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Der Bayerische Landtag vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart

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Diskussionsbericht: Der Landtag seit dem 19. Jahrhundert

von Elisabeth Lukas-Götz und Martin Ott
Die Diskussion zur Geschichte des Landtags im 19. und 20. Jahrhundert stand im Zeichen der Problemfelder, die die Referenten in ihren Beiträgen aufgeworfen hatten; sie war weniger von der Auslotung von Forschungsdesideraten geprägt. Die Wortmeldungen behandelten die Frage der Kontinuität zwischen den Landständen der Frühen Neuzeit und dem Landtag nach 1818, die Position des Landtags innerhalb der politischen Kräfte im 19. Jahrhundert, die Beziehungen zwischen BVP und SPD zur Zeit der Weimarer Republik und die Rolle des Landtags im Bereich der Außenbeziehungen Bayerns in der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland1.

Der Landtag im 19. Jahrhundert

Kontinuität und Diskontinuität

In Ergänzung zu den Aspekten, die Weis als Indikatoren der Kontinuität zwischen den altbayerischen Landständen und dem Landtag des 19. Jahrhunderts vorgebracht hat, spricht Hartmann zunächst die ständische Grundlage der Reichsrätekammer an. Seiner Ansicht nach trifft die Argumentation von Weis im Sinne der Diskontinuität vor allem für die Abgeordnetenkammer und weniger für die Kammer der Reichsräte zu.
1 Für ihre Hilfe bei der Erarbeitung dieses Diskussionsberichts danken wir Stephan Deutinger M.A., Claudia Friemberger, Dr. Johannes Merz und Daniel Schlögl M.A.
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Aus der Vorbildfunktion des englischen Parlaments für die französische Charte von 1814, an die sich wiederum die bayerische Verfassung von 1818 sowie die Verfassungen von Württemberg und Baden anlehnten, leitet Hartmann mit Blick auf die kontinuierliche Entwicklung in England die Möglichkeit ab, daß auf diesem Weg das Gedankengut des alten Typs in den neuen Typ von Ständeversammlungen eingegangen sein könnte. Speziell für die erste französische Nationalversammlung (Constituante) verweise der Rechtshistoriker Castaldo2 auf Kontinuitäten in den Verfahrensregeln und auf den dem Ancien Régime entstammenden Erfahrungshorizont der Mitglieder. Zu prüfen sei, ob dies in Bayern ebenfalls eine Rolle gespielt habe. Im übrigen sieht Hartmann das bayerische Zensussystem, das er mit dem Wiederaufscheinen der alten Klassen gleichsetzt, am Ende einer Kontinuitätslinie, die vom spätmittelalterlichen Frankreich, wo bereits im 15. Jahrhundert auf vergleichbare Weise eine Wahlmöglichkeit für die Steuerzahlenden aus dem Dritten Stand geschaffen wurde, über die große Bedeutung des Zensussystems im Frankreich der Revolution - 1789 und in der ersten geschriebenen Verfassung von 1791 - bis zum bayerischen Wahlsystem führe.
Demgegenüber betont Weis die Neuartigkeit der Kammer der Reichsräte im bayerischen Rahmen. Sie unterscheide sich sehr stark von der alten Landschaftsverordnung: Beispielsweise hätten sich unter ihren Mitgliedern auch gesellschaftliche Aufsteiger befunden. Die Standeszugehörigkeit sei also nicht mehr das entscheidende Kriterium gewesen; aus diesem Blickwinkel gesehen, wäre sie modern. Weis gesteht einen starken französischen Einfluß auf die Mentoren der bayerischen Verfassung von 1808 - etwa Montgelas, Preysing, Zentner - zu, betont aber die Diskrepanz zwischen der französischen Nationalversammlung und dem Parlament der Charte von 1814 gerade hinsichtlich der (von ersterer verworfenen) Idee eines Zweikammersystems.
Eine Kontinuität in der Verhandlungsführung und in Verfahrensordnungen erkennt Weis für Bayern mit Blick auf die Unterschiede zwischen der alten Landschaftsverordnung und den Kammern des
2 Castaldo, André: Les méthodes de travail de la Constituante. Les techniques délibératives de l'Assemblée Nationale 1789, Paris 1989.
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neuen Typs nach 1818 nicht. Gewisse personelle Kontinuitäten hätten zwar bestanden, so seien fünf Abgeordnete der Zweiten Kammer schon Mitglieder der Landschaftsverordnung gewesen, doch hätten auch sie keine Wiederherstellung der alten Landschaftsverfassung angestrebt. Daneben sei in Bayern zwischen 1799 und 1803 (und danach nicht mehr) eine Reihe von Flugschriften zum Thema Verfassungsentwürfe entstanden3. Die darin geäußerten Ansichten (etwa Bauernrepräsentation) seien von der französischen Verfassung beeinflußt gewesen, ihre geistigen Wurzeln gingen weit zurück.
Demel hebt einerseits die Diskontinuität in Bayern hervor, stellt jedoch im Vergleich zu Württemberg größere Übereinstimmungen der beiden Landtagstypen fest. Weis bestätigt, daß in Württemberg wesentlich radikaler gegen die alten Stände vorgegangen wurde. Auf die Frage Demels, warum der Begriff der "Nationalrepräsentation", der sich im Verfassungsentwurf von 1808 fand, wieder verworfen worden sei, antwortet Weis, dieser Begriff komme in den Akten der Verfassungskommissionen, obwohl dort auch von der "bayerischen Nation" gesprochen wurde, überhaupt nicht vor. Vermutlich hätte er zu stark an die französische Revolution erinnert.
Blessing versucht den Kontinuitätsaspekt bezüglich des "Ordnungsdenkens" sowie im Bereich der "Staatstheorie" anzuwenden. Neben dem Hinweis auf die Versuche der kurbayerischen Landschaftsverordnung, ihr Gremium einem modernen Landesparlament anzugleichen, nennt er das Beispiel des fränkischen Kreistags4, der bestrebt gewesen sei, sich in einer quasi "defensiven Modernisierung", d.h. unter Vermeidung der negativen Begleiterscheinungen der französischen Revolution, an ein Landesparlament anzunähern. Blessings Interesse zielt auf die Beantwortung der Frage, inwieweit das einem größeren Kontext ("breitere Linie") entsprungen sei oder ob es sich dabei um Einzelerscheinungen ("marginal, exotisch") gehandelt habe.
Auf Kramers Frage, ob die Diskontinuität eher durch äußere Umstände wie "Revolution, Säkularisation, Ende des Alten Reiches"
3 Z.B. von dem als Verfassungstheoretiker am weitesten links stehenden Pfarrer Socher, auch von Utzschneider; zu den Flugschriften s.a. die Angaben in der Auswahlbibliographie.
4 S. dazu Riedenauer, Erwin: Reichsverfassung und Revolution. Zur Politik des fränkischen Kriegsgesandten Friedrich Adolph von Zwanziger, in: ZBLG 31 (1968) 124-196, 501-574.
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geprägt gewesen sei und ob eine innere Entwicklung in Richtung Kontinuität hätte führen können, bemerkt Weis: Die Diskontinuitäten seien nicht am Grünen Tisch entstanden, sondern tatsächlich durch die äußeren Umstände erzwungen worden und zudem durch die gewandelten gesellschaftlichen Verhältnisse5 bedingt gewesen. Ein Ziel der Verfassung von 1818 sei gewesen, Baden wegen der bestehenden territorialen Streitigkeiten zuvorzukommen. Der Staat sollte rasch wieder kreditfähig werden. 1818 herrschten andere Verhältnisse als 1806 und 1808.
Bezüglich der Verfassungsentstehung und des Verfassungstextes sowie der äußeren Umstände stimmt Lenk der Diskontinuitätsthese bei, er sieht jedoch im Gegensatz dazu in der "Verfassungswirklichkeit" den allgemein geistesgeschichtlichen Kontinuitätszusammenhang: Kontinuität sei gegeben durch die Aufklärung, so durch die zeitliche Komponente - die Aufklärung ziehe sich von der Mitte des 18. bis ins 19. Jahrhundert - und durch "das sich Verselbständigen des Denkens". Aufnahme und Erweiterung des landständischen Begriffs seien erfolgt, als 1778 die Stände gegen den von Karl Theodor angestrebten Ländertausch Widerstand leisteten. Lenk sieht schon vor 1789 eine Umwandlung der Landstände in ein "erweitertes parlamentarisches Gremium". Er wehrt sich gegen das Klischee, daß der Parlamentarismus immer im Gefolge von (militärischen) Niederlagen (1918, 1945) gekommen sei, es gebe im Gegenteil eine längere parlamentarische Tradition. Weis bemerkt dazu, daß die Mitglieder der Verfassungskommission durch die Schule der Aufklärung gegangen seien; sie hätten diese jedoch weniger in verfassungsrechtlicher, eher in weltanschaulicher Hinsicht vertreten, auch hinsichtlich bestimmter Grundrechte, die man den Bürgern gewähren wollte.

Der Landtag und die politischen Kräfte im 19. Jahrhundert

Bezüglich dieses Themenkomplexes fragt Volkert nach Parallelen zwischen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, in der die Regierung sich
5 "Jetzt gab es eine Gesellschaft von rechtlich gleichen Bürgern; die Erfahrungen von Frankreich und England lagen vor."
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liberal gegeben habe, staatskonservativ gewesen sei und im Grunde eine antiparlamentarische Haltung eingenommen habe, und der Zeit am Ende der Weimarer Republik, in der es keinen Versuch gegeben habe, das Problem der Weimarer Republik parlamentarisch zu lösen, weil ebenfalls eine antiparlamentarische Einstellung der leitenden Kreise dominierte6.
Glaser vermißt beim Referat von Körner den Hinweis auf das Verhältnis von Staat und Kirche sowie auf die mögliche Reserviertheit des Königs gegenüber einer dezidiert katholischen Partei, wie es das Zentrum war. Auf die Frage nach der antiparlamentarischen Richtung der bayerischen Regierung vor 1912 und vor 1914 antwortet Körner mit dem Hinweis auf die jeweiligen Felder der Auseinandersetzung. Die Frage sei nicht formal abzuhandeln, sondern von den staatspolitischen Inhalten her zu sehen. So gesehen sei das staatskirchliche Thema sehr wichtig, denn der Liberalismus seit den ausgehenden 60er Jahren habe es sich zu einem wichtigen Anliegen gemacht, den aus dem frühen 19. Jahrhundert herrührenden Einfluß des Staates über die Kirche vor allem nach dem 1. Vatikanischen Konzil (1869/70) zu intensivieren, nachdem es in den 50er Jahren zu Lockerungen gekommen war. In Körners Augen hat dies sehr viel mit der Gründungsgeschichte der Patriotenpartei und mit der Verhärtung um staatskirchliche Fragen zu tun. Die Staat-Kirche-Frage habe genau genommen das klassische Feld der Auseinandersetzung zwischen Ministerium und Landtag abgegeben. Nach dem bayerischen Kulturkampf habe sich ein weiterer Aspekt des staatskirchlichen Konflikts ergeben: So haben sich etwa bei der Frage der staatskirchlichen Verhältnisse innerhalb der Zentrumsfraktion ein adeliger und ein links-demokratischer Flügel gegenübergestanden. "Je schärfer diese beiden Flügel auseinanderdrifteten, umso notwendiger war es, das Gemeinsame zu definieren; je schärfer die Flügelbildung ist, umso stärker wird das staatskirchliche Element instrumentalisiert". Aus diesen Überlegungen heraus möchte Körner nicht eine Parallele zwischen dem Antiparlamentarismus der bayerischen Regierung vor 1914 und dem bei Ministerpräsident Held am Ende der Weimarer Republik konstruieren, stellt diesen Gedanken jedoch als überlegenswert in den
6 Diese Frage wird von Körner im Zusammenhang mit dem folgenden Themenkomplex beantwortet.
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Raum. Auf eine Frage Busleys nach dem Staatskirchentum merkt Körner an, daß gerade auch auf dem Feld der Beurteilung der kirchenpolitischen Konflikte sich die Unterschiede zwischen Erster und Zweiter Kammer als besonders deutlich erwiesen, da ja in der Ersten Kammer die bayerischen Bischöfe saßen und die Kirche, soweit sie in der Ersten Kammer vertreten war, viel stärker systemverbunden, staatstreu, ministeriumstreu gewesen sei (Ausnahme war Senestrey).
In Ergänzung zu Volkerts Beitrag über das Verhältnis zwischen Regierung und Landtag erwähnt Weis die Abhängigkeit der Ministerien vom Parlament bei der Abstimmung zu den jeweiligen Haushaltsbudgets. Die daraus resultierende Zusammenarbeit zwischen Parlament und Ministerien ("dauerhaftes Arrangement") erweitert Körner in zwei Punkten: In der grundsätzlichen Zustimmung zu König und Monarchie ("monarchistisches Credo der Patrioten- und der Zentrumspartei") und in der Rücksichtnahme auf die Reichspolitik.

Archivsituation

Die Archivsituation wurde in der Diskussion zum Referat Körner angesprochen. Bezüglich der ad-regem-Berichte bezweifelt Busley, daß deren Auswertung für die Forschung von großem Nutzen sein könnte, auch verweist er auf den nicht einheitlichen Aktenbestand der Berichte im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, die verstreut in den Akten der Ministerien zu finden seien. Den Sinn für die Forschung betont Körner, auch wenn er bestätigt: "Man muß in der Tat Tausende von Akten durchschauen". Im Hinblick auf die Forschungen zu einzelnen Landtagsmitgliedern führt Busley ergänzend an, daß neben der staatlichen Überlieferung wohl auch private (Adels-) und kirchliche Archive (mit Material über die Bischöfe) sehr ergiebig sein könnten.
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Der Landtag im 20. Jahrhundert

Von 1919 bis 1933

Die Ausführungen Kocks zum Bayerischen Landtag in der Zeit der Weimarer Republik ergänzt Schuster in einer längeren Wortmeldung: Über Held werde eine Dissertation erarbeitet7, eine Arbeit über Prälat Leicht sei vor kurzer Zeit erschienen8. Über Schlittenbauer werde seine eigene Dissertation berichten9. Heims Nachlaß, der von der Familie sehr lange unter Verschluß gehalten wurde, sei jetzt im Stadtarchiv Regensburg zugänglich; eine wissenschaftliche Bearbeitung könne die "Hofberichterstattung" Renners10 korrigieren, werde für die Zeit ab 1921 jedoch kaum neue Erkenntnisse bringen, da sich Heim aus verschiedenen Gründen (politische Entmachtung, Krankheit) spätestens ab 1925 aus der Politik zurückgezogen habe. Die Fraktionsprotokolle der BVP-Landtagsfraktion (ab März 1920) seien im Landtagsarchiv wieder aufgefunden und an das Archiv für Christlich-Soziale Politik der Hanns-Seidel-Stiftung weitergegeben worden. Ohne grundlegende neue Einsichten zu ermöglichen, bestätigen sie immerhin die Arbeit Altendorfers11, der die Stellung Schäffers und der BVP zur SPD neu definierte, und vertiefen das Wissen über die BVP im allgemeinen. Besonders ergiebig seien dabei Informationen zu Einzelproblemen wie den Gewichtungen einzelner Themenkreise, die
7 Barbara Pöhlmann, Heinrich Held als bayerischer Ministerpräsident (Diss. bei Prof. Friedrich Prinz, München).
8 Maga, Christian: Prälat Johann Leicht (1868-1940). Konservativer Demokrat in der Krise der Zwischenkriegszeit. Eine politische Biographie des Vorsitzenden der Reichstagsfraktion der Bayerischen Volkspartei in Berlin, Diss. Würzburg 1990.
9 Wolfgang Schuster, Landwirtschaftspolitik in Bayern in der Weimarer Republik 1919-1930 (Diss. bei Prof. Andreas Kraus, München). - Weitere in Vorbereitung befindliche Arbeiten zur Politik, zu Politikern und dem Landtag in der Weimarer Zeit: Alexander Markus Klotz, Gustav von Kahr (Diss. bei Prof. Friedrich Prinz, München); Anneliese Kreitmeier, Die Kommunal- und Landespolitik der bayerischen Sozialdemokratie 1890-1933 (Diss. bei Prof. Gerhard A. Ritter, München); Karin Sommer, Die weiblichen Abgeordneten im Bayerischen Landtag (1918-1933).
10 Renner, Hermann: Georg Heim, der Bauerndoktor. Lebensbild eines "ungekrönten Königs", München u.a. 1960.
11 Altendorfer, Otto: Fritz Schäffer als Politiker der Bayerischen Volkspartei 1888-1945, 2 Teilbde., München 1993 (Untersuchungen und Quellen zur Zeitgeschichte 2).
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die Politik der BVP bestimmt12, sowie den Auseinandersetzungen zwischen dem Bauern- und dem Arbeiterflügel der BVP, die eben nicht eine geschlossene, homogene Partei war. Schuster stellt außerdem fest, daß in den Ministerien (über Ministerialakten) und im Ministerrat (Ministerratsprotokolle) sehr wenig über den Landtag reflektiert wurde, auch nicht nach 1945. Er kritisiert die Konzentration der Forschung auf die Koalitionsdiskussion, die nur für die Zeit nach 1945 sinnvoll, vor 1933 jedoch irrelevant sei - sie habe dort nichts gebracht. Kock entgegnet, daß er "Biographien ohne Nachlaß" durchaus für sinnvoll halte, ebenso auch das gegenteilige Arbeiten: Das Sammeln von Belegen, ohne zu einer schriftlichen Auswertung zu gelangen (Bsp. Auer). Im Rahmen der Koalitionsdiskussion bezeichnet er das Jahr 1930 mit der Entscheidung des Landesverbands der BVP zugunsten Helds und gegen Schäffer als entscheidendes Jahr. Hartmann knüpft an die Aussage Kocks an, nach der die BVP seit der Koalition 1924 an die Deutschnationalen gekettet gewesen sei. Seiner Ansicht nach war diese Koalitionsbindung von seiten der BVP vom Bestreben geprägt, das Konkordat (mit der Garantierung der Konfessionsschulen) durchzusetzen, und dies sei eben nicht mit der SPD, sondern nur mit Deutschnationalen und Bauernbund möglich gewesen; er bezieht sich dabei auf Schwend13 und Breitling14. Kock ergänzt zwei weitere Interessenschwerpunkte der BVP, nämlich den Wunsch "den Staatspräsidenten zu errichten" und den Wunsch nach einer Zweiten Kammer. Blessing fragt nach dem Profil der SPD in der Weimarer Zeit: "Warum war die SPD, die vor 1914 flexibel war (gerade Karl Heinrich Pohl hat den bayerischen Sonderweg gezeigt15 ), in der Weimarer Zeit erstarrt?" Dies erklärt Kock mit der Abspaltung der USPD und einer personellen Schrumpfung, beides hätte zu allgemeiner Hoffnungslosigkeit und Immobilität sowie zu stärkerer "Linkslastigkeit" geführt. Für Lenk besteht der Unterschied zwischen
12 "Das waren z.B. ab 1928 die Koalitionsüberlegungen oder die Schlachtsteuer, die zum Koalitionsbruch geführt hat, kaum dagegen der Hitlerputsch 1923."
13 Schwend, Karl: Bayern zwischen Monarchie und Diktatur. Beiträge zur bayerischen Frage in der Zeit zwischen 1918 bis 1933, München 1954.
14 Breitling, Florian: Georg Wohlmuth. Geistlicher, bayerischer Politiker und Kirchenkämpfer aus Eichstätt zwischen Königreich und Republik, Diss. Passau 1987.
15 Pohl, Karl Heinrich: Die Münchener Arbeiterbewegung. Sozialdemokratische Partei, Freie Gewerkschaften, Staat und Gesellschaft in München 1890-1914, München u.a. 1992 (Schriftenreihe der Georg-von-Vollmar-Akademie 4).
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SPD und BVP gerade in der föderalistischen Ausrichtung der BVP, die die SPD nicht geteilt hätte; auch dies sei ein Grund dafür, daß die beiden Parteien nach 1924 nicht mehr kooperierten.
Ziegler regt territoriale Vergleiche und insbesondere den Vergleich mit Österreich an, das für die Zeit nach 1866 bisher von Bayern aus kaum in den Blick genommen worden sei und das sich gerade beim Verhältnis SPD-BVP anbieten würde. So gebe es "in Preußen die sehr enge Zusammenarbeit von Zentrum und SPD, wir haben in Bayern eine relativ distanzierte Haltung von katholischer Partei und SPD und in Österreich eine totale Feindschaft".

Nach 1945

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fragt Kramer nach den Traditionslinien der Außenpolitik vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hin zur Bundesrepublik; diese Tradition der Bedeutung der Außenpolitik bzw. der föderalistischen Bundespolitik wird von Gelberg bestätigt16. Kramer merkt weiter an, daß ein derart sensibles Thema wie der Föderalismus vermutlich eher informell als in der Öffentlichkeit des Landtags behandelt wurde und daß in der Nachkriegszeit das informelle Handeln der bayerischen Regierung auf dem Feld der Bundespolitik als Strategie angesehen werden kann. Volkert macht folgende Beobachtung: Vor 1918 sei der König Souverän gewesen; er habe die Außenpolitik bestimmt und über das Ministerium die Bundesratsgesandten instruiert, d.h. mit der Außenpolitik habe der Landtag nichts zu tun gehabt. Sowohl in der Verfassung von 1919 als auch in der von 1946 werde das Volk als Souverän hervorgehoben, die Außenpolitik aber von der Regierung bzw. dem Ministerpräsidenten bestimmt. Laufe hier auch eine (falsche) Traditionslinie "vom Souveränitätsträger König nicht hin zum Volk, Landtag, dargestellt im Präsidenten, sondern hin zum Exponenten der Exekutive, dem Ministerpräsidenten?" Dies sei wohl auch in der Volksmeinung sehr verbreitet und abhängig von den einzelnen Inhabern des Ministerpräsidentenamts. Die Instruktion der Mitglieder des Bundesrats gehe von der
16 "Föderalismus ist Hausrecht der Staatskanzlei."
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Staatskanzlei und vom Ministerrat aus, nicht vom Landtag. Wenn dies im Grundgesetz so vorgesehen sei, sei das Grundgesetz eine starke Beeinträchtigung der bayerischen Verfassung.
Kock äußert sich zum bayerischen 'Nein zum Grundgesetz', das man nicht unter föderalistischen Vorzeichen interpretieren sollte: Ehard sei mit seinen Verhandlungsergebnissen zufrieden gewesen, das bayerische Nein hätte vorwiegend taktisch-politische Gründe gehabt; im Abwehrkampf gegen die Bayernpartei sei die CSU gar nicht in der Lage gewesen, dem Grundgesetz zuzustimmen. Auch Glaser geht auf das Thema Grundgesetz ein: Was habe das "Nein zum Grundgesetz, aber Ja zu Deutschland"17 bedeutet, war das eine Deklamation für "künftige Operationsfelder", war das Höhepunkt in der Selbstdarstellung des Landtags als des Organs, in dem Volkssouveränität ausgeübt wird, oder war es Taktik? Gelberg antwortet, daß die taktische Komponente bei Ministerpräsident Ehard eine sehr starke Rolle gespielt habe - es habe einerseits in der CSU einen Flügel gegeben, der sowohl die Zustimmung zum Grundgesetz als auch dessen Anerkennung ablehnen wollte, andererseits habe sich Ehard die Möglichkeit vorbehalten, im Bundesrat mitzuwirken. Aus der Sicht des Landtags sei dies eine große Möglichkeit gewesen, die jedoch deutlich unter dem amerikanischen Vorbehalt gestanden habe. Gelberg weist bei dieser Gelegenheit auf die zu geringe Beachtung des Einflusses der amerikanischen Militärregierung bei der Einführung der Verfassung hin18. Glaser ergänzt, die Frage sei, inwieweit der Landtag in diesem Falle im Sinne der Regierung instrumentalisiert wurde. Dies sei eine Fragestellung, die wiederum Kontinuitätsprobleme aufweise: Wie weit wurde der Landtag überhaupt instrumentalisiert? Er merkt weiter an, daß die Diskussion über das 19. und 20. Jahrhundert die Binnenstrukturen zu stark betont und den Außenbereich zu sehr vernachlässigt habe.
17 Ministerpräsident Ehard vor der Abstimmung des Bayerischen Landtags über das Grundgesetz, 19./20.5.1949 (Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Bayerischen Landtags, 110. Sitzung, 19./20.5.1949, 80-87). Vgl. auch Ministerpräsident Ehard am 6.5.1949 in einer Rundfunkrede (Bayerische Politik. Ansprachen und Reden des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Hans Ehard, München 1952, 43-47).
18 Gelberg gibt den Hinweis auf eine zur Zeit entstehende Arbeit über die bayerische Verfassung (Barbara Fait, Die Entstehung der bayerischen Verfassung von 1946 [Habilitationsschrift Köln]).
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Der Bayerische Senat

Hecker verweist auf die große politische Bedeutung des Senats. Als dringende Forschungsdesiderate bezeichnet er die Untersuchung seiner Zusammensetzung sowie das Abstimmungsverhalten im Senat und innerhalb der Interessenverbände (vorherige Absprachen). Auch die Frage nach der Kontinuität sei im Zusammenhang mit dem Senat sinnvoll. Mögliche Zugänge zu diesen Fragestellungen seien Nachlässe bzw. Interviews; außerdem stehe das Senatsarchiv zur Verfügung. Zum Bayerischen Senat gebe es eine umfangreiche Fachliteratur, unter der der Aufsatz von Wilhelm Mößle (1995) hervorzuheben sei19. Kock ergänzt, daß der Senat in zumindest ähnlichem Ausmaß Gegenstand von Forschungen sei wie der Landtag, doch schränkt Volkert ein, daß es sich dabei vorwiegend um politologische und juristische Arbeiten handle. Volkert weist auch auf das berufsständische Element des Senats hin.
19 Mößle, Wilhelm: Der Bayerische Senat und seine geistesgeschichtlichen Grundlagen, in: Bayerische Verwaltungsblätter 41 (1995) 1-13.
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