnte sie davon abhalten, Rache an ihren Unterdrückern zu nehmen.
Die Lage wurde auch nicht im geringsten klarer, als Antonov an die Spitze der Aufständischen trat. Keine einzige Proklamation, kein einziges offizielles Dokument in den ersten vier Monaten ...
Nacktes Partisanentum, ohne Losungen, ohne Ideen, ohne Programm - so stellt sich auch in seiner zweiten Phase der Tambover Aufstand dar ...
Im sicheren Gefühl der eigenen Stärke änderten die Aufständischen mit Jahreswechsel 1921 die Taktik und begannen erneut, sich zu verhältnismäßig großen Einheiten zusammenzuschließen - zu »Regimentern«, und legten damit die Grundlage für die dritte Phase des Tambover Aufstandes. Wenn in der ersten Phase elementare Spontaneität am Werke war und in der zweiten Partisanenverbände an ihre Stelle traten, haben wir es jetzt, in der dritten Phase, erneut mit einer Sammlung der Kräfte zu tun, diesmal schon bewußter und planmäßiger Kräfte nach allen Regeln der Kriegskunst ...
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74. »Verwaltung der Volkswirtschaft durch die organisierten Produzenten«
Aus den Thesen der »Arbeiteropposition«, vorgelegt auf dem 10. Parteitag, März 1921
... Das System der Durchführung wirtschaftlicher Politik auf bürokratischem Wege über die Köpfe der organisierten Werteerzeuger hinweg, durch Beamte, ernannte Leiter, bürgerliche Spezialisten zweifelhafter Qualität, hat einen Dualismus in der wirtschaftlichen Verwaltung geschaffen, der zu endlosen Konflikten zwischen Betriebskomitees und Betriebsverwaltungen, Gewerkschaften und wirtschaftlichen Staatsorganen geführt hat. Die durch dieses System geschaffenen Verhältnisse verhindern in breiten Arbeiterschichten das Aufkommen eines wirtschaftlichen Enthusiasmus und machen die methodische Beteiligung der Arbeiterschaft an der Überwindung des wirtschaftlichen Zerfalls unmöglich. Ein solches System muß entschieden abgelehnt werden ...
Der Übergang von dem jetzigen bürokratischen System zu einem von der Selbsttätigkeit der arbeitenden Massen gebildeten Verwaltungssystem muß organisch vor sich gehen. Er muß mit einer Festigung der untersten gewerkschaftlichen Zellenbildungen, der Fabrik-, der Betriebskomitees usw. begonnen werden, es muß das Ziel gestellt werden, sie auf die selbständige Leitung der Wirtschaft vorzubereiten, um auf diese Weise den Übergang der Arbeiterverbände von der gegenwärtigen passiven Teilnahme an der Volkswirtschaft zu einer aktiven, bewußten und schöpferischen Verwaltung der gesamten Volkswirtschaft des Landes zu erleichtern ...
Die Organisation der Verwaltung der gesamten Volkswirtschaft obliegt dem Allrussischen Kongreß der zu gewerkschaftlichen Verbänden organisierten Produzenten. Dieser Kongreß wählt das Zentralorgan, welches die gesamte Volkswirtschaft der Republik zu leiten hat.
a) Die Allrussischen gewerkschaftlichen Konferenzen einzelner Wirtschaftszweige wählen die Organe, welche die ganze wirtschaftlich-administrative Leitung dieses Zweiges übernehmen.
b) Die Gebiets-, Gouvernements-, Kreis-, Rajons- usw. Verwaltungsorgane werden von entsprechenden Ortskonferenzen gebildet. Auf diesem Wege ist eine Verbindung zwischen wirtschaftlichem Zentralismus und lokaler Initiative geschaffen. Die
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Abteilungen der Gebiets-, Gouvernements-, Kreis-, Rajons- usw. Verwaltungsorgane werden in jedem einzelnen Fall vom entsprechenden Gewerkschaftsverband gebildet ...
Alle Arbeiter und Angestellten jeden Ranges und jeder Profession, welche in einzelnen wirtschaftlichen Einheiten (in Fabriken, Werken, Bergwerken, in allen Betrieben, Institutionen, im Transport- und Verkehrswesen, in allen landwirtschaftlichen Betrieben) beschäftigt sind, sind unmittelbare Verwalter aller Werte und Einrichtungen ihrer Betriebe oder Institutionen und für ihre Erhaltung und zweckmäßige Verwertung der gesamten Republik gegenüber verantwortlich.
Die an der Organisation der Verwaltung der Betriebe beteiligten Arbeiter und Angestellten, die in solchen Fabriken, Werken, Werkstätten, Behörden usw. beschäftigt sind, welche eine bestimmte wirtschaftliche Einheit für den in Frage kommenden Rajon bilden, wählen ein diesen Betrieb leitendes Organ, das Arbeiterkomitee ...
Die ganze Tätigkeit des Betriebes, sein Arbeitsprogramm und seine innere Ordnung werden im Rahmen gestellter Anforderungen und geltender Gesetze von den Arbeitenden dieses Betriebes unter Leitung und Verantwortung des Arbeiterkomitees und des Verbandes ausgearbeitet und bestätigt ...
75. Lev Trockij über Rolle und Aufgaben der Gewerkschaften Aus einer Vorlage für den 10. Parteitag, März 1921
... Die Hauptursache der Krise der Gewerkschaftsbewegung ist das Mißverhältnis zwischen den Aufgaben, die objektiv im gegenwärtigen Stadium der Entwicklung unseren Gewerkschaften zufallen, und den gebräuchlichen Gedanken, Methoden und Verfahren der Arbeit, die als Erbe der Vergangenheit in den Gewerkschaften vorherrschen. Das Mißverhältnis zwischen den Gewerkschaften, wie sie jetzt sind, und den Gewerkschaften, wie sie sein sollen, ist zum größten Widerspruch innerhalb des Arbeiterstaates geworden. Ehe wir diesen Widerspruch nicht beseitigen, werden wir keinen ernsten Schritt auf dem Gebiet der Wirtschaft vorwärtskommen ...
In der bürgerlichen Gesellschaft faßten die Gewerkschaften die Arbeiterklasse zum Kampf um die Verbesserung der Lage der Arbeiter zusammen, und dann auch zum Kampf um die revolutionäre Beseitigung der kapitalistischen Produktionsmethode.
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In der Kerenskij-Epoche gingen die Gewerkschaften zur Kontrolle der Produktion über, die eine Form des Klassen-kampfes der Arbeiter gegen das Kapital darstellte.
Nach dem Oktober bildete die Arbeiterklasse - hauptsächlich mit Hilfe der Gewerkschaften - aus ihrer Mitte primitive Organe, die eine tatsächliche Verfügung über die nationalisierten Unternehmen ermöglichen sollten ... Im Verlaufe der weiteren Entwicklung der Wirtschaftsinstitute, ihrer Vervollkommnung, ihrer Spezialisierung usw. vollzog sich ihre Loslösung von den Gewerkschaften ... Was in der bürgerlichen Gesellschaft das Wesen der Gewerkschaften ausmachte, war in Fortfall gekommen: im Arbeiterstaat können die Gewerkschaften keinen ökonomischen Klassenkampf führen. Andererseits wurde die Teilnahme der Gewerkschaften am wirtschaftlichen Aufbau immer kleiner, systemloser und oberflächlicher, je mehr sich die Wirtschaftsorgane losgelöst von den Gewerkschaften selbständig entwickelten, die nötigen Arbeitskräfte selbst heranzogen, neue Arbeitsmethoden und Arbeitsgebräuche schufen und Bau und Umbau ihrer Apparate selbst ausführten. Hieraus entsprang und entwickelte sich die tiefgehende Krise der Gewerkschaftsbewegung ...
Die Konzentration der gesamten Produktionsverwaltung in den Händen der Gewerkschaften, wie unser Programm sie fordert, bedeutet die planmäßige Umwandlung der Gewerkschaften in Apparate des Arbeiterstaates und ein allmähliches Ineinanderwachsen der Gewerkschaftsorgane und der Wirtschaftsorgane. Es handelt sich nicht darum, die Gewerkschaften formell als staatliche Organe zu proklamieren, sondern sie tatsächlich in Produktionsorganisationen zu verwandeln, die jeden einzelnen Produktionszweig allseitig erfassen und für die Interessen sowohl der Produktion als auch der Produzenten verantwortlich sind. Dieser Standpunkt, der in der Resolution des 9. Parteitags zum Ausdruck kommt, wird formell, das heißt in Worten, von der Mehrheit der Gewerkschaftler anerkannt ...
Ihm steht der Standpunkt des Sowjet-Trade-Unionismus gegenüber, der in den Reihen unserer Partei in mehr oder minder vollendeter und offener Form nur vom Genossen Rjazanov vertreten wird ... Genösse Rjazanov will für die Gewerkschaften ihre alte Lage im Staat als einer Organisation erhalten, die die Arbeiter zum Schutz und zur Verteidigung ihrer materiellen und geistigen Interessen vereinigt ... Genösse Sljapnikov und die Gruppe seiner Gesinnungsgenossen schlagen vor, die Lei-
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tung der Wirtschaft sofort und gänzlich den Gewerkschaften zu übergeben — den Staat zu »vergesellschaftlichen«. Eine derartige Maßnahme, die offenbar von syndikalistischen Neigungen diktiert ist, sieht sehr radikal aus, entbehrt in Wirklichkeit aber völlig jeden sachlichen Inhalts ...
Der scheinbar radikale Standpunkt des Genossen Sljapnikov deckt sich mit der Auffassung der konservativen Gewerkschaftler, da er ebenso wie sie die Hauptsache nicht sieht: die Notwendigkeit, die Gewerkschaften entsprechend den Aufgaben der Organisierung der Produktion umzugruppieren, umzubauen und neu zu erziehen ...
76. »Über syndikalistische und anarchistische Abweichungen in unserer Partei«
Der 10. Parteitag verwirft die Forderungen der »Arbeiteropposition« (Auszug), März 1921
1. In den letzten Monaten haben sich in den Reihen der Partei deutliche syndikalistische und anarchistische Abweichungen gezeigt, die mit äußersten Maßnahmen bekämpft werden müssen und eine Säuberung zur Gesundung der Partei erfordern.
2. Die genannten Abweichungen sind entstanden zum Teil durch Aufnahme solcher Elemente in die Reihen der Partei, welche sich die kommunistische Weltanschauung noch nicht ganz angeeignet haben . .
3. Eines der geschlossensten und am besten formulierten Ergebnisse dieser Abweichungen sind die Thesen und sonstigen literarischen Erzeugnisse der sog. Arbeiteropposition. Besonders bezeichnend ist z.B. die folgende ihrer Thesen: »Die Organisation der volkswirtschaftlichen Verwaltung übernimmt der Allrussische Kongreß der in gewerkschaftlichen Produktions-verbänden gegliederten Produzenten, welche das die gesamte Volkswirtschaft der Republik leitende Zentralorgan wählen.«
Die Ideen, welche diesen und ähnlichen Veröffentlichungen zugrunde liegen, sind sowohl theoretisch durchaus falsch, da sie einen vollständigen Bruch mit dem Marxismus und Kommunismus bedeuten, - auch widersprechen sie den Ergebnissen der praktischen Erfahrung bei allen halbproletarischen Revolutionen der Vergangenheit und bei der gegenwärtigen proletarischen Revolution.
Erstens vereinigt der Begriff »Produzent« Proletarier, Halb-
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proletarier und kleine Warenerzeuger. Er geht somit von der grundlegenden Idee des Klassenkampfes und von der ebenso grundlegenden Forderung einer scharfen Klassenunterschei-dung endgültig ab.
Zweitens ist die Gegenüberstellung von Partei und weiten parteilosen Massen durchaus falsch, denn sie führt zu einer Unterordnung der Partei unter das parteilose Element, und dies ist eine nicht weniger einschneidende Abweichung vom Marxismus ...
6. Aus allen diesen Gründen lehnt der Parteitag der RKP die bezeichneten, der syndikalistischen und anarchistischen Denkungsart angehörenden Ideen entschieden ab und beschließt:
1) den konsequenten und systematischen Kampf mit diesen Ideen für notwendig zu erklären,
2) die Propaganda dieser Ideen mit der Zugehörigkeit zu der RKP für unvereinbar zu erklären.
Der Parteitag beauftragt das Zentralkomitee der Partei mit der strengsten Durchführung dieser seiner Beschlüsse und weist gleichzeitig darauf hin, daß in Zeitschriften, Broschüren usw. dem eingehenderen Meinungsaustausch der Parteimitglieder über die genannten Fragen Raum geschaffen werden kann und muß.
77. Über die Ersetzung der Eebensmittel- und Rohstoffbeschaffung durch die Naturalsteuer Aus dem Dekret des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees, 21. März 1921
1. Zur Sicherstellung einer regelmäßigen und ungestörten Wirtschaftsführung, die es dem Landwirt erlaubt, freier über die Produkte seiner Arbeit und über seine Produktionsmittel zu verfügen, zur Stärkung der bäuerlichen Wirtschaft und zur Hebung ihrer Produktivität, aber auch mit dem Ziel einer Präzisierung der auf die Landwirte zukommenden staatlichen Verpflichtungen, wird die Beschaffung (razverstka), als staatliches Mittel zur Aufbringung und Verteilung von Lebensmitteln, Rohstoffen und Futtermitteln, durch die Naturalsteuer ersetzt.
2. Diese Steuer muß niedriger sein als die bisher durch die Beschaffung auferlegte Steuerlast ...
3. Die Steuer wird erhoben als Prozent- oder Quotenabgabe von den in der Wirtschaft hergestellten Produkten, ausgehend
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von einer Berechnung der Erntemenge, der Zahl der Esser und des in der Wirtschaft vorhandenen Viehs.
4. Die Steuer muß progressiv sein; die Prozentabgabe für die Wirtschaften der Mittelbauern, der Kleinlandwirte und für die Wirtschaften städtischer Arbeiter muß gesenkt werden.
Die Wirtschaften der ärmsten Bauern können von gewissen, in Ausnahmefällen auch von allen Belastungen der Naturalsteuer befreit werden. Fleißige bäuerliche Landwirte, die ihre Saatfläche und ihre Wirtschaft vergrößern, aber auch die Produktivität der Wirtschaft insgesamt heben, erhalten Vergünstigungen bei der Ableistung der Naturalsteuer.
5. Das Gesetz über die Naturalsteuer soll so rechtzeitig verfaßt und publiziert werden, daß die Landwirte noch vor Beginn der Feldarbeiten im Frühjahr möglichst genau über das Ausmaß der auf sie zukommenden Verpflichtungen informiert sind ...
7. Die Verantwortung für die Ableistung der Steuer wird jedem einzelnen Hofwirt auferlegt, und die Organe der Sowjetmacht werden ermächtigt, Strafen gegenüber denjenigen zu verhängen, die ihre Steuerpflicht nicht erfüllen.
Die Gesamthaftung* wird abgeschafft.
Zur Kontrolle über die Einhaltung und Erfüllung der Steuervorschriften werden Organisationen der Ortsbauern gebildet, entsprechend den unterschiedlichen Gruppen der Steuerzahler.
8. Alle Vorräte an Lebensmitteln, Rohstoffen und Futtermitteln, die bei den Landwirten nach Ableistung ihrer Steuerpflicht verbleiben, stehen ihnen in vollem Umfange zur Verfügung und können zur Verbesserung und Stärkung ihrer Wirtschaft, zur besseren Befriedigung eigener Konsumbedürfnisse oder zum Austausch gegen Produkte der Industrie, des Handwerks und der Landwirtschaft verwendet werden.
Der Austausch wird im Rahmen des lokalen Warenumsatzes zugelassen, sei es, daß er durch Genossenschaftsorganisationen oder auf Märkten und Basaren durchgeführt wird.
9. Landwirte, die die ihnen nach Erfüllung der Steuerpflicht verbleibenden Überschüsse an den Staat abgeben wollen, müssen im Austausch für diese freiwillig abgelieferten Überschüsse Massengebrauchsartikel und landwirtschaftliches Inventar erhalten. Hierfür wird ein staatlicher Dauervorrat an landwirtschaftlichem Inventar und Massengebrauchsartikeln geschaffen, sowohl an Produkten heimischer Erzeugung wie an Produkten,
* Ergänze: des Dorfes, der Landgemeinde.
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die im Ausland gekauft werden. Für den letztgenannten Zweck wird ein Teil des staatlichen Goldfonds und ein Teil der bereitgestellten Rohstoffe verwendet.
10. Die Versorgung der ärmsten dörflichen Bevölkerung geschieht auf staatlichem Wege nach besonderen Richtlinien ...
78. Über die Lebensmittel-Naturalsteuer für 1921/22 Dekret des Rates der Volkskommissare (Auszug) 28. März 1921
In Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen Lage der bäuerlichen Bevölkerung, der Notwendigkeit, die bäuerliche Wirtschaft in jeder Hinsicht zu fördern und den Landwirten die freie wirtschaftliche Verfügungsgewalt über die Früchte ihrer Arbeit einzuräumen, verfügt der Rat der Volkskommissare:
Anstelle der 423 Millionen Pud Getreideprodukte, die 1920 bis 1921 mit den Mitteln staatlicher Beschaffung auf dem Territorium der Republik - Ukraine und Turkestan nicht gerechnet - aufgebracht wurden, wird, in Ausführung der Entschließung des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees über die Ersetzung der Beschaffung durch eine Steuer* der Umfang der Lebensmittel-Naturalsteuer für 1921-1922 auf eine Summe von nicht mehr als 240 Millionen Pud Getreideprodukte veranschlagt, ein durchschnittliches Ernteergebnis vorausgesetzt ...
79. Über die Verpachtung von staatlichen Unternehmen Dekret des Rates der Volkskommissare (Auszug) 5.Juli 1921
1. Kooperativen, Genossenschaften und anderen Vereinigungen, aber auch einzelnen Staatsbürgern wird das Recht eingeräumt, staatliche Industrieunternehmen zum Zwecke ihrer Ausbeutung zu pachten.
ANMERKUNG l: Bei Vorliegen von Einzel- und anderen Pachtanträgen wird den kooperativen Vereinigungen der Vorzug gegeben ...
2. Die Verpachtung von Unternehmen, die für den lokalen
* Siehe Dok. 77.
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Bedarf ohne Aufträge des Zentrums produzieren (3. Gruppe)+, und der Abschluß entsprechender Pachtverträge geschieht per Entschließung der Gouvernements-Volkswirtschaftsräte; Verträge zur Verpachtung der übrigen Unternehmen, die von den Gouvernements-Volkswirtschaftsräten verwaltet werden, werden zur Bestätigung dem Präsidium des Obersten Volkswirtschaftsrates vorgelegt, in Gegenden, wo Gebietsorgane des Obersten Volkswirtschaftsrates existieren, den Industriebüros der letzteren.
ANMERKUNG 2: Erhält er in Monatsfrist vom Tag der Absendung des Vertragsprojektes an keine Antwort, so gibt dies dem Gouvernements-Volkswirtschaftsrat das Recht, den vorgeschlagenen Vertrag abzuschließen; verweigert das Präsidium des Obersten Volkswirtschaftsrates dem Antrag die Bestätigung, so kann die Frage auf Initiative des Gouvernements-Volkswirtschaftsrates dem Rat für Arbeit und Verteidigung vorgelegt werden.
3. Verträge über die Verpachtung von Unternehmen der ersten Gruppe werden von den Hauptverwaltungen des entsprechenden Industriezweiges++ abgeschlossen und vom Präsidium des Obersten Volkswirtschaftsrates bestätigt.
4. Alle erlassenen und künftig vom Volkskommissariat für Arbeit und vom Allrussischen Zentralrat der Gewerkschaftsverbände beschlossenen Richtlinien über Einstellung und Entlassung von Arbeitern, über Arbeitsschutz und andere Arbeitsbedingungen, die wirksam sind in den nicht nationalisierten Unternehmen, sind für die Pächter von Staatsunternehmen obligatorisch.
5. Die Pächter sind verantwortlich für den Erhalt des ihnen zur Nutzung überlassenen Vermögens, sowohl zivil- wie strafrechtlich.
+ Durch eine Instruktion des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees vom 10. Februar 1920 waren alle staatlichen Unternehmen in drei Gruppen eingeteilt worden. Zur ersten Gruppe gehörten Trusts und Betriebe, die zentrale Bedeutung für den Staat besaßen; sie unterstanden unmittelbar den Haupt- und Zentralverwaltungen (glavki, centry) des Obersten Volkswirtschaftsrates oder ihren Unterabteilungen. Die zweite Gruppe der Betriebe wurde von den Gouvernements-Volkswirtschaftsräten verwaltet, aber unter der Regie der Zentralorgane des Obersten Volkswirtschaftsrates. Betriebe von lediglich lokaler Bedeutung (3. Gruppe) oblagen in Verwaltung und Regie den Gouvernements-Volkswirtschaftsräten; das Dokument (SU RSFSR 1920 Nr. 9 Art. 55) ist hier nicht abgedruckt.
++ Ergänze: im Obersten Volkswirtschaftsrat.
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6. Während der Laufzeit des Vertrages kann dieser nur durch Gerichtsbeschluß aufgelöst werden; einseitige Beendigung der Vertragsbeziehungen sind unzulässig, weder von selten staatlicher Einrichtungen, noch von selten des Pächters. Streitigkeiten, die in Verbindung mit dem Vertrag entstehen, werden vom Volksgericht entschieden.
7. Die Pächter haben das Recht, Bestellungen von Privatpersonen entgegenzunehmen. Waren für die Versorgung des freien Marktes herzustellen, aber auch Kontrakt- und Lieferverträge abzuschließen, sowohl mit Privatpersonen wie mit staatlichen Einrichtungen.
8. Der Staat übernimmt keinerlei Versorgungsverpflichtungen, weder für die verpachteten Unternehmen noch für ihre Arbeiter und Angestellten ...
80. Über die Neugründung von Handwerks- und kleinen Industriebetrieben
Dekret des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare (Auszug), 7. Juli 1921
Zur Produktivitätssteigerung der Handwerks- und kleinen Industriebetriebe und in Fortsetzung ihrer Entschließung vom 17. Mai 1921* verfügen das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee und der Rat der Volkskommissare:
1.Jeder Staatsbürger kann frei ein Handwerk ausüben, aber auch ein kleines Industrieunternehmen gründen.
ANMERKUNG: Kleine Industriebetriebe können nur von Staatsbürgern gegründet werden, die mindestens 18 Jahre alt sind, wobei jeder Staatsbürger nicht mehr als ein Unternehmen besitzen darf.
2. Als kleine Industrieunternehmen gelten Betriebe, die nicht mehr als 10 oder 20 Lohnarbeiter beschäftigen, einschließlich der Heimarbeiter ...
3. Kleine Industriebetriebe, die Lohnarbeiter beschäftigen, müssen in den lokalen Volkswirtschaftsräten registriert werden;
* In seiner Sitzung vom 17. Mai 1921 hatte der Rat der Volkskommissare beschlossen, zur Unterstützung der Handwerks- und kleinen Industriebetriebe überflüssige Reglementierungen abzuschaffen. Bauern, Handwerker und Kleinproduzenten sollten über ihre Produkte frei verfügen können, es sei denn, der Staat hatte Rohstoffe und Materialien zur Verfügung gestellt. Das Dokument (SU RSFSR 1921 Nr. 47 Art. 230) ist hier nicht abgedruckt.
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diese sind verpflichtet, sie binnen Wochenfrist ins Register einzutragen.
4. Handwerker und Besitzer kleiner Industrieunternehmen haben das Recht, frei über die von ihnen hergestellten Produkte und Erzeugnisse zu verfügen und in den Grenzen der geltenden Vorschriften Rohstoffe, Materialien, Werkzeuge und Ausstattung zu erwerben.
5. Kleine Industriebetriebe unterliegen weder der Nationalisierung noch der Munizipalisierung. Produkte und Erzeugnisse eigener Herstellung, die sich in der Verfügungsgewalt der Handwerker und kleinen Industrieunternehmen befinden, aber auch von ihnen für ihre Produktion erworbene Materialien, Rohstoffe, Werkzeuge und andere Ausstattung können nicht anders requiriert (Beschlagnahmung mit Bezahlung des Wertes) oder konfisziert (entschädigungslose Beschlagnahme) werden, als auf Anordnung eines Gerichtes oder aufgrund besonderer, dazu erlassener Verordnungen des Rates der Volkskommissare.
6. Alle Verordnungen über Arbeitsschutz, Einstellung und Entlassung, Tarifnormen, Ausbildung sind für alle Handwerker und kleinen Industrieunternehmen, auf die sich das vorliegende Dekret bezieht, obligatorisch.
7. Die Kontrolle über die Ausführung des vorliegenden Dekrets sowie die Förderung des Handwerkes und der kleinen Industrie wird den Organen des Obersten Volkswirtschaftsrates auferlegt ...
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b) Ausmaß: Getreidebilanz für das europäische Rußland (in Tausend Pud), ohne die Ukraine und Sibirien
Jahre | Eingang | Ausgang | ||
Gesamt-ernteertrag | Defizit | Bilanz | Verbrauch der Bevölkerung u. des Viehs | |
1913/14 1920/21 1921/22 | 3526507 1254277 744724 | -- 88867 358067 | 3526507 1343144 1102791 | 1826496 1035314 841135 |
Jahre | Ausgang (Forts.) | |||
Saatgut-bedarf | Ausfuhr | Überschuß | Bilanz | |
1913/14 1920/21 1921/22 | 473648 307830 261656 | -- -- 540351* | -- -- 686012 | 3526507 1343144 1102791 |
82. Die »Sterbeanstalten« der Hungergebiete: Krankenhaus, Gefängnis, Kinderheim
Der deutsche Schriftsteller Franz Jung besucht das Gebiet der Wolgadeutschen (Auszug),
Herbst 1921
Die Sterbeanstalten Das Krankenhaus
... Im Sommer, als die Choleraepidemie einsetzte, hatte man noch eine Cholerabaracke, draußen vor der Stadt an der Wolga, im Überschwemmungsgebiet des Flusses. Die Heftigkeit der Epidemie machte im Augenblick alle Anlagen illusorisch ... Die Choleraepidemie ist zurückgedrängt. Sie hat dem Typhus Platz gemacht. Zu der Zeit wütete der Typhus ganz schrecklich. Zwei große Privathäuser mußten geräumt werden, mit Gewalt wurde für die Kranken Raum geschafft. Aber man hatte keine Bettgestelle, keine Decken. Das Haus war auch für alles andere als für ein Krankenhaus gebaut. Die eingelieferten Kranken
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wurden auf den Fußboden gelegt, mit ihren Lumpen zugedeckt. Bis zu 60 Kranke zählte man auf ein kleines Zimmer. Gut die Hälfte konnte man am nächsten Tag schon wieder heraustragen. Dann wurden aus den beiden Gefängnissen die Pritschen geholt. So sah ich es. Die Pritschen standen in der Mitte des Zimmers. Sie müssen nach beiden Seiten Raum geben, daß zwei, manchmal auch drei Menschen darauf Platz finden. Auf diese Weise schafft man für etwa 40 Kranke Liegemöglichkeit. Decken und Wäsche hat man noch nicht. Man hofft indessen noch welche zu bekommen. Medizin könnte man den Kranken schon geben, aber es gibt keine Nahrungsmittel, die man ihnen geben kann. Sie bekommen eine dünne Krautsuppe und ein halbes Pfund Brot, das ist alles. Es sind 800 Kalorien, aber 2400 braucht der Mensch täglich zur Ernährung ... Die Kranken liegen in ihren Lumpen und stöhnen. Das Fieber hat sie gepackt und die Erschöpfung. Wer leben will, muß sich aufraffen und sehen, wie er zu Hause wieder hoch kommt, sagt der Arzt. Eine Grube ist auf dem Hof für die Exkremente. Es ist ein menschenunmöglicher Gestank. Nachts stellt man eine Tonne auf den Flur für alle ... Wie wird es nach drei Wochen aussehen - der Arzt ist ein junger melancholischer Kommunist. Der Versuch eines Vorwurfs erstickt auf der Zunge. Man braucht ihn nur anzusehen. Er hungert.
Das Konzentrationslager
Ich meine das Gefängnis. Die Leute sagten, dort sei die Sterblichkeit besonders groß ... Die Ärmsten der Armen sitzen darin. Leute, die auf Diebstählen abgefaßt sind, läßt man jetzt laufen. Und doch ist das Lager voll. Die Angeberei, falsche Beschuldigung, eine gewisse Aufstandsnervosität wächst in den Dörfern. Manchem Bauern ist es zum Ziel seines Lebens geworden, seinen Nachbarn in die Tscheka* zu bringen. Es ist die widerlichste Seite im Existenzkampf einer absterbenden Gesellschaft, in der Verurteilung eines ganzen Volkes.
... Die Ärmsten der Armen aber sind hier, weil nur diejenigen im Lager bleiben, die zu schwach sind, sich selbst zu helfen, oder keine Verbindung haben, von ändern Hilfe zu bekommen ... Diese Menschen, ob Wucherer, ob Banditen, ob De-
* Tscheka (CK) russische Abkürzung für die »Außerordentliche Kommission« zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage; vgl. Band l dieser Dokumentation.
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fraudanten, wie der Lehrer, den ich dort sah und der noch eben ein hoher Verwaltungsbeamter gewesen war, sie haben alle den gleichen Blick, den Blick des Sterbenden ... Diese Menschen haben nur den Wunsch, am Leben zu bleiben ... Mit der ihnen zugewiesenen Ration müssen sie allmählich umkommen, das wissen sie selbst. Und sie können sich doch nicht helfen. Niemand kann ihnen helfen ... Sie werden sterben und sie sterben ... Sie jammern und stöhnen nicht, nur sie schauen so sonderbar ...
Die Kinderheime
Die Kinderheime auf den Dörfern sind wahre Höllen ... Ich habe die Heime auf den Dörfern wie in der Stadt gesehen. Über die letzteren will ich den Bericht folgen lassen, den eine den verantwortlichen Stellen nahestehende Genossin erstattet hat. Man mag ihn aufmerksam lesen, es handelt sich um die Stellen, wo die Kinder, wie man sagt, gerettet sind.
»Die aus den umliegenden Dörfern gesammelten elternlosen Kinder bis zu vierzehn Jahren werden zunächst in ein Sammelheim gebracht, von dem aus sie in die verschiedenen Gruppen verteilt werden. Nach ihrer Ankunft schneidet man den Kindern die Haare, um einer zu großen Verlausung zu steuern. Sie sind alle fast nur in Lumpen gekleidet. Da die ändern Heime alle überfüllt sind, müssen die Kinder oft lange warten in dieser Sammelstelle. Hier sind die Zimmer vollständig ohne Möbel, die Kinder liegen auf dem kahlen Boden ohne Kissen und Decken. Einmal in drei Wochen hatte man die Möglichkeit, sie in ein Bad zu führen. Es sind einige Kranke unter ihnen, die aus Mangel an Platz und Betten nicht ins Krankenhaus überführt werden können. In drei Räumen sind zuweilen 120 Kinder, in jedem Zimmer eine Aufseherin. Die Kleinen hocken meist stumm am Boden, ab und zu weint eines jämmerlich, weil es wieder »nach Hause« will, das heißt, nach dem Bazar, oder dem Platz, von dem man es aufgelesen hat. Dreimal am Tag werden alle in eine Speisehalle geführt, morgens bekommen sie 1/4 Pfund Brot und etwas Tee ohne Zucker, mittags einen Löffel voll dasselbe wie zum Frühstück ...
In jedes Heim kommt der Lehrer für einige Stunden, doch ist es kaum möglich, den Kindern etwas beizubringen, sie sind zu schwach, um zu lernen. Man hat ihnen im Evakuierungsheim ein paar Bilderbücher gegeben, die sie immer wieder und wieder still besehen.
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So warten die Kinder Tag für Tag, daß man sie fortbringt, wo es warm ist, sagen sie und man zu essen hat. - Und die andern warten wieder, daß sie an ihre Stelle in das Heim aufgenommen werden können ...«
Soweit der Bericht ...
83. Leitlinien in der Tariffrage
Dekret des Rates der Volkskommissare (Auszug) 10. September 1921
Die Neue Ökonomische Politik plant ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, die Volkswirtschaft wiederherzustellen. Jeder Industriezweig, jedes einzelne Unternehmen soll streng und genau über Produktion, Material, Wert der Fabrikate und anderes Buch führen. Die Unternehmen sollen nach dem Prinzip der Defizitvermeidung funktionieren (mit Ausschluß derjenigen, die im System der Staatswirtschaft notwendig sind, unabhängig von der Stufe ihres wirtschaftlichen Nutzens, als Mittel der Verteidigung).
In erster Linie muß das Tarifsystem geändert werden, als fundamentaler Faktor in der Entwicklung der Industrie. Basis für das Tarifsystem müssen die realen Voraussetzungen werden; ferner: die maximale Vereinfachung des Tarif Systems; die Ausweisung eines Fonds für Versorgung und Massengebrauchsartikel, eingerichtet für die Arbeiter und Angestellten, die in der Staatsindustrie beschäftigt sind; die Trennung des Unternehmens von allem, was nicht mit der Produktion verbunden ist, und was den Charakter der Sozialfürsorge an sich hat; die Herstellung einer starken Bindung zwischen dem Arbeiter und Angestellten einerseits und dem Unternehmen bzw. der Institution andererseits. Staatliche Hilfe in Form von Kindergärten, -häusern, -krippen und anderem darf mit dem Arbeitslohn in keinerlei Weise vermengt werden. Die Realisierung der genannten Grundsätze und des Arbeitslohnsystems führt auch dazu, daß im Bannkreis des Unternehmens eine Selbstmobilisierung qualifizierter Arbeitskräfte vor sich gehen wird, daß wir nicht mehr Ingenieure sehen werden, die Aufgaben von Stallknechten versehen, die die Aufsicht über eine Versorgungseinheit führen oder sich mit der Ausbesserung von Küchengerät und Bettflaschen beschäftigen, wir werden auch nicht mehr qualifizierte Arbeiter sehen, die Kartoffeln stecken oder Müllgruben ausheben.
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Ausgehend von diesen realen Grundlagen wird das Tarifsystem zum Hauptfaktor für die Organisierung der Arbeiterklasse, des Grundelements der Produktion:
1. Die Festlegung der Tarifsätze muß von der Situation ausgehen: Minimum an Bezahlung = Minimum an Arbeit. Die Erhöhung der Bezahlung muß direkt und unmittelbar mit höherer Leistung, mit dem Ausmaß der Anteilnahme des Arbeiters bei der Steigerung der Produktion verbunden sein.
2. In den Arbeitslohn sollen alle Arten von Abgaben, die an die Arbeiter und Angestellten geleistet werden, eingehen:
a) der Geldlohn;
b) Wohnung, Heizung, Licht und Wasser;
c) Lebensmittel und Gebrauchsartikel;
d) Berufskleidung, außerplanmäßige Zuwendungen und dergleichen;
e) Friseure, Badeanstalten, Theater ...
f) Verkehrsmittel: Eisenbahn, Straßenbahn, Lastauto und andere;
g) Familienversorgungsrationen und andere Zuschläge zum Arbeitslohn, die an die Familie eines Arbeiters oder Angestellten geleistet werden.
Alle Arten von staatlichen Dienstleistungen (Naturalabgaben) werden nach Marktpreisen gewertet, so daß sich für jeden Arbeiter und Angestellten die Möglichkeit ergibt, Aufwand und Realertrag klar und eindeutig zusammenzustellen und sich bewußt zu machen, daß intensive Arbeit notwendig ist, um wirklich den Lebensunterhalt zu verdienen.
Der Arbeitslohn muß allein von der Teilnahme des Arbeiters an der Produktion abhängig sein, und seine Erhöhung allein von der Steigerung der Produktionsergebnisse.
3. Die Abgabe und Gewährleistung all dessen, was in den Arbeitslohn eingeht, an den Arbeiter und Angestellten, hat ausschließlich durch das Unternehmen bzw. die Institution zu erfolgen, »ausschließlich durch die Betriebsverwaltung«, damit die Bindung zwischen Arbeiter und Angestellten einerseits und dem Unternehmen bzw. der Institution andererseits vollständig wird.
4. Das System der Arbeitslohnberechnung soll so einfach und klar sein, daß die Verbindung zwischen Produktivität und Arbeitslohn jedem Arbeiter und Angestellten einsichtig sein kann. Das System muß anpassungsfähig und flexibel sein, damit die Verwaltung des Unternehmens und der Institution die Mög-
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lichkeit hat, spontane Anstöße und Eigeninitiativen unverzüglich zu honorieren und durch entsprechende Ermunterung den Arbeiter und Angestellten anzuhalten, die Tätigkeit in dieser Richtung fortzusetzen.
5. Bei der Taxierung der Akkordarbeit soll die Erfahrung berücksichtigt werden, wie sie in allen großen Zweigen der Industrie gemacht wurde; von allen künstlichen, komplizierten und für den Arbeiter unverständlichen Systemen ist Abstand zu nehmen. Das Ausstattungsniveau, die Abnützung der Maschinen, die Güte des Rohstoffes und dergleichen müssen in Betracht gezogen werden, damit vom Arbeiter unabhängige Produktionsbedingungen nicht auf seinen Arbeitslohn Einfluß nehmen.
6. Bei der Festlegung von Tarifsätzen für Arbeiter unterschiedlicher Qualifikation, für Angestellte, für das mittlere technische und für das oberste Verwaltungspersonal soll jeder Nivellierungsgedanke beiseite gelassen werden ...
84. Über die Reprivatisierung von Unternehmen, die ins Eigentum der Republik übergegangen sind Dekret des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare (Auszug) 10. Dezember 1921
In Fortführung und Ergänzung der Verordnung des Rates der Volkskommissare vom 17. Mai zur Aufhebung, Stornierung und Überprüfung einiger Verordnungen betreffend die Kleinindustrie und die Handwerksbetriebe* verfügen das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee und der Rat der Volkskommissare:
1. Alle Industrieunternehmen, die aufgrund der Verordnung des Obersten Volkswirtschaftsrates vom 29. November 1920** der Nationalisierung unterliegen, werden als in das Eigentum der Republik übergegangen betrachtet, wenn in ihnen bis zum 17. Mai 1921 die Nationalisierung faktisch vollzogen wurde.
2. Die Nationalisierung gilt als faktisch vollzogen, wenn eine der Bedingungen erfüllt ist, wie sie in den folgenden Punkten aufgezählt werden:
a) wenn das Unternehmen von den Machtorganen mit Trans-
* Vgl. Dok. 80, Anmerkung.
** Dok. 62.
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ferierungsurkunde oder einem gleichbedeutenden Dokument übernommen wurde;
b) wenn eine Verwaltung für das Unternehmen aufgebaut oder ein Leiter ernannt wurde;
c) wenn die Ausgaben für Unternehmensführung oder -schütz faktisch mit Staatsmitteln bestritten wurden.
3. Alle anderen in der Verordnung des Obersten Volkswirtschaftsrates vom 29. November 1920 aufgeführten Unternehmen, in denen faktisch die Nationalisierung nach den Bestimmungen des Art. 2 des vorliegenden Dokuments nicht vollzogen wurde, fallen ihren früheren Besitzern zu und können von ihnen im Rahmen der geltenden Vorschriften genutzt werden.
4. Faktisch von den Organen der Staatsmacht in der Zeit bis zum 26. April 1919+ enteignete Handwerks- und Kleinindustriebetriebe, die nicht unter die Verordnung des Obersten Volkswirtschaftsrates vom 29. November 1920 fallen, gelten als in das Eigentum der Republik übergegangen:
a) wenn diese Unternehmen durch den Staat zur Herstellung bestimmter Güter enteignet wurden;
b) wenn die Regierungsorgane diese Unternehmen mit neuer technischer Apparatur und Ausstattung versehen haben.
c) Alle übrigen Handwerks- und kleinen Industriebetriebe, die auf Verfügung der lokalen Machtorgane ohne Bestätigung durch das Präsidium des Obersten Volkswirtschaftsrates ihren Besitzern weggenommen wurden, unterliegen der Rückgabe an ihre früheren Besitzer, auf deren Antrag hin und per Verordnung der Wirtschaftskonferenz des Gouvernements.
5. Dem Präsidium des Obersten Volkswirtschaftsrates wird das Recht eingeräumt, auf Antrag von einzelnen Kooperativen und von Privatbesitzern kleinerer Industrieunternehmen mit einer Arbeiterzahl bis zu 20 Personen - unter Einholung gutachterlicher Stellungnahmen der lokalen Volkswirtschaftsräte und zwar in jedem einzelnen Falle - solche Unternehmen von der vollzogenen Nationalisierung zu befreien, wenn diese Unternehmen von den staatlichen Organen nicht oder nicht hinreichend genutzt werden; für den Fall, daß diese Unternehmen auf
+ Am 24./25. April 1919 hatten das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee und der Rat der Volkskommissare beschlossen, daß kleine Handwerks- und Gewerbebetriebe nicht »nationalisiert« oder »munizipalisiert« werden durften. Ausnahmefälle bedurften künftig einer Sonderentscheidung des Plenums des Obersten Volkswirtschaftsrates (vgl. DSV Bd. 5, S. 102 ff.).
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Staatskosten renoviert wurden oder Zusatzausstattungen erhielten, sind die dafür aufgewandten staatlichen Ausgaben von den Besitzern bei der Wiedereinsetzung in die früheren Rechte zu erstatten ...
85. Über die Einheitsnaturalsteuer auf landwirtschaftliche Produkte für 1922/23
Dekret des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare (Auszug), 17. März 1922
Überzeugt von der Notwendigkeit, der bäuerlichen Bevölkerung größere Freiheiten bei der Entwicklung einzelner Zweige der Landwirtschaft und bei der uneingeschränkten Nutzung der Resultate ihrer Arbeit zu gewähren, verfügen das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee und der Rat der Volkskommissare:
1. Anstatt der 1921/22 erhobenen Naturalsteuern auf Versorgungsprodukte (Getreide, Futtergetreide, Ölsamen, Kartoffeln, Heu, Milchprodukte, Fleisch, Eier, Geflügel, Honig, Wolle, Flachsfaser, Hanf, Rohleder, Pelzwaren, Kleintierrohmaterial, Tabak, Produkte des Gemüse- und Melonenbaus) wird für das Wirtschaftsjahr 1922/23 eine Einheitsnaturalsteuer auf Produkte der Landwirtschaft erhoben.
2. Die Naturalsteuer wird berechnet und ausgedrückt in einer einheitlichen Maßeinheit, und zwar in Pud Roggen (Roggeneinheit), und in den Gebieten, wo Weizen verbreitet ist, in Pud Weizen. Sie wird von den Steuerzahlern durch folgende landwirtschaftliche Grundprodukte entrichtet: durch Brot-(und Futter-)Getreide, Ölsamen, Kartoffeln, Heu, Butter, Fleisch.
ANMERKUNG: Den Steuerzahlern wird das Recht eingeräumt, die Steuer in anderen Produkten der Landwirtschaft zu entrichten, entsprechend einer speziellen Instruktion des Volkskommissariats für Versorgung, die in Absprache mit dem Volkskommissariat für Landwirtschaft und der Zentralen Statistischen Verwaltung zu erstellen ist.
3. Die allgemeine Naturalsteuersumme für die RSFSR, nicht einbezogen die Ukraine und Turkestan, wird auf die Höhe von 340 Millionen Roggeneinheiten - bei Durchschnittsernte - veranschlagt, während sich die Gesamtsumme aller Naturalsteuern im Vorjahr auf 380 Millionen Roggeneinheiten belief.
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4. Die Steuerhöhe wird für jede Wirtschaft im einzelnen berechnet:
a) nach der Menge des Ackerlandes der Wirtschaft und der Wiesenflächen in Umrechnung auf Ackerland;
b) nach der Anzahl des Arbeitsviehs in der Wirtschaft und
c) nach den regionalen Getreidedurchschnittserträgen pro Desjatine*.
Bei der Festlegung der Steuerhöhe der Wirtschaft werden gebildet:
a) 11 Gruppen von Wirtschaften nach der Menge des Acker- und Wiesenlandes pro Konsument in der Wirtschaft;
b) 4 Gruppen von Wirtschaften nach Kopfzahl des in der Wirtschaft vorhandenen Viehs (bei Umrechnung auf Großvieh) und
c) 11 Stufen von Fruchtbarkeit, beginnend mit 20 Pud pro Desjatine entsprechend einer beizufügenden Tabelle ...
86. Agrarkodex der RSFSR
Angenommen auf der 4. Session des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees (Auszüge), 30. Oktober 1922
Allgemeine Bestimmungen
1. Durch die Verordnungen der Allrussischen Rätekongresse der Arbeiter-, Bauern- und Rotarmeedeputierten, die auf dem klaren, revolutionären Willensausdruck der Arbeiter und Bauern basieren, ist das Recht auf Privateigentum an Land, Bodenschätzen, Gewässern und Wäldern in den Grenzen der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik auf immer abgeschafft.
2. Alle Ländereien in den Grenzen der RSFSR, in wessen Händen sie sich auch immer befinden, sind Eigentum des Arbeiter- und Bauernstaates.
Teil I: Über die werktätige Bodennutzung
I. Über das Recht auf Boden zur werktätigen Nutzung
9. Das Recht auf Nutzung des Bodens zum Betrieb einer Landwirtschaft haben alle Staatsbürger der RSFSR (ohne Unterschied des Geschlechtes, des Glaubensbekenntnisses und der
* 1 Desjatine = 1,09ha.
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Nationalität), die ihn mit ihrer Hände Arbeit bebauen wollen. Staatsbürger, die Boden zur werktätigen Nutzung erhalten wollen, werden entweder von den Landgesellschaften (zemel'noe obscestvo), in deren Verbund sie eingehen, oder von den Landorganen mit Land ausgestattet, wenn sich in der Verfügungsgewalt der letzteren Landreserven befinden, die für die werktätige Nutzung bestimmt sind.
10. Das Recht auf Land kann durch den Landnutzer realisiert werden:
a) im Verbund einer Landgesellschaft bei gleichzeitiger Unterordnung unter die von der Gesellschaft festgelegte Nutzungsordnung oder
b) einzeln, ohne Beitritt in den Verbund einer Landgesellschaft.
II. Über die werktätige Landpacht (vorübergehende Übertragung des Bodenrechtes zur werktätigen Nutzung)
28. Für werktätige Landwirtschaften, die vorübergehend von unvorhersehbaren Notsituationen getroffen werden (Mißernte, Feuer, Viehseuche usf.) oder an Inventar- bzw. Arbeitskraftmangel leiden oder die Arbeitskraft verloren haben durch Tod, durch Einberufung zum Militär oder zum Sowjet- und Gesellschaftsdienst bei Wahlen, ferner durch vorübergehende Aufgabe der Landwirtschaft und Ausübung eines Wandergewerbes usf., für diese Landwirtschaften wird die Verpachtung des ganzen Landes oder eines Teils und dessen Bezahlung durch Geld, Produkte oder andere Formen der Vergütung zugelassen, wenn dabei die Bedingungen beachtet werden, die in den unten folgenden Artikeln ausgeführt sind.
29. Die Verpachtung wird für einen Zeitraum zugelassen, der nicht länger dauert, als man für die Durchführung einer Saatfolge auf dem gepachteten Bodenstück braucht (bei Dreifelderwirtschaft drei Jahre, bei Vierfelderwirtschaft vier Jahre usf.), bei Fehlen einer regelrechten Saatfolge - für eine Dauer von nicht länger als drei Jahren.
III. Über die Aushilfslohnarbeit in werktätigen Landwirtschaften
39. In Fällen, wo eine werktätige Landwirtschaft aufgrund ihrer Arbeitskraft oder ihres Inventars nicht in der Lage ist,
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notwendige landwirtschaftliche Arbeiten rechtzeitig auszuführen, wird die Anwendung von Lohnarbeit zugelassen.
40. Die Lohnarbeit wird nur dann zugelassen, wenn die sie anwendende Wirtschaft ihre werktätige Grundstruktur strikt bewahrt, d.h. unter der Bedingung, daß alle vorhandenen arbeitsfähigen Mitglieder der Wirtschaft auf gleicher Ebene mit den Lohnarbeitern an der Arbeit der Wirtschaft teilnehmen.
...
IV. Über die Landgesellschaft (zemel'noe obscestvo) (die Gesellschaft der Landnutzer)
Kapitel l:
Über den Bestand der Landgesellschaft
42. Neben den bestehenden Landgesellschaften werden als
solche auch anerkannt:
Landwirtschaftliche Kommunen und Artele,
aber auch freiwillige Vereinigungen einzelner Höfe oder die
Gesamtheit von Höfen, die aus früheren Landgesellschaften
ausgeschieden sind.
ANMERKUNG l: Die Landgesellschaft muß nicht zusammenfallen mit den Grenzen einer administrativen dörflichen Einheit.
ANMERKUNG 2: Landwirtschaftliche Kollektive zählen als Landgesellschaft nur dann, wenn sie aus mindestens 50 erwachsenen werktätig Landwirtschaft Treibenden bestehen.
43. Die Gesamtheit von Höfen, die die gemeinsame Nutzung
von Felderland besitzen, zählen in allen Fällen als eine einzige
Landgesellschaft.
ANMERKUNG: Teile von Siedlungen, die eine von anderen Teilen der gleichen Siedlung getrennte Nutzung von Felderland besitzen, zählen als selbständige Landgesellschaften.
Kapitel 2:
Über die Verwaltungsorgane der Landgesellschaften
50. Die Geschäfte der Landgesellschaft als solcher führen: die allgemeine Versammlung seiner vollberechtigten Mitglieder (schod), aber auch ihre Wahlorgane.
ANMERKUNG: In Landgesellschaften, die in ihren Grenzen mit dem Territorium eines Dorfsowjets zusammenfallen, werden Aufgaben, die auf Wahlorgane der Landgesellschaft
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entfallen, vom Dorfsowjet wahrgenommen, in anderen Gesellschaften aber von besonderen Bevollmächtigten in Landangelegenheiten, die von der Versammlung der Mitglieder der Gesellschaft zu wählen sind.
51. Die allgemeine Versammlung (schod) entscheidet alle Fragen, die die Landgesellschaft als Ganze betreffen, insbesondere
a) bestimmt und ändert sie die Nutzungsordnung für die Landstücke in der Gesellschaft;
b) verfaßt sie Bodenstatuten und verfügt bei Bedarf Änderungen und Ergänzungen;
c) entscheidet sie über Gesuche um Aufnahme neuer Landnutzer von außen in die Gesellschaft und über das Verlassen der Gesellschaft unter Mitnahme des Landes;
d) trifft sie Anordnungen über den Vorgang der Flurregulierung, über den Übergang zu großen Bodenstreifen, zum otrub-und chutor-System, über die Aufteilung des Landes zwischen Teilen der Gesellschaften usf.;
e) führt sie Bodenuniverteilungen und Zuweisungen durch, entsprechend der festgelegten Bodennutzungsordnung;
f) entscheidet sie bei Gemengelage Fragen der gemeinsamen Saatfolge, der gemeinsamen Viehweide usf.;
g) verfügt sie über die Landstücke, die von allen genutzt werden, und über freie Landstücke;
h) wählt sie die Bevollmächtigten (entsprechend dem obigen Artikel) und legt eine Ordnung für ihre Kontrolle fest.
52. Auf der allgemeinen Versammlung oder auf dem schod ... nehmen alle Landnutzer männlichen und weiblichen Geschlechts ohne Unterschiede teil, die nicht jünger als achtzehn Jahre sind und zum Bestand der Landgesellschaft gehören; Hauswirte, die selbständig eine Landwirtschaft führen auch dann, wenn sie jünger als achtzehn Jahre sind.
...
Kapitel 3:
Über die Rechte und Pflichten der Landgesellschaften
58. Jede Landgesellschaft ist berechtigt, jede beliebige Bodennutzungsart beizubehalten oder auf Verlangen der Mehrheit ihrer Vollmitglieder zu wählen.
59. Das Recht auf freie Wahl der Bodennutzungsart erstreckt sich auch auf landwirtschaftliche Kollektive, die auf ehemaligem bäuerlichen Anteilsland oder auf gekauftem Land, aber auch auf ehemaligen gutsherrlichen Ländereien gebildet wur-
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den, wenn sie unter der Bevölkerung zur werktätigen Nutzung und auf der Grundlage von Verordnungen der Landorgane oder der Rätekongresse verteilt wurden.
Mitglieder dieser landwirtschaftlichen Kollektive, die mitsamt dem Land aus ihnen ausscheiden, sind verpflichtet, staatliche Geld- und Materialdarlehen, die das Kollektiv erhalten hat, entsprechend ihrem Bodenanteil zurückzuzahlen.
...
V. Über den Hof (Werktätige Landwirtschaft)
Kapitel l:
Über den Stand des Hofes
65. Als Hof gilt ein werktätiger Familienzusammenschluß von Personen, die zusammen eine Landwirtschaft betreiben.
66. Als Mitglieder des Hofes zählen die faktisch anwesenden Personen (einschließlich der Minderjährigen und Alten), aber auch jene, die vorübergehend zur Ausübung eines werktätigen Gewerbes abwesend sind, ohne nach dem Gesetz aus dem Hof auszuscheiden ...
Kapitel 2:
Über die Teilung von werktätigen Landwirtschaften (Höfen)
73. Die Teilung einer werktätigen Landwirtschaft (eines Hofes) besteht in der Aufteilung von Bodenstücken und Vermögen, die bisher vom ganzen Hof gemeinsam genutzt wurden, zwischen den Hofmitgliedern (unabhängig von Geschlecht und Alter) zur Einzelnutzung.
74. Die Aufteilung der Grundstücke des Hofes wird nur unter den Voraussetzungen und Bedingungen zugelassen, daß die sich separierenden Mitglieder des Hofes neue Landwirtschaften auf ihrem abgetrennten Land bilden; in den übrigen Fällen kann nur eine Aufteilung des Hofvermögens vorgenommen werden.
...
VII. Über die Umverteilung des Bodens in Gesellschaften mit einer Landgemeinde (Bodennutzung)
116. Jede Neuverteilung (peredel) des Bodens erfolgt aufgrund einer besonderen Vollzugsentscheidung der Landgesellschaft, beschlossen mit einfacher Stimmenmehrheit seiner Mitglieder, mit Angabe
a) der zur Neuverteilung kommenden Bodenstücke;
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b) der Art der Zuteilungseinheiten (Esser, männliche Arbeitskräfte und andere);
c) der Anzahl von Einheiten, die auf jeden Hof entfallen;
d) der Fristen, in denen die Neuverteilung vorgenommen wird und
e) der Nutzungsordnung für die Reservebodenstücke, falls solche bei der Neuverteilung übrig bleiben.
117. Die Bodenverteilung beim peredel wird entsprechend den Zuteilungseinheiten unter allen Höfen, aus denen die Landgemeinden bestehen, nach gleichen Grundsätzen vorgenommen.
...
121. Ackerflächen können nicht vor Ablauf eines Zeitraumes neu verteilt werden, wie er für die dreifache Durchführung der in der Gesellschaft üblichen Saatfolge benötigt wird.
122. Vorfristige Neuverteilungen sind nur zulässig, wenn die Gesellschaft zu besseren Formen der Bodennutzung und Wirtschaftsführung übergeht (von kleinen zu Großfeldern, von der Drei- zur Vielfelderwirtschaft und dergleichen), aber auch für die Aufteilung von Land, nach der Zwangskonfiszierung eines Teils der Bodengrundstücke, für die Separierung von Bodenanteilen beim Ausscheiden aus der Gesellschaft oder für die Durchführung der Flurregulierung.
87. Das Dorf, die Landgemeinde (obscina) und ihre Versammlungen (schody)
Beobachtungen zur Entwicklung des Waldaidorfes Gadysi im Gouvernement Novgorod, Untersuchungszeitraum 1921 bis 1923
... Das Dorf* teilt sich, wie wir schon bisher oft beobachten konnten, in zwei selbständige soziale Organisationen, d.h. in zwei Landgemeinden (zemel'nye obsciny). Was älter ist - die beiden Landgemeinden oder ihre Vereinigung in einer dörflichen Selbstverwaltung - kann man schwer sagen. Es ist möglich, daß zuerst das Dorf existierte, als Ganzes, und dann zwischen zwei Gutsherrn aufgeteilt wurde. In diesem Falle wäre
* Gadysi.
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das Dorf im ganzen älter als jede der beiden Gutsherrschaften. Aber auch das Umgekehrte ist möglich ...
Juristisch bildet das Dorf schon seit 1861 eine Einheit, obwohl der Sache nach bis zum Ende des 19. Jahrhunderts für jeden Teil (kraj) die Steuern gesondert ausgewiesen wurden, sowie jeder Teil seine eigenen Loskaufzahlungen entrichtete. Jeder Teil entschied alle ökonomischen Fragen selbständig (Einstellung eines Hirten, Einfriedung von Feldern, Übertragung und Verkauf von Landanteilen). Selbst nach der Revolution führte jeder Teil getrennt für sich die Boden- und Waldexpropriationen durch, wobei man sich in der Hauptsache die Ländereien der eigenen Gutsherrn aneignete. Zur Entscheidung der eigenen wirtschaftlichen Probleme treten spezielle Versammlungen (schody) jedes Dorfteils zusammen. Sie haben keine juristische Bedeutung, aber sie entscheiden dennoch für die Bauernschaft äußerst wichtige Fragen. In Fällen, wo die Entscheidung der Teilversammlung in die gesetzlich vorgeschriebene Form gebracht werden muß, wird sie als Entscheidung der Gesamtdorfversammlung ausgegeben. Aber aus der Liste der Hauswirte ist ersichtlich, daß tatsächlich auf der Versammlung nur die Bauern des einen Dorfteils zugegen sind. Nachbarschaftliche Nähe und wechselseitige Sympathie zeigen sich vor allem in den Beziehungen zwischen Bauern, die ein und demselben Dorfteil angehören.
Die Versammlung des gesamten Dorfes und die gesamtdörfliche Verwaltung haben in der Hauptsache administrative Bedeutung. Die Versammlungen kommen zusammen, um Amtspersonen zu wählen (früher die Ältesten, starosti, jetzt den Vorsitzenden und die Mitglieder des Dorfsowjet), und um Steuern und Verpflichtungen zu verteilen. Die letztgenannte Aufgabe führt der Dorfsowjet in der Gegenwart übrigens nicht so aus, wie es im Gesetz steht, sondern nach Gewohnheitsrecht. Der Dorfsowjet hat das Recht, die laufenden Verwaltungsgeschäfte eigenverantwortlich zu führen, ohne die Versammlung einzuberufen. Doch der Vorsitzende und die Mitglieder des Dorfsowjet sind überhaupt nicht bereit, die Verantwortung für diese Entscheidungen auf sich zu nehmen, als da sind die Umlegung der Steuern, die Reihenfolge der Fuhrdienste und die Verteilung der anderen Verpflichtungen. Sie arbeiten »auf alte Art«, das heißt sie rufen die Dorfversammlung zusammen und treffen dort, in Abstimmung mit den Dorfmitbewohnern, diese oder jene Entscheidung. Die Autorität der Dorfversammlung ist so
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unangefochten, daß auch alle Amtspersonen, die aus dem Amtsbezirk in fiskalischen Angelegenheiten anreisen, sich unverändert mit ihren Erklärungen und Vorschlägen an die Dorf-versammlung wenden und nicht an den Dorfsowjet. Ich zweifle sogar, ob der Dorfsowjet in Gadysi zu eigenen speziellen Sitzungen neben der Dorfversammlung zusammentritt. Es hat den Anschein, daß er dies nicht tut. Auf der Dorfversammlung versammeln sich die Hauswirte. Witwen und junge Burschen kommen nur dann, wenn es auf der Wirtschaft keine erwachsene Mannsperson gibt ... Auf der Dorfversammlung werden die Angelegenheiten wie auf der alten Volksversammlung (vece) ohne feste Ordnung und geräuschvoll erörtert; es wird viel geschimpft, wobei man gewöhnlich in Erinnerung ruft, wie dieser oder jener Bauer es verstanden hat, sich von einem Teil einer bestimmten Steuer zu drücken und sie auf die anderen abzuwälzen. Alles schreit gleichzeitig und vielstimmig durcheinander. Eine regelrechte Abstimmung gibt es normalerweise nicht. In fiskalischen Dingen nimmt die Dorfversammlung meistens - nach Geschrei und Gezank - die Umlegung der Steuern oder Verpflichtungen so vor, wie dies das Amtsbezirks-Exekutivko-mitee vorgeschlagen hat. Manchmal aber - was nicht häufig vorkommt - versagt die Dorfversammlung der Durchführung von Forderungen des Amtsbezirks-Exekutivkomitees ihre Zustimmung: So weigerten sich die Bauern im Sommer 1921, die Buttersteuer zu entrichten. Am Tag nach der Dorfversammlung begaben sich ungefähr zehn der einflußreichsten und wohlhabendsten Hauswirte zum Amtsbezirk, um die Weigerung mitzuteilen. Vier von ihnen erhielten den Befehl, sich nach Waldai in Arrest zu begeben; im Dorf betrachtete man sie als Personen, die »einstehen und Leid auf sich nehmen für die Dorfgemeinschaft (mir)«.. Sie begaben sich nach Waldai, aber in Haft, so scheint es, saßen sie nicht; weil das Landkreisexekutivkomitee verfügte, die Naturalbuttersteuer in Getreideeinheiten umzurechnen ...
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88. Die Bauern, ihre Einstellung zur »Kulturarbeit« (Schule) und ihre Ansichten über »Kommunismus« Aus demselben Novgoroder Dorf, Untersuchungszeitraum 1921 bis 1923
Für Kultur und Volksaufklärung zeigt die Dorfversammlung am allerwenigsten Interesse. In den letzten Jahren wird in der Dorfversammlung oft das Schulproblem aufgeworfen — aber ohne jedes Ergebnis. Bis zur Revolution war die Schule in einer Wohnung untergebracht, deren Mietkosten das gesamte Dorf trug. Nach der Revolution, als der Prochorovsker Herrensitz beschlagnahmt wurde, brachte man die Schule in der Küche unter, im großen Haus aber richtete man eine Gaststätte ein, obwohl es besser gewesen wäre, es umgekehrt zu machen. Nach Schließung der Gaststätte schlug man den Bauern immer wieder vor, das große Haus für die Schule zu nehmen und zu renovieren. Aber sie waren damit nicht einverstanden, obwohl die Schule in der Küche nicht existieren konnte. Haupthinderungsgrund für eine Einigung sind die Intrigen zweier reicher Häuser: Das eine will sein Domizil auf Kosten des ehemaligen Herrensitzes erweitern und drängt deshalb darauf, das Gutshaus zum Abbruch zu verkaufen. Das andere will der Schule sein eigenes, neu gebautes und leerstehendes Haus vermieten. Und die übrigen Bauern sind der Ansicht, daß sie die Renovierung teuer zu stehen käme. So geht es nun schon drei Jahre: Das große Haus verfällt, dafür hausen 60 Schüler zusammengepfercht in der neun Arschin* großen Küche, ja und die beginnt man - weil ein Wächter fehlt - kaputt zu machen, man klaut die Bücher, die Hefte (für Selbstgedrehte) und die Lehrmittel. Die Schwäche der Dorfversammlung als einer öffentlichen Einrichtung und die Stärke von Privatinteressen zeigen sich hier besonders deutlich. Allerdings fällt hier nicht die ganze Schuld auf die Dorfversammlung. Auch die Landabteilung des Amtsbezirks unterstützt, ebenso wie das Dorf, die Interessen der Schule nur wenig. Allgemein gilt, daß die Frage der Nutzung, genauer gesagt der Inbesitznahme der ehemaligen gutsherrlichen Gebäude, äußerst einfach entschieden wird: Wer sich traut, verschlingt zwei. Die besten Gebäude erhalten zuweilen die Funktionäre des Amtsbezirks (so hat M. S. sich das Melnickij-Haus angeeignet) oder ihre Freunde und Bekannten. Die Mehrheit
* 1 Arschin (russisches Längenmaß) = 0,71 m.
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der Bevölkerung findet eine solche Handlungsweise vollkommen natürlich. Er ist eine einflußreiche, wichtige Person, ein »Kommunist«, so die Meinung des einfachen Bauern, also reißt er sich die besten Dinge unter den Nagel. Wenn ich im Gespräch mit einer einheimischen Bäuerin - bezogen auf ein Mitglied des Amtsbezirks-Exekutivkomitees - Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner kommunistischen Überzeugungen äußerte, hielt sie mir sogleich das unwiderlegbare Argument entgegen:
»Wie denn, der und kein Kommunist. So ein großes Haus hat er sich unter den Nagel gerissen, der und kein Kommunist« ...
Aber trotzalledem: Gibt es viele Kommunisten im Dorf? Gibt es sie? Diese Frage muß man verneinen. Im gegenwärtigen Augenblick gibt es in Gadysi nicht einen einzigen Kommunisten. Sympathisanten gibt es sehr wenige - sechs Personen unter den Halbwüchsigen und ein Junger auf einem Einsiedlerhof, von dem wiederholt die Rede war (Nikolaj Tutaev). Aber sowohl die, die mit der Partei sympathisieren, wie die, die nicht sympathisieren, wissen über den Kommunismus als solchen sehr wenig. Die Nichtsympathisanten sagen, daß die Kommunisten gegen Gott sind, daß unter ihnen viele »Juden« sind und daß alle Kommunisten irgendwelche Kommandoposten im Verwaltungsapparat bekleiden. Der Ausdruck »bei den Kommunisten dienen« ist hier verbreitet. Die Sympathisanten halten die Kommunisten für fortschrittliche Leute, für Anhänger der Volksaufklärung, für Feinde des finsteren Unwissens. Aber von Kommunismus als ökonomischer Lehrmeinung haben die dörflichen Parteigänger der Kommunisten nur eine äußerst schwache Vorstellung und im allgemeinen interessiert sie diese Frage wenig ...
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90. Lenin über den Stand der Elementarbildung in Rußland und die politische Bildungsarbeit auf dem Dorfe Aus einem ›Pravda‹-Artikel vom 4. Januar 1923
... Ich führe nachstehend eine ... Tabelle über die Elementarbildung der Bevölkerung Rußlands für die Jahre 1897 und 1920 an.
Es konnten lesen und schreiben:
von 1000 männl. Einwohnern | Von 1000 weibl. Einwohnern | von 1000 Personen der Gesamt-bevölkerung | ||||
1897 | 1920 | 1897 | 1920 | 1897 | 1920 | |
1. im Europäi-schen Rußland | 326 | 422 | 136 | 255 | 229 | 330 |
2. im Nordkaukasus | 241 | 357 | 56 | 215 | 150 | 281 |
3. in Sibirien (West) | 170 | 307 | 46 | 134 | 108 | 218 |
Insgesamt | 318 | 409 | 131 | 244 | 223 | 319 |
Während wir über proletarische Kultur und über ihr Verhältnis zur bürgerlichen Kultur geschwatzt haben, bringen uns die Tatsachen Ziffern, die zeigen, daß es bei uns sogar um die bürgerliche Kultur sehr schlecht bestellt ist. Es hat sich, wie auch zu erwarten war, herausgestellt, daß wir noch sehr weit hinter der allgemeinen Elementarschulbildung zurückgeblieben sind, und daß sogar unser Fortschritt im Vergleich zu den zaristischen Zeiten (1897) ein allzu langsamer ist. Das ist eine furchtbar ernste Warnung und ein Vorwurf an die Adresse derjenigen, die in den lichten Höhen der »proletarischen Kultur« schwebten und jetzt noch schweben. Das zeigt, wieviel dringende, grobe Arbeit wir noch zu leisten haben, um das Niveau eines gewöhnlichen zivilisierten westeuropäischen Staates zu erreichen. Das zeigt ferner, welche Unmenge von Arbeit uns jetzt noch bevorsteht, damit wir auf der Basis unserer proletarischen Errungen-
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schaften tatsächlich ein halbwegs kulturelles Niveau erreichen ...
Es handelt sich um die halbasiatische Kulturlosigkeit, aus der vir bisher nicht herausgekommen sind ...
Der Volksschullehrer muß bei uns so hoch gestellt werden, wie er in der bürgerlichen Gesellschaft nie gestanden hat, nicht steht und nicht stehen kann. Das ist eine Wahrheit, die keiner Beweise bedarf.
... Man muß damit anfangen, den Verkehr zwischen Stadt und Land herzustellen, und darf sich nicht von vornherein das Ziel setzen, den Kommunismus aufs Land zu verpflanzen. Ein solches Ziel kann gegenwärtig nicht erreicht werden. Dieses Ziel ist nicht zeitgemäß. Sich dieses Ziel setzen, hieße der Sache statt Nutzen Schaden bringen.
Aber den Verkehr zwischen den Arbeitern der Stadt und den Werktätigen des flachen Landes herzustellen, jene Form der Kameradschaftlichkeit zwischen ihnen zu schaffen, die sich leicht erreichen läßt - das ist unsere Pflicht, das ist eine der Hauptaufgaben der Arbeiterklasse, die an der Macht steht. Zu diesem Zweck ist es notwendig, eine Reihe von Vereinigungen (der Partei, der Gewerkschaften, Sondervereine) der Fabrikarbeiter ins Leben zu rufen, die sich systematisch das Ziel setzen, dem Dorfe in seiner kulturellen Entwicklung zu helfen.
Wird es nun gelingen, alle Stadtzellen auf alle Dorfzellen »zu verteilen«, damit jede Arbeiterzelle, die einer entsprechenden Zelle im Dorf »zugeteilt« ist, bei jeder Gelegenheit, in jedem Fall systematisch dafür sorge, daß dieses oder jenes kulturelle Bedürfnis ihrer Patenzelle befriedigt wird? Oder wird es gelingen, andere Formen der Verbindung ausfindig zu machen? Ich beschränke mich hier darauf, die Frage lediglich aufzuwerfen, um die Aufmerksamkeit der Genossen auf sie zu lenken ...
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92. Mit dem Gesicht zum Dorf
Aus den Resolutionen des 13. Parteitages im Mai und des Plenums des Zentralkomitees im Oktober 1924 zur Arbeit auf dem Dorfe und zur Fortentwicklung der NEP
Aus den Resolutionen des 13. Parteitages
1. Die Politik der NEP (Neuen Ökonomischen Politik) hat sich grundsätzlich auch auf dem Dorf vollkommen bewährt: die Produktivität der Landwirtschaft und das Wohlergehen breiter bäuerlicher Massen kommt - zwar langsam, aber stetig - voran. Die schon erreichten Ergebnisse ... führen dazu, daß vor allem die mittleren und wohlhabenderen Schichten innerhalb der Bauernschaft zu wachsen beginnen. Mit ihnen wachsen die Dorfarmen (bednota), es kommt zur Differenzierung der Bauernschaft.
Die Eigenart der auf dem Dorfe vor sich gehenden Differenzierung besteht darin, daß ihr Grundelement bis heute weniger das Land ist, sondern der Handel, das Vieh, das Inventar, die zu Instrumenten der Akkumulation und Mitteln der Ausbeutung der schwächeren Elemente werden. Gleichzeitig damit ist ein Anwachsen der Artele, der Kollektive, der Genossenschaften zur gemeinsamen Bodenbestellung, der gemeinsamen Anschaffung von Inventar, eine beginnende Verbreitung der Kooperation zu beobachten.
All dies findet seinen politischen Ausdruck in der wachsenden politischen Aktivität sowohl der wenig vermögenden wie der potenten Schichten des Dorfes.
2. Bei der Entscheidung über die Parteiarbeit auf dem Dorf ist notwendigerweise von jener Aufgabe auszugehen, die der gesamten historischen Periode gestellt ist: der Verwirklichung des Bundes der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.
Die weitere Entwicklung der bäuerlichen Wirtschaft, der Kampf mit ihren Mängeln, eine zwangsläufige Folge unserer Armut und Verwüstung, muß auf der Grundlage der Fortentwicklung des Bundes zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft, des wirtschaftlichen Bündnisses (smycka) zwischen Staatsindustrie und Landwirtschaft vor sich gehen.
3. ... Die Grundlinie der Partei zu dieser Frage ist im letzten Artikel Lenins >Über die Kooperation festgeschrieben: »... Im Grunde genommen ist ein genügend breiter und tiefer genossenschaftlicher Zusammenschluß der russischen Bevölkerung unter den Bedingungen der NEP alles, was wir brauchen ... die
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Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als krämerhaft behandelt haben und die wir in gewisser Hinsicht jetzt, unter der NEP, ebenfalls so zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und hinreichend ist.«
Aus den Resolutionen des Plenums des Zentralkomitees Ausgehend von den Entschließungen des 13. Parteitages zu den Fragen der Arbeit auf dem Dorfe, die Grundanweisungen zu allen wichtigen Aspekten dieser Arbeit enthalten, ... und in Anbetracht dessen, daß die politische Aktivität im Dorfe weiter wächst, ist es unumgänglich, den Parteiorganen nachfolgende ergänzende Anweisungen zu geben;
I. Die Führungsarbeit der dörflichen Parteizellen und der Amtsbezirkskomitees ist zu verstärken. Dabei ist besonderes Augenmerk auf den Inhalt der Zellenarbeit zu legen. Es ist unumgänglich, daß Zellen und Bezirkskomitees - abgesehen von den Fragen der Politschulung ihrer Mitglieder und der politischen Aufklärungsarbeit unter den bäuerlichen Massen (zentral bei den Landarbeitern und kleinbäuerlichen Schichten) -den Fragen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens im Dorf und der Arbeit der entsprechenden Sowjet- und Wirtschaftsorgane (Genossenschaften, krestkomy usf.) die notwendige Aufmerksamkeit schenken ...
II. Von besonderer Wichtigkeit ist für die Arbeit der Parteiorganisationen auf dem Dorf ihr eigener Personalbestand und hier in erster Linie der Bestand der Führungskräfte dieser Organisationen ..
III. Die Intensivierung der Bemühungen und - dies besonders - die Verstärkung des Personalbestandes der Parteiorganisationen auf dem Dorf ist um so notwendiger, als zusammen mit der Stabilisierung der Wirtschaft die Aktivität der gesamten bäuerlichen Masse wächst. Diesen Zuwachs an politischer Akti-
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vität im allgemeinen und der Kleinbauernschaft im besonderen muß die Partei vor allem auf die Belebung der Sowjets lenken, auf die Unterstützung der Tätigkeit der Sowjet-, Genossenschafts- und anderer Organisationen ...
IV. Bei der Planung unserer gesamten Agitation und Propaganda auf dem flachen Land, aber auch bei der Durchführung der allgemeinen politischen Kampagnen, haben die lokalen wie die zentralen Organe (in der Presse und bei öffentlichen Auftritten) darauf zu sehen, daß die Bedürfnisse, Nöte und Grundstimmungen der breiten bäuerlichen Masse mit Behutsamkeit und großer Vorsicht behandelt werden ...
V.Neben den Parteiorganisationen haben die Komsomolorganisationen im Dorf besonders große Bedeutung ...
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93. Anteil der in der Industrie Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung im europäischen Teil der Sowjetunion, 1924/25
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94. Die Schwäche der Parteiorganisation auf dem Lande
Ein Parteifunktionär berichtet aus einem Amtsbezirk des Smolensker Gouvernements, Sommer 1924
Laut Angaben in den Rechenschaftsberichten gibt es im Amtsbezirk* vier Zellen der RKP/b:
Pocinok | 10 | Mitglieder | und | 5 | Kandidaten |
Prudki Ivanovsk Gorodkovsk insgesamt | 6 4 4 | Mitglieder Mitglieder Mitglieder | und und und | 4 2 1 | Kandidaten Kandidaten Kandidat |
24 | Mitglieder | und | 12 | Kandidaten. |
Die meisten von ihnen waren 1919 in die Partei eingetreten (14 Mitglieder und l Kandidat).
Bei der Untersuchung des Amtsbezirks nahmen wir den neu gewählten Sekretär des [Partei-] Bezirkskomitees Kruglikov mit, damit er sich als neuer Mann für den Amtsbezirk mit der Arbeit der Zellen vor Ort bekannt mache. Wir erkundigten uns nach der Arbeit der kommunistischen Zellen in mehr als 20 Ansiedlungen des Amtsbezirks, aber niemand nannte uns auch nur ein einziges Beispiel für die kommunistische Zellenarbeit im Dorf. Und bloß in Kujazi wunderte sich ein Mitglied der Zelle P.: »Welche Arbeit versucht ihr denn im Sommer ausfindig zu machen, wo sich unsere (Ivanovsker) Zelle doch kein einziges Mal versammelt hat.«
Mit der Zelle in Prudki war es genau dasselbe. Der Sekretär des Komsomol wunderte sich sehr, als der Sekretär des Bezirkskomitees in der Liste die Zelle von Prudki mit zehn Mitgliedern und Kandidaten angegeben fand. »Ja woher habt Ihr die denn?« Man mußte die Familiennamen nennen, und erst dann konnte er sich erinnern, wo wer arbeitet.
Parteieinfluß auf dem Dorf, wenn man den Einfluß kommunistischer Zeitungen abrechnet, gibt es überhaupt nicht. Das, was das Bezirkskomitee in Pocinok** selbst macht, erreicht fast nur die Angestellten, Kleinbürger und Händler.
Das Bezirkskomitee arbeitet mit Energie, aber einen kommu-
* Im Amtsbezirk lebte zu diesem Zeitpunkt eine Bevölkerung von 35408 Menschen. Es gab 6340 bäuerliche Wirtschaften, die sich auf 208 Siedlungspunkte, davon 83 Aussiedlerhöfe, verteilten.
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nistischen Stützpunkt im Dorf gibt es nicht. Wenn der Komsomol, soweit es seine Kräfte erlauben, auch im Sommer arbeitet, so leisten die auf größere und kleinere Dörfer verstreuten Kommunisten - abgesehen von Dienstgeschäften - überhaupt keine kommunistische Arbeit. Dasselbe sagt auch P.: »Anfangs leistete ich Führungsarbeit in meinem landwirtschaftlichen Kollektiv, aber jetzt habe ich das aufgegeben, und es gibt auch ohne das viel zu tun.«
»Man braucht einen Kommunisten nur in den Rajonssowjet zu befördern, so setzt ihn die Naturalsteuer so unter Druck, daß er keine Zeit für Parteiarbeit mehr hat«, sagt Genösse M., der ehemalige Vorsitzende des Bezirkskomitees.
Als wir uns an das Bezirkskomitee mit der Bitte wandten, uns Protokolle der Zellen zu geben, stellte sich heraus, daß eine regelmäßige Tätigkeit nur die Zelle von Pocinok ausübt, und seit 12. April sechs Protokolle vorliegen. Das Protokoll Nr. l der Zelle von Prudki ging erst am 10. August ein. Der Sekretär der Zelle des Dorfes Gorok hat bisher das Protokoll nicht »überarbeitet«, richtiger ist, es gibt nichts zu überarbeiten ...
95. Die Parteizelle einer Moskauer Fabrik übernimmt die politische Patenschaft für einen ländlichen Amtsbezirk im S(molensk)er Gouvernement Erste Eindrücke über die Zustände auf dem Dorf Dezember 1924
... Mitte Dezember kamen wir+ in den Amtsbezirk. Es war frühmorgens ... »Nun«, sagte ich zu Alekseev, »jetzt da wir da sind, gibt es für uns mancherlei zu tun; wir sollten mit dem Sekretär des Bezirkskomitees++ beginnen. Gehen wir ihn suchen!«
Wir gingen durch die schlafende Ansiedlung auf ein nahegelegenes hölzernes Häuschen zu, wo Cusov+++ wohnte. Wir klopften ans Fenster. Es dauerte zehn Minuten, bis die verschlafene Gestalt Cusovs in der Tür erschien.
Wir erklärten, daß sich unser lebendes und totes »Inventar«
+ Parteifunktionär Burov, der Autor des Berichtes und der Agronom Alekseev.
++ Ergänze: der Partei.
+++ Cusov war der Sekretär des Bezirkskomitees.
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an der Station befinde und auf seine Mithilfe bei der Unterbringung warte. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Station.
Unterwegs fiel mir an Cusov der sorgenvolle Gesichtsausdruck auf. Ich merkte, daß ihn irgend etwas bedrückte. Ich hielt es nicht aus und wandte mich an Cusov mit der Frage, warum er so mißgestimmt sei.
»Ja, es gibt bei uns ein Unglück ... sehr unangenehm ...«, erklärte er mir. Seiner Stimme merkte man die Erregung an.
»Worum handelt es sich«, fragte ich.
»Nun darum. Gestern kam ich erst aus B. Das liegt etwa 20 Werst+ von hier. Dort haben Kulaken (Großbauern) einen Sowjetfunktionär erschlagen, einen Bauern, den ehemaligen Vorsitzenden des dortigen Dorfsowjet, Efimov. Ein Bursche mit großer Hingabe für die Sache« ...
Wir begannen Cusov auszufragen, wie sich alles zugetragen hatte. Er erzählte, daß eine Gruppe von Kulaken, die der erschlagene Genosse immer bloßstellte und von der er die termingerechte Bezahlung der Steuer forderte, Efimov oft genug angedroht hatte, mit ihm abzurechnen. Aber er beachtete sie nicht und setzte seine Arbeit fort. Einige Tage vor dem Mord erzählte er ruhig Cusov, die Kulaken, so befürchte er, könnten mit ihm abrechnen. Cusov schlug ihm vor, sich aus B. in einen anderen Ort versetzen zu lassen. Diesen Vorschlag lehnte Genösse Efimov rundweg ab. »Vor zwei Tagen«, so setzte Cusov seine Erklärung fort, »lockten die Kulaken Efimov in eine Hütte und zettelten irgendeinen Streit an. Er verließ die Hütte, aber ihm folgte eine Gruppe von Kulaken. Diese Gruppe holte ihn beim Fluß ein und versetzte ihm von hinten mit irgendeinem stumpfen Gegenstand einige tödliche Schläge auf den Kopf. Den Leichnam des ermordeten Genossen schleppten die Mörder zum Fluß und schickten sich an, ihn in ein Eisloch zu lassen, aber offenkundig wurden sie von irgend jemandem gestört. Kurz darauf verhafteten die Strafverfolgungsorgane vierzehn Personen. Die Mehrheit gesteht das Verbrechen nicht
»Und wie verhält sich die Bevölkerung zu diesem Mord?« fragte ich.
»Meist schwieg sie« ...
+ 1 Werst (versta) = 1,066km.
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Ich trennte mich von Cusov und schlenderte etwas über den Basar, auf dem zu diesem Zeitpunkt schon jede Menge bäuerlicher Fuhrwerke ankam.
Ich nutzte die Gelegenheit und schaute bei der Genossenschaft vorbei.
Der verhältnismäßig üppige Ladenraum war voll von bäuerlichen Käufern, die zum Basar gekommen waren. Ein reger Handel war im Gange. Die paar Verkäufer wurden der Sache kaum Herr. Es bildete sich eine Käuferschlange.
»Nun, da haben Sie unsere Genossenschaft«, sagte mir Kozlov, der Vorsitzende der Verwaltung der Iz-er Genossenschaft.
Nach der Genossenschaft schaute ich beim vik* vorbei. -»Und wo ist das volkom«?** wandte ich mich an einen der Bauern.
»Volkom?«. fragte er mich zurück, offenkundig verstand er dieses Wort nicht.
»Sie suchen den Genossen Kitov?« fragte mich ein anderer Bauer, der am Fenster stand.
»Nein, das volkom!«
»Volkom?«. fragte auch der andere Bauer ratlos zurück.
Ich sah, daß sie dieses Wort nicht kannten. Dann sagte ich, daß ich Cusov suchte.
»Ach Cusov! der ist da« ... und der Bauer wies mit der Hand auf eine Tür ...
96. Lesestube, Fabrik, Kolchoz, Sowjet und Kleinbauernversammlung
- die »Stützen der Sowjetmacht auf dem Lande« und ihr Zustand vor Ort Aus demselben Erlebnisbericht, Dezember 1924
Aber was uns am meisten bedrückte, das war die Sache mit der Lesestube. Die Lesestube muß als Zentrum der politischen Aufklärung dienen. Doch gerade die Bevölkerung des Amtsbezirkes, Bauern und Bäuerinnen, besuchten die Lesestuben fast überhaupt nicht. Das merkte ich gleich bei der Ankunft im Dorf. Unsere Lesestube - das ist ein schmutziger, stinkender Raum für rund 200 Personen, sehr ungemütlich, und deshalb war es unmöglich, jemanden dorthin zu locken. Aber die Hauptsache, warum die Leute nicht in die Lesestube kamen,
* RUSS. Abkürzung für Amtsbezirks-Exekutivkomitee.
** RUSS. Abkürzung für Amtsbezirks-Parteikomitee.
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war, daß dort überhaupt keine Arbeit geleistet wurde, die für die Bauern irgendwie nützlich gewesen wäre. Ich merkte das recht schnell, und beriet mich etwas mit einem der dortigen Bewohner, wie man eine lebendige Arbeit in unserer Bezirkslesestube organisieren könnte. Das war eine schwierige Frage ...
Irgend einmal begannen wir Patenschaftsfunktionäre, uns Gedanken zur Frage der Kalkfabrik zu machen. Warum sollte man, so dachten wir, diese Fabrik nicht in die Bezirkskompetenz überführen. Wir wußten, daß sich das Werk unter der Verwaltung des Kreisexekutivkomitees befand, und uns schien es zweckmäßig, die Kalkfabrik zum Beispiel der Genossenschaft zu übergeben oder eine andere Genossenschaft unter Beteiligung jener Bauern zu gründen, die sich bereits mit dem Abbau des Kalksteins und der Zulieferung an das Werk befaßten. Da ereignete sich etwas, was uns zwang, noch mehr über die Überführung von Kalkfabriken in den Kompetenzbereich des Amtsbezirkes nachzudenken.
Und das kam so: Cusov und mich hielt am Markttag auf der Straße der Ansiedlung eine Gruppe von Bauern an, die uns baten, mit ihnen die Lieferung des Kalksteins an das Kalkwerk zu besprechen. Sie beschwerten sich, daß die Fabrik, die Bruch und Lieferung des Kalksteines in Auftrag gab, dabei die vielen Kleinbauern umging und ihnen keine Aufträge gab, statt dessen diese Arbeit den besitzenden Bauern übertrug, die auch ohne dieses Nebengewerbe ihr gutes Auskommen hatten.
Wir wurden uns schlüssig, mit dem Geschäftsführer der Fabrik, Genossen M., zu reden. Allein, die Bauern bestanden darauf, daß dieser Frage sogleich auf den Grund zu gehen sei, weil die Fabrik offenkundig Unrecht tue, nicht auf die Belange der Bevölkerung achte. Wir baten die Bauern, in zwei, drei Stunden wiederzukommen und begaben uns selbst zum Genossen M. Aus dem Gespräch mit letzterem erfuhren wir, daß wirklich einige Kleinbauern aus Dörfern, die in der Nähe des Steinbruches lagen, keine Lieferaufträge der Fabrik für Kalkstein erhielten.
»Warum denn«, fragte ich Genossen M.
M. verwickelte sich in Widersprüche und konnte mir hierzu keine klare Antwort geben. Aus dem weiteren Gespräch wurde mir klar, daß die Fabrik keine feste Klassenlinie einhielt und unter Umgehung der Kleinbauern die Aufträge den besitzenden Bauern erteilte.
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Geschäftsführer M. erklärte dies mit »Interessen der Produktion«, sagte, daß die »reichen Bauern fähiger und verläßlicher« seien, daß die Fabrik ihnen ruhig Lieferaufträge für Kalkstein geben könne. In die Dörfer I. und Z. fuhren Repräsentanten des vik und regelten die Sache vor Ort.
Aber der geschilderte Vorfall zeigte uns, daß es mit der Fabrik nicht zum besten stand. Später erfuhren wir folgendes:
In den Steinbrüchen, die sechs Werst von der Fabrik entfernt lagen, und wo der Abbruch des Kalksteines vor sich ging, fehlten jegliche Vorrichtungen zum Schutz der Gesundheit der dort arbeitenden Bauern. Die Bauern betrieben den Abbruch des Steines auf eigenes Berufsrisiko, wobei die Arbeit oft unter Lebensgefahr vor sich ging. Gefährliche Stellen waren nicht befestigt und es kam zu Bruchlawinen und Verletzungen der Bauern. Überhaupt, so gelang mir später herauszubringen, führte die Kalkfabrik ihre Geschäfte so wie ein privatwirtschaftlicher Fabrikant. Die Bevölkerung erhielt eine äußerst miserable Bezahlung für ihre Arbeit: für 20 Rubel mußte der Bauer 1000 Pud Kalkstein abbauen, diesen Kalkstein mit seinem Pferd sechs Werst weit transportieren und in der Fabrik abladen. Trotz dieser miserablen Bezahlung des Nebengewerbes gab es, wie wir später erfuhren, zwischen ganzen Dörfern heftigen Streit und Zwist, weil man mit der Lieferung von Kalkstein an die Fabrik etwas dazuverdienen wollte ...
Ende Dezember beschlossen wir, zusammen mit Cusov in den Kolchoz B. zu fahren.
Es war ein frostiger Morgen, als wir zeitig früh in Richtung B. fuhren. Wir waren zu viert: Cusov, ich, Koziov und der Sekretär des Bezirkskomitees des Komsomol L.
Bald näherten wir uns dem Kolchoz. Wir traten in ein Haus, ganz aus Holz. Der Sekretär der Zelle, Genosse M., nahm uns m Empfang. Man wärmte sich auf, atmete durch.
Der Kolchoz B. hat bis zu 700 Desjatinen Land. Im Kolchoz arbeiten 40 Mitglieder, Letten. Zum Kolchoz gehören bis zu 40 Kopf Zuchtvieh, ein Sägewerk in A., eine Reparaturwerkstätte und anderes. Es stellte sich heraus, daß der Kolchoz eine exklusive Vereinigung der 40 Kolchozmitglieder, ausschließlich Letten, war, die sich vor allem mit der Selbstversorgung befaßten. Der Kolchoz beutete auf jede erdenkliche Weise die Arbeit der Bauern aus. Es kam vor (davon berichteten die dort anwesenden Komsomolzen), daß man Bauern, die in den Kolchoz ka-
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men, hochkantig hinwarf. Es kam vor, daß man Bauern im Kolchoz verprügelte. Von einer solchen Verprügelung berichtete mir der betroffene Bauer Ivanov aus dem Dorf T. Insgesamt blieb uns von allem, was wir im Kolchoz B. gesehen hatten, ein äußerst ungünstiger Eindruck: in unserem Amtsbezirk gibt es einen großen Kolchoz, dessen einziges Ziel die Selbstversorgung seiner 40 Mitglieder ist, die sich im übrigen in Lebensform und Wirtschaftsweise kaum von den ehemaligen alten Gutsherrn unterscheiden. Ein solcher Kolchoz ist, versteht sich, überhaupt keine Stütze für uns. Während unseres Aufenthaltes im Kolchoz zeigte Cusov ein eigenartiges Benehmen: Er hielt sich in der Kolchozzelle vollkommen bedeckt und unterstützte mich nicht ...
»Im Landkreis wird eine Konferenz der Kleinbauern (krest'ja-ne-bednjaki) eröffnet«, sagte mir eines Tages Cusov, »man muß mit der Vorbereitung beginnen.«
»Worin wird die Vorbereitung bestehen?«
»Unbedingt sind eine Reihe von Rajonskonferenzen durchzuführen, auf denen wir den Bauern erklären, was man tun muß, um aus kleinbäuerlichen Verhältnissen herauszukommen, außerdem müssen wir Delegierte für die Landkreiskonferenz wählen.«
Einige Tage später nahmen Cusov und ich an einer dieser Konferenzen in einem nahegelegenen Rajon teil. Die Konferenz trat in unserer Lesestube zusammen.
Das was ich da sah, rechtfertigte in keinerlei Hinsicht die große Bezeichnung »Konferenz«. In der Lesestube versammelten sich kaum zwei Dutzend Bauern.
»Warum sind so wenig da« ? fragte ich, zu Cusov gewandt.
»Mehr werden es nicht. Man hat nicht rechtzeitig mit der Vorbereitung begonnen«, antwortete er flüsternd.
Bald wurde die Konferenz (besser: das Treffen) eröffnet.
Langweilig begann sie, langweilig setzte sie sich auch fort. Aktiv wurden Cusov und der Agronom Alekseev. Cusov hielt einen Vortrag über die Bedeutung der Landkreiskonferenz der Kleinbauern (bednjaki) und ihre Aufgaben. Ich sprach über die Beziehungen der Sowjetmacht zu den klein- und mittelbäuerlichen Schichten des Dorfes. Unsere Versammlung verlief saft- und kraftlos, die Bauern beteiligten sich überhaupt nicht. Nur ein Bauer trat auf, und das einzige, was ihn beschäftigte und interessierte, war der Erhalt einer Stelle irgendwo in der Stadt
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oder einer Invaliditätsunterstützung. Darüber sprach er mit Nachdruck und warf unsere ganze Tagesordnung über den Haufen. Dabei beklagte sich der wortführende Bauer über die Sowjetmacht und schimpfte über sie. Mit Ausnahme dieses Auftrittes ereignete sich auf der Versammlung nichts, was der Rede wert wäre. Keinerlei Begeisterung, vollkommene Trostlosigkeit und keinerlei Hoffnung für die bevorstehende Landkreiskonferenz war bei den Bauern zu spüren. Wir sprachen und gingen auseinander. Die Versammlung schloß mit der Wahl eines Delegierten ...
97. Die Komsomolzelle auf dem Lande
Studenten und Lehrer des Moskauer Instituts für Politaufklärung berichten über ihren »Gang ins Dorf« (Auszüge) Ende Dezember 1924 bis Ende Februar 1925
Komsomol
Komsomolzellen gab es in allen 15* ländlichen Amtsbezirken. Die Gesamtzahl der Zellen betrug 121 mit 2524 Mitgliedern. Beobachtungen anstellen und Aufklärungsarbeiten leisten konnten wir in 51 Zellen.
Der Komsomol befindet sich auf dem Dorf noch in der Wachstumsphase. Spontan auf Initiative eines Parteimitgliedes, eines fortschrittlichen Burschen und demobilisierten Rotarmisten, so entstanden die Komsomolzellen. Einige Amtsbezirkskomitees** sind nicht einmal in der Lage, Zahlen anzugeben. Man muß daher spezielle Rundfahrten machen, wenn man Berechnungen anstellen will.
Das Politniveau der Zellen
Die politische Erziehung der Zellen trägt Zufallscharakter. Arbeitskreise für das politische ABC gibt es in sehr wenigen Zellen. Gewöhnlich zählt man in jeder Zelle verschiedene Arbeitskreise auf, wobei zu jedem Arbeitskreis die gesamte Zelle gehört. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Von den auf dem Papier bestehenden Arbeitskreisen gehört »zu den Lebenden« kein einziger. Sie alle hat man entweder vergessen zu organisieren; oder nach irgendeinem Vortrag oder einer Vorlesung (sa-
* 15 Amtsbezirke wurden untersucht.
** Ergänze: der Partei.
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gen wir über Landwirtschaft) hat man einfach beschlossen, einen landwirtschaftlichen Arbeitskreis zu gründen, und dabei blieb es ...
Das Streben, Wissen zu erwerben und auszubauen, ist von selten der Komsomolzen vorhanden. Aber das Streben, sich vom Dorf loszureißen und in der Stadt dazuzulernen, ist stärker als der Wunsch, sich vor Ort politisch weiterzubilden. Ganz allgemein kann man feststellen, daß in den Gouvernements, sogar wenn sie halb industrialisiert sind, der Eintritt in den Komsomol als Möglichkeit betrachtet wird, sich schneller aus dem Dorf in die Stadt davonzumachen ...
Disziplin und Lebensweise
Ein sehr wunder Punkt bei den dörflichen Zellen ist die Disziplin. In manchen Zellen, auch wohlorganisierten, verschwindet diese Frage gewissermaßen nie von der Tagesordnung. Das liegt einerseits an der Jugendlichkeit unserer Organisationen, der noch nicht erfolgten Gewöhnung an die Organisation, an die Disziplin, andererseits an den wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Komsomolzen, wenn er sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Vater befindet, der ziemlich oft der Komsomolzentätigkeit des Sohnes distanziert gegenübersteht. Saufgelage, Teilnahme an geselligen Abenden und andere eines Komsomolzen unwürdige Auftritte kommen in den Zellen immer wieder vor. Das Ausscheiden aus dem Komsomol, um sich kirchlich trauen zu lassen, ist eine häufige Erscheinung. Ausschlaggebend ist dabei natürlich nicht die Religiosität des Komsomolzen, sondern häufig der Zwang der äußeren Umstände. Es gibt wenig Mädchen im Komsomol, und eine Parteilose verheiratet sich nicht ohne kirchliche Trauung. Zuweilen erweist sich hier die ungenügende Standfestigkeit des Komsomolzen.
Führung
Die Führungsarbeit der örtlichen Parteizellen bei den Aktivitäten des Komsomol ist schwach, ziemlich oft ungeschickt. Der Vertreter der Parteizelle gibt auf den Sitzungen des Komsomolbüros den Mitgliedern des Büros nicht die Möglichkeit, den Mund aufzumachen. Die ganze Zeit gibt nur er selbst Erklärungen ab, beharrt namentlich auf seiner Meinung und so fort. Man glaubt vielleicht auch, daß man sie einfach »erziehen« muß, daß ihnen keinerlei Selbständigkeit zuzugestehen ist. Ziemlich oft, wenn man dem Komsomol seine Mängel vorhält, gibt er zur
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Antwort: »Aber immer noch besser als die Parteizelle.« Und in der Tat, leuchtende Beispiele für seine Arbeit hat er nicht vor Augen. Die Führungsarbeit, die die Amtsbezirkskomitees für die Zellen leisten, ist immer noch schwach.
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* (Zum Schaubild auf S. 180) Indices jeweils für das Territorium der Sowjetmacht, mit Ausnahme der Angaben über Saatfläche, über Industriearbeiter und -produktion und über die Wertschöpfung im Transportwesen, die sich auf die Grenzen der UdSSR von 1927 beziehen (also jene Gebiete einschließlich, die sich im Bürgerkrieg im Machtbereich ‹weißer› oder ‹grüner› Regierungen befanden)
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1917 | 1918 | 1919 | 1920 | 1921 | 1922 | 1923 | 1924 | 1925 | 1926 | 1927 | |
Armeestärke | 100 | 9 | 32 | 69 | 40 | 22 | 14 | 9 | 9 | 9 | 9 |
Arbeiter in der Großind, | 100 | 78 | 51 | 47 | 46 | 42 | 50 | 58 | 71 | 90 | 95 |
Bruttoprod. der Großind. | 100 | 48 | 25 | 21 | 30 | 40 | 55 | 67 | 102 | 149 | 175 |
Saatfläche | 100 | 96 | 92 | 85 | 81 | 69 | 75 | 86 | 89 | 94 | 101 |
Getreidebeschaffung | 100 | 14 | 21 | 42 | 72 | 45 | 71 | 82 | 63 | 107 | 124 |
Außenhandelsvolumen | 100 | 20 | 0 | 1 | 10 | 14 | 16 | 24 | 37 | 48 | ..... |
Transportwesen | 100 | 33 | 28 | 33 | 36 | 36 | 48 | 61 | 75 | 105 | ..... |
landwirt. Genossensch. | 100 | 105 | ..... | 0 | ..... | 59 | 66 | 109 | 135 | 133 | 133 |
kolchozy (1919 = 100) | -- | ..... | 100 | 170 | 269 | 250 | 224 | 211 | 244 | ..... | ..... |
Pro-Kopf-Verbrauch der städt. Bev. in Kalorien | ..... | 100 | 125 | 123 | 115 | 141 | 147 | 151 | 152 | 153 | ..... |
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99. Die Räte und ihre Stellung im Dorf
Aus dem Ergebnisbericht einer von der örtlichen Parteiorganisation durchgeführten Untersuchung im Gouvernement Penza, von Oktober 1924 bis April 1925
Was ist der Dorfsowjet in der Vorstellung der Bauernschaft?
Das ist der Vorsitzende (es gibt noch Dörfer, wo man ihn wie früher »Dorfältester« nennt) plus Sekretär (»Schreiber«), das heißt, jene Repräsentanten der Staatsgewalt, an die sich der Bauer bei verschiedenen Wechselfällen des Lebens wenden muß, und ohne die man nicht auskommen kann. Die Mitglieder des Sowjet - bleiben im Dunkeln; irgendwo nennt man sie »Gehilfen des Vorsitzenden«.
Der Sekretär, das ist eine allgemeine Erscheinung, ist gebildeter als der Vorsitzende, er kennt sich besser in den Gesetzen aus und ist - infolgedessen - »unentbehrlicher«. Nicht selten hält er tatsächlich auch die Zügel in der Hand.
Typisch ist zum Beispiel die Arbeit des Dorfsowjet im Mord-vinischen Dorf Savva. Die gesamte Arbeit bestreitet der Sekretär, er führt die Gespräche, gibt Erläuterungen, Auskünfte, Anweisungen zu allen Fragen. Der Vorsitzende aber sitzt von morgens bis abends da und raucht schweigend mit den »vom Nichtstun« in den Dorfsowjet kommenden Bauern (und von letzteren gibt es immer viele). Alle seine »geschäftlichen« Anordnungen laufen darauf hinaus, daß er irgendeinem der Anwesenden »befiehlt«, den Ofen anzuheizen, oder eine Fuhre irgendwohin zu schicken.
Selbst die Mitglieder des Dorfsowjet meinen, vor der Gemeinde sei nur der Vorsitzende des Dorfsowjet für dessen Arbeit verantwortlich. Die Gemeinde interessiert sich nicht für die Arbeit des Dorfsowjet, wobei in ihren Augen der Vorsitzende nicht Vorsitzender des Dorfsowjet, sondern des ganzen Dorfes ist. Deshalb interessierte man sich früher nicht, wer in den Dorfsowjet gewählt wird, sondern es interessierte nur, wer zum Vorsitzenden gewählt wurde. In einigen Dörfern fordert man auch jetzt, bei den jüngsten Neuwahlen, daß der Vorsitzende nicht vom Dorfsowjet, sondern unmittelbar auf einer allgemeinen Versammlung gewählt werde.
Die Dorfsowjets bestehen aus Mittelbauern; Kleinbauern sind in der Minderheit. Der Personalbestand der Vorsitzenden ist homogener (gewöhnlich ein Mittelbauer unmittelbar vom Holzpflug weg, parteilos) als der der Sekretäre, wo man auf eine
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Popenwitwe (Station Kamenka) ebenso stoßen kann wie auf einen Kandidaten der Partei und einen, der des Lesens und Schreibens kaum mächtig ist, der die Protokolle so führt, daß aus ihnen weder er selbst, noch ein anderer irgend etwas entnehmen kann (Altary).
Initiativen entwickeln die Dorfsowjets überhaupt nicht. In der Vorstellung der Bauernschaft und der Dorfsowjets selbst sind sie ausschließlich dazu geschaffen, von oben kommende Anordnungen auszuführen. Aber von diesen Anordnungen, die mehr oder minder leicht faßlich sind, führt man nur die Anordnungen mit Steuercharakter durch (und auch das nicht immer). Die übrigen Anordnungen und Weisungen erreichen den Dorfsowjet im Rohzustand, wie sie die Gouvernementskanzlei verlassen haben, nur verziert mit den Aufschriften »zur Kenntnisnahme und als Leitinformation« oder »zur Durchführung«, die im Amtsbezirks-Exekutivkomitee dazugesetzt wurden. Diese Anordnungen sind unpopulär und wortreich. »Du beginnst oben zu lesen«, so beklagt man sich in den Dorfsowjets, »und wenn du am Ende angelangt bist, dann weißt du überhaupt nicht mehr, wovon am Anfang die Rede war.«
Über die Kenntnis der sowjetischen Gesetze braucht man kein Wort zu verlieren; es gibt keine Gesetzessammlungen, nicht einmal die Verfassung. So stehen die Dinge nicht nur in der dörflichen Wildnis, sondern auch in stadtnahen Dörfern.
Die Anforderungen, die die Bauern an die Mitarbeiter des Dorfsowjet stellen, sind äußerst bescheiden: Das sollen ehrenwerte Leute sein, vernünftig und keine Säufer, manchmal sogar mit dem Zusatz, daß »sie die Zeit kennen, wann man trinkt«.
Aber auch diese Anforderungen werden bei weitem nicht überall erfüllt.
»Die Mitarbeiter des Dorfsowjet«, so lesen wir in einem Referat zur Untersuchung des Dubrovsker Amtsbezirkes, »sind im allgemeinen glücklich ausgewählt, nur leidet die Mehrheit von ihnen unter Alkoholismus.«
»Der Dorfsowjet trinkt, ohne den Rausch je auszuschlafen« (Digilevka, Gorodiscensker Landkreis).
»Bei Rundfahrten im Amtsbezirk pflegen die Mitglieder oder der Vorsitzende des Amtsbezirks-Exekutivkomitees zu allererst mittels des Dorfsowjet den Selbstgebrannten aufzustöbern und auszutrinken. Die Dorfsowjets brauchen danach nur dem Ächzen und Stöhnen ihrer Amtsbezirks-Obrigkeit nachzugehen« (Grigorevsker Amtsbezirk).
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Als die Kommission den stadtnahen Rajon untersuchen wollte und dem Staro-Kamensker Dorfsowjet vorher den Ankunftstag mitteilte, traf sie den Vorsitzenden und seinen Stellvertreter in vollkommen betrunkenem Zustand an, wobei beide vom Sekretär wie folgt vorgestellt wurden: Daß der erste betrunken ist, das ist die Regel (er trinkt jeden Tag), beim zweiten aber ist es eine Ausnahme (Schicksal) ...
»Die Meinung der Dorfarmut (bednota)«, lesen wir in einem Referat über die Untersuchung des Sviscevsker Amtsbezirkes, »wird von den Dorfsowjets nicht wahrgenommen und kaum in ihre Überlegungen einbezogen. Sie profitieren am wenigsten von Vergünstigungen bei der Durchführung der Landwirtschaftssteuer.«
»Bei der Erhebung der Landwirtschaftssteuer wurden für die armen Bauern in Altary Vergünstigungen gewährt, aber diese Vergünstigungen nutzten vor allem der Vorsitzende des Dorfsowjet, sein Stellvertreter, der Sekretär und der Vorsitzende des Komitees für Hilfe auf Gegenseitigkeit.«
Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß die Dorfarmut (bednota) gegenüber der Arbeit des Dorfsowjet mißtrauisch ist und ihre Unzufriedenheit deutlich zeigt. Verschärft wird diese Sachlage noch dadurch, daß das politische Wetter im Dorf nicht vom Dorfsowjet, sondern von der Dorfversammlung (schod) gemacht wird.
»Aktivitäten der Dorfsowjets als solcher gibt es nicht. Alle Angelegenheiten entscheidet die Dorfversammlung (schod), die nicht vom Dorfsowjet geführt wird« (Atjur'evsker Amtsbezirk)
100. Die alte Dorfversammlung, der schod, aus bolschewistischer Sicht
Nach derselben Untersuchung, von Oktober 1924 bis April 1925
... Die Versammlung eröffnet der Vorsitzende des Dorfsowjet. Er bittet, einen Vorsitzenden für die Leitung der Versammlung zu wählen. Es wird ein ehemaliger Großbauer (kulak) gewählt, ein Schwätzer, der zu Zeiten Kerenskijs das Amt eines Kreiskommissars für Arbeit inne hatte. Um das Präsidium gruppieren sich Großbauern und Schreihälse aus jenem Teil der Dorfarmut (bednota), die sich selbst zu den durch die Sowjetmacht
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»Geschädigten« zählen. Der Vorsitzende des Dorfsowjet tritt zur Seite, die Mittel- und Kleinbauern (serednjaki i bednjaki) lassen sich etwas weiter weg nieder. Eine Frage wird erörtert. Der Vorsitzende Großbauer sagt seine Meinung, zwei, drei Großbauern schreien: »Richtig«. Die Klein- und Mittelbauern äußern - in aller Bescheidenheit, untereinander - etwas dagegen. Aber von hinten schreien Großbauern: »Richtig«. Der Vorsitzende bemerkt beiläufig (direkt wäre peinlich, ist doch auf der Versammlung ein Funktionär aus dem Gouvernement anwesend):
»Obwohl die Sowjetmacht auch Fragen nach dem Mehrheitsprinzip entscheidet, kann man nicht alle Fragen mit Mehrheit entscheiden ...«
Zwei, drei Großbauern machten noch irgendwelche Zwischenrufe, dann bedachte ein Kleinbauer die Sowjetmacht mit einem Schimpfwort, und die Frage wird ohne jede Abstimmung entschieden.
»Schreibs auf, Sekretär«, hört man im aufbrausenden Lärm die Stimme des Vorsitzführenden.
Aber was der Sekretär aufschreibt, kann man leicht erraten.
Nach Beendigung der nach allen Regeln kulakischer Demokratie geführten Versammlung trat der Vorsitzende auf den Genossen, der aus dem Gouvernement gekommen war, zu und flüsterte ihm, außer sich vor Freude, »mitfühlend« ins Ohr:
»Sie haben's gesehen: dieser Kleinbauer, Genösse, beschimpft die Sowjetmacht.«
... Ahnlich wie hier steht es auch in anderen Amtsbezirken.
»Auf den Dorfversammlungen hat die Stimme des Großbauern immer die Unterstützung des Klein- und Mittelbauern, besonders des Mittelbauern; die Dorfarmut behauptet sich groß-teils durch Schweigen« (Golovinscinsker Amtsbezirk).
»Ungeachtet dessen, daß das großbäuerliche Element die Wahlrechte verloren hat, geht es gewöhnlich auf die Dorfversammlung, und wenn es nicht von sich aus Angelegenheiten zur Sprache bringt, Anträge stellt, benutzt es andere dazu« (Tezi-kovsker Amtsbezirk) ...
Dem Großbauern hilft ein Umstand, der oft vertuscht oder besser verschwiegen wird, das Faulenzer-Problem. Den Faulenzer gibt es natürlich. Zahlenmäßig sind sie ganz unbedeutend, in keinem Falle machen sie mehr als fünf Prozent aller kleinbäuerlichen Wirtschaften aus, aber qualitativ sind sie schädlich, ihnen gegenüber nimmt die Bauernschaft eine so feindselige
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Haltung ein, daß sie für das gesamte Kleinbauerntum reicht. Dieses zahlenmäßig unbedeutende Häuflein von Faulenzern kompromittiert in den Augen der Bauernschaft die ganze kleinbäuerliche Schicht des Dorfes, was natürlich nicht ohne großbäuerliche Agitationshilfe geschieht.
Im Dorf St.-Verchissy verspielten zwei Kleinbauern beim Kartenspiel ihre Hütten. Das ganze Dorf weist auf sie mit dem Finger, aber die Großbauern geben das Urteil ab:
»Macht nichts, der Staat bewilligt ihnen Wald. Sie sind doch als Kleinbauern eingetragen ...«
»Er hat für sich eine Beschäftigung gefunden«, sagt man andernorts, »aber sie bekommt ihm nicht: er verzehrt alles auf Wurst und Weißbrot ...«
»Selbst nichts zu fressen, aber der Frau hat er was Neues gekauft...«
Wie sich der Kleinbauer verhält, wird im Dorf besonders beobachtet, alles wird dabei registriert, bis zur Menge des aufgegessenen Weißbrotes ...
101. Der Alltag des Dorfsowjet
Ein Arbeiter berichtet von seinem Einsatz als politischer Bildungsfunktionär im Korostynsker Amtsbezirk des Novgoroder Gouvernements (Auszug), 1925
Der Eindruck, den man von der Arbeit des Dorfsowjet bekommt, ist dürftig: Es werden ausschließlich Anordnungen des* Bezirks-Exekutivkomitees ausgeführt. Wenn eine Staatsbürgerin kommt und verlangt: »Mitric, stell eine Bescheinigung aus, Ivan ist tot«, dann wird gewöhnlich hinter der Ikone »Nikolaj-Ugodnik«** ein abgegriffenes altes Buch hervorgeholt. Es existiert schon 20 Jahre. Der Vorsitzende füllt das Formular aus, spuckt auf den Stempel, drückt ihn auf das Papier, und übergibt der Staatsbürgerin dieses Dokument, die ganze Kanzlei aber verwahrt er im Ikonenschränkchen, das heimische Buch und das sowjetische Siegel.
»So, das sind die Formalitäten. Gute Hut erhält das Gut.« Danach beginnt man gewöhnlich sich zu erkundigen, wie Ivan starb.
* Ergänze: übergeordneten.
** Nikolaj der Gottesknecht.
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»Ach der Liebe, er ist vollständig verblutet, das Blut quoll ihm aus dem Hals, vermischt mit Blutbrocken. Man hat alles versucht, man gab ihm Weihwasser zu trinken, setzte Hausmittel ein, und an Dreikönig drängte Matrena, ihn im Freien über ein Kruzifix hinweg mit kaltem Wasser zu begießen.
Ich hatte da meine Zweifel. Du lädst Dir da vielleicht eine schwere Sünde auf die Seele, erklärte Matrena, und daß Ivan nicht der erste sei, dem so geholfen werde, und daß ihr Vater selig sagte: Welche Sünde auch immer, das Wasser nicht über ein Holzscheit gießen, sondern über Christus den Gekreuzigten.
Aber ich, dumm wie ich bin, bekam Angst und Zweifel, kommt er durch oder stirbt er, und währenddessen ist er vertrocknet, der Bauer, ohne Hilfe.«
»Diese dumme Gans, die Alte, wäre sie zu Dar'ja gegangen, hätte die alles getan, hätte ihn mit der Rute geheilt und Ivan wäre noch am Leben. Die ist doch nicht erst seit gestern da!«
»Da siehst Du's, das Haar ist lang, der Verstand aber kurz. Sie hat den Kopf verloren. Wo man eine Seele retten will, muß man bei den richtigen Leuten Rat holen.«
Sogar der Rajonssowjet ist stolz auf seine einheimischen Heilmittel, seine Dar'jas. Ja und warum soll man nicht stolz sein, sind sie doch selbst, mit ihrem eigenen Verstand, darauf gekommen, auf die praktische Medizin. Der Sowjet hat keine Verbindung zu den öffentlichen Organisationen, die sich auf seinem Territorium befinden.
Die Bauern sagen, daß die Arbeit im Dorfsowjet sie vom Feld abhält, und deshalb entzieht sich der tatkräftige und aktive Teil der Bevölkerung jeder Mitarbeit beim Dorfsowjet.
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103. Die Bauern und die Kollektivwirtschaften
Artikel der Saratover Bauernzeitung ›Sovetskaja derevnja‹ 1.Januar 1926
Über schlechte und gute Artelmitglieder In ihren Briefen über schlechte Kommunen und Artele scheuen die Bauern deutliche Worte nicht und bezeichnen sie zu Recht als »Dorn im Auge der gesamten Bauernschaft.«
Der Staat, so sagen die Bauern, unterstützt die Artele, als ob sie eine lebende Werbung für neue Formen der Bodennutzung wären. Tatsächlich aber herrschen in den Artelen sehr oft Unwirtschaftlichkeit, Mißernten sowie Zank und Streit, schlimmer als in jeder Landgemeinde (obscina).
Eine solche Meinung ist in der Bauernschaft nicht selten. Und tatsächlich, was soll man schon Gutes sagen über ein solches Artel wie zum Beispiel »Chodok« im Treskinsker Amtsbezirk.
Die Hirse haben die Artelmitglieder nicht geerntet, sondern durchs Vieh abgrasen lassen. Die Streifensaat »haben sie so aufgebracht, daß man sich schämt, sie anzuschauen«.
Oder ein anderes Beispiel: das N.-Dergacevsker Artel. Das Inventar liegt unaufgeräumt herum und verrostet. Vierzehn Desjatinen Weizen keimten in den Puppen aus. Die Rüben wurden nicht gezogen. Die Melonen kamen im Unkraut um. Von kollektiven Grundsätzen kann man bei diesen Artelen auch nicht sprechen: Kollektives war dort nicht heimisch. Haben solche Artele letztendlich eine Spur von Nutzen? - Nein. Mehr noch: Solche Artele sind schädlich in jeder Hinsicht. Mit Blick auf diesen »Artelmist« spricht die Bauernschaft von der Unmöglichkeit, im Kollektiv zu leben und zu arbeiten. Solche Artele verursachen großen Schaden, weil sie die Dörfer in der Umgebung irre machen und die Bauernschaft zu falschen Schlüssen veranlassen.
Daher wäre es zweckmäßig, entweder die schädlichen Artele zu schließen oder alle Maßnahmen zu ergreifen, um sie auf das notwendige Niveau zu bringen, damit sie als Lehrbeispiele dienen können, wie eine Wirtschaft zu führen ist, und wieviel man für die Bauernschaft tun kann, die sich in Artelen zusammengeschlossen hat.
Um so mehr, als es solche Beispiele bei uns im Gouvernement gibt. Und nicht nur einmal oder zweimal.
Nehmen wir zum Beispiel die Pletnevsker Kommune »Pro-
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gress« (im Landkreis Vol'skij). Die Kommune arbeitet kollektiv, man wohnt einträchtig in einem Haus, in sechs Wohnungen. Man verfügt über landwirtschaftliches Inventar, sogar über einen Traktor. Bei der Kommune gibt es eine Käserei, eine Mühle ...
Gut ist auch das Leben im Artel »Jasnaja Poljana« geregelt. Die Kollektivbauern von »Jasnaja Poljana« besitzen das Inventar gemeinsam, die Bodenbestellung geht kollektivwirtschaft-lich vor sich, es gibt einen Traktor und man lebt in einem Artelhaus. Unfruchtbare Böden werden bewässert.
Das heißt, man kann nicht klagen, daß die Beispiele fehlen. Und wenn man es nur beharrlich will, ist die Organisation einer Kollektivwirtschaft möglich. In erster Linie muß die bäuerliche Dorfarmut (krest'janskaja bednota) daran denken!
Stepan
104. Die Verbreitung der Schwarzbrennerei auf dem Dorfe
Die Saratover Bauernzeitung ›Sovetskaja derevnja‹ berichtet (Auszüge), 27. Januar 1926
Die Sklaverei des Schwarzbrennens Welche verhängnisvollen Ausmaße in jüngster Zeit die Schwarzbrennerei und im Zusammenhang damit die Trunksucht auf dem Dorf erreicht haben, davon geben die Briefe der Dorfkorrespondenten eine Vorstellung, die die Redaktion der ›Sovetskaja derevnja‹ in großer Anzahl erhalten hat.
Alle diese Briefe berichten das Gleiche: das Heimgewerbe der Schwarzbrennerei blüht, die Trunksucht zersetzt das Dorf und eine Bekämpfung dieser Seuche gibt es fast nirgends.
So schreibt der Dorfkorrespondent Zanosa aus dem Dorf Zelenovski des Cubarover Amtsbezirkes (im Landkreis Serdobsk): »Der Schwarzgebrannte fließt in Strömen, an den Feiertagen betrank sich jeder Bauer, die Miliz ergreift keinerlei Kampfmaßnahmen dagegen.« Romasov aus dem Dorf Elizave-tino des Vjazovsker Amtsbezirkes (im Landkreis Saratov) schildert in seinem Brief, wie sich als Ergebnis der feiertäglichen pausenlosen Sauferei das Rowdytum entwickelte, in Form von Schlägereien, Einschlagen von Scheiben und Scheidungen.
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»Nikola der Säufer«
Repej aus dem Dorf Jakovki des Petrovsker Amtsbezirks und Landkreises erzählt vom Feiertag »Nikola der Säufer«:
»Man hatte Schwarzgebrannten hergestellt, je einen Eimer pro Hof, wozu man bis zu 200 Pud Getreide brauchte, und feierte vier Tage. Es gab zwei handfeste Schlägereien, sinnlos gingen Geschirr und Scheiben zu Bruch, danach fuhr man ins Krankenhaus und wartet jetzt auf die Vorladung vor Gericht.«
Der Student Ucajkin, der zu Besuch im Dorf Armievo (des Kuznecker Landkreises) war, schreibt, daß dort Schwarzbrennerei und Trunksucht bedrohliche Formen annehmen. Man brennt in jedem Hof. Zu Weihnachten waren alle bis zum Umfallen betrunken, sogar die Frauen, die Alten und die Kinder.
Volksaufklärer und Parteimitglieder ergeben sich dem Suff Zigaev aus dem Dorf Starye Kondolja des Rudmansker Amtsbezirkes (im Landkreis Kamysin) erklärt, daß sogar die Mitarbeiter bei der kulturellen Aufklärung ihre Stärke in diesem Heimgewerbe erproben: Der Leiter des dramatischen Zirkels brennt schwarz. Im Dorf erstarrt jegliches kulturelles Leben, die Lesestube ist nicht in Betrieb, Bücher und Zeitungen bleiben ungelesen, obwohl es sie gibt. Die Jugend geht suchend im Dorf herum, wo man seinen Suff aufwärmen kann.
Ein Beobachter aus dem Dorf Pescanki des Ozerovsker Amtsbezirkes (im Landkreis Petrovsk) schildert den »Sündenfall« von Parteimitgliedern vor Ort, die sich an »Nikola« mit der Masse vereinten und »auf unsere Weise« feierten ...
Sofortige Kampfmaßnahmen tun not
Bei den gegenwärtigen dörflichen Lebensverhältnissen schlagen die Genossen Dorfkorrespondenten als vorläufig einzig wahres Gegenmittel vor: die Verstärkung der revolutionären Gesetzlichkeit, die Verstärkung der administrativen Kontrolle über die Schwarzbrenner, und danach den Kampf gegen die Trunksucht als Aufklärungskampagne.
Die Dorfmiliz, die die Schwarzbrennerei vergessen hat, muß jetzt energisch die Ausrottung der Schwarzbrennereiseuche angehen, sie mit den Wurzeln auszureißen versuchen, damit sie nicht nachwächst. Es lassen sich im Dorf Leute finden, denen
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der Anblick dieses Übels in der Seele weh tut, die die Miliz bei ihrer Arbeit und bei dem edlen Kampf gegen die neue sklavische Abhängigkeit, die dem ungebildeten, leidgeprüften Bauern droht, unterstützen.
Kuz'mic
105. Die staatliche Organisation der »Bauernkomitees zur Hilfe auf Gegenseitigkeit« und ihre Schwierigkeiten, vor Ort Fuß zu fassen
Artikel der Saratover Bauernzeitung ›Sovetskaja derevnja‹ (Auszug), 6. Februar 1926
Die Bauernhilfe auf Gegenseitigkeit müssen wir auf die Füße stellen! Nicht auflösen, sondern verstärken! Man spricht vor Ort davon, daß man in der Mehrzahl der Dörfer die Aktivitäten der Bauernkomitees* (krestkomy) für schwach hält.
In einer Reihe von Dörfern wurde sogar die Frage der Auflösung der Bauernkomitees aufgeworfen. Ein solcher Fall ereignete sich im Dorf Piterki des Landkreises Novouzensk.
Noch vor den Neuwahlen sprachen die Piterker darüber, das Bauernkomitee zu begraben. Zu allem Unglück realisierten sich ihre Träume. Auf der Neuwahlversammlung, nach einem Vortrag über die Arbeit des Bauernkomitees, aus dem hervorging, daß es 1000 Rubel Verlust ausgespuckt hatte, standen einige Bauern in der Diskussion auf und beharrten auf ihrer Forderung, das Bauernkomitee aufzulösen.
Die lokalen Funktionäre versuchten den Bauern zu zeigen, daß das Bauernkomitee notwendig sei, daß man das Bauernkomitee nicht auflösen dürfe, daß die Frage der Auflösung des Bauernkomitees auch gar nicht auf der Tagesordnung stünde. Auf die langen Vorträge der Redner antworteten einige der Anwesenden, »wenn diese Frage auch nicht auf der Tagesordnung steht, bei vielen Bauern stellt sie sich doch.« Lange stritten
* Aus Saathilfe-Organisationen hervorgegangen und durch Dekret vom 14. Mai 1921 offiziell gegründet, sollten die »Bauernkomitees zur Hilfe auf Gegenseitigkeit« (russ. Abkürzung KKOV) zur gemeinschaftlich-genossenschaftlichen Förderung und Entwicklung der Landwirtschaft - vor allem der Klein- und Mittelbauern - beitragen. Für die Bauern verloren sie jedoch nie ihren »staatlichen« Charakter, und ihre Aktivitäten blieben schwach.
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die Männer aus Piterki: ist das Bauernkomitee nun nötig oder nicht. Schließlich vereinbarte man, die Frage zur Abstimmung zu stellen. Die Mehrheit der Stimmen, 68 zu 62, wurde für die Auflösung abgegeben.
Warum wollten die aus Piterki das Bauernkomitee auflösen? Aus Gesprächen mit Bauern aus Piterki wurde deutlich, daß sie nur deshalb beschlossen, das Bauernkomitee zu begraben, weil von ihm keinerlei sichtbare Hilfe ausging, während sie ihm große Unterstützung gewährten. Und wirklich, es gab die Unterstützung. Für das Bauernkomitee wurde ein Traktor gekauft, man gab ihm 300 Desjatinen Überschwemmungsland, jeder Bauer, der viel besaß, besäte ein kleines Stückchen Land für den Fonds des Bauernkomitees, aber alles dies führte zu nichts. Das kam daher, weil im Bauernkomitee unerfahrene Leute saßen, die überhaupt nicht wirtschaften können und daher das ganze Unternehmen des Bauernkomitees zum Einsturz brachten. Wenn sie Korn säten, machten sie Verluste, säten sie Weizen, ebenso. Gingen sie daran, mit dem Traktor zu dreschen, luden sie sich auch damit etwas auf den Hals. Wenn man nach den Verhältnissen von Piterki urteilt, aber auch von anderen Dörfern, muß man eindeutig sagen, daß der Hauptgrund, der die Bauern bewegt, die Frage der Auflösung der Bauernkomitees aufzuwerfen, darin liegt, daß es den Bauernkomitees bislang nicht gelungen ist, in leuchtenden Beispielen der Bauernschaft zu zeigen, daß sie bei der Wiederherstellung der bäuerlichen Wirtschaft eine gewichtige Rolle spielen können ...
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106. Bearbeitung des Bodens mit fremdem (geliehenem) Vieh und Inventar im europäischen Teil der Sowjetunion Frühjahr 1926
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108. Der staatliche Versuch zur Aktivierung und Organisierung der Kleinbauern und seine Schwierigkeiten vor Ort Berichte der Saratover Bauernzeitung ›Sovetskaja Derev-nja‹, 6. Februar 1927.
In Sosnovka
Bei uns im Popovsker Amtsbezirk des Landkreises Saratov geht der Mittelbauer eher mit dem Wohlhabenderen als mit dem armen Bauern (bednjak). Mit den Interessen der Kleinbauernschaft (bednota) steht es schlecht. Kein einziges Mitglied des Dorfsowjet ist ein Bauer ohne eigenes Vieh. Aber im Endergebnis, bei der Einräumung von Vergünstigungen nach den Landwirtschaftssteuer-Bestimmungen, heimsen nicht die Kleinbauern den Löwenanteil ein. Unter der Bauernschaft kursieren Gerüchte, daß jetzt auch im Zentrum die Staatsmacht beschlossen habe, den Kleinbauern keine Unterstützung zu gewähren, und man über alle Kleinbauern als Faulpelze und Schmarotzer das Kreuz gemacht habe. Ob das richtig ist, das kann die Kleinbauernschaft mangels Einsicht und Organisation nicht sagen, noch daß solch ein Verhältnis zu ihr falsch ist.
S. Grec
In Sviscevka
Erst als die Partei ihren Zellen auftrug, sich aktiv mit der Kleinbauernschaft (bednota) zu beschäftigen, stand auch die Sviscev-kaer Zelle des Rtiscevsker Amtsbezirks im Landkreis Serdobsk nicht zurück und hielt ein, zwei Versammlungen ab. Im weiteren Verlauf aber schlief die Arbeit ein. Auch wenn der Umstand hinderlich ist, daß sie drei Werst vom Dorfsowjet entfernt ist:
die Zelle hat bei ihrer Arbeit einen falschen Kurs eingeschlagen. Sie hat die richtigen Augenblicke für die Arbeit nicht genutzt, als da sind: Sowjetwahlen, Steuerkampagne. Der häufige Wechsel in der Führung störte die Arbeit, ebenso der Wirrwarr in der Zelle, das Fehlen von ortsansässigen Bauern in der Zelle. Wenn die Zelle nicht in der Lage ist, bei den Sowjetwahlen die armen Bauern (bednjaki) und das parteilose Aktiv zu organisieren, wird der großbäuerliche (kulakische) Druck im Dorf wachsen.
Osin Michail
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In Aleksandrija
Das Dorf Aleksandrija des Krasnjansker Amtsbezirks im Landkreis Novouzensk ist von allen vergessen. Das Dorf besteht aus 76 Höfen, einen eigenen Dorfsowjet hat es nicht, er ist 3 Werst entfernt, der Amtsbezirk 30, und rings umher herrscht bei uns finstere Nacht. Parteimitglieder gibt es nicht, Komsomol ebensowenig. Aufgeklärt wird nur hinter der Flasche. Am Abend gehen die Alten zu den Baptisten, hören »Gottes Wort«, die Jugend aber kommt in der Spinnstube zusammen, dann wird geschimpft und Karten gespielt. Letzten Winter kamen zu uns noch Kommunisten aus dem Amtsbezirk, machten eine rote Ecke auf, obwohl wir um die Zeitungen drei Werst gehen mußten. Aber diesen Winter gibt es überhaupt nichts. Wir bitten die Kommunisten des Amtsbezirks, zu uns einen Abstecher zu machen.
Nik. Vas. Kvasov
In A. Jumatovka
Überall beschäftigt sich die Partei aktiv mit der Kleinbauernschaft (bednota). Im B.-Ekaterinovsker Amtsbezirk des Landkreises Atkarsk gibt es zwar ein Bezirkskomitee der Partei und eine Zelle, aber einen Abstecher in das Dorf A. Jumatovka zu machen und Kleinbauernversammlungen durchzuführen, daran denken die Kommunisten nicht. Die Komsomolorganisation ist allein dazu nicht imstande.
Serp
109. Wer ist ein »Kulak«?
Beitrag eines Dorfkorrespondenten zur laufenden Diskussion in der Tverer Dorfzeitung ›Tverskaja derevnja‹ 29. September 1927
Schwer zu entscheiden - Wer ist eigentlich Kulak?
Die Frage, wen man zu den Kulaken (Großbauern) zählen muß, findet aus irgendeinem Grund nur schwache Resonanz bei den Lesern. Das wahrscheinlich deshalb, weil der Begriff »Kulak« sehr vage ist. Es fällt den Bauern schwer, festzustellen, wo der Kultur- oder Mittelbauer aufhört und wo der Kulak anfängt. Zum Beispiel erzählt in Nr. 67 der ›Tverskaja derevnja‹ Genosse
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Isaev* von einer Wirtschaft, bei der die Männer in der Stadt arbeiten, die Frauen aber die Landwirtschaft führen. In der Tat, wenn die Männer in der Stadt selbst angestellt sind, dann ist die Wirtschaft nicht kulakisch. Was aber, wenn sie irgendeinen Handwerksbetrieb haben und Arbeiter angestellt haben, was sind sie dann - Handwerker, Kulaken oder noch etwas anderes?
Oder wir lesen weiter, daß Personen, die zum Beispiel eine Mühle haben und Lohnarbeiter beschäftigen, Kulaken werden. Aber wie soll man in diesen Fällen den Kulaken aussondern? Nehmen wir an, in der Wirtschaft gibt es eine kleine Mühle, die gerade so durchkommt. Und es arbeiten zwei: Der eine ist die ganze Zeit in der Mühle, der andere auf dem Feld. Außerdem stellen sie für die Feldarbeiten noch eine Arbeiterin ein. In einer anderen Wirtschaft jedoch gibt es eine besser ausgestattete Mühle, die guten Gewinn abwirft, Lohnarbeiter hat man jedoch nicht, weil die eigenen Arbeitskräfte reichen. Nun, welche von diesen Wirtschaften ist dann kulakisch und welche nicht?
Oder noch ein Beispiel. In einer Familie mit mehreren Personen ist der Haushaltsvorstand ein Invalide, unfähig auf dem Feld zu arbeiten, aber er ist ein Handwerker, und die ganze Zeit arbeitet er - zur Unterstützung der Wirtschaft - im Handwerksbetrieb. Auf dem Feld arbeitet die Frau und eine Arbeiterin. Die übrigen sind Kinder. In einer anderen Wirtschaft mit der gleichen Anzahl an Essern sind alle arbeitsfähig, und auf dem Feld arbeiten sie selbst, aber dafür beschäftigen sie in Lohnarbeit einen Handwerker, der bei ihnen die ganze Zeit im Handwerksbetrieb arbeitet. Welche der beiden Wirtschaften, die sich beide auf Lohnarbeit stützen, wird kulakisch?
Dafür führt in Nr. 64 Genösse Zolotov** als Beispiel eine Kulturwirtschaft an, die die Bauern zu unrecht als kulakisch bezeichnen würden. Aber prüfen wir, was das für eine Wirtschaft ist. Dort gibt es Klee, vermutlich eine Vierfelderwirtschaft, jedes Feld folglich zu 1 1/2 Desjatinen***, eine Mähmaschine ist vorhanden, und dafür, daß ihr Bulle in den Gemeindestall geht, fordert man, daß die Gemeinde 1 1/2 Desjatinen
* Auch Isaevs Artikel >Kulak und Kulturbauen vom l. September 1927 war ein Beitrag in der Artikelreihe der Dorfzeitung zur Klärung des Begriffes »Kulak«.
** Am 21. August 1927 unter der Überschrift ›Wen hat man für einen Kulaken zu halten‹ zum gleichen Thema.
*** Im Artikel war die gesamte Ackerfläche mit 5-6 Desjatinen angegeben, d.h. es waren 5'/2 bis 6'/2 ha.
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mäht. Damit wird doch während der besonders heißen Zeit in der Familie der letzte Arbeiter abgezogen. Wofür haben dann diese »Kulturbauern« ihre Mähmaschine? Das ist keine Kultur, und die Bauern haben recht, wenn sie sie als Kulaken bezeichnen.
Meiner Meinung nach ist es unmöglich, feste Grenzen für den Kulaken anzugeben. Die Bauern vor Ort bestimmen je nach Auftreten, was das für ein Mensch ist: ein Kulak, ein Mittelbauer oder ein Kulturbauer.
Dorfkorrespondent 929
110. Den »innersten Problemen« der Bauern auf der Spur
Parteifunktionäre berichten aus einem Rajon des Gouvernements Tula, vor 1928
Graue Wolkenfetzen huschen über den Himmel. Die letzten zwei Wochen gab es keinen Tag, an dem der Himmel seine Schleusen nicht geöffnet hätte. Nach den Schauern ist es finster und trübe; wie im Herbst, man schaut nach der Aussaat des Korns, des Weizens, des Hafers und des Klees.
Auf dem glitschigen und aufgeweichten Weg nach Niznij Suchodol begegnen wir von Zeit zu Zeit Gruppen von Bauern. Beunruhigt schauen sie auf das Feld, auf den von Wolken verdüsterten Himmel.
Ja und wie wollte man nicht beunruhigt sein. Für das Getreide wäre es Zeit zu reifen, die Wiesen müßten gemäht werden. Aber der Regen verzögert die Heumahd und das Reifen. Hie und da liegt der üppig wachsende Roggen schon ganz am Boden.
Von der Unruhe erfaßt ist unser Begleiter, der Sekretär der Suchodoler Parteizelle, Vasilij Aleksandrovic Kalinnikov, mit dem wir ins Dorf Niznij Suchodol fahren.
Was kann man da machen? sagt er.
Der Feldertrag ist zur Zeit großartig. Aber alles dreht sich darum, wieviel wird eingebracht. Im Suchodoler Rajonsbauernkomitee müßte der gemeinschaftliche Klee besser heute als morgen abgemäht werden. Klee haben wir auf acht Desjatinen. Aber wie bringt man ihn ein bei solch einem Wetter?
In Niznij Suchodol platzten wir unvermittelt in eine Dorfversammlung (sel'skij schod). Die Dorfversammlung war wie alle
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Dorfversammlungen. Auf der kleinen Wiese beim Schulzaun lagerten 30 bis 40 Personen. Die einen hatten sich direkt auf das nasse Gras niedergelassen, die anderen hockten auf ihren Fersen. Die Dorfversammlung spielt auf. Auf der Tagesordnung der Versammlung steht die Frage, ob man auf das Feiern des »Kazaner« Tages* verzichten solle.
Der Schullehrer und Vorsteher der Lesestube Evgenij Michajlovic Gric referiert der Dorf Versammlung:
Mit dieser Sache, Brüder, ist es endlich an der Zeit, Schluß zu machen. Der »Kazaner« Tag fällt in die Zeit der schwersten Feldarbeit, wenn, wie man sagt, der Tag das Jahr ernährt. In dieser Zeit vier bis fünf Tage mit Sauferei totzuschlagen, ist ein massives Verbrechen gegen sich selbst. Außerdem kostete nach meinen Berechnungen der »Kazaner« in den letzten Jahren unsere Nizne-Suchodoler Wirtschaften 400 bis 500 Rubel. Jeder Hof warf am Feiertag zehn bis fünfzehn Rubel zum Fenster hinaus. Sind wir denn so reich, daß wir keinen nützlicheren Platz für das Geld ausfindig machen können? Kann man doch für 500 Rubel vier bis fünf hochwertige Milchkühe kaufen.
Er hatte sein kleines Referat kaum beendet, da scholl es ihm schon entgegen:
Ja haben wir es denn so dicke? Wir sind bereit, Schluß zu machen. Was zum Teufel brauchen wir den »Kazaner«.
Aber wie können wir Schluß machen, wenn am Feiertag aus den anderen Dörfern die Brüder, die Schwiegersöhne und die angeheirateten Verwandten zu uns kommen? Ob man will oder nicht, man muß ihnen aufwarten.
Recht hast Du.
Die Dorfversammlung zerfiel in zwei Lager. Die jungen Hofwirte erklärten wie aus einem Munde: Wir müssen Schluß machen mit dem Feiertag. Die Alten erwiderten: »Die Abschaffung wird einzig und allein eine Abschaffung auf dem Papier. Am Feiertag selbst werden zu den Nizne-Suchodolern die Gäste kommen. Und welcher Hauswirt wird sich nicht für die Gäste mit ein, zwei Flaschen Vodka, Würsten und allerlei Speisen eingedeckt haben.«
Nach langen Erörterungen kam die Dorfversammlung zu dem Entschluß:
»Mit dem Feiertag wird Schluß gemacht. Von der Abschaffung sind die umliegenden Dörfer zu informieren, besonders
* Fest der heiligen Mutter von Kazan'.
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die Anverwandten. Auch ihnen ist anzuraten, für abgeschmackte und unzeitgemäße Trinkgelage nicht unnütz Geld auszugeben. Die Hauswirte von Niznij Suchodol erklären, für den »Kazaner« keine einzige Flasche Vodka zu kaufen, wenn die Gäste mögen, sollen sie kommen. Aber außer Piroggen und Tee werden sie in Niznij Suchodol nichts finden.«
Die Tagesordnung der Dorfversammlung war damit abgehandelt.+
+ Ob sich die Nizne-Suchodoler an ihren Beschluß hielten, wird nicht mitgeteilt.
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