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Der Bayerische Landtag vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart

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Quellenlage zum Alten Landtag

von Joachim Wild
Jedes Thema der bayerischen Geschichte kann heute bereits eine längere Reihe von Bemühungen um seine Erforschung aufweisen, so auch der "Alte Landtag". Die vorigen Referate haben - nach Epochen gegliedert - aufgezeigt, welche Schwerpunkte von den bayerischen Landeshistorikern bisher gesetzt wurden und wo, nach heutiger Anschauung, noch Forschungsdefizite bestehen bzw. scheinbar gültige Ergebnisse wieder in Frage gestellt werden müssen. Ich greife die gleiche Thematik auf, gehe sie aber von einer anderen Seite an. Meine Frage lautet, wie denn die Quellenlage zum Alten Landtag beschaffen ist und in welchem Ausmaß, in welcher Intensität diese Quellen von der bisherigen Forschung berücksichtigt worden sind. Dahinter steht die Überlegung, daß aus den Quellen heraus sich möglicherweise von selbst Fragen und Aspekte ergeben, die nach einer eingehenden Behandlung rufen. Daß dieser Denkansatz durchaus berechtigt ist, zeigt ein Blick in die bisher einzige Monographie über den Alten Landtag1. Karl Bosl behandelt zwar die Geschichte des Landtags eingehend unter der ihn besonders interessierenden Fragestellung nach Repräsentation und Repräsentierten, aber man sucht vergeblich nach einer Quellenübersicht. Stellt man sie selbst aus seinen Anmerkungen zusammen, so wird sofort deutlich, daß einerseits nur ganz sporadisch von den archivalischen Quellen Gebrauch gemacht worden ist, andererseits aus diesen wenigen Rückgriffen sich doch ein überreicher Quellenfundus erahnen läßt. Mit Quellen ist hier das Schriftgut gemeint, das bei Landesherr und Landständen im Zuge der auf und zwischen den Landtagen geführten politischen Auseinandersetzungen entstanden ist und in dem jeweili-
1 Bosl, Repräsentation.
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gen Archiv verwahrt wurde. Es ist seiner Entstehung nach primäres Verwaltungsschriftgut; chronikalische Quellen, also durch den zeitgenössischen Autor reflektierte und kommentierte Geschichtserzählungen, spielen offenbar keine Rolle.

Das Archiv der Landstände

Die Quellenlage zum Alten Landtag ist durch eine Besonderheit geprägt, die nicht deutlich genug hervorgehoben werden kann: ihre Zweigleisigkeit. Wie sich Landesherr und Landstände im Ringen um die Teilhabe an der Herrschaft grundsätzlich als Konkurrenten gegenüberstanden, so legten beide als Ergebnis dieser politischen Auseinandersetzungen eigene, d.h. getrennte Schriftgutüberlieferungen an. Der Landesherr ist hierbei deutlich im Vorteil, denn seit dem 13. Jahrhundert hat sich im Herzogtum Bayern bzw. in dessen Teilherzogtümern in kontinuierlichem Wachstumsprozeß eine gut funktionierende Verwaltung entwickeln können2. Das 15. Jahrhundert bringt der Schriftlichkeit endgültig den Durchbruch, und seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts darf man grundsätzlich unterstellen, daß alle wesentlichen Maßnahmen in Politik, Verwaltung und Rechtsprechung einen schriftlichen Niederschlag gefunden haben. Ob dieses Schriftgut dann auch archiviert wurde und sich bis heute in den Archiven erhalten hat, ist allerdings eine andere Frage. Während also auf der Seite des Landesherrn ein im Laufe von Jahrhunderten gewachsener und eingeübter Verwaltungsapparat mit Registraturen und Archiven zur Verfügung stand, bauten die Landstände erst nach 1505 schrittweise eine eigenständige Verwaltung auf3. Die allmähliche Verwaltungskontinuität wird am deutlichsten sichtbar in der Bestellung eigener landständischer Bediensteter. 1522 ernennen die Landstände Jakob Rosenbusch zum ersten Landschaftskanzler auf Lebenszeit, nachdem er seit 1519 als Landschaftssekretär den Landständen gedient hatte4. In der Bestallungsurkunde für Rosenbuschs
2 Wild, Fürstenkanzlei.
3 Die Schriftgutführung und Archivierungspraxis der Landstände ist noch weitgehend unerforscht. Die meisten Informationen hierzu bei Rockinger, Einleitung, und Greindl, Untersuchungen.
4 Lanzinner, Fürst, 269 f.; Greindl, Untersuchungen, 34 ff.
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Nachfolger Hieronymus Pronner wird unter den Aufgaben ausdrücklich erwähnt, er solle die "puecher, brief und register" für die Kanzlei anfordern und dort verwahren5. Hier ist die Keimzelle des späteren landständischen Archivs angesprochen.
Zur personellen Kontinuität trat die stabilitas loci. Die Landschaft erwarb in München eigene Gebäude (das Landschaftsgebäude am Schrannenplatz, das Landbancohaus u.a.), die erst eine sichere Schriftgutverwaltung garantierten6. In der Zeit um 1800 bot sich folgendes Bild: Die Landstände unterhielten im Landschaftsgebäude ein Archiv, in dem hauptsächlich die Urkunden verwahrt wurden und dem ein eigener Archivar vorstand7, sowie eine Registratur mit einem Registrator an der Spitze. Spätestens seit 1788 ist die Registratur zweigeteilt in eine laufende Registratur im Landschaftsgebäude8 und eine reponierte Registratur im Landbancohaus9 ; beiden lag jedoch derselbe Registraturaufbau zugrunde. Die erhalten gebliebenen Archiv- und Registraturverzeichnisse des 18. Jahrhunderts dokumentieren die hohe Qualität und große Sorgfalt der Archiv- und Registraturbetreuung. Unbeschadet der Vereinigung der bisherigen Teilherzogtümer Bayern-München und Bayern-Landshut im Jahr 1505 war für die Landstände des Unterlands eine eigene Verwaltung in Landshut eingerichtet und hierzu ein stattliches Gebäude in der Oberen Altstadt erworben worden10. Auch in Landshut hat sich im Laufe der Neuzeit eine umfängliche Registratur entwickelt11. Die Erhebung der Steuern und der Aufschläge auf Nahrungsmittel, die ein Vorrecht der
5 StA München, Herrschaft Hohenaschau A 858; Lanzinner, Fürst, 270; Greindl, Untersuchungen, 35.
6 BayHStA, GL Fasz. 2744 Nr. 827-836. Abbildung des Münchner Landschaftshauses bei Bosl, Repräsentation, Taf. 9.
7 BayHStA, Altbayer. Landschaft Lit. 288 zeigt den Aufbau des Urkundenarchivs im Jahr 1745. Ein "Generalkonspekt der im landschaftlichen Archiv aufbewahrten Urkunden" aus der Zeit kurz nach 1800 belegt, daß der für 1745 geschilderte Aufbau im Prinzip fortbesteht und lediglich ergänzt wurde (Lit. 298). - Der letzte landständische Archivar, Johann Baptist Georg von Panzer, ist auch mit einer anonym erschienenen Geschichte der Landstände (Panzer, Versuch) hervorgetreten (vgl. BayHStA, GR 999/23: Panzer bekennt sich dort als Autor des anonymen Werks).
8 BayHStA, Altbayer. Landschaft Lit. 295.
9 BayHStA, Altbayer. Landschaft Lit. 283.
10 Bleibrunner, Landshut, 90-92 mit Abb.; Bosl, Repräsentation, Taf. 7.
11 StA München, KAM 45a: Verzeichnis der im Landhaus Landshut vorgefundenen Registratur, 1812.
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Landstände war, führte zur Ausprägung zweier eigener landständischer Spezialverwaltungen mit Steuerbehörden an den Regierungssitzen der vier Rentmeisterämter und in Ingolstadt12 sowie mit einer großen Zahl von Aufschlagsämtern. Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß zu Ende des 18. Jahrhunderts die Landstände in Ausübung ihrer verbrieften landständischen Vorrechte ein kleines Verwaltungsimperium aufgebaut hatten, das im Falle der Steuern und Aufschläge sogar zweistufig ausgebildet war. Auf allen Verwaltungsebenen ist eine bemerkenswerte Sorgfalt in der Akten- und Registraturführung zu konstatieren13.
Mit Aufhebung der Landschaft im Mai 1808 änderte sich das Bild schlagartig. Auch wenn bisher Einzelheiten über den Aufhebungsvorgang noch nicht ermittelt werden konnten14, kann man doch so viel sagen, daß das Archiv der Landstände umgehend in das Geheime Landesarchiv in München gebracht wurde15, während die Registraturen, also die Hauptmasse der Akten und Amtsbücher, in die Archivkonservatorien im Alten Hof in München bzw. auf die Burg Trausnitz in Landshut gebracht wurden16.
Nach diesem allgemeinen Überblick über das Archiv der Landstände soll im Folgenden die Quellenlage zum Alten Landtag an drei markanten Quellengruppen aufgezeigt werden. Der erste Punkt wird die landständischen Freibriefe behandeln.

Die landständischen Freibriefe

Es ist eine merkwürdige und rational nicht ganz nachvollziehbare Erscheinung, daß aus den zahlreichen, von den Landesfürsten ge-
12 BayHStA, GR 1005/46, 1006/47-48; beispielshalber sei hier genannt: Verzeichnis der im Landsteuerschreiberamt Landshut vorgefundenen Registratur, 1820 (StA München, KAM 46).
13 BayHStA, GR 1027/124½: Registraturplan des Landaufschlagamts Burghausen mit farbigen Abbildungen der Registraturschränke, 1797.
14 Steinwachs, Ausgang, OA 57 (1913) 112 f., geht auf die Aufhebung der Landstände nur ganz kurz ein und berichtet über Archiv und Registratur gar nichts.
15 Zur Archivorganisation der damaligen Zeit: Jaroschka, Samet, 1-27, hier bes. 13.
16 Übernahmeverzeichnisse des Archivs auf der Trausnitz: StA München, KAM 42-46 und 71.
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währten und immer wieder bestätigten und vermehrten Privilegien der Landstände schließlich 64 Urkunden ausgewählt und zu den landständischen Freibriefen schlechthin deklariert worden sind. Eine Kommission der Landstände hatte zuerst 1514 34 ihr besonders wichtig scheinende Urkunden ausgesucht und als Freibriefe in den Druck gebracht17. 1568 wurde, nachdem die Auflage von 1514 schon lange vergriffen war, eine zweite Auflage - wiederum durch eine Kommission der Landstände - vorbereitet und nun auf 64 Freibriefe erweitert18. Sie setzen mit der Ottonischen Handfeste von 1311 ein und enden mit einem Schadlosbrief von 1565. Bei dieser Zahl ist es geblieben, obwohl fraglos die Landstände auch weiterhin noch Privilegienbestätigungen ihres Landesfürsten erhalten haben. Gerade weil eine organische Fortführung der Freibriefe im Druck nicht zustande kam, führte dieses Ausbleiben zu einer Verabsolutierung der 64 ausgewählten Briefe. Der heute maßgebliche Druck durch Gustav Freiherrn von Lerchenfeld aus dem Jahr 185319, der ganz auf den alten Drucken des 16. Jahrhunderts fußt, hat diese Verabsolutierung, wenn auch unbeabsichtigt, noch verstärkt. Um die 64 landständischen Freibriefe in eine vernünftige Relation zu setzen, muß man einen Blick auf das Urkundenarchiv der Landstände werfen, aus dem diese 64 Freibriefe herausgegriffen worden sind. Dieses wird heute im Bayerischen Hauptstaatsarchiv verwahrt und umfaßt nach derzeitiger Zählung 1780 Urkunden20. Gewiß befinden sich darunter auch viele belanglose Stücke wie Steuer- und Aufschlagsquittungen. Die alten Archivübersichten aus dem 18. Jahrhundert führen jedoch vor Augen, daß die Freiheits-, Confirmations-, Bündnis- und Schadlosbriefe den
17 "Des loblichen haus und furstenthumbs Obern und Nidern Bayren freiheyten, von einem regirenden fursten von Bayrn auf den andern gemeinem lannd vernewt unnd bestettigt, die auch von Keysern unnd Konigen zugelassenn unnd confirmirt seinn, getruckht zu Munchen, Anno domini Tausent funffhundert und XIIII jar". - Rockinger, Einleitung, CCCL-CCCLII, CCCCXII-CCCCXIX.
18 "Des löblichen Hauß und Fürstenthumbs Obern unnd Nidern Bayren Freyheiten, von ainem regierenden Fürsten von Bayren auff den andern gemainem Landt gegeben, vernewt und bestettigt, die auch von Kaisern und Königen zugelassen und confirmiert sein, jetzt gemehrt und widerumb getruckt zu München, Anno domini, Tausent fünffhundert acht und sechtzig Jar". - Rockinger, Einleitung, CCCCXXIV-CCCCL mit einer Synopse der beiden Ausgaben von 1514 und 1568.
19 Lerchenfeld, Freibriefe.
20 Ein Regestenrepertorium liegt noch nicht vor; die Urkunden sind bis 1400 nach Ausstellern und Sieglern, ab 1400 nur nach Datum erschlossen.
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wohl größeren Teil ausmachen und somit in den 64 landständischen Freibriefen nur ein Bruchteil der tatsächlich vorhandenen, politisch relevanten Urkunden ediert ist21. Als Folgerung für die Zukunft wäre vordringlich eine Edition der Urkunden des landständischen Archivs zu wünschen, denn die bisherige Forschung fußt auf einer zu schmalen Quellenbasis und hat die tatsächliche Überlieferungsbreite noch nicht annähernd zur Kenntnis nehmen können.

Die Landtafeln

Als nächster Hauptpunkt sollen die Landtafeln angesprochen werden. Die Verfassung des spätmittelalterlichen Herzogtums Bayern ist geprägt durch das Zusammenwirken von Landesherr und Landesgemeinde, wobei die Landesgemeinde durch die Landstände repräsentiert wird22. Soll also die Landesgemeinde zu einem Landtag einberufen werden, ergibt sich zunächst das vordergründige, aber in seiner Konsequenz verfassungsrechtlich hochbedeutsame Problem, wer konkret zu den Landständen rechne und deshalb auch einen Rechtsanspruch darauf habe, zum Landtag eingeladen zu werden. Während die Zugehörigkeit bei den Prälaten sowie den Städten und Märkten unstrittig war, stellte sich beim Adel die grundsätzliche Frage, welche Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft gegeben sein müssen. Wilhelm Volkert hat überzeugend herausgearbeitet, daß zunächst die ständisch-gesellschaftliche Voraussetzung adelig-ritterlicher Lebensweise im Vordergrund stand, ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts aber zunehmend die Radizierung auf die adelige Grundherrschaft in den Vordergrund rückte23. Im Endergebnis ist allein der Inhaber einer Hofmark zur Landstandschaft berechtigt, nicht aber beispielsweise seine schon erwachsenen Söhne24.
Seit den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts sind im Herzogtum Bayern-München durch die landesherrliche Verwaltung Verzeichnisse
21 Eine Gegenüberstellung mag dies schlaglichtartig beleuchten: 110 Originale vor 1400 stehen 22 Drucken in den Freibriefen gegenüber. - Rockinger, Einleitung, CCCCXXI-CCCCL geht ausführlich auf die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Urkundenüberlieferung und der für den Druck getroffenen Auswahl ein.
22 Volkert, Landtafeln, 250; dort auch die ältere Literatur nachgewiesen.
23 Ebda, 259 ff.
24 Ebda, 262.
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angelegt worden, die die zum Besuch eines Landtags Berechtigten und daher Einzuladenden namentlich aufführen. Diese Verzeichnisse tragen von alters her die Bezeichnung "Landtafel"25. Im Herzogtum Bayern-Landshut sind solche Landtafeln seit der Mitte des 15. Jahrhunderts überliefert, und im seit 1505 vereinigten Herzogtum Bayern begegnen sie dann in großer Zahl26. Volkerts Ausführungen legen den Schluß nahe, daß das Ur- und Hauptexemplar einer solchen Landtafel in der herzoglichen Kanzlei erstellt worden sein dürfte27. Sehr bald kommen aber zeitgleiche oder auch jüngere Abschriften auf seiten der Landstände als Korporation bzw. einzelner Mitglieder der Landstände vor. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, nachdem ein verfassungsrechtlicher Abschluß der Landstände erreicht war, trat ein historisch-genealogisches Interesse hinzu. Während die bisherigen Landtafeln in zwei Spalten den Namen des Landsassen und das zur Landstandschaft berechtigende Gut aufführen, werden nun in einer neuen, dritten Spalte die früheren Inhaber einer Hofmark, soweit dem Verfasser eben erinnerlich, aufgezählt. Als Autoren sollen sich der bekannte Wiguläus Hundt, aber auch der herzogliche Archivar Johann Lieb betätigt haben28. Nach einer längeren Phase der Stagnation wurde am Ende des 18. Jahrhunderts ein weiterer Anlauf genommen, die Landtafeln neu zu bearbeiten. Franz von Krenner29, der später die Landtagshandlungen publizieren sollte, befaßte sich als junger Hofkammerrat mit der Erstellung solcher Landtafeln, die
25 Zur Terminologie: Ludwig Rockinger, Register zu Lerchenfeld, Freibriefe, 336 f. unter landtafel. Eine zeitgenössische Bezeichnung scheint auch Landbuch gewesen zu sein (BayHStA, Altbayer. Landschaft Lit. 21).
26 Zusätzlich zur archivischen Überlieferung (vorrangig im Bestand Altbayer. Landschaft Literalien, aber auch in anderen Beständen des BayHStA) ist auch diejenige in den Bibliotheken zu beachten. Allein die Bayerische Staatsbibliothek verwahrt mindestens 25 Landtafeln des 16. und 17. Jahrhunderts: Cgm 2494-2515, 5222, 5225, 5428. Herrn Dr. Kudorfer (Handschriftenabteilung) sei an dieser Stelle für freundliche Hinweise gedankt. - Zur Überlieferungsproblematik: Volkert, Landtafeln, 258 Anm. 29. - Föringer, Handschriften, 117 ff.
27 Volkert, Landtafeln, 255; Greindl, Untersuchungen, 100 f., die Volkerts kurz zuvor erschienenen Aufsatz nicht mehr berücksichtigt hat, gelangt zur Auffassung, die Landstände hätten die Landtafeln erarbeitet. Die gegensätzlichen Aussagen belegen, wie wenig wir im Grunde von der Entstehung der Landtafeln wissen.
28 Föringer, Handschriften, Sp. 136 ff.; Greindl, Untersuchungen, 101.
29 Zu Franz (von) Krenner: ADB 17, Leipzig 1883, 124 f. - Die Bemühungen um eine neue Landtafel setzen schon unter Kurfürst Max III. Joseph ein; vgl. BayHStA, Kurbayern Geheimes Landesarchiv 1460.
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jedoch nur noch den Namen mit ihren Vorgängern gemein hatten; sie ähneln in ihrer Ausführlichkeit und mit ihren vielen historischen Exkursen eher einem historischen Atlas30. Auf seiten der Landstände befaßte sich gegen 1800 der Landschaftskonsulent Joseph Elias von Seyfried mit diesem Thema und sammelte hierzu Material31.
Eigentlich muß es unstrittig sein, daß die Landtafeln elementare Zeugnisse des bayerischen Verfassungslebens sind, indem sie über Jahrhunderte hinweg namentlich die zur Teilnahme an den Landtagen Berechtigten aufführen. Umsomehr erstaunt, daß - abgesehen von einigen wenigen Teilpublikationen - keine Gesamtedition vorliegt, die die in Archiven und Bibliotheken zahlreich überlieferten Landtafeln kritisch sichtet und ihren Wortlaut in wissenschaftlich zuverlässiger Bearbeitung zugänglich macht32. Mit dieser betrüblichen Feststellung ist zugleich ein Forschungsdesiderat formuliert, dem besonderer Rang zukommt.

Die Landtagshandlungen

In den beiden vorausgehenden Abschnitten wurden die landständischen Freibriefe sowie die personelle Zusammensetzung der Landstände betrachtet. In einem abschließenden Kapitel sollen nun die Landtagshandlungen selbst in den Vordergrund gerückt werden. Was meint Landtagshandlung? Ein Landtag des 16. Jahrhunderts, den wir uns als Beispiel vor Augen halten wollen, war dialogisch strukturiert33. Nach Eröffnung des Landtags verlas ein herzoglicher Rat die landesherrliche Proposition und gab damit die Themen vor, die erörtert werden sollten. Die Landstände zogen sich darauf zur Beratung zurück, bildeten Ausschüsse und formulierten nach einem zeitauf-
30 Wild, Hofanlagsbuchhaltung, 26.
31 Zur Person: BayHStA, GR 996/23 (Personalakt der Landstände). - Materialsammlungen: BayHStA, Altbayer. Landschaft Lit. 144a, 337½; BayHStA, GR 1030/141. Aus seiner Feder stammt: Seyfried, Geschichte.
32 Der letzte, der dies geplant hatte, war in der Mitte des 19. Jahrhunderts Heinrich Konrad Föringer (s.a. Literaturverzeichnis).
33 [Krenner, Franz von:] Der Landtag im Herzogtum Baiern vom Jahre 1514, o.O. 1804; Freyberg, Geschichte 2, 104 ff.; Greindl, Untersuchungen, 27 ff.
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wendigen, internen Einigungsprozeß eine Antwortschrift, die dem Landesherrn überbracht wurde. Der Landesherr reagierte auf dieselbe Weise, so daß die Meinungsäußerungen sich jeweils in einem Schreiben (Hauptschrift) manifestierten. Wichtige Propositionen (Protestationen, Suppliken) einzelner Stände, einzelner ihrer Vertreter oder auch Angehöriger der Fürstenfamilie und die Antworten hierauf wurden in das Grundgerüst der Hauptschriften eingefügt. Die Zusammenfassung der offiziell gewechselten Schreiben nach Abschluß eines Landtags unter Zwischenschaltung kurzer erzählender Passagen, die den Tagungsablauf verdeutlichen und die Verbindung herstellen, bildete dann die Landtagshandlung. Es war Aufgabe des jeweils amtierenden Landschaftskanzlers, diese Kompilation vorzunehmen, wie uns deren Bestallungsurkunden zeigen34. Außerdem war die Möglichkeit vorgesehen, auf Wunsch interessierter Landstände und auf deren Kosten Abschriften zu fertigen; dies erklärt die hohe Zahl abschriftlich überlieferter Handschriften der Landtagshandlungen. Sowohl auf seiten des Landesherrn wie der Landstände gibt es jedoch kennzeichnende Unterschiede. Bei beiden existierte ja nicht nur eine erst am Ende erstellte abschriftliche Zusammenfassung, sondern fortschreitend mit den Landtagsverhandlungen trafen im Original die Schreiben der Gegenseite ein; anschließend wurden im Entwurf die Antworten konzipiert und als Entwurf zu den eigenen Akten genommen. Bis die definitive Antwort stand, konnten mehrere Vorentwürfe, die Einholung von Stellungnahmen u.ä. notwendig sein, so daß im Endergebnis ein umfängliches Aktenkonvolut erwuchs, das interessante Einblicke in die interne Meinungsbildung ermöglicht. In der herzoglichen Überlieferung sind spätestens seit dem Landtag von 1514 auch die eben beschriebenen originalen Landtagsschriften vorhanden, während sie auf der landständischen Seite bisher nur vereinzelt aufgefunden werden konnten35.
34 BayHStA, GR 995/14: Bestallungsrevers v. 28. Januar 1622 (Entwurf) des Landschaftskanzlers Johann Georg von Hörwarth: "Nachdem auch hievor gebreichig herkhommen und vielleicht unser ainer landtschafft notturfft sein mechte, daß ein Canzler nach jeder gehaltnen Landtschaft alle handlungen, wie hiebevor vermeldt worden, in Büecher zusammen beschreiben und alsdan dieselben Büecher den firnembsten von Prelaten, Ritterschafft, Stetten und Merkhten gegen bezahlung zugeschikht werden, ...".
35 Die herzogliche Überlieferung in BayHStA, Geheimes Landesarchiv 1236-1446; die landständische Überlieferung in BayHStA, Altbayer. Landschaft Lit. 355-454 und 1074-1488. Bei beiden Serien stehen noch Untersuchungen über ihre Vollzähligkeit, Zusammensetzung, Überlieferungsform usw. aus.
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Die Landtagshandlungen haben schon früh das Interesse der Historiker geweckt. Der oben im Zusammenhang mit den Landtafeln erwähnte Franz von Krenner36, inzwischen zum Geheimen Referendär im Finanzministerium avanciert, veröffentlichte auf eigene Kosten zwischen 1803 und 1805 die "Baierischen Landtagshandlungen in den Jahren 1429 bis 1513", die schließlich 18 Bände füllten. Anonym wurden zeitgleich die Landtage der Jahre 1514, 1515 und 1516, 1542, 1543, 1557, 1568, 1605, 1612, 1669 publiziert. Entgegen den Angaben in Krenners Biographie in der ADB ist nicht ebenfalls er der Herausgeber sondern die Landstände; es bleibt allerdings unklar, warum sie ihre Herausgeberschaft verschwiegen haben37. Die "hiesigen Archive", auf die sich Krenner für seine Edition beruft38, sind konkret nur das kurfürstliche Geheime Landesarchiv, dessen Vorstand, der Geheime Landesarchivar Franz Josef Samet, von Kindheit an mit ihm befreundet war und der ihm die archivalischen Vorlagen zur Verfügung stellte39. Das landständische Archiv - Archive galten damals grundsätzlich als geheim und nicht öffentlich zugänglich - war Krenner wohl verschlossen geblieben, falls er überhaupt einen solchen Versuch unternommen hat. Unterschiedliche politische Standpunkte und Interessen - Krenner war zeitweilig in der kurfürstlichen Regierung für die Landstände zuständig - mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Bis heute bildet die Krennersche Edition die alleinige Grundlage, auf der fast alle Forschung fußt. Dabei lehrt schon ein kurzer
36 Vgl. oben Anm. 29. - Franz von Krenner ist ohne Zweifel eine höchst interessante Gestalt, die eine bedeutende Rolle sowohl in der Politik unter Montgelas, aber auch als Beamter (er war zuletzt Generaldirektor im Finanzministerium und dort viele Jahre für den Staatshaushalt verantwortlich) und als Historiker und Editor spielte. Sein umfänglicher Nachlaß konnte im Zuge der Vorarbeiten zu diesem Beitrag in den Beständen des BayHStA ermittelt werden; er bedarf jedoch noch der Zusammenführung, Strukturierung und Verzeichnung. Über Krenners bedeutende erotische Bibliothek neuerdings: Kellner, Bibliotheca; dort auch eine ausführliche Charakteristik seiner Persönlichkeit.
37 ADB 17, Leipzig 1883, 124 f. - Die Manuskripte für die Editionen der Landtage von 1515 und 1516, 1542, 1543 und 1568 liegen noch im BayHStA unter den Signaturen 'Altbayer. Landschaft Lit. 1089, 1095, 1096, 1147' vor und tragen die für die landschaftliche Registratur typischen Aktendeckblätter.
38 Krenner in der Vorrede zum 1. Band der Baierischen Landtagshandlungen (1803).
39 Jaroschka, Samet, 3 f. - Das Bemühen Samets um eine möglichst vollständige Erfassung aller Quellen zu den Landtagen in den Registraturen der verschiedenen kurfürstlichen Behörden ist von 1800 bis 1804 gut zu belegen (BayHStA, Generaldirektion der staatlichen Archive Bayerns 1). Dort ist allerdings von den editorischen Absichten des Samet-Freundes Krenner keine Rede.
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Blick auf die zugrundeliegenden Originale, daß diese Edition keineswegs wissenschaftlichen Ansprüchen genügen kann40. Für die Landtage des 15. Jahrhunderts ist durchaus unklar und erörterungsbedürftig, was unter die Landtagshandlungen miteinbegriffen werden soll41, und bei den Landtagen seit 1514 gibt es im Prinzip drei Varianten der Landtagshandlungen, nämlich die offizielle Schlußfassung sowie die die gewechselten Schreiben jeweils vorbereitenden Entwürfe und Vorstufen auf beiden Seiten. Außerdem sind von den 37 Landtagen des 16. Jahrhunderts gerade sieben ediert worden, alle übrigen nicht.
Die Eingrenzung der Edition auf die Vollandtage hat weiterhin den Blick dafür verstellt, daß für das 16. bis 18. Jahrhundert weitere höchst aufschlußreiche Bändeserien vorliegen, die die fortwährende Korrespondenz der Landstände mit dem Landesherrn zwischen den Landtagen zum Inhalt haben. In der landständischen Überlieferung tragen sie zunächst die Bezeichnung "Landesfürstliche Handlungen" und nehmen später den Namen "Postulatsacta" an; sie reichen bis zur Aufhebung der Landstände.
Alles zusammengenommen kann ich meine Ausführungen auf einen kurzen Nenner bringen: Die Erforschung und Edition der Quellen zum Alten Landtag steht noch weitgehend am Anfang.
40 Krenner selbst weist in der Vorrede zum ersten Band seiner Baierischen Landtagshandlungen darauf hin, daß er sich bei der Textgestaltung gewisse Freiheiten erlaubt habe: "Da diese Ausgabe weder für das Studium der Sprachkunde, noch für jenes der Diplomatik im engsten Sinne ... sondern nur für das Studium der inneren Staatsverfassung in Bezug auf das Verhältniss der Landstände zu der Regierung geschieht, so hat sich der Herausgeber die Freyheit genommen ...".
41 Krenner in seiner Vorrede im 1. Band: "So vollständig und gut conservirt auch die hiesigen Archive sind, so können doch dermalen von dem fünfzehnten Jahrhunderte meistens nur Fragmenten der Landtagshandlungen vorgelegt werden"; vgl. auch Panzer, Versuch, XXV ff.
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Literaturverzeichnis

Bleibrunner, Hans: Landshut - die altbayerische Residenzstadt. Ein Führer zu ihren Sehenswürdigkeiten, Landshut 1972.
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Föringer, Heinrich Konrad: Über die Handschriften und Ausgaben der ehemaligen bayerischen Landtafel, und über deren Benutzung für Geschichte und Topographie, in: Gelehrte Anzeigen (der k. bayer. Akademie der Wissenschaften) 26 (1848) 107-144.
Freyberg, Max Frhr. von: Geschichte der bayerischen Landstände und ihrer Verhandlungen, 2 Bde., Sulzbach 1828/9.
Greindl, Gabriele: Untersuchungen zur bayerischen Ständeversammlung im 16. Jahrhundert. Organisation, Aufgaben und die Rolle der adeligen Korporation, München 1983 (MBM 121).
Jaroschka, Walter: Reichsarchivar Franz Joseph von Samet (1758 - 1828), in: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern Sonderheft 8 (1972) 1-27.
Kellner, Stephan: Bibliotheca erotica Krenneriana - eine bürgerliche Privatsammlung um 1800, in: Bibliotheksforum Bayern (Karl Dachs zum 65. Geburtstag) 22 (1994) 65-86.
Krenner, Franz von: Baierische Landtagshandlungen (1429-1513), 24 Bde., München 1803/05.
Lanzinner, Maximilian: Fürst, Räte und Landstände. Die Entstehung der Zentralbehörden in Bayern 1511-1598, Göttingen 1980 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 61).
Lerchenfeld, Gustav Frhr. von: Die altbaierischen landständischen Freibriefe mit den Landesfreiheitserklärungen, München 1853.
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[Panzer, Johann Baptist Georg:] Versuch über den Ursprung und die Anfänge der landständischen Rechte in Baiern, o.O. 1798.
[Rockinger, Ludwig:] Einleitung zu: Lerchenfeld, Freibriefe, I-CCCCL.
Seyfried, Joseph Elias von: Geschichte der ständischen Gerichtsbarkeit in Baiern, Bd. 1: Pest 1791, Bd. 2: Leipzig 1793.
Steinwachs, Otto: Der Ausgang der landschaftlichen Verordnung in Bayern, in: OA 55 (1910) 60-138, 294-332; OA 56 (1912) 37-58; OA 57 (1913) 38-117.
Volkert, Wilhelm: Die älteren bayerischen Landtafeln, in: Archivalische Zeitschrift 75 (1979) 250-262.
Wild, Joachim: Die Hofanlagsbuchhaltung bei der bayerischen Hofkammer, in: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern 27/28 (1981/82) 13-31.
Wild, Joachim: Die Fürstenkanzlei des Mittelalters. Anfänge weltlicher und geistlicher Zentralverwaltung in Bayern, München 1983 (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 16).
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