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Der Bayerische Landtag vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart

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Diskussionsbericht: Der Alte Landtag bis 1806

von Elisabeth Lukas-Götz und Martin Ott
Im Mittelpunkt der Diskussion zu Landtag und Landständen im Alten Reich standen neben Beiträgen zur Frühphase und dem Ende der altbayerischen Landschaft vor allem Fragen zur Funktion und zur Zusammensetzung der landständischen Vertretung. Außerdem wurde die Quellensituation besprochen1.

Entstehung der Landstände

Auf die Ausbildung der Landstände bezugnehmend stellt Hartmann fest, daß zwar nicht im gesamteuropäischen, aber im deutschen Kontext die Entwicklung in Bayern sehr früh eingesetzt habe. Die Frage sei, inwiefern dies mit der "Verdichtung der Landesherrschaft im Herzogtum Bayern" in Verbindung zu setzen sei. Volkert sieht in der landständischen Bewegung ein notwendiges Gegengewicht zur sich formierenden und verdichtenden Landesherrschaft; im Sinne Blickles und Bosls2 glaubt er, daß sich beide Institutionen gegenseitig bedingen. Er verweist auf die verspätete Entwicklung in der territorial und rechtlich nicht geschlossenen Grafschaft Württemberg, wo der Adel sich schließlich der Reichsritterschaft angeschlossen habe. Eine weiterführende Forschung zur Entwicklung in Bayern könne vielleicht den Beginn der landständischen Entwicklung auf die Zeit vor dem Vilshofener Vertrag (1293) datieren. Er merkt an, daß der Sammelbegriff "Landschaft" erst seit etwa 1400 in den Quellen erscheint.
1 Für ihre Hilfe bei der Erarbeitung dieses Diskussionsberichts danken wir Claudia Friemberger, Sabine Weiberg, Karl B. Murr und Guido Treffler.
2 Zu den Titeln von Blickle und Bosl s. Auswahlbibliographie.
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Ebenfalls in die Frühphase der ständischen Entwicklung zielt Stauber. Er sieht insbesondere den Aufstand des Löwlerbundes3 als zentrales Ereignis in der "kritische(n) Formierungsphase der bayerischen Ständelandschaft" im späten 15. Jahrhundert: "Hier beginnt der Versuch des gezielten Durchgriffs auf die Besteuerung der adeligen Hintersassen." Volkert bestätigt Staubers Hinweis auf das Fehlen einer eingehenderen Erforschung des Löwlerbundes.
Quarthal interessiert die Frage, wann der Landesherr die Besteuerung kraft eigenen Rechts über die Klöster und Städte, die ursprünglich zum Kammergut gehörten, aufgegeben und damit erst die Ausbildung der Landstände in drei Kurien - Adel, Klöster, Städte - erlaubt habe. Auch die Rolle der Einungen bei der Entwicklung der drei Stände gälte es zu untersuchen, ein Punkt, der vor allem bei der vergleichenden Ständeforschung von Bedeutung sei.

Repräsentation

Die Diskussion zu den Funktionen der Landstände stand zunächst im Zeichen des Problems, inwiefern der Begriff der Repräsentation bei der Behandlung des Alten Landtages angebracht sei.
Der im Referat Volkerts angeklungenen, sich Blickle anschließenden Zurückweisung dieses Begriffes widerspricht Ay. Vor allem in ihrer Spätphase hätten sich die Stände durchaus als repräsentative Vertretung des Landes gesehen. "Wenn ich unterstelle, daß die Landstände das Land repräsentiert haben, dann verstehe ich, daß das Land, der gemeine Mann, im 16. Jahrhundert in Bayern nicht unter dem Zwang stand, sich zu erheben, weil er repräsentiert war".
Volkert problematisiert den Begriff Repräsentation hinsichtlich der Rolle des Adels. Im Falle des Adels sind seiner Meinung nach Repräsentanten und Repräsentierte identisch, da alle Adeligen zum Landtag geladen gewesen seien. Eine Repräsentation der Hintersassen durch den Adel im Landtag geht für ihn einher mit der Vertretung
3 Zusammenschluß der Straubinger Ritterschaft, die sich vergeblich gegen den Herzog, Albrecht IV., erhob.
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der Interessen der unteren Schichten durch den Adel, die tatsächlich nur bei Interessengleichheit angestrebt worden sei.
Rankl kritisiert, daß die Referenten der Geschichte der Repräsentierenden deutlich größere Aufmerksamkeit gewidmet hätten als der der Repräsentierten, die doch 97 Prozent der Bevölkerung ausgemacht haben: "Sollten wir nicht mehr erfahren über die Entfaltungsmöglichkeit der Repräsentierten, also des nicht herrschaftsberechtigten Volkes in diesem dualistischen Ständestaat und später im Fürstenstaat, über die Partizipation, die Formen der Partizipation, die sich nun unterhalb der Landstandsebene ergeben haben?"

Steuern und Schulden

Der für die Zeit des Alten Landtags wichtigste Bereich ständischer Macht, das Besteuerungswesen, angefangen vom Steuerbewilligungsrecht bis zur konkreten Einziehung der Steuern und den damit verbundenen Fragen, bildete einen weiteren Schwerpunkt der Diskussion.
So regt Rankl an, die Auswirkungen der Steuerbewilligungen auf die große Masse der nicht am Landtag teilnehmenden Landbevölkerung näher zu beobachten. Die Belastung der Bauern im Rahmen der Landsteuer sei weder hinsichtlich der Leistung des einzelnen Bauern erforscht, noch lägen Kenntnisse zu ihrer Entwicklung vor. Wild beurteilt die Quellensituation für derartige Fragestellungen erst ab der Regierungszeit Maximilians I. als zureichend: Seit 1602 gab es Erhebungsbögen, die den Besitzstand jedes Bauern erfaßten; die Ergebnisse wurden in die Steuerbücher übertragen. Greindl verweist exemplarisch auf ein behutsames Vorgehen des Adels im Rahmen der Besteuerung der Hintersassen, das die Sorge der Stände um das Wohl der Hintersassen aufzeige ("derren ellend ... vnns auch vor augen ligt ... vnd bitten, die wellen solliches ... genedig einstellen")4. Für Aussagen zur Entwicklung der Steuerleistungen sieht Quarthal ein Problem in der Veränderung der Kaufkraft: Die Quellen gäben stets nur
4 Zitat aus: BayHStA Altbayerische Landschaft 382 (Landtagsverhandlungen 1568), 144v-152v (betrifft Kammergutsbewilligung), bes. 151 f.
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den Nominalwert der Steuern wieder. Dies beeinträchtigt nach Lanzinner vor allem Aussagen zum Spätmittelalter, da für die Zeit danach, ab 1500, die Inflation gut einschätzbar sei. Im 16. Jahrhundert entspreche die Steigerung beim herzoglichen Kammergut in etwa der Inflationsrate, der Anstieg der Besteuerung aber liege weit höher.
Auf einen Grundsatz im Steuerrecht des Spätmittelalters weist Volkert hin: "Nur der ist verpflichtet zur Leistung, der zustimmt", d.h. lediglich die persönlich am Landtag Anwesenden waren zur Einhaltung der Beschlüsse verpflichtet. Lanzinner hält die Steuer für das wesentliche Bindeglied zwischen Landtag und Landbevölkerung.
Die Bedeutung der Schuldenübernahme und -tilgung durch den Landtag hebt Aretin als wichtige Machtgrundlage der Stände gegenüber dem Landesherrn hervor. Hartmann merkt das erfolgreiche Vorgehen des Landschaftsausschusses im Zusammenhang mit dem Schuldenabledigungswerk von 1728 an, als es den Ständen gelang, einen beträchtlichen Teil der Staatsschulden abzubauen. Außerdem sei die ständische Finanzverwaltung billiger und effizienter gewesen als die staatliche Verwaltung.

Charakteristik und Zusammensetzung der Landstände

Ein differenziertes Bild der Landschaft in Spätmittelalter und Früher Neuzeit entwirft Weinfurter. Zu beachten seien die Unterschiede zwischen Ober- und Niederbayern hinsichtlich der Rechtstraditionen und Rechtsvorstellungen, die Entwicklung der unterschiedlichen Adelsgruppierungen (hoher und niederer Adel), die Frage nach der Konfession und des Edelmannsstatus.
Vor einer Überbetonung des Adels bei der Untersuchung der Landstände warnt Ay, ohne dabei dessen Stellung und Bedeutung innerhalb der Ständeordnung in Frage zu stellen. Man müsse verstärkt auch auf die Funktion der Prälaten und Städte eingehen. Dem schließen sich weitere Redner an, beispielsweise Hoffmann, der auf die
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enorme Finanzleistung der Städte5 und auf die wachsende Bedeutung in der Landesverwaltung hinweist, ferner Lanzinner, der die zunehmende Besteuerung der Städte im Verlauf des 16. Jahrhunderts als Indiz für eine vergleichsweise schwächere Position der Städte innerhalb der Landstände wertet. Eine Untersuchung, wie Prälaten und Städte ihre wirtschaftliche Bedeutung auf der politischen Ebene instrumentalisieren konnten, regt Kramer an. Ein Übergewicht des Adels sieht Aretin bei der Zusammensetzung der Landschaftsverordnung; dies sei erstaunlich, da ja die Prälaten in vielen Fällen Bürgerliche waren. Als Erklärung biete sich das Prinzip der Selbstergänzung des Gremiums an.

Landstände und Gesellschaft

Auf die Einbindung der Landstände in die frühneuzeitliche Gesellschaft geht Kramer ein. Es gelte zu bedenken, daß das frühneuzeitliche Bayern nur knapp eine Million Einwohner zählte. In den Kommunikationsstrukturen innerhalb der Landesverwaltung sowie zwischen Ständen und Landesverwaltung wird eine enge personelle Verflechtung sichtbar. So gesehen trugen etwa Prozesse vor landesherrlichen Gerichten auch zur politischen Willensbildung im Herzogtum bei. Er betont weiter, daß die Rolle der Stände in der Gesellschaft gerade auch darin bestanden habe, am stärksten auf den Erhalt des Friedens zu drängen: Die Stände pochen wiederholt auf den "Primat der Innenpolitik".
Auf ein Forschungsdesiderat hinsichtlich der Verbindungslinien zwischen Prälaten und einfacher Landbevölkerung weist Prinz hin: Die Gewährung von existenzsichernden Kleinkrediten durch die Prälaten an die eigenen Untertanen.

Ende der Alten Landschaft

Im Zusammenhang mit dem Ende der Alten Landschaft um 1800 schildert Weis die vergeblichen Bemühungen um einen Landtag nach
5 "Ein Drittel der Standsteuer wurde von den Städten geleistet."
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1799, als sich die Landschaftsverordnung aus Furcht, für die vergangenen 140 Jahre seit dem letzten Landtag zur Rechenschaft gezogen zu werden, trotz heftigen Drucks der Stände den Bestrebungen Montgelas anschloß, die Einberufung des Landtags zu verhindern. Aretin sieht als Hintergrund dieses Verhaltens, daß die Landschaftsverordnung im System der Steuerbewilligung des 18. Jahrhunderts eigentlich ihre Kompetenzen ständig überschritten habe.
Demel fordert bezüglich der Kooperation zwischen Landesherrn und Landständen neben einer prosopographischen Analyse zur demographischen Verflechtung auch eine mentalitätsgeschichtliche Erforschung der Position der Spitzenbeamtenschaft analog zu den Forschungen Hellmuths über Preußen6, etwa hinsichtlich der Loyalitätsproblematik des Adeligen im Dienst des Landesherrn. Kramer hält derartige Fragestellungen insbesondere in den Krisensituationen von 1778/9 und 1785 für nützlich. Sie könnten über die Spitzenpositionen in der Verwaltung hinaus auf die Ständevertreter ausgedehnt werden. Er hält jedoch an der zentralen Bedeutung der Prosopographie fest, die letztlich auch eine wichtige Grundlage für mentalitätsgeschichtliche Ansätze sei.

Archivsituation

Volkert appelliert an die Archive, den Quellenbestand zum Landtag der Frühen Neuzeit, der weit über die von Krenner und Lerchenfeld im 19. Jahrhundert edierten Landtagsverhandlungen und Freiheitsbriefe7 hinausgehe, durch geeignete Editionen bekannt zu machen; bisher hätten sich historische Arbeiten mit dem publizierten Material begnügt.
6 Vgl. Hellmuth, Eckhart: Naturrechtsphilosophie und bürokratischer Werthorizont. Studien zur preußischen Geistes- und Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts, Göttingen 1985 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 78).
7 S. dazu die Beiträge Wild, Volkert und Lanzinner sowie die Angaben in der Auswahlbibliographie.
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Cramer-Fürtig weist auf die besondere Qualität der gedruckten Steuerordnungen im neu aufgestellten Bestand "Kurbayern Mandatensammlung" des Bayerischen Hauptstaatsarchivs hin; diese Quelle ständischer Provenienz sei für sozial- und gesellschaftsgeschichtliche Fragestellungen geeignet, insbesondere im Zusammenhang mit den ab 1510 belegten 'Fragstücken'.
Die Bedeutung der 'Postulatsakten' hebt Aretin hervor und bedauert deren bislang unzureichende archivalische Erschließung. Auch Kramer charakterisiert die jährlichen Postulatsverhandlungen und zusätzlich die Verhandlungen um die Erbhuldigung bei Antritt eines neuen Landesfürsten als wichtige Bereiche der Verflechtungen zwischen landesherrlicher Verwaltung und Landständen. Wild bettet die mangelhafte Aufarbeitung der Postulatsakten und des ganzen Landschaftsarchives in die Archivgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ein: Die Rückführung der im 19. Jahrhundert nach Pertinenz geordneten Bestände der heutigen staatlichen Archive auf ihre ursprüngliche Archivzugehörigkeit sei die vordringlichste Aufgabe archivischen Handelns; diese sei jedoch noch lange nicht abgeschlossen. Für das Landschaftsarchiv heiße das, daß bislang nur die Tatsache einer äußerst reichhaltigen Überlieferung insbesondere zur Steuer- und Aufschlagsproblematik, aber auch zur Kommunikation mit dem Landesherrn bekannt sei. Doch erst wenn die Rekonstruktion des Landschaftsarchivs beendet sei, könne eine intensive Verzeichnung erfolgen. Busley weist auf den gut erschlossenen Bestand des Bayerischen Hauptstaatsarchivs zur Staatsschuldenverwaltung hin, der als Grundlage für Untersuchungen dienen könnte8.
8 Vgl. dazu Mayer, Fritz: Der Bestand "Staatsschuldenverwaltung" im Allgemeinen Staatsarchiv, in: Mitteilungen für die Archivpflege in Bayern 15 (1969) 57-61.
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A. Der Alte Landtag bis 1806

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