Münchener DigitalisierungsZentrum - Digitale BibliothekBSB - Bayerische Staatsbibliothek

Der Bayerische Landtag vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart

Suche

Neue ausführliche Suche

Seite 59

Entstehung der Landstände in Bayern

Von Wilhelm Volkert
Zwischen 1803 und 1808 hat der bayerische Kurfürst und König Max Joseph die altbayerische Landschaft beseitigt. Die bayerischen Stände waren in drei Kurien (Adel, Prälaten, Städte und Märkte) gegliedert; zum Ritterstand gehörten um 1800 etwa 260 Adelige; der Prälatenstand hatte circa 70 Mitglieder; den Bürgerstand bildeten Vertreter von 120 Städten und Märkten. Nachdem seit 1669 kein Gesamtlandtag mehr stattgefunden hatte, vertrat ein dauernder Ausschuß von 20 Kommissären die Interessen der Stände. Er hieß Landschaftsverordnung. Die Landstände besaßen eine differenzierte Verwaltungsorganisation für die Steuereinhebung; besonders wichtig war die Landschaftskasse, die erhebliche volkswirtschaftliche Bedeutung hatte. Das Ganze leitete der Landschaftskanzler1.

Entwicklung der Landstände in Bayern

Die Ständebewegung kommt im Herzogtum Bayern in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Gang. Die Organisation des Drei-Kurien-Systems ist seit dem 14. Jahrhundert in Umrissen zu verfolgen. Die Forschung versteht unter der "Entstehung" des Ständewesens meist die Vor- und Frühgeschichte im 13. und frühen 14. Jahrhundert. Sie geht zunächst der Frage nach, was wohl die Angehörigen der führenden Gesellschaftsschicht des landsässigen Adels in Bayern veranlaßt hat, sich auf "Hoftagen" und "Rittertagen" zu versammeln, um gemeinsam eine Linie zu finden, wie man sich dem Landesfürsten gegenüber verhalten solle; denn dieser Fürst trat in einer neuen Form
1 Lieberich, Landstände, 24-29, 199 ff., 223 ff.
Seite 60
der Herrschaftsausübung den anderen Herrschaftsträgern weltlichen und geistlichen Standes gegenüber, anders als dies noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Fall gewesen war. Hier zeichnen sich die Anfänge der ständischen Adelskurie ab. In Verbindung damit steht der Zusammenschluß der Bürgergemeinden, deren Landstandschaft schon bald nach 1300 erkennbar wird. Im 14. Jahrhundert bildete dann der Kreis der jurisdiktionsfähigen Klosteroberen ("Prälaten") die geistliche Kurie der Landstände. Während die Mitgliedschaft der kommunalen und der geistlichen Landstände von der Entstehung bis zum Ende der Landschaft ziemlich konstant war, ist die Personengeschichte der Adelskurie von der allergrößten Mannigfaltigkeit gewesen, wie sich dies aus der Geschichte der Familien des landsässigen Adels ergab. Die Prosopographie der ständischen Adelskurie bereitet daher große Schwierigkeiten; dies gilt ganz besonders für die Frühzeit im späten 13. und im frühen 14. Jahrhundert. Auch für die folgende Zeit bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ist es kaum möglich, den Kreis der adeligen Mitglieder der bayerischen Landschaft genau zu beschreiben, weil bis dahin grundsätzlich alle volljährigen Adeligen auf den Landtagen erscheinen und mitstimmen konnten, ob sie nun Alleineigentümer eines Jurisdiktionsgutes, Angehörige einer Eigentümergemeinschaft ("Ganerbschaft") oder eventuell wirtschaftlich unselbständige, im Haushalt der Eltern lebende "Jungaristokraten" waren. Unter diesem Blickwinkel bietet die Personengeschichte der Landstände im Spätmittelalter viele Probleme.
Die Entstehungsgeschichte der Stände hat sich auch mit der Entwicklung der korporativen Organisation, mit Art und Form des Zusammentretens und Verhandelns, mit den in Anspruch genommenen oder eventuell zugewiesenen Sachkompetenzen, mit der Mitwirkung der Stände an Politik und Verwaltung, Landfrieden und Jurisdiktion und an der "Staatsfinanzierung" über die Steuerbewilligung und die Steuereinhebung und -verwaltung zu befassen.

Ältere Forschungen

Die systematische Forschung über die Rechts- und Verfassungsgeschichte der altbayerischen Landstände setzt in der letzten Phase der alten Landschaftsorganisation ein; besondere Bedeutung haben die
Seite 61
Arbeiten des Landschaftsarchivars Panzer, des Ständekonsulenten Seyfried2 und der im Ministerialdienst stehenden Brüder Franz und Johann Nepomuk von Krenner3. Sie erkannten insbesondere in der öffentlichen Funktion der Landsassen als Inhaber der hofmärkischen Gerichtsbarkeit die wesentliche Grundlage der ständischen Teilhabe am staatlichen Leben. Franz von Krenners Edition der für die Ständegeschichte im 15. und 16. Jahrhundert wichtigen Aktenstücke, Steuerregister, Landtafeln, Verhandlungsprotokolle und politischen Korrespondenzen bildet bis heute die Quellengrundlage für die Geschichtsschreibung über die Verfassungsstruktur und politische Wirksamkeit der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Landschaft in Altbayern. Krenners verdienstvolles Werk hat bis zur Gegenwart verhindert, daß sich die Forschung intensiv um eine vollständige und kritische, die Überlieferungsgeschichte sorgfältig untersuchende und analysierende Aufarbeitung der Quellen in den landesfürstlichen und den gesamtständischen Überlieferungszweigen sowie in den Archiven der einzelnen adeligen, geistlichen und kommunalen Landstände gekümmert hätte. Krenner hat für seine Zeit vorzügliche Arbeit geleistet; es ist nicht seine Schuld, daß die späteren Historikergenerationen über seine Quellendarbietung nicht wesentlich hinausgekommen sind.
Stehen diese Arbeiten noch unter dem Vorzeichen des aktuellen Funktionierens der Landschaftsadministration, so sind die wenig später publizierenden, historisch arbeitenden Juristen Rudhart4 und Baron Freyberg5 von der Beseitigung der älteren Ständeorganisation beeinflußt. Rudhart, der Frühliberale, erwartete 1816, daß der König sein Wort, eine Volksvertretung einzuführen, bald einlöse; denn dies sei bei der Aufhebung der landständischen Organisation 1808 versprochen worden. Der konservative Freyberg, der später selbst im frühkonstitutionellen Landtag als Abgeordneter wirkte, sah in den alten Ständen die privilegierten Klassen, die ihre rechtliche Position gegenüber dem Landesfürsten sichern und ausbauen wollten, je mehr dieser auf die Ausbildung der Landeshoheit bedacht war.
2 Seyfried, Geschichte; Panzer, Versuch.
3 F. von Krenner, Landtagshandlungen; J. N. von Krenner, Anleitung.
4 Rudhart, Geschichte. - Über Rudhart vgl. Leeb, Wahlrecht, 729.
5 Freyberg, Geschichte, bes. Bd. 2, 1-26. - Über Freyberg vgl. Leeb, Wahlrecht, 681; Götschmann, Innenministerium, 295-302; Leesch, Archivare, 166.
Seite 62
Aus dem politischen Liberalismus der Vormärzzeit hat Gustav Freiherr von Lerchenfeld (1806-1866) wichtige Impulse für die Veröffentlichung der Quellen zur Geschichte der alten Landstände erhalten. Lerchenfeld war Jurist und wirkte bis 1843 an verschiedenen bayerischen Gerichten; dann übernahm er nach dem Tod seines Vaters, des Barons Max von Lerchenfeld, die Verwaltung des Familiengutes. 1845 erhielt er ein Mandat für die Kammer der Abgeordneten, gewählt in der Klasse der Gutsbesitzer mit Gerichtsbarkeit. Bis zu seinem Tod blieb er Abgeordneter; er war stets mit den liberalen, monarchisch-konstitutionell gesinnten Abgeordneten verbunden. 1848 übernahm er im "Märzministerium" zunächst das Finanz-, dann das Innenressort (bis zum 19. Dezember 1848). Innenpolitisch war er gemäßigt liberal, außenpolitisch stand er der großdeutschen Richtung nahe6.
Lerchenfeld war der Meinung, daß die alten Stände Funktionen ausgeübt hätten, die mit den Kompetenzen des jetzigen Parlaments (1853) durchaus vergleichbar seien; sie hätten an der Gesetzgebung mitwirken können; die bewilligten Steuern hätten sie selbst verwaltet und damit in einem außerordentlich großen Umfang Anteil an der Exekutive gehabt, wie sie auch von den Beamten Verantwortlichkeit hätten fordern können; schließlich hätte das in den beschworenen Bündnissen der Stände begründete Widerstandsrecht die gewaltsamen, bis zur Fehde reichenden Aktionen gegen die Fürsten beim Bruch der Privilegienzusagen gerechtfertigt. Die rechtliche Bedeutung und die Geltung der landständischen Urkunden und Freiheitserklärungen seien zwar seit dem Anbruch der Neuzeit ("seit jener Zeit des Verfalls deutscher Nation, wo zwischen den Kämpfen religiöser Spaltung und der allmähligen, immer weiter um sich greifenden Auflö-
6 Lerchenfeld, Freibriefe. - Die Einleitung umfaßt 450, mit römischen Ziffern gezählte Seiten, der Abdruck der Freibriefe mit den Landesfreiheitserklärungen die Seiten 1-265, das Wörterverzeichnis die Seiten 267-428. Der Verfasser der Einleitung und des Wörterverzeichnisses ist nicht genannt. Riezler, Geschichte Bd. 2, 512 Anm. 3 zitiert Lerchenfelds Ausgabe mit dem Hinweis "(mit wertvoller Einleitung von Rockinger)". Dadurch ist der von Lerchenfeld (S. 13) als Verfasser der Einleitung und des Wörterverzeichnisses genannte "junge Freund, welcher seine Studien mit Vorliebe dieser Arbeit zugewendet" identifiziert. Ludwig Rockinger (1824-1914) war seit 1853 im bayerischen Archivdienst, von 1889-1895 Direktor des Allgemeinen Reichsarchivs; vgl. Baumann, Nachruf, 279; Rockinger hatte im Anstellungsgesuch auf seine Einleitung zur Lerchenfeldschen Edition hingewiesen (Personalakt der Generaldirektion der staatl. Archive Bayerns); vgl. auch Leesch, Archivare Bd. 2, 492 f. - Zur Tätigkeit Lerchenfelds als Minister vgl. Götschmann, Innenministerium, 254 ff.
Seite 63
sung der Reichsverfassung ...") immer schwächer geworden; vom Grundsatz her seien sie aber bis in die jüngste Vergangenheit in Kraft geblieben, wie die Privilegienbestätigungen anläßlich der Regierungsübernahme des Kurfürsten Karl Theodor (1777) und des Kurfürsten Maximilian IV. Joseph (1799) eindeutig zeigen. Lerchenfeld zog eine Entwicklungslinie von der alten Ständeverfassung über die Konstitution vom 1. Mai 1808, welche teilweise unausgeführt blieb, zur Verfassung vom 26. Mai 1818 und meinte, das konstitutionell-monarchische Prinzip sei in seinen wesentlichen Grundlagen bereits in den "altdeutschen ständischen Verfassungen" enthalten gewesen; die damaligen Stände hätten danach "viel ausgedehntere Rechte" besessen, als die jetzigen sogenannten konstitutionellen Verfassungen den Landtagen einräumten. Hier ist zu berücksichtigen, daß Lerchenfeld liberaler Parlamentarier und enttäuschter Minister des "Märzministeriums" war, welcher die erhofften freiheitlichen Verfassungszustände in einer idealisierten historischen Rückprojektion meinte auffinden zu können. Die Kompetenzen der alten Ständeversammlungen bei der Gesetzgebung, in der Verwaltung und in der Politik des Herzogtums weisen in der Tat Parallelen mit den Zuständigkeiten des konstitutionellen Landtags nach der Verfassung von 1818 auf; hinsichtlich der Repräsentanz des gesamten Volkes, der allgemeinen Verpflichtung des einzelnen Mandatträgers und der Ableitung der modernen Ständeversammlung vom königlichen Verfassungsoktroi bestehen jedoch grundlegende und grundsätzliche Unterschiede zwischen den beiden Ständeversammlungen, Unterschiede, die Lerchenfeld aus seinem liberalen Blickwinkel der Tagespolitik nicht sehen wollte.
Lerchenfeld stellte fest, daß durch die Entwicklung zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ständische Urkundensammlung und die Landesfreiheitserklärungen in Vergessenheit geraten seien, obwohl mehrere Druckausgaben seit dem 16. Jahrhundert vorhanden sind. Nach diesen wollte er die Texte erneut bekannt machen; dazu sollten in der Einleitung die ständischen Rechte und Freiheiten von den Anfängen im hohen Mittelalter bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts kommentiert und überlieferungsgeschichtlich erläutert werden.
Verfasser der kommentierenden Einleitung zur Lerchenfeldschen Edition ist der Rechtshistoriker und Archivar Ludwig Rockinger. Er kennt die Quellen zur Ständegeschichte im Mittelalter und in der
Seite 64
frühen Neuzeit gut; er beherrscht die Literatur der Vormärzzeit und der ausgehenden Ständezeit vollständig. Der enge Zusammenhang der Ständebewegung, worunter die Versammlung der mitspracheberechtigten drei Kurien (Adel, Prälaten, Bürger) verstanden wird, mit der sich formierenden Landeshoheit des Fürsten im Territorialstaat ist ihm geläufig. Er sieht die finanziellen Anforderungen an den Fürsten wachsen, weshalb dieser auf das "Land", also die Gesamtheit der Herrschaftsträger, zurückgreifen muß. Die Herrschaftsausübung durch den Herzog als Landesfürsten hatte im Lauf des 13. Jahrhunderts neue, viel kostspieligere Formen angenommen, die sich vor allem aus dem Aufbau und der Organisation der flächenmäßig angelegten Ämter und Gerichte zur Administration der Herzogsgüter und zur Wahrnehmung der landesfürstlichen Jurisdiktion und der damit eng verbundenen Landfriedenssicherung ergaben. Diese Ausgaben konnten nur gedeckt werden durch den Beitrag aller Landleute, die Vermögen hatten und damit Herrschaft ausübten. Wenn die Angehörigen der Herrenschicht aus den Erträgnissen ihres Vermögens (das sind besonders die Abgaben der Hintersassen) außergewöhnliche Abgaben ("Steuern") an den Landesfürsten leisten, dann müssen ihnen dafür Gegenleistungen geboten werden. Das ist die Bestätigung ihrer hergebrachten Herrenrechte: Das sogenannte Einungsrecht (Befugnis zur genossenschaftlichen Versammlung mit dem Ziel, die gemeinsamen Rechte zu wahren und gegebenenfalls vom Landesfürsten zu ertrotzen, diesem Widerstand zu leisten), das Münzrecht (zeitweilig überlassen), das allgemeine Herrschaftsrecht über die Hintersassen, wie man die Hofmarksgerichtsbarkeit auch bezeichnen kann, die 1311 in der "Ottonischen Handfeste" dem niederbayerischen Adel ausdrücklich bestätigt oder überlassen worden war.
Die Edition von Lerchenfeld umfaßt 64 Urkunden aus den Jahren zwischen 1311 ("Ottonische Handfeste") und 1565 (64. Freibrief, mit dem die Stände einen Aufschlag als besondere, indirekte Steuer zusagen) und die erstmals 1508 formulierte Landesfreiheitserklärung, die in mehreren Redaktionen bis 1553 überliefert ist. Die Veröffentlichung beruht auf den von den Ständen seit 1508 herausgegebenen Drucken, wobei die Druckausgaben des 16. Jahrhunderts mit den Originaldokumenten in den ständischen und den fürstlichen Archiven kollationiert sind. Das ist eine für die deutsche Ständegeschichte ziemlich einmalige Edition.
Seite 65
Die Sammlung der Freibriefe war von den Ständen seit dem späten 15. Jahrhundert zusammengestellt worden; für die Auswahl der hier veröffentlichten Dokumente waren die zu diesem Zeitpunkt aktuellen Probleme der Landstände in ihrem Verhältnis zum herzoglichen Haus maßgebend. Die Sammlung der Freibriefe sollte keineswegs die geschichtliche Entwicklung der altbayerischen Landschaft dokumentieren. Eine solche Überlegung war der ständischen Kommission, welche die Druckausgabe der Freibriefe und die Redaktion der Landesfreiheitserklärung vorbereitete, völlig fremd. Das sah auch der Kommentator der Ausgabe von 1853, Ludwig Rockinger, der nicht nur die Unvollständigkeit der älteren Druckausgaben und deren mangelnde Übereinstimmung konstatierte, sondern auch weitere, für die Frühgeschichte der Stände höchst wichtige Urkunden aus dem 14. und 15. Jahrhundert aufzählte; diese erweitern und vertiefen außerdem die Systematik der landständischen Rechte ganz wesentlich7.
Die Veröffentlichung von Lerchenfeld ist bis heute die am meisten benutzte Quelle für die Entstehungsgeschichte der Landschaft geblieben; sie war und ist höchst verdienstvoll, hat aber auch eine weitergehende Heuristik im Bereich der Stände-Quellen verzögert. Sie wirkte in ähnlicher Weise, wie dies die Aktenedition von Franz von Krenner für die Landtage von 1429 an tat; auch für diese Epoche der Ständegeschichte wurden größer angelegte Quellenstudien nicht mehr unternommen.

Neuere Forschungen

Der Altmeister der neueren bayerischen Historiographie, Sigmund Riezler, kennt und zitiert die ältere Literatur mit Lerchenfeld und Rockinger, Freyberg, Rudhart und Krenner ebenso wie die zu seiner Zeit neuen Quelleneditionen8. Er sieht die treibende Kraft der Ständebildung im "Einungswesen", durch welches der Adel zusammengehalten wurde und das sich auch in den bürgerlichen Kommunitäten widerspiegelte. Die aktuellen Anlässe für die sich anbahnende Gegen-
7 Lerchenfeld, Freibriefe, CCCCXXVIII - CCCCXXXIV.
8 Wichtig sind die beiden Bände Monumenta Wittelsbacensia, Bd. 1 (1204-1292), Bd. 2 (1293-1397).
Seite 66
überstellung von Fürsten und Adeligen sieht auch Riezler in den herzoglichen Finanzproblemen, die in Niederbayern stärker in Erscheinung traten als im Oberland. Hier wie dort verfolgte er den Strukturwandel der Adelsgesellschaft mit der Reduzierung der alten Hochadelsfamilien, dem Aufstieg der Ministerialen und Einschildritter zur spätmittelalterlichen Führungsschicht und der Differenzierung der turnierfähigen und der niederen Adelssippen. Er erkannte die Bedeutung der Hofordnungen von 1293 und 1294 für die Überlieferung der Gesellschaftsstruktur des Adels in seiner Beziehung zum Fürstentum; er umriß knapp die Begründung und Entwicklung von fürstlicher Forderung und adeliger Leistung, von Adelsanspruch und fürstlichem Zugeständnis. Die "Ottonische Handfeste", der erste Freibrief der Privilegiensammlung, ist ihm eine Schlüsselquelle, welche den Verzicht "staatlicher" Fürstenrechte dokumentiere. Die wesentlichen Quellen zutreffend erkennend schildert Riezler in knappen Strichen die organisatorische Entwicklung und die wesentlichen Stationen der politischen Wirksamkeit der altbayerischen Landschaft im 13. und 14. Jahrhundert9.
Bei aller quellenkritischen und heuristischen Zuverlässigkeit ist Riezlers hermeneutischer Ansatz zeitbedingt. Er sah im Wirken der Stände in erster Linie nur die Beschränkung der Macht der Landesfürsten; dies bedauerte er. Die Geschichte der Landschaft sei besonders im 15. Jahrhundert bedingt durch "den traurigsten Zug in der baierischen Geschichte dieser Zeiten, der unablässig sich verjüngenden Zwietracht, mit der verschiedene Linien und zuweilen sogar die Glieder ein und derselben Familie des regierenden Hauses sich gegenüberstanden". Dieser Wertungsgedanke, für den Riezler viel Beifall gefunden hat, ist vom Einheits- und Einigkeitsdenken des liberalen und nationalgesinnten Bürgertums des 19. Jahrhunderts entscheidend geprägt; dem Spätmittelalter liegt er fern. Riezlers Werk ist wegen der Quellennähe, der übersichtlichen Gliederung, der Berücksichtigung sozialer und rechtlicher Strukturschilderung und der klaren, einfachen Diktion immer noch von Bedeutung.
9 Riezler, Geschichte Bd. 2, 507-520; Bd. 3, 659-666.
Seite 67
Die Basis für eine systematische Aufarbeitung der prosopographischen und der topographischen Landständegeschichte hat Heinz Lieberich mit seinen leider zu wenig bekanntgewordenen Veröffentlichungen über die Landsassenfamilien, die ständischen Prälaten und die landtagsfähigen Städte und Märkte sowie über die Niedergerichte in Altbayern gelegt10.
In der Einleitung zu den 1990 nachgedruckten Listen der landsässigen Familien legt Lieberich einen gedrängten Abriß der Verfassungsgeschichte der altbayerischen Landschaft vor. Er führt die Entwicklungslinie von den alten Volksversammlungen bis zu den spätmittelalterlichen Landtagen; auf beiden haben sich die adeligen Herrschaftsträger mit den Herzögen zusammengefunden und das "Land" dargestellt und dessen Rechts- und Ordnungssystem stabilisiert und garantiert. Im Lauf des 13. Jahrhunderts dominierten in der Adelsgesellschaft die aus der königlichen, bischöflichen, herzoglichen und dynastischen Ministerialität aufgestiegenen, ursprünglich persönlich Unfreien, die als öffentliche Funktionen Herrschaftsrechte über Hintersassen ausübten. Diese Herrschaftsrechte stellten sich vornehmlich in der ausgeübten Gerichtsbarkeit der Dorfgerichte und Hofmarken dar. Daraus ergab sich, daß der Besitz eigener Gerichtsbarkeit zur Voraussetzung und dann auch zum Kennzeichen der Zugehörigkeit zu den Landständen wurde. Die Landstandschaft setzte also den Besitz eines mit Gerichtsbarkeit ausgestatteten Landsassengutes voraus.
Die in der hofmärkischen Gerichtsbarkeit sichtbar werdenden Herrschaftsrechte qualifizierten auch die Prälaten als Inhaber der Klosterhofmarken und die kommunalen Ratsgremien als Inhaber der städtischen Jurisdiktion über die Bürger zur Teilnahme an den Landtagen. In der Entstehungsphase der Landstände, die bis in das frühe
10 Zur Personengeschichte der altbayerischen Landschaft: Lieberich, Landstände (Erstveröffentlichung: Mitteilungen für die Archivpflege in Oberbayern 14-24, München 1943-1945). Die höchst komplizierten Besitzverhältnisse der landständischen Gerichts- und Grundherrschaften stellt in detaillierter Weise dar Lieberich, Gerichtsorganisation; Lieberich, Selbständige Gerichte. - Die Untersuchung der hier dargestellten Gerichtsverhältnisse gehört zum Programm des "Historischen Atlas von Bayern, Teil Altbayern". Bisher sind im Teil Altbayern (Oberbayern, Niederbayern, Oberpfalz) nahezu 60 Hefte erschienen. Die von Lieberich zusammengestellten Listen sind weiterhin zum Überblick und zur Kontrolle der Atlas-Hefte von Bedeutung. - Zu den Städten und Märkten vgl. auch Hiereth, Ottonische Handfeste, 135-154.
Seite 68
15. Jahrhundert reicht,dominierte das Personalitätsprinzip der auf den Landtagen anwesenden Angehörigen der Adelsgesellschaft. Das Realprinzip, wonach nur der Eigentümer einer mit Gerichtsbarkeit ausgestatteten geschlossenen Grundherrschaft zur Teilnahme an den Versammlungen qualifiziert war, setzte sich erst in einer langwierigen Entwicklung im 15. und 16. Jahrhundert durch, wie sich dies aus der Entwicklungsgeschichte der von Lieberich ausgewerteten Landtafeln ergibt11.
In der Monographie "Landherren und Landleute" analysiert Lieberich den bayerischen Adel als gesellschaftliche und politische Führungsschicht mit dem Schwerpunkt in der Zeit zwischen 1300 und 1600. Die Gliederung des Adels und seine öffentlichen Funktionen, die die Landstandschaft begründen, werden eingehend dargestellt und mit vielen Beispielen aus der altbayerischen Adelsgesellschaft belegt12.
Einen zusammenfassenden Überblick über die Ständeentwicklung in den deutschen Territorien liefert Lieberich in der in 19 Auflagen verbreiteten Deutschen Rechtsgeschichte in den Abschnitten über das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit13. Zu erwähnen ist auch Lieberichs Abriß der bayerischen Rechtsgeschichte, in dem die wesentlichen, mit den Ständen in Verbindung stehenden Begriffe historisch entwickelt und erläutert sind14.
In dem grundlegenden Werk über die Entstehung des bayerischen Landesfürstentums hat Max Spindler die Auseinandersetzungen zwischen der Herzogsdynastie und den Hochadelsgeschlechtern eingehend dargestellt und die Bedeutung der älteren Landtage gewürdigt; die Entstehung der neuen Gesellschaftsgruppen aus dem Ministerialenstand und den kleineren Edelfreien verfolgt er nicht im einzelnen, sieht aber die große Bedeutung, die die Anfänge der Ständekorporation für das territoriale Fürstentum gewinnen. In den Finanzarrangements der oberbayerischen Ritterschaft (Schnaitbach 1302) und der niederbayerischen Adeligen (Landshut 1311) sieht er die Gründungs-
11 Vgl. dazu auch Volkert, Landtafeln, 250-262.
12 Lieberich, Landherren, bes. 71-86.
13 Mitteis-Lieberich, Deutsche Rechtsgeschichte, 275-278, 378-383.
14 Lieberich, Rechtsgeschichte, 102-106 (Nachdr. München 1974, 203 ff.).
Seite 69
akte der Landschaft15. Im Spätmittelalter-Teil des Handbuchs der bayerischen Geschichte16 wird die politische und die strukturelle Entwicklung ausführlicher abgehandelt. Die soziale Umschichtung im Adel, die Funktionen der Landesherrschaft (insbesondere in der Landfriedenswahrung), die sich daraus ergebenden Finanzprobleme und schließlich der Ausgleich zwischen den herzoglichen und den adeligen Herrschaftsansprüchen über die Hintersassen werden knapp und prägnant, dazu auch quellennah (soweit dies die Handbuchdarstellung erlaubt) vorgeführt. Unverkennbar ist der Einfluß der Arbeiten von Lieberich. Die Organisation der Landstände, ihre Arbeitsweise, die Kompetenzen und das Wirkungsfeld im 14. Jahrhundert sind weniger ausführlich dargestellt; doch entspricht dies dem Stand der Forschung.
Mit der Geschichte der Landstände in Bayern hat sich eingehend Karl Bosl beschäftigt; zunächst interpretierte er die schon von Riezler als wichtige Dokumente in der Stände-Entwicklung erwähnten Hofordnungen von 1293/94, die er als Verträge zwischen Fürst und emanzipiertem Adel wertete17. Vor dem Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte referierte Bosl über "Stände und Territorium in Bayern im 14. Jahrhundert"18 ; er wiederholte dabei die bereits 1966 vorgetragenen Thesen, schlug einen weiten Bogen bis hin zur englischen Magna Charta Libertatum von 1215, sah hier wie dort das adelige Einungs- und Widerstandsrecht und den Vertragscharakter bei den Abmachungen zwischen Fürsten und Adelsgesellschaft über die Finanzforderungen und Gerichtszugeständnisse wirksam; er deutete auch an, daß er die Ständebildung als Erscheinungsform der Kollektivpersönlichkeiten der abendländischen Gesellschaftsgeschichte betrachte, die er unter das Schlagwort der "Repräsentation" einzuordnen gedachte. Dies war dann das Thema seines 1974 erschienenen Buches "Die Geschichte der Repräsentation in Bayern. Landständische Bewegung, landständische Verfassung, Landesausschuß und altständische Gesellschaft". Es sollte der erste Band einer "Politischen
15 Spindler, Anfänge, bes. 181 f.
16 Spindler, Handbuch Bd. 2, 119-131, 502-515 (2. Aufl. hg. v. Kraus: 125-139, 564-578).
17 Bosl, Anfänge, 8-27. Auf die Hofordnungen von 1293/94 weist hin Riezler, Geschichte Bd. 2, 508.
18 Bosl, Stände, 343-368.
Seite 70
Geschichte des Volkes in Bayern" mit dem Gesamttitel "Repräsentation und Parlamentarismus in Bayern vom 13. bis zum 20. Jahrhundert" sein19. Der erste (und einzige) Band ist dem Landtagspräsidenten Rudolf Hanauer und den Vertretern des bayerischen Volkes gewidmet und steht in Zusammenhang mit dem Verfassungsjubiläum (1818-1968), bei dem vom Landtagspräsidenten die Anregung zu einer solchen Gesamtgeschichte ausging.
In diesem ständegeschichtlichen Werk verknüpft Bosl das moderne demokratische Repräsentativsystem mit der älteren Ständebewegung, verfolgt in beiden die "wahre Volksgeschichte" und möchte damit über die Fürsten- und Staatsgeschichte hinauskommen. Dieses komplexe Gebilde subsumiert er unter dem Begriff "Repräsentation", was heißen soll, daß "Träger und Subjekt des politischen Repräsentationsvorganges immer der Mensch ist, der individuell handelt und dabei gesellschaftlich gebunden ist. Die Repräsentation hört auf, wenn der Repräsentant das Repräsentierte nicht mehr darzustellen vermag; dann wird er entweder abgelehnt oder er hört von selber auf, Repräsentant zu sein, weil sein Verhalten nicht mehr repräsentiert. In der geistigen Einigung zwischen Repräsentant und Repräsentiertem vollzieht sich immer aufs neue die Repräsentation; Repräsentation kann darum kein statisches Element der Politik sein". Insofern könne man getrost den Bogen von der Ständebewegung zum konstitutionellen Parlamentarismus ziehen und diesen von den alten Ständen ableiten.
Bosl rezipiert die von der älteren Lehre vorgetragenen Meinungen, daß die Ständebewegung von den Finanzproblemen des Fürstenstaats ausgegangen ist, daß das aus dem Dienst- und Treueverhältnis abzuleitende Rat- und Hilfesystem das Verhalten von Landesherren und Landleuten geprägt hat, daß dazu aber auch die sich aus dem Einungswesen des Landadels ergebenden Komponenten zu beachten sind, daß der gesellschaftliche Wandel seit dem 11. Jahrhundert wesentliche Impulse vermittelt hat und daß im 13. Jahrhundert das "Konsensdenken" mächtig im Aufschwung gewesen ist; schließlich müsse auch die Landfriedenskomponente berücksichtigt werden. Neu
19 Bosl, Geschichte.
Seite 71
ist bei Bosl die terminologische Einkleidung und der Vergleich mit anderen Ständebewegungen (vor allem in England und in Böhmen).
Was die Quellenbasis anlangt, bleibt Bosl für die Frühzeit auf dem Boden des gedruckten Materials, wie es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von Lerchenfeld und Rockinger und in den "Quellen und Erörterungen" Bd. 5 und 6 ausgebreitet ist.
Mit dem Ständewesen in Oberdeutschland, vornehmlich in den größeren geistlichen Territorien (Fürststift Kempten, Fürstpropstei Berchtesgaden, Erzstift Salzburg), dann aber auch in der Grafschaft Tirol, beschäftigt sich eingehend Peter Blickle20. Er schränkt den Begriff "Landschaft" terminologisch stark ein: nur dort solle oder dürfe man von "Landschaft" sprechen, wo auch die grundherrschaftlich gebundene Landbevölkerung (der "gemeine Mann"), organisiert in der Vertretung der Gerichtsbezirke, auf den Landtagsversammlungen vertreten sei und mit den anderen Ständen Einfluß auf die Geschehnisse im Land nehmen könne. Diese Vertretungsformen kommen besonders in den genannten Territorien vor, die Blickle nach gründlichen Quellenstudien eingehend darstellt. Andere ständische Korporationen, wie das Drei-Kurien-System im Herzogtum Bayern solle man als "Landstände", nicht als "Landschaft" bezeichnen21.
Eine bäuerliche Vertretung auf den Landtagen habe es (nach Blickle) in Bayern nicht geben können, weil die Voraussetzung dafür, ein hinreichend großer und geschlossener Grundherrschaftsbesitz des Landesfürsten, im Herzogtum fehlte. Dieser sei aber, wie Blickle für die geistlichen Territorien überzeugend herausstellt, der Ausgangspunkt für die bäuerliche Repräsentation auf den Landtagen. Weil in Bayern die adeligen und die prälatischen Grundherrschaften die herzoglichen weit übertroffen hätten, habe der "gemeine Mann" nicht zur
20 Blickle, Landschaften, bes. 405 ff.
21 Der Ausdruck "unser [= der fürsten] landschaft in obern Bairn" als Zusammenfassung von "all unser graven, freien, dinstleut, ritter und knecht, stet und merkt" erscheint seit 1402 (23. Freibrief der Landstände; Lerchenfeld, Freibriefe, 50 ff.; vgl. auch CCXXXIX, CCXLIII) häufig in Urkunden und Akten. Im 50. Brief, den die Stände 1514 ausfertigten (ebda. 129ff.), heißt es "Wir ain gemaine landschaft von allen stenden, nemlich breleten und all ander gaistlichait, graven, freiherrn, ritter, auch ander vom adel, rittermessig knecht und zugewont, auch stet und mergkt, lant und leut des haus und fürstenthumbs Bairn etc.".
Seite 72
Standschaft gelangen können, weil eben die adeligen und geistlichen Grundherren ihre Hintersassen von den Landesvertretungen abgeschnitten hätten. Blickles Ergebnisse, die für die geistlichen Territorien viel für sich haben, werden für das bayerische Herzogtum zu überprüfen sein. Für die dazu notwendige Grundherrschaftsstatistik stellt der Historische Atlas von Bayern in seinem altbayerischen Teil, der sich allmählich dem Bearbeitungsende nähert, umfangreiches Material bereit, so daß man in absehbarer Zeit eine solche statistische Untersuchung in Angriff nehmen kann.
Blickles Forschungsergebnisse übernahm Bosl22 in verallgemeinernder Form für das altbayerische Herzogtum und konstatierte, daß mediate Gewalten (Adel und Klöster) die unmittelbare Beziehung zwischen der bäuerlichen Bevölkerung und dem Landesherrn gestört hätten. Die Adeligen und die Prälaten hätten das Land darstellen wollen; deshalb habe es für die Masse der bäuerlichen Bevölkerung eine Vertretungsmöglichkeit gar nicht geben können. Außerdem seien die adeligen und geistlichen Grund- und Gerichtsherrschaften zu klein gewesen, so daß auf dieser Ebene eine landschaftliche Organisation nicht habe entstehen können. Diese recht allgemeine Feststellung Bosls sowie seine daraus abgeleitete Annahme, daß das Herzogtum Bayern "an der Basis kein territorium clausum wurde, nur an der Oberfläche, wo es archaisch blieb"23, bedarf der eingehenden Diskussion und Überprüfung, wenn auf Grund der Atlas-Arbeiten eine hinreichend weiträumige und genaue Grund- und Gerichtsherrschaftsstatistik für das 14. und 15. Jahrhundert aufgestellt werden kann.
In dem Dokumentenwerk zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern geht der Bearbeiter des spätmittelalterlichen Teils der altbayerischen Abteilung, Karl-Ludwig Ay, auch auf die landständische Entwicklung ein24. Er erörtert in zutreffender Weise die Landtage des alten Stammesherzogtums und deren Entwicklung im frühen 13. Jahrhundert, geht dann auf den neuen, hauptsächlich aus der Ministerialität aufgestiegenen Adel ein, würdigt dessen Verhältnis zum Landesherrn unter besonderer Berücksichtigung der Steuerfor-
22 Bosl, Repräsentierte, 99-120.
23 Ebda., 105.
24 Dokumente I/2, 465-594; vgl. auch Ay, Land, 159 ff.
Seite 73
derungen und stellt heraus, daß diese Adelsgesellschaft Herrschaft ausübt und daß die Einbindung dieser Herrschaft in den Fürstenstaat territorialer Prägung ein entscheidendes Merkmal der ständischen Frühgeschichte ist. Die Auswahl der Texte in der Dokumentenveröffentlichung führt über das bisher publizierte Quellenmaterial hinaus; Urkunden und Aktenstücke, Steuer- und Rechnungsbücher, Abgabenverzeichnisse und Aufgebotslisten sowie historiographische Quellen zu den alten Landtagen, zu den Steuerforderungen der Fürsten und den Dienstleistungen der Stände sowie zur Organisation und zu den Kompetenzen der Landschaft erläutern den instruktiven Text zur Landschaftsgeschichte zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert. Die Vielfalt der für eine umfassende Ständegeschichte zur Verfügung stehenden, aber noch nicht annähernd ausgeschöpften Quellenbestände wird eindringlich vor Augen geführt.
Als Zusammenfassung der gegenwärtigen Forschung kann festgestellt werden: Die fürstliche Landeshoheit25 im territorialen Flächenstaat und die Organisation der Ständekorporation bedingen einander. Der Adel übt in althergebrachter Weise Herrschaft über seine persönlich und dinglich unfreien Hintersassen aus (welche die Masse der Bevölkerung ausmachen). Der Adel, in modifizierter Form gilt dies auch für die Prälaten und das städtische Bürgertum, ist aus alter Wurzel ein Faktor des öffentlichen Friedens- und Rechtssystems; er wirkt in Personenverbänden. Die fürstliche Landeshoheit zielt auf die moderne Form der Friedens- und Rechtssicherung in gebietsmäßig definierter (flächenstaatlicher) Form.
Die Teilnahme der Stände an der Gestaltung der öffentlichen Dinge ("res publica") fand auf den Landtagen statt, die sich aus den Rittertagen einerseits und den Hoftagen andererseits entwickelten. Hier treten das moderne (fürstliche) und das altüberlieferte (genossenschaftliche, personenbezogene) Prinzip gemeinsam in Erscheinung. Im täglichen Leben der Untertanen stellt dieses Prinzip die Adelshofmark, jenes das fürstliche Landgericht und seine Obmannschaft dar. Beide zusammen bilden den Staat im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit.
25 Vgl. dazu die Beiträge in dem Sammelband von Riedenauer, Landeshoheit.
Seite 74

Zukünftige Aufgaben

Aus dem Überblick über die Forschung, die sich mit der Entstehungsgeschichte des Ständewesens in Altbayern beschäftigt hat, ergeben sich die Wünsche für künftige Arbeiten über die Geschichte der altbayerischen Landschaft:
1. Dringend notwendig ist die Sammlung der für die Ständegeschichte im 13. und 14. Jahrhundert wichtigen Quellen, deren kritische Edition und sachliche Kommentierung. Dazu gehören die älteren Freibriefe (besonders die 22 vor dem Jahr 1400 ergangenen Privilegien) und weitere Dokumente, wie die älteren Hofordnungen und die Bundbriefe des Adels und der Städte; Hinweise, die für die Auswahl sachdienlich sind, haben bereits Rockinger26 und Ay27 gegeben. Im Zusammenhang damit ist die Entstehung des Landschaftsarchivs seit dem späteren 15. Jahrhundert zu klären und die Sammlung der erstmals 1508 veröffentlichten Freibriefe und deren Provenienz überlieferungsgeschichtlich und quellenkundlich zu analysieren28.
2. Die Personengeschichte der Adelskorporation ist genauer zu erforschen. Dabei ist von den in den Privilegien und in den Bundbriefen genannten oder dort als Siegler auftretenden Personen auszugehen, die als Besucher der Rittertage und der Landtage ermittelt werden können. Durch die Untersuchung der Personen- und der Familiengeschichte werden die Verbindungen innerhalb der Adelsgesellschaft deutlich greifbar werden, so daß das ständebildende Element "Einung" genauer als bisher zu erkennen sein wird. Vorarbeiten liegen in den Landsassenlisten von Heinz Lieberich und in dessen Publikationen über die Adelsgesellschaft im Spätmittelalter vor29. Wie die Zusammensetzung der Adelskorporation, so ist auch die Mitgliedschaft
26 Lerchenfeld, Freibriefe, CCCCXXXI f., gibt Hinweise auf weitere Urkunden, die für die Ständegeschichte nicht weniger wichtig sind als die in der Freibrief-Sammlung abgedruckten Dokumente.
27 Dokumente I/2, 28-31, 37-43 (Übersicht der veröffentlichten Dokumente).
28 Vgl. dazu Lerchenfeld, Freibriefe, CCCL ff., CCCCXII-CCCCXXX. Zum Archiv der Landstände vgl. vorläufig Greindl, Untersuchungen, 8 f.; künftig den Beitrag von Wild in diesem Band.
29 Lieberich, Landstände; Lieberich, Landherren; Lieberich, Räte, 120-189; Lieberich, Klerus, 239-258.
Seite 75
bei der Prälaten- und der Städtekurie zeitlich und institutionell zu untersuchen. Durch die Erforschung der Mitgliedergeschichte werden die sachlichen Probleme der Huldigung und des Herrschaftsanerkenntnisses durch die Stände und der Privilegienbestätigung durch die Fürsten geklärt. Außerdem sollten die Editoren den Landtafeln ihre Aufmerksamkeit zuwenden.
3. Das Problem "Steuer" ist von den Quellen ausgehend genau zu untersuchen30. Es fehlen den jetzigen Ansprüchen genügende Editionen der Rechnungsbücher der herzoglichen Verwaltung, der Pfandbücher, der Register über Pfand- und Schuldurkunden und der in den Kloster- und Stadtarchiven überlieferten Rechnungsbücher. Durch die Erhellung der Finanzwirtschaft kann die ständebildende Komponente "Hilfe- und Steuerforderung" erhellt werden. Die Geld- und Darlehensgeschäfte zwischen den Adligen, den Städten und den Fürsten sind systematisch zu untersuchen; dann wird der Geldkreislauf sichtbar werden, in den die Fürsten und die weltlichen und geistlichen Landschaftsmitglieder eingebunden waren.
4. Das Problem "Landfrieden" ist für das 13. und 14. Jahrhundert vornehmlich unter dem Blickwinkel der königlichen und fürstlichen Aktivitäten und Maßnahmen erforscht. Die Mitwirkung des landsässigen Adels und der Landstände bedarf genauerer Untersuchung. Dabei ist die Funktion der Gerichtsbarkeit im allgemeinen System der Friedenssicherung eingehend zu berücksichtigen. Die von der Historischen-Atlas-Forschung bereitgestellten Einzelergebnisse sind für größere Bereiche des spätmittelalterlichen Herzogtums hinsichtlich der persönlichen, der örtlichen und der sachlichen Kompetenzen der Hoch- und Niedergerichte zusammenzufassen31. Dadurch kann die ständebildende Komponente "Gerichtskauf oder Gerichtsbestätigung (1311)" in die entsprechenden Proportionen gebracht werden. In der über das Mittelalter hinaus wirksamen Gerichts- und Verwaltungskompetenz der adeligen, geistlichen und kommunalen Landstände
30 Die Grundzüge entwickelt Fried, Geschichte, 570-599; vgl. auch Spindler, Handbuch Bd. 2, (1988) 617-620, 658 ff.; Dokumente I/2, 466 ff.
31 Weiterführende Grundlagen bereits bei Diepolder, Adelsherrschaften, 33-70; zur örtlichen und sachlichen Kompetenz der Niedergerichte vgl. Sagstetter, Hoch- und Niedergerichtsbarkeit. - Neben den Detailinformationen in den Atlas-Bänden sind immer noch mit Gewinn Lieberich, Gerichtsorganisation und Lieberich, Selbständige Gerichte heranzuziehen.
Seite 76
spiegelt sich die hochmittelalterliche Herrschaft über Land und Leute. Die aus dem Personenverbandsdenken abgeleitete Herrschaft der Landschaft und die zur Territorialisierung strebende Fürstenherrschaft ergeben zusammen die Grundlagen für den Staat der frühen Neuzeit; dies läßt die jetzige Forschung erkennen. Sie wird künftig intensiver und in den Einzelheiten genauer das Arrangement zwischen Fürsten und Ständen beschreiben und die Meinung der älteren Forschung "vom Ausverkauf des Fürstenstaats durch die Weggabe der Patrimonialgerichtsbarkeit" korrigierend würdigen können.
Angelus Rumpler, Abt des niederbayerischen Benediktinerklosters Vornbach (1501-1513), hat in seiner Geschichte des Landshuter Erbfolgekrieges, den er als Zeitgenosse miterlebte, das historische, gesellschaftliche und topographische Umfeld des Herzogtums Bayern im 15. Jahrhundert geschildert. Dabei beschreibt er eine Szene, die sich möglicherweise im Jahr 1450, als der niederbayerische Adel dem neuen Herzog Ludwig von Landshut huldigte, zugetragen hat. Damals habe Wolfgang Aheimer, Angehöriger einer angesehenen und außerordentlich reichen Turnieradelsfamilie zu seinem Herzog gesagt: "Tu", inquit [Wolfgangus de Aham, homo non parva eloquentia], "dux ad provinciales tuos dinosceris attinere, non ipsi ad te. Jure hereditario obtines principatum; sed qui esses, si subditos non haberes?"32. Ob das Dictum wirklich in dieser Weise 1450 gefallen ist, ist nicht absolut gesichert. Die Überlieferung durch Rumpler, der als landsässiger Prälat selbst Landtage besucht hat, ist ein deutlicher Beleg für die Mentalität der Landschaft um 1500. Die Stände, voran der Adel, leb-ten in dem Bewußtsein, daß der Herzog auf seine Landleute angewiesen war und daß der erblichen Fürstenherrschaft das eigene Recht der Landleute gegenüberstand. Beide zusammen, Herzog und Landleute, bildeten die Grundlage für den Territorialstaat der frühen Neuzeit.
32 Rumpler, Gestorum, 116; über Rumpler vgl. Spindler, Handbuch Bd. 2 (1988), 857-860. Auf den Beleg macht aufmerksam Schwertl, Geschichte, 256; Über die Familie Aheimer (Ahamer) vgl. Lieberich, Landstände, 45 f.
Seite 77

Literaturverzeichnis

Ay, Karl-Ludwig: Land und Fürst im alten Bayern. 16.-18. Jahrhundert, Regensburg 1988.
Baumann, Franz Ludwig von: Nachruf auf Ludwig Rockinger, in: Archivalische Zeitschrift 43 (1915) 276-293.
Blickle, Peter: Landschaften im Alten Reich. Die staatliche Funktion des gemeinen Mannes in Oberdeutschland, München 1973.
Bosl, Karl: Stände und Territorium in Bayern im 14. Jahrhundert. Voraussetzungen und Formen, Tendenzen und Kräfte der landständischen Bewegung im frühen Territorialstaat, Sigmaringen 1971 (Vorträge und Forschungen 14) 343-368.
Bosl, Karl: Die Geschichte der Repräsentation in Bayern. Landständische Bewegung, landständische Verfassung, Landesausschuß und altständische Gesellschaft, München 1972 (Repräsentation und Parlamentarismus in Bayern vom 13. bis zum 20. Jahrhundert 1).
Bosl, Karl: Aus den Anfängen der landständischen Bewegung und Verfassung. Der Vilshofener Vertrag von 1293 (Niederbayern), in: Rausch, Heinz (Hg.): Die geschichtlichen Grundlagen der modernen Volksvertretung. Die Entwicklung von den mittelalterlichen Korporationen zu den modernen Parlamenten, Bd. 2, Darmstadt 1974 (Wege der Forschung 469) 63-93 (Erstdruck 1966).
Bosl, Karl: Repräsentierte und Repräsentierende. Vorformen und Traditionen des Parlamentarismus an der gesellschaftlichen Basis der deutschen Territorialstaaten vom 16. bis 18. Jahrhundert, in: Bosl, Karl/Möckl, Karl (Hg.): Der moderne Parlamentarismus und seine Grundlagen in der ständischen Repräsentation, Berlin 1977, 99-120.
Diepolder, Gertrud: Oberbayerische und niederbayerische Adelsherrschaften im wittelsbachischen Territorialstaat des 13. bis 15. Jahrhunderts, in: ZBLG 25 (1962) 33-70.
Seite 78
Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern I/2: Altbayern von 1180 bis 1550, bearb. von Karl-Ludwig Ay, München 1977.
Freyberg, Max Frhr. von: Geschichte der bayerischen Landstände und ihrer Verhandlungen, 2 Bde., Sulzbach 1828/29.
Fried, Pankraz: Zur Geschichte der Steuer in Bayern, in: ZBLG 27 (1964) 570-599.
Götschmann, Dirk: Das bayerische Innenministerium 1825-1864, Göttingen 1993 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 48).
Greindl, Gabriele: Untersuchungen zur bayerischen Ständeversammlung im 16. Jahrhundert. Organisation, Aufgaben und die Rolle der adeligen Korporation, München 1983 (MBM 121).
Hiereth, Sebastian: Die Ottonische Handfeste von 1311 und die niederbayerischen Städte und Märkte, in: ZBLG 33 (1970) 135-154.
Krenner, Franz von: Baierische Landtagshandlungen (1429-1513), 24 Bde., München 1803/05.
Krenner, Johann Nepomuk von: Anleitung zu dem (!) näheren Kenntnisse der baierischen Landtage des Mittelalters, München 1804.
Leeb, Joseph: Wahlrecht und Wähler zur Zweiten Kammer der Bayerischen Ständeversammlung im Vormärz (1818-1848), Diss. masch. Regensburg 1993.
Leesch, Wolfgang: Die deutschen Archivare 1500-1945, Bd. 2: Biographisches Lexikon, München 1992.
Lerchenfeld, Gustav Frhr. von (Hg.): Die altbaierischen landständischen Freibriefe mit den Landesfreiheitserklärungen. Nach den officiellen Druckausgaben mit geschichtlicher Einleitung und kurzem Wörterverzeichnisse herausgegeben, München 1853.
Lieberich, Heinz: Übersicht über die Gerichtsorganisation der heute zu Oberbayern gehörigen Landesteile des Kurfürstentums Bayern vom 16. bis 18. Jahrhundert, München 1940 (Mitteilungen für die Archivpflege in Oberbayern 3-5).
Seite 79
Lieberich, Heinz: Übersicht über die selbständigen Gerichte im Herzogtum Baiern (Territorialbestand 1507-1803), München 1948-1950 (Mitteilungen für die Archivpflege in Oberbayern 29-36).
Lieberich, Heinz: Rechtsgeschichte Baierns und des bayerischen Schwaben, München-Pasing 1952 (Bayerische Heimatforschung 6); Nachdr. München 1974.
Lieberich, Heinz: Landherren und Landleute. Zur politischen Führungsschicht Baierns im Spätmittelalter, München 1964 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 63).
Lieberich, Heinz: Die gelehrten Räte. Staat und Juristen in der Frühzeit der Rezeption, in: ZBLG 27 (1964) 120-189.
Lieberich, Heinz: Klerus und Laienwelt in der Kanzlei der baierischen Herzöge des 15. Jahrhunderts, in: ZBLG 29 (1966) 239-258.
Lieberich, Heinz: Die bayerischen Landstände 1313/40-1807, München 1990 (Materialien zur bayerischen Landesgeschichte 7).
Mitteis, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte, neu bearb. von Heinz Lieberich, München 191992.
Monumenta Wittelsbacensia. Urkundenbuch zur Geschichte des Hauses Wittelsbach, hg. von Franz Michael Wittmann, Bd. 1 (1204-1292), München 1857; Bd. 2 (1293-1397), München 1861 (Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte 5 u. 6).
Panzer, Georg Johann Baptist: Versuch über den Ursprung und Umfang der landständischen Rechte in Baiern, o.O. 1798.
Riedenauer, Erwin (Hg.): Landeshoheit. Beiträge zur Entstehung, Ausformung und Typologie eines Verfassungselements des römisch-deutschen Reiches, München 1994 (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte 16).
Riezler, Sigmund: Geschichte Baierns, Bd. 2 (Bis 1347), Gotha 1880; Bd. 3 (Von 1347 bis 1508), Gotha 1889.
Rudhart, Ignaz von: Die Geschichte der Landstände in Bayern, 2 Bde., Heidelberg 1819.
Rumpler, Angelus: Gestorum in Bavaria libri VI, hg. von Andreas Felix Oefele: Rerum Boicarum Scriptores, Bd. 1, Augsburg 1763, 99-136.
Seite 80
Sagstetter, Marita: Hoch- und Niedergerichtsbarkeit im spätmittelalterlichen Herzogtum Bayern als Ausdrucksformen herzoglicher, adeliger und kirchlich-klösterlicher Herrschaftsausübung, Diss. masch. Regensburg 1993.
Schwertl, Gerhard: Zur Geschichte der Landstände im Herzogtum und Kurfürstentum Bayern, in: Verhandlungen des historischen Vereins für Niederbayern 112/113 (1986/87) 251-266.
Seyfried, Joseph Elias: Geschichte der ständischen Gerichtsbarkeit in Baiern, 2 Bde., Pest-Leipzig 1791/93.
Spindler, Max: Die Anfänge des bayerischen Landesfürstentums, München 1937 (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 26).
Spindler, Max/Kraus, Andreas (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. 2: Das alte Bayern. Der Territorialstaat vom Ausgang des 12. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 21988.
Volkert, Wilhelm: Die älteren bayerischen Landtafeln, in: Archivalische Zeitschrift 75 (1979) 250-262.

Überblick

Kapitel:

A. Der Alte Landtag bis 1806

Seite:

Gehe zu Seite: