Einführung
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1. Kapitel: Der Umsturz der alten Gesellschaft -Die bolschewistische Revolution im Winter 1917/18
I. Die Schwierigkeiten des NeubeginnsVersuche der Modernisierung und Sozialisierung des Agrarstaates 1917-1927
Hinweis: Die Seitenzahlen beziehen sich auf den Text vor der Seitenangabe.
Gemessen an Westeuropa war Rußland rückständig, auch das bolschewistische Parteiprogramm ging davon aus: Der Sturz der Autokratie und die Beseitigung jener »sehr zahlreichen Überbleibsel«, die aus einer alten, vormodernen Ordnung überkommen waren, standen obenan; denn diese Relikte behinderten den »wirtschaftlichen Fortschritt«, konservierten und verstärkten die »barbarischen Formen der Ausbeutung«, hielten »das ganze Volk in Unwissenheit und Rechtlosigkeit«. Erst der Sturz der Autokratie und ihre Ersetzung durch eine demokratische Republik, lokale Selbstverwaltung und die Gewährung der Grundrechte, Freizügigkeit und Gewerbefreiheit, die Abschaffung der Stände und die volle Gleichberechtigung aller Bürger, die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche erlaubten - so stand zu lesen - eine freie Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft - so weiter das Programm - wuchsen auch ihre Widersprüche, die »Unzufriedenheit der werktätigen und ausgebeuteten Klassen«, die »Zahl und Geschlossenheit der Proletarier«, »verschärfte sich ihr Kampf mit ihren Ausbeutern«; und gleichzeitig schaffte die Vervollkommnung der Technik »immer schneller und schneller die materielle Möglichkeit einer Ersetzung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch kommunistische, d.h. jener sozialen Revolution, die das Endziel aller Tätigkeit der internationalen Sozialdemokratie als der bewußten Trägerin der Klassenbewegung des Proletariats ist«1. Zwei Phasen der Revolution ließen sich somit unterscheiden, die »bürgerliche« und die »sozialistische«, und das Programm gliederte sich entsprechend in Nah- und Fernziele, in Minimal- und Maximalforderungen.
Doch das Programm stammte aus dem Jahre 1903, und die Verhältnisse hatten sich, so sah es die Parteiführung, seither grundlegend verändert. Der Kapitalismus war, wie Lenin 1916/17 zu zeigen suchte, weltweit in sein »höchstes Stadium« eingetre-
1 Vgl. den Text des Parteiprogramms (in deutscher Übertragung) bei B. Meissner, Das Parteiprogramm der KPdSU 1903-1961. Köln 3. Aufl. 1965, S. 115 ff.
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ten: in die Epoche des Finanzkapitals, des Imperialismus2. Die Monopolverbände der Kapitalisten (Syndikate, Kartelle, Trusts) hatten entscheidende Bedeutung erlangt, das hochkonzentrierte Bankkapital war mit dem Industriekapital verschmolzen, der Kapitalexport in fremde Länder wuchs und wuchs, und die reichsten Länder teilten die Welt unter sich auf. Der Weltkrieg war daraus entstanden, es war ein imperialistischer Krieg um den Weltmarkt, und er verstärkte und beschleunigte noch den Konzentrationsprozeß. Aber wie alles, so hatte auch diese Entwicklung zwei Seiten: »Die außerordentlich hohe Entwicklungsstufe des Weltkapitalismus, die Ablösung der freien Konkurrenz durch den monopolistischen Kapitalismus, die Entwicklung eines Apparates für die gesellschaftliche Regulierung des Produktionsprozesses und die Verteilung der Produkte durch die Banken sowie durch die Kapitalverbände, die mit dem Wachstum der kapitalistischen Monopole verbundene Teuerung und die Zunahme des Druckes der Syndikate auf die Arbeiterklasse, die gewaltige Erschwerung ihres wirtschaftlichen und politischen Kampfes, der Schrecken, das Elend, der Ruin, die Verwilderung, die der imperialistische Krieg erzeugt - alles das macht die jetzt erreichte Entwicklungsstufe des Kapitalismus zur Ära der proletarischen sozialistischen Revolution. Diese Ära hat begonnen.«3 Wenn nun weltweit die »unmittelbare Vorbereitung des Proletariats für die Eroberung der politischen Macht« auf der Tagesordnung stand, ließ sich auch für Rußland die strikte Trennung von Minimal- und Maximalprogramm schwerlich länger halten.
»Objektive Verhältnisse« für den unmittelbaren Übergang von der bürgerlichen zur sozialistischen Phase der Revolution sah Lenin nicht nur in der Weltlage. Seit Frühjahr 1917 bestanden sie, seiner Meinung nach, auch im Inneren: Nach dem Sturz der Autokratie sei zwar der Bourgeoisie die Macht in die Hände gefallen; aber neben der Provisorischen Regierung und unabhängig von ihr war als proletarische Interessenvertretung eine »andere Regierung« entstanden: die Arbeiter- und Soldatenräte. In der »Doppelherrschaft« manifestiere sich der Übergangscharakter der Epoche, und auf die Sowjets müßten die Bolsche-
2 Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. 1916 geschrieben, 1917 veröffentlicht, abgedruckt in; ders., Werke (nach der 4. russischen Ausgabe). Bd. 22, Berlin 1960, S. 189 ff.
3 Lenin, Materialien zur Revision des Parteiprogramms. Geschrieben April/ Mai 1917, in: ders., Werke. Bd. 24, Berlin 1959, S. 455 ff., hier S. 470.
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wiki künftig setzen, um die revolutionäre Entwicklung im Innern weiter voranzutreiben. Die Forderungen, die sich daran anschlössen, gingen über das ehemalige Minimalprogramm weit hinaus: Keine Unterstützung der Provisorischen Regierung;
Schluß mit dem Krieg, der auch unter der neuen Regierung ein imperialistischer Krieg bleibe; alle Macht den Sowjets; Abschaffung der Polizei, der Armee und der Beamtenschaft; Nationalisierung des gesamten Bodens; Verstaatlichung der Banken und Syndikate; schließlich Kontrolle der Produktion und ihrer Verteilung durch die Arbeiterräte4.
Lenins Konzept, erstmals formuliert in den ›Aprilthesen‹, propagierte die Fortführung der Revolution, die Machtergreifung des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft, den Sturz der Regierung im bewaffneten Aufstand. Der Trennstrich zu den Menschewiki und den anderen sozialistischen Parteien war damit durchgezogen. Die Forderung nach »Revolution in Permanenz« hatte sich in den Diskussionen um die erste Revolution (1905), in den Auseinandersetzungen um Strategie und Taktik der Partei vorbereitet; überraschend kam sie im Frühjahr 1917 doch, und Lenin hatte - bis in den Herbst hinein - einige Mühe, sie als Parteilinie durchzusetzen5.
An der Gesamtrichtung der Entwicklung gab es für Lenin keinen Zweifel: Der Kapitalismus hatte sich zum »staatsmonopolistischen Kapitalismus« entwickelt, und der war wiederum nur eine »Vorstufe« zum Sozialismus; Ziel war die Errichtung der Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft, und die soziale Revolution in Rußland sollte wiederum nur das Vorspiel zur sozialistischen »Weltrevolution« sein. Mit dem Sturz der Provisorischen Regierung im Oktoberaufstand war das erste Teilziel erreicht, und der »Übergang zum Sozialismus« konnte in Angriff genommen werden. Die programmatische Unterscheidung von Maximal- und Minimalforderungen war, wie es schien, endgültig überholt und konnte aufgegeben werden6.
4 Vgl. Lenins Artikel >Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution», der in der Parteizeitung ›Pravda‹ vom 20. April 1917 (neue Zeitrechnung) erschien, und dessen Kernthesen Lenin bereits drei Tage zuvor auf zwei Versammlungen vorgetragen hatte; abgedruckt in: ders., Werke. Bd. 24, S. 3ff.; vgl. auch ebda S. 20 ff. und S. 41ff.
5 Vgl. dazu die Einführung zu Band l dieser Dokumentation.
6 Siehe Lenins Referat auf dem 7. Parteitag (im März 1918) in: ders., Werke. Bd. 27, Berlin 1960, S. 123; vgl. auch seine Bemerkungen ›Zur Revision des Parteiprogramms‹ im Oktober 1917, in: ders., Werke. Bd. 26, Berlin 1961, S. 156 ff.
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Doch die Streichung des entsprechenden Passus löste noch nicht die dahinter stehenden Probleme, die Fragen der Unterentwicklung, der relativen Rückständigkeit Rußlands, und wer die Antwort von der »Weltrevolution« erwartet hatte, wurde enttäuscht: Sie blieb aus. Die Vergangenheit hatte die Gegenwart, die Realität die Planung bald eingeholt. Die bolschewistische Politik war gezwungen, sich auf eine »Übergangsphase« einzustellen, von der niemand sagen konnte, wie lange sie dauern würde. Alte Fragen stellten sich neu: War das wirtschaftliche und gesellschaftliche Fundament nicht zu schwach, um darauf eine sozialistische Ordnung zu errichten? Wie konnte das Proletariat eine Führungsrolle übernehmen, wenn es selbst nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung stellte? Wie war der wichtigste Sektor der Volkswirtschaft, die Landwirtschaft, zu modernisieren, nachdem man den Großgrundbesitz zerschlagen und das Land unter die Klein- und Kleinstbesitzer aufgeteilt hatte? Wie war es möglich, zu sozialistischen Formen der Bodenbestellung überzugehen, ohne die Loyalität der Bauern, auf die die Regierung nach wie vor angewiesen blieb, zu gefährden? Was sollte mit den gewerblichen Klein- und Kleinstbetrieben geschehen, die sich proletarischer Kontrolle (Arbeiterkontrolle) und sozialistischer Planung entzogen? Welche Rolle sollten künftig die Betriebskomitees spielen, welchen Einfluß gestand man den Gewerkschaften zu, und wie verhielt sich die betriebliche Mitbestimmung zu den Vorgaben der Planung? Schließlich, wenn ein sozialistischer Staat auf Dauer nur als hochentwickelter Industriestaat überleben konnte oder vorstellbar war: wie sollten die Kosten der Industrialisierung verteilt werden?
Die parteiinternen Diskussionen zeigten, daß die Bolschewiki kein einheitliches Konzept für die Entwicklung des Landes und den »Übergang zum Sozialismus« besaßen. Die Ansichten über den »richtigen Kurs« gingen weit auseinander, und die Politik wechselte mehrfach die Richtung. Die Kontroversen betrafen nicht nur den Weg, sondern auch die Ziele. Und während man sich in der politischen Führung um Konzeptionen und Strategien stritt, nahm man fern von der Hauptstadt davon kaum Notiz. War der Sturm der Revolution erst vorüber, lebte draußen im Land Altes fort, ging seinen gewohnten Gang, richtete sich auf die neuen Verhältnisse ein. Erst Ende der 20er Jahre endete dieser Zustand: mit dem forcierten Ausbau der Schwerindustrie und der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft.

